|
322 II.10. Die unabschließbare Semiose
Derjenige, der nicht seine eigene Seele opfert, um die ganze Welt zu retten, scheint mir im Ganzen mit all seinen Schlussfolgerungen unlogisch zu sein.267
Im Mann ohne Eigenschaften ist es General Stumm, der Ulrich gegenüber
zusammenfasst, was Günthers Meinung über »vollkommene Rationalität« entspricht und was Günther und Peirce gleichermaßen an Hegels Vorstellung des »Absoluten« als dem reinen »Destillat der Vernunft«268 auszusetzen haben. Er sagt:
Stell dir Ordnung vor. Oder stell dir lieber zuerst einen großen Gedanken vor, dann einen noch größeren, dann einen, der noch größer ist, und dann immer einen noch größeren; und nach diesem Muster stell dir auch immer mehr Ordnung in deinem Kopf vor. [...] aber jetzt stell dir bloß eine ganze, universale, eine Menschheitsordnung, mit einem Wort eine vollkommene zivilistische Ordnung vor: so behaupte ich, das ist der Kältetod, die Leichenstarre, eine Mondlandschaft, eine geometrische Epidemie!269
Für Peirce ist die Strategie allen Denkens das Erreichen und Festigen einer Überzeugung, was er in dem von Elisabeth Walther herausgegebenen
Essayband Die Festigung der Überzeugung ausführt, mit dem Ziel einer sich allmählich entwickelnden allgemeinen Rationalität – das bedeutet aber letztendlich, das Denken seinem Stillstand entgegenzuführen, wie es General Stumm im Mann ohne Eigenschaften beschrieben hat. Es ist nicht leicht vorstellbar, wie das von Peirce anvisierte Ziel einer endgültigen allgemeinen Rationalität aussehen oder sich auswirken könnte. Dieses Ziel wird andererseits durch Peirce’ Kontinuumstheorie selbst an den nie erreichbaren Horizont aller Erfahrung verschoben, da sich jede Überzeugung als Hypothese erweisen kann, und somit der semiotische Prozess prinzipiell unabschließbar ist.
Günther argumentiert ganz anders, aber mit wiederum ähnlichem Ergebnis, nämlich mit der Idee, dass in jeder Reflexionstätigkeit ein Überschuss nicht gebundener Reflexivität verbleibe, der das Denken weitertreibt. Damit scheidet für Günther die Möglichkeit, etwas wie eine »vollkommene Rationalität« zu erreichen, aus theoriebautechnischen Gründen grundsätzlich aus. Ich
möchte versuchen zu zeigen, dass auch in der reflexionslogisch rekonstruierten
Zeichentheorie eine derartige Idee nicht mehr sinnvoll unterzubringen ist: Semiose ist unabschließbar.
Um sich die Fragen nach einer allgemeinen Rationalität zu verdeutlichen, ist es nützlich, noch einmal auf den Zeitbegriff einzugehen, der in einem reflexionslogischen Modell sinnvollerweise verwendet wird. Peirce’ Kontinuumstheorie setzt einen kontinuierlichen Übergang zwischen Zukunft Gegenwart und Vergangenheit voraus, das heißt, es gibt für Peirce keine analysierbaren Zeitpunkte. Zeit bestimmt Peirce daher kategorial und auch hier gibt es divergierende Zuordnungen, so dass abwechselnd Zukunft oder Vergangenheit mit Erstheit oder mit Drittheit konnotiert wird, oder aber auch Vergangenheit mit Erstheit oder Zweitheit. Um eine endgültige Zuordnung soll es hier nicht gehen – ich halte die Frage, welche Kategorie welchem Zeitmodus zuzuordnen sei, wiederum für den Ausdruck der Versuche, mehrwertige Zusammenhänge klassisch zweiwertig lösen zu wollen und somit reduktiv vorzugehen.
Vermutlich geht es auch hier wieder um eine nur perspektivisch zu lösende Frage, denn Möglichkeit, Faktizität und Notwendigkeit lassen sich mit guten Argumenten auf die drei Zeitmodi unterschiedlich verteilen. Da für Peirce im Rahmen seiner Vorstellung der allmählich anwachsenden Rationalität die Erfahrung eine wichtige Rolle spielt, ist es beispielsweise sinnvoll, Vergangenheit mit Möglichkeit, also mit Erstheit zu konnotieren, da Vergangenheit Erfahrung enthält oder bedeutet, derer man sich in gegenwärtigen Situationen bedienen kann. Ich halte zunächst an dem bereits vorgeschlagenen Zeitbegriff fest, wonach es Zeit »gibt«, wenn es Veränderungen oder Ereignisse gibt. Damit sind jedenfalls alle Kategorien involviert. Allerdings tendiere ich dazu, Vergangenheit mit Drittheit zu korrelieren und Zukunft mit Erstheit.
267 Peirce (1985): Die Festigung der Überzeugung. S. 87.
268 Peirce, SemSch I. S. 462.
269 Musil, Robert (1986): Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch. Neu durchgesehene und verb. Ausgabe 1978. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. S. 465. Es ist natürlich keine Willkür, dass ich ausgerechnet aus dem Mann ohne Eigenschaften zitiere. Als Mann ohne Eigenschaften und mit dem Möglichkeitssinn ist Ulrich natürlich ein Kronzeuge für die hier vorgeschlagenen reflexionslogischen Entwürfe.
Dies geschieht wiederum aus dem Grund, weil unter dieser Perspektive die
Bedeutung der Volition und der Indeterminiertheit dargestellt werden kann. Auch diese Zuordnung ist also keine definitive, sondern eine, mit der die hier insbesondere relevanten Aspekte der reflexionslogisch rekonstruierten
Zeichentheorie in den Blick geraten. Die Indeterminiertheit spielt hierbei eine wesentliche Rolle.
Im Zusammenhang mit der Diskussion der »Existentiellen Graphen« von Peirce konzediert nämlich auch Pape, dass es Bereiche gibt, in denen das tertium non datur ungültig ist, sofern diese als ontologisch unterdeterminiert beschrieben werden können.270 In solchen Situationen bedarf es einer Entscheidung, die unterdeterminierten Werte zu spezifizieren.
Pape interpretiert diese Situationen modallogisch, indem er argumentiert, es könne Situationen geben, in denen ihre Wahrheitsfähigkeit jetzt nicht, aber vielleicht in der Zukunft entschieden werden kann. Demgegenüber werde ich zu zeigen versuchen, inwiefern diese Situation mit derjenigen übereinstimmt, in der abduktives Schließen notwendig ist.
Pape argumentiert hier meines Erachtens zu konservativ. Zwar gesteht er zu, dass es in dem Peirceschen Modell Bereiche der Indeterminiertheit gibt, aber diese Darstellung lässt bestenfalls die Rekonstruktion von Peirce’ Logik als einer parakonsistenten Logik zu, wenn sie nicht gar einfach modallogisch interpretiert wird.
Demgegenüber habe ich gezeigt, dass aufgrund des Peirceschen Kategoriensystems sowie mit dem Konzept der Abduktion das Peircesche Modell systematisch als nichtklassisches, reflexionslogisches Modell rekonstruiert werden kann. Der Indeterminiertheit muss theoriebautechnisch also ein anderer Stellenwert zugesprochen werden. Die hier von Pape vorgeschlagene Lösung legt die Interpretation von Zukunft nahe, als sei es eine Frage der Zeit, dass sich die Umstände so ändern, dass jetzt »Unterdeterminiertes« später entschieden werden könne. Demgegenüber mache ich den Zeitbegriff von Entscheidungen selbst abhängig.
Wie ich in Abschnitt I.8.2., Prozessualität und Neues, bereits dargestellt habe, halte ich es für sinnvoll, die herkömmlichen Begriffe von Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart zunächst in einem ganz allgemeinen Sinne als relational zu bestimmen. Auf diese Weise können sie flexibel mit den Peirceschen Kategorien korreliert werden. Zukunft kann dann, kategorial gesprochen, als jener Seinsmodus der Indeterminiertheit dargestellt werden, also abstrakte Möglichkeit, und Gegenwart wäre dann »alles Faktische« als »Resultat einer Entscheidung«.271 Mit der Gleichsetzung von Möglichkeit und Indeterminiertheit soll also bestimmt werden, dass Indeterminiertheit jene abstrakte Form der Multinegationalität darstellt, einen morphogrammatische Strukturverbund, in dem die einzelnen Leerstellen noch nicht besetzt und die Relationen noch nicht entscheiden sind. Indeterminiertheit bedeutet dann, dass abduktiv geschlossen werden muss und somit Neues kreiert werden kann, wodurch Zeit generiert wird. Es wird also keine Zeit vorausgesetzt, innerhalb der Entscheidungen getroffen werden, sondern Zeit wird als durch Handlung erzeugt durch das reflexionslogische System begründet.
Günther versteht, wie gezeigt wurde, Objektivität als abgeschlossenen
Prozess, als leblose Vergangenheit. In seinem reflexionslogischen System
spielt sie nur die unmaßgebliche Rolle des Resultats von Reflexionsprozessen,
also dem, was »den Entscheidungen des Willens endgültig entzogen ist«.272 Er formuliert in seiner Kritik an der Hegelschen Geschichtsphilosophie etwas, was man noch Peirce als idealistische Vorstellung vorhalten könnte, wenn dieser in seiner Kontinuumstheorie von einer allumfassenden, allgemeinen Rationalität als Ziel und Endpunkt allen Denkens spricht. Günther schreibt:
»Entwerfen wir also in einer absoluten Logik ein nicht mehr überbietbares, definitiv allgemeines Selbstbewusstsein der Erinnerung, so muss ein solches notwendig am Ende aller Zeiten stehen. Das bedeutet aber, dass diese Logik alle Möglichkeiten des Willens endgültig bestimmt und dem theoretischen
Bewusstsein unterworfen hat [...].«273
Und natürlich widerspricht eine solche Vorstellung auch der Peirceschen Idee des unabschließbaren Zeichenprozesses. Ganz ähnlich meint dieser nämlich, »matter is effete mind«274, dass also Materie verbrauchter oder erschöpfter Geist sei.
Auch hierin zeigt sich wiederum die Kombination von Phänomenologie und Ontologie bei beiden Denkern. Am »Ende« des Denkprozesses gibt es bei Peirce wie bei Günther das Sein als abgeschlossener Reflexionsoder
Zeichenprozess sowie bei Peirce eine allgemeine Rationalität, die Günther jedoch als inoperational empfindet: »[...] ein absolut allgemeines, allwissendes Selbstbewusstsein ist reine Erinnerung und steht somit transzendental am Ende aller Zeiten.«275 Ihn interessiert ausdrücklich insbesondere die Zukunft als noch unbestimmter Möglichkeitsraum, der sich der Volition auftut. Ich denke, man kann es bei der Idee vom »Ende aller Zeiten« als reinem Gedankenexperiment belassen, weil sie im Grunde nur besagt, dass am »Ende aller Zeiten« jeder Prozess abgeschlossen wäre. Noch einmal anders gewendet: Das »Ende aller Zeiten« kann man sich aus der hier vorgeschlagenen Perspektive nur als klassisch zweiwertige Situation vorstellen.
270 Vgl.: Pape (2000): Einleitung. In: SemSch III. S. 63. Die »Existentiellen Graphen« dienen der ikonischen Darstellung logischer Folgerungsbeziehungen. (Vgl.: Pape (2000): Einleitung. In: SemSch III. S. 36.)
271 Vgl.: Günther (1976): Wahrheit, Wirklichkeit und Zeit. S. 8.
272 Günther (1976): Wahrheit, Wirklichkeit und Zeit. S. 2.
273 Günther (1979): Wahrheit, Wirklichkeit und Zeit. S. 7
274 Peirce, CP 6.25.
275 Günther (1976): Wahrheit, Wirklichkeit und Zeit. S. 6.
Denn als klassisch wurden Zustände beschrieben, in denen es keine Deutbarkeit gibt, also keine Wahl- und Handlungsmöglichkeit. Die Idee einer allgemeinen Rationalität wäre somit die Idee eines Zustands, in dem Reflexionsprozesse keinerlei Veränderungen mehr bewirken. Und so kommt auch Peirce zu dem Schluss: »Kurzum, das Endgültige ist ein Ideal, es geht in die Wissenschaft nicht ein.«276
Aus reflexionslogischer Perspektive kann nun darüber hinaus jedoch geklärt werden, warum ein derartiges »Ende aller Zeiten« aus logischen Gründen gar nicht erreicht werden kann. Die Unerreichbarkeit des »Endes aller Zeiten« ist demnach nur die Feststellung, dass Realität prozessuale Realität ist, dass sie also über das hinausgeht, was mit einem klassischen, seinslogischen Modell erfasst werden kann. Das damit im Umkehrschluss charakterisierte klassische Erkenntnismodell wird demnach als Reflexionsform »reiner Erinnerung«, als nicht-lebendiges und nicht-prozessuales Modell noch einmal definitiv verabschiedet.
Wenn also gesagt wurde, ein klassisches, rein kognitives System hänge von seiner Umwelt vollkommen ab, so kann nun ergänzt werden, dass es auch Zeit nur so konzeptualisieren kann, dass es von – wie auch immer – gegebener Zeit abhängt. Gemäß der reflexionslogischen Inversion erzeugt ein nicht-klassisches System, das zusätzlich über Volition verfügt, Zeit und Prozess und transformiert evolutive Veränderung in seine Umwelt.
Diese Prozessualität muss nun noch einmal präzisiert werden. Denn es geht ja nicht nur darum, darstellen zu können, dass Realität evoluiert, und dass die Produkte dieser Evolution durch die reflexionslogischen Systeme generiert werden, sondern insbesondere darum zu zeigen, wie diese Systeme auf prozessuale Wirklichkeit reagieren. Es gilt also, so wie es bei der Klärung des Kategoriensystems von Peirce geleistet wurde, dazustellen, dass hier Seins- und Reflexionsweisen miteinander verwoben sind.
Die hier skizzierten Möglichkeiten der morphogrammatischen und standortabhängigen Triaden-Konstitution machen deutlich, dass die Zeichenlogik von Peirce auf keinen Fall als eine Semiotik verstanden werden kann, in der mit feststehenden Zeichen feststehende Dinge oder Ideen bezeichnet oder repräsentiert werden.
Diese Zeichenlogik lässt sich nicht mehr in ein Erkenntnismodell übertragen, das zwischen dem Sein und der Reflexion wohl unterscheidet und beide oppositionell aufeinander bezieht. Denn sie hat nicht mehr mit mit sich selbst identischen Entitäten zu tun.
Aus dieser Perspektive wird nun endgültig deutlich, inwiefern Günther sagen kann, das klassische Erkenntnismodell und die klassische Logik haben nur einen stark limitierten Gültigkeits- und Anwendungsbereich innerhalb des nicht-klassischen, reflexionslogischen Modells.
Die Notwendigkeit der Überwindung des klassischen Erkenntnismodells begründete Günther als die Notwendigkeit, ein System zu konstruieren, in dem Entwicklung dargestellt werden kann. Ebenso ist das triadische Zeichen bei Peirce, wie ich gezeigt habe, deshalb in der Lage, Entwicklung darzustellen, weil es – ähnlich wie die von Günther vorgeschlagene Stellenwertlogik – keine eindeutigen Stellenbesetzungen mehr vorschreibt, sondern eine dynamische Struktur darstellt, in der die einzelnen Konstituenten nur jeweils in Form des »fungiert als« bzw. »kann dargestellt werden als« beschrieben werden können.
Bezeichnenderweise verweist Günther auf eine Publikation von M. C. Goodall aus dem Jahr 1962, der sich mit Kognition als reflexivem Entwicklungssystem
beschäftigt und zu dem Ergebnis kommt, Peirce’ System sei ein solches, da in ihm jeder Begriff nur Bedeutung in Beziehung auf das Ganze habe. Insofern ist Peirce’ Zeichenlogik dann ebenfalls eine, die nicht mehr identitätslogisch argumentiert, weil in ihr – anders als in klassischen Systemen – auf begriffliche Fixierungen verzichtet wird.277 Der Ausdruck »begriffliche Fixierung« markiert hier sehr luzide, inwiefern das klassische System eines ist, das stets nur das was ist, identifizierend reflektieren kann, ohne Entwicklung darstellen zu können.
Auf diese Weise erhalten die Kontinuumstheorie und die Vorstellung der unabschließbaren Semiose eine reflexionslogische Begründung, die wesentlich stärker ist als die herkömmlichen Begründungen, etwa durch die zumeist nur behauptete Degeneration von Zeichentriaden, die im jeweiligen Degenerationsstadium einer erneuten Ergänzung bedürfen, oder durch die Voraussetzung von Zeit, in der sich Semiose abspielt.
Aus der Perspektive eines reflexionslogischen Systems wird demgegenüber
nämlich deutlich, dass Peirce’ Zeichenlogik ein lebendigesSystem darstellt. Als lebendiges System, das volitiv, also gestaltend auf seine Umwelt zugreift, erzeugt es Zeit. Andersherum betrachtet ist die notwendige Konsequenz eines reflexionslogischen Systems, nicht mehr seins- und identitätslogisch ausgerichtet zu sein. Wenn allerdings Sein, Wahrheit und Identität nicht mehr die Themen sind, mit denen sich ein derartiges System beschäftigt278, dann müssen seine Themen gemäß der reflexionslogischen Inversion Werden, Viabilität und Uneindeutigkeit sein – Themen also, die Zeit erzeugen, weil sie Ereignisse und Handlungen nach sich ziehen.
276 Peirce, SemSch I. S. 174.
277 Vgl. zu allen diesen Güntherschen Anmerkungen: Günther (1976): Das metaphysische Problem einer Formalisierung der transzendentaldialektischen Logik. S. 247. Diese Anmerkungen trifft Günther in dem Nachwort dieses Beitrages und weist darauf hin, dass er auf Goodalls Veröffentlichung erst nach Abschluss seines eigenen Beitrages aufmerksam
wurde. Bedauerlicherweise bleibt es deswegen bei dieser knappen Erwähnung von Peirce.
278 Diese Themen bilden nur mehr den klassischen »Sonderfall«, der in dem reflexionslogischen Modell impliziert ist.
Mit anderen Worten, die Themen des reflexionslogischen Modells sind keine Themen, auf die kontemplativ und rein kognitiv reagiert werden kann, sondern solche, die volitiven, aktiven Zugriff erfordern. Reflexionslogisch lässt sich mit Peirce sagen, jede Erkenntnis ist »die Erkenntnis einer Relation«279, wobei nun der Akzent auf diese triadische Konstellation als Stellenwertsystem gesetzt werden soll, in dem Sinne, dass sie stets ein hermeneutisches Problem darstellt, in dem es nicht um identifizierbare, irreflexive Konstituenten geht. Kontinuität als Prozessualität ist nicht von außen, also durch die Umwelt gewährleistet – Ereignisse ereignen sich also nicht in der Zeit. Kontinuität ist vielmehr das notwendige Produkt volitiven oder abduktiven Zugriffes auf die Umwelt, wodurch Zeit generiert wird.
Während das zweiwertige, also seins- und identitätslogische Denken auf Umwelt nur insofern reagieren kann, als es dort seine Themen vorfindet, und zwar stets als abgeschlossenen Prozess vorfindet, und daher Zeit logisch eigentlich gar nicht konzeptualisieren kann, kann das nicht-klassische, reflexionslogische Denken Zeit dadurch konzeptualisieren, indem es lebendige Systeme beschreibt, die kreativ handelnd Ereignisse hervorbringen.
Auch für die hier vorgeschlagene reflexionslogische Rekonstruktion der Peirceschen Semiotik kann also das zur Anwendung gebracht werden, was ich bei Günther als negatives hermeneutisches Konzept beschrieben habe.
Bei Peirce ist es der Bereich abstrakter Möglichkeit, also der Erstheit, aus deren Negativität Neues durch Abduktion »ausgefällt« werden kann. Die Indeterminiertheit der Situation, in der abduktiv geschlossen wird, stellt hierbei das hermeneutische Problem dar, insofern zwar gedeutet werden muss, für diese Deutung jedoch keine objektiven Kriterien zur Verfügung stehen. Auch in Peirce’ System ist es nicht der Bereich der Drittheit, also der Bereich der ausformulierten Repräsentationalität, der am nächsten zum Horizont der Substanz liegt, aus dem Neues hervortreten könnte. Vielmehr ist es Möglichkeit als Erstheit im Zusammenspiel mit Zweitheit als Faktizität, die die Kreation von Neuem ermöglicht. Kontinuität als evolutionärer Prozess wird demnach
durch das nicht-klassische Zeichensystem generiert, weil es aktiv auf die Negativität abstrakter Möglichkeit zugreift.
Wenn es für Peirce, in seiner so überschwänglichen Formulierung, letztendlich einfach unlogisch wäre, nicht seine Seele zu opfern, um die Welt zu retten, so begegnet er mit dieser Auffassung derjenigen Günthers, der sagt, der Geist verhalte sich als Wille praktisch.
Aus der Perspektive dieser beiden pragmatischen Theorien kann eine solche ethische Haltung als logisch zwingende Konsequenz verstanden werden, sich adäquat seiner Umwelt gegenüber zu verhalten, aufgrund der Einsicht, dass sie das Produkt unserer Haltung ihr gegenüber ist. Und schließlich erweist sich damit der von Foerstersche Rat, stets so zu handeln, dass sich die Anzahl der Wahlmöglichkeiten dadurch erhöht, aus dieser Perspektive weniger als ethischer und zugleich pragmatischer Imperativ, als vielmehr als die einzig denkbare logische Form des Handelns für lebendige Systeme.
Die Unabschließbarkeit der Semiose erweist sich also als notwendige Konsequenz der Operationen eines reflexionslogischen, lebendigen Systems, das neue Wahlmöglichkeiten schafft.
279 Peirce, SemSch I. S. 175.
Nina Ort
|