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S. 314
Realität und Wirklichkeit
Wirklichkeit als Konstrukt des Gehirns
Die Welt unsere Empfindungen besteht aus drei Bereichen: der Außenwelt, der Welt unseres Körpers und der Welt unserer geistigen und emotionalen Zustände.
Diese drei Bereiche sind normalerweise deutlich voneinander getrennt. So verwechseln wir in aller Regel nicht die Gegenstände und die Ereignisse der Außenwelt mit den Teilen unseres Körpers und den Vorgängen in ihm, und eine solche Verwechslung hätte schmerzhafte Folgen. Ebenso sind unsere Gedanken, Vorstellungen und Erinnerungen meist klar getrennt von den Geschehnissen in der Außenwelt, es wäre ebenfalls verhängnisvoll, Dinge und Vorgänge in der Außenwelt mit unseren Vorstellungen und wünschen zu verwechseln.
Die Trennung zwischen Prozessen unseres Körpers einerseits und mentalen und emotionalen Zuständen andererseits ist schon schwieriger und mentale Zustände siedeln wir üblicherweise in unserem Körper an, meist im Kopf, und zwar zwischen und einige Zentimeter hinter den Augen. Notwendig ist diese Art der Lokalisierung aber nicht; antike und mittelalterliche Philosophen haben mentale Zustände im Herzen oder im Zwerchfell angesiedelt, und bei verschiedenen Völkern gibt es ebenfalls ganz verschiedene Lokalisierungen von Geist oder Seele im Körper. Entsprechend der abendländisch-neuzeitlichen Tradition sehen wir mentale Zustände nicht als körperlich an, aber auch diese Abgrenzung ist nicht selbstverständlich.
Bei den Gefühlen ist sie noch schwieriger, den Gefühlen werden auch von uns meist nicht im Kopf sondern im Körper angesiedelt und mit Vorgängen dort in Zusammenhang gebracht (z. B. das berühmte Magendrücken bei Angstzuständen oder das Herzklopfen bei Freude oder Aufregung). Gefühle scheinen irgend etwas zwischen Mentalem und Körperlichem zu sein.
Einen merkwürdigen Zwischenzustand nehmen auch Wahrnehmungen ein. Einerseits gehen wir davon aus, dass sie irgend etwas mit dem Kopf zu tun haben, denn dort befinden sich unsere wichtigsten Sinnesorgane, die für Wahrnehmungen notwendig sind. Andererseits werden die wahrgenommenen Dinge nicht im Kopf angesiedelt, sondern in der Außenwelt oder in meinem Körper, also dort, wo sich die Dinge und Ereignisse befinden, welche die Sinneseindrücke hervorgebracht haben. Ein Geräusch wird von mir in meiner näheren Umgebung lokalisiert; dieses Buch befindet sich links auf dem Schreibtisch und die mit den Fingern berührte Computer Tastatur unmittelbar vor mir; ein Schmerz wird von mir im linken Unterarm lokalisiert.
Dies ist auf den ersten Blick nicht merkwürdig, denn wo sollten die wahrgenommenen Dinge und Ereignisse der Außenwelt oder meines Körpers sich sonst befinden? Merkwürdig wird dies alles erst, wenn ich mir klar machen, dass Wahrnehmungen dadurch entstehen, dass Sinnesrezeptoren durch entsprechende Vorgänge in der Außenwelt oder in meinem Körper gereizt werden und elektrische Impulse ins Gehirns senden. Entsprechend sollten wir die Wahrnehmungen im Gehirn empfinden, was aber nicht der Fall ist.
Die Tatsache der "direkten" oder "peripheren" Wahrnehmung hat viele Physiologen, Psychologen und Philosophen sehr verwirrt und zur Frage dazu veranlasst: Wie kommen die Gegenstände der Wahrnehmungen, die ja "im Kopf" entstehen, wieder "nach draußen"?
Es wurden abenteuerliche Hypothesen entwickelt, um zu erklären, wie dies geschehen könnte. So nahm man an, die Wahrnehmungsinhalte würden über die Sinnesbahnen in die Welt zurück projiziert. Es gibt aber dafür keinerlei plausible neuronalen Mechanismen, und es würde auch nichts nützen, wenn es sie gäbe, denn auch der uns umgebende Raum, in den angeblich die Dinge " hinaus projiziert" werden, entsteht wie alle anderen Wahrnehmungen im Gehirn. Andere siedelten die Wahrnehmungen und Empfindungen in den Sinnesorganen an. Nach unserem heutigen neurobiologischen Wissen ist dies ebenso unsinnig. Dasjenige, was sich in den Sinnesorganen vollzieht, ist grundsätzlich nicht von Bewusstsein begleitet.
Wo existieren also die Gegenstände der Wahrnehmung? Eine Lösung dieses Problems wurde von Wolfgang Köhler in seinem Aufsatz " Ein altes Scheinproblem" von 1929 dargelegte. Köhler vertritt hier die Auffassung, dass überhaupt nichts hinaus projiziert wird, sondern dass alles was ich wahrnehme, nur eine Welt bildet, die phänomenale Welt.
Die phänomenale Welt
In dieser Welt, die ich " Wirklichkeit" genannt habe, gibt es die drei genannten Bereiche: die Welt der mentalen Zustände und des Ich, die Welt des Körpers und die Außenwelt. Diese drei Bereiche sind Aufgliederungen der phänomenale Welt, der Wirklichkeit. Dieser Wirklichkeit wird gedanklich eine transphänomenale Welt gegenübergestellt, die unerfahrbar ist und dementsprechend in der phänomenale Welt nicht vorkommt. Dies bedeutet, dass alle erlebten Vorgänge zwischen mir und meinem Körper, zwischen mir und der Außenwelt, zwischen meinem Körper und der Außenwelt innerhalb der Wirklichkeit ablaufen.
Wenn ich einen Gegenstand anfasse oder mit einer Person spreche, so fasse ich einen wirklichen Gegenstand an und spreche mit einer wirklichen Person. Die drei Wirklichkeitsbereiche stoßen direkt aneinander oder gehen direkt ineinander über. Deshalb sind mir meine Wahrnehmungen unmittelbar gegeben, mein Körper hat unmittelbaren Kontakt mit den Gegenständen der Welt. In dieser Erlebniswelt bewirkt auch mein Willensentschluss direkt meine Handlungen. Es gibt dabei keine vermittelnde Instanz in Form von Sinnesorganen oder eines Gehirns.
Wie passt dies mit alten Tatsachen zusammen, die wir über die Leistungen der Sinnesorgane und der vielen Gehirnszentren zusammengetragen haben und die uns zeigen, welch ein verwickelter Prozess Wahrnehmung ist?
Um diese scheinbar widersprüchlichen Annahmen zu vereinen, müssen wir annehmen, dass die Wirklichkeit und ihre Gliederungen in drei Bereiche ein Konstrukt des Gehirns ist, und zwar ein Konstrukt, in dem die physiologisch- neuronalen Prozesse des Gehirns, die den mentalen Zuständen zu Grunde liegen, nicht vorkommen. Wir können diese Zustände als äußerliche Geschehnisse studieren, nicht jedoch erlebnismässig erfahren.
Dass die Wirklichkeit ein Konstrukt ist, lässt sich empirisch gut nachweisen. Die Grenze zwischen Körper und Außenwelt erscheint uns fest und scharf gezogen, sie ist aber wie alle kognitiven Grenzen labil und bricht zusammen, wenn sie nicht ständig bestätigt wird. So setzt die Empfindungen meines Körpers und seiner Begrenzung die Aktivität der Körper bezogenen motorischen kortikalen Areale und somatosensorischen Areale ebenso voraus wie die Aktivität des hinteren Parietallappens, der (zusammen mit Subkortikalen Zentren) den räumlichen Bezug des Körpers zur Umgebung herstellt. Verletzungen in diesen Bereichen führen zu massiven Störungen des Körperschemas, wie wir dies von Neglekt-Patienten gehört haben. Das Aufrechterhalten unseres so fest erscheinenden Körperschemas benötigt offenbar die ständige Bestätigung durch die Körpersensorik und -motorik.
Die erlebnismäßige Unterscheidung in Körper und Welt ist zumindest beim Menschen nicht genetisch fixiert, sondern muss erlernt werden, auch wenn es sich dabei um ein genetisch erleichtertes Lernen handelt.
Dieses Lernen beginnt spätestens nach der Geburt, wenn der Säuglinge anfängt, die Welt zu begreifen. Wenn er z. B. einerseits sich selbst und andererseits Objekte der Umwelt anfasst, erlernt sein Gehirn den fundamentalen Unterschied zwischen Körper und Welt. Im ersteren Fall erhält er eine doppelte sensorische Rückmeldung von den beiden sich berührenden Körperteilen, im zweiten Fall nur eine. Jeder dieser beiden Bereiche, Körper und Umwelt, wird nun weiter ausdifferenziert, und zwar innerhalb der Vorgabe der anatomischen und funktionalen Grundorganisation des Gehirns, die sich schon vor der Geburt in selbstorganisierend-epigenetischer Weise ausgebildet haben.
Hinsichtlich der Geschehnisse der Außenwelt betrifft die Ausdifferenzierung zuallererst die modalitätsspezifischen Unterschiede. Diese Unterschiede sind insofern reine Konstrukte, als Sehen, Hören, Riechen usw. ihrer Empfindungsqualität nach nichts mit den Ereignissen in der Außenwelt zu tun haben. So ist die Tatsache, dass alles, was im Hinterhauptlappen und im unteren Temporallappen stattfinde, als "Sehen" und alles, was im unteren und mittleren Temporallappen an Aktivität vor sich geht, als " Hören" empfunden wird, eine Konvention des Gehirns mit sich selbst. Im Fall des Sehens folgert das Gehirn, daß die im Hinterhauptslappen und im unteren Temporallappen angesiedelten Areale durch Bewegungen des Auges und damit der Netzhaut aktiviert oder in ihrer Aktivität moduliert werden. Dies kann unser Gehirn dadurch überprüfen, daß es Augenbewegungen veranlaßt und dadurch bestimmte zentrale visuelle Veränderungen hervorruft, die es voraussagen kann. Diese Uberprüfung der internen Repräsentation des Körpers und der Außenwelt durch Aktionen dient dem Gehirn während der Individualentwicklung (und auch später) dazu, verlässliche Vermutungen über die Verbindungen zwischen Außenwelt, Sinnesorganen und den Sinneszentren im Gehirn herzustellen.
Mit dieser Tatsache stimmt überein, daß die motorischen Zentren des Wirbeltiergehirns sich ontogenetisch vor den sensorischen entwickeln. Spontane motorische Aktivitäten und ihre sensorischen Rückkopplungssignale sind für die Ausbildung und »Eichung« zentraler sensorischer Karten und anderer Repräsentationen außcrordentlich wichtig.
Tiere und Mensch verhalten sich zuerst, und danach bestimmt sich der Aufbau der sensorischen Welt. Dies wird an der Tatsache sichtbar, daß sich keine oder keine normalen modalitätsspezifischen Areale im Gehirn ausbilden, wenn Kinder daran gehindert werden, die Umwelt motorisch zu erforschen, wie es beim Hospitalismus der Fall ist (Spitz, I952). Die Fallbeschreibungen über sehend gewordene Blinde (v. Senden, 1932; Gregory, 1966) zeigen, daß spätere Sinneserfahrungen überhaupt nicht mehr oder nur äußerst schwer in die einmal entwickelten kognitiven Strukturen eingepasst werden können. Die durch Operation im Erwachsenenalter sehend gewordenen Patienten haben grösste Mühe, das Gesehene zu deuten, insbesondere wenn es nichts handgreiflich Erfahrbares ist. Häufig ordnen sie visuelle Eindrücke in eine andere, ihnen bekannte Sinnesmodalität ein oder empfinden sie als Schmerz. Die meisten der beschriebenen Patienten resignierten vor den Schwierigkeiten im Umgang und der Deutung dieser unbekannten Welt und schlossen buchstäblich vor der Welt die Augen.
Wie im Gehirn die Unterscheidungen zwischen Farbe, Form und Bewegung, zwischen Tonhöhe und Klangfarbe usw. zustande kommen, ist unklar. Bekannt ist nur, daß im visuellen System zur Form- und Tiefenwahrnehmung ein exemplarisches Lernen innerhalb einer frühen sensiblen Periode nötig ist. Werden Katzen in einer optisch völlig homogenen Umgebung aufgezogen, so bilden sich in ihrem visuellen Cortex keine orientierungs- oder disparitätsspezifischen Zellen aus (vgl. dazu Purves und Lichtman, 1985). Komplexe Gestaltwahrnehmung ist sicherlich erfahrungsabhängig, und eine sensible Phase scheint es auch beim Erwerb der Muttersprache zu geben.
Der dritte Bereich, derjenige der mentalen Prozesse, bildet sich am spätesten heraus, und zwar offenbar im »Ausschlußverfahren«. Das bedeutet, daß all das in sensorischen corticalen Zentren vom Gehirn als Vorstellung, Erinnerung oder Denken angesehen wird, was nicht aktuelle Wahrnehmung darstellt und/oder mit aktuellem Handeln verbunden ist. Diese Unterscheidung scheint sich innerhalb der kindlichen Entwicklung nur sehr langsam zu entwickeln, und kleine Kinder treffen offenbar noch keine scharfe Unterscheidung zwischen tatsächlich Wahrgenommenem und bloß Vorgestelltem oder Erinnertem, zwischen Tun oder bloß Gedachtem oder Geplantem. Aber auch dem erwachsenen Gehirn stehen keine absolut verläßlichen Unterscheidungen zwischen »Tatsächlichem« einerseits und »Vorgestelltem« oder »Halluziniertem« andererseits zur Verfügung, sondern es geht bei dieser Unterscheidung nach bestimmten internen Kriterien vor, die noch zu schildern sein werden.
Es gibt auch große ethnische und historische Unterschiede in der Ausbildung einer Abgrenzung zwischen Körperlichem und Mentalem, und man kann die relativ scharfe Abgrenzung, wie sie in unserem modernen abendländischen Denken üblich ist, nicht verallgemeinern. Von Kutschera hat mit Recht hierauf und auf die enge sprachliche Beziehung zwischen Körperlichem und Mentalem hingewiesen (von Kutschera, 1982),
Wirklichkeitskriterien
Wahrnehmungen von »tatsächlich Vorhandenem« sind - wie wir alle aus Erfahrung wissen - nicht immer verlässlich von Sinnestäuschungen, Halluzinationen, Tagträumen oder bloßen Vorstellungen zu unterscheiden. William James hat sich in den »Principles of Psychology« diese Frage in der Form gestellt: »Unter welchen Bedingungen halten wir Dinge für wirklich?« Inzwischen liegen viele psychologische Untersuchungen zu Wirklichkeitskriterien vor, die zeigen, daß wir bei der Frage nach Wirklichkeit oder Schein bzw. Wirklichkeit oder Täuschung eine Vielzahl von Kriterien meist unbewußt auwenden. Stadler und Kruse haben in einem Aufsatz von 1990 derartige Wirklichkeitskriterien zusammengetragen. Sie unterscheiden syntaktische, semantische und pragmatische Wirklichkeitskriterien.
Den grundlegenden Eindruck von Wirklichkeit vermitteln die syntaktischen Kriterien, die mit den Sinnesempfindungen selbst zu tun haben. Danach werden Objekte um so eher als tatsächlich vorhanden angenommen, je heller sie gegenüber ihrer Umgebung sind, je kontrastreicher sie sich abheben, je schärfere Konturen sie aufweisen und je strukturell reichhaltiger sie sind (z. B. hinsichtlich der Oberfläche, der Farbe, der Gestalt).
Weiterhin werden dreidimensionale Objekte für wirklicher gehalten als flächige. Es fällt den meisten von uns außerordentlich schwer, sich Dinge realistisch dreidimensional vorzustellen. Ebenso gilt: Ein Objekt wird um so eher als real angesehen, wenn es durch mehr als nur ein Sinnessystem wahrgenommen wird (ich sehe gerade ein Auto und ich höre es), wenn es gegenüber einem Perspektivwechsel form
Das bedeutet: Je lebhafter eine Wahrnehmung ist, desto eher bin ich geneigt, das Wahrgenommene für real zu halten. Dies trifft für Träume ebenso zu wie für drogeninduzierte Halluzinationen. Umgekehrt gilt: Je blasser und undeutlicher eine Wahrnehmung, desto unwirklicher erscheint sie. Dies ist insbesondere für Geschehnisse an den Wahrnehmungsschwellen unserer Sinne der Fall: War da ein Schrei in der Ferne, oder habe ich mir das nur eingebildet? Hat sich im Dunkeln gerade etwas bewegt, oder unterliege ich einer Sinnestäuschung? Riecht es nicht irgendwie nach Brennendem, oder täusche ich mich? Dies sind Fragen, die wir uns im täglichen Leben häufig stellen müssen. "Reale" Wahrnehmung unterscheidet sich nicht in jedem Fall klar von Sinnestäuschung oder bloßer Vorstellung.
Besonders wichtig bei der Feststellung des Wirklichkeitsgehaltes von Empfindungen ist für das kognitive System die intermodale Überprüfung. Für das kognitive System ist es offenbar sehr unwahrscheinlich, daß unterschiedliche Sinnessysteme, zum Beispiel das visuelle System und das Gleichgewichtssystem, Fehlermeldungen in dieselbe Richtung machen. »Fehler« in einem Sinnessystem werden daran erkannt, daß sie in Widerspruch zu den Informationen von anderen Sinnessysteme stehen. Dabei haben unterschiedliche Sinnessysteme durchaus unterschiedliche Glaubhaftigkeit. Am glaubhaftigsten ist offenbar das Gleichgewichtssystem, gefolgt vom Tastsystem, und diesen orUnen sich die anderen Systeme unter. Dies lässt sich sehr schön an Experimenten mit Umkehrbrillen demonstrieren, bei der die Welt entweder auf dem Kopf steht oder rechts-links-vertauscht erscheint. Der Widerspruch zwischen visueller und vestibulärer bzw. somatosensorischer Information wird nach einigen Tagen zugunsten letzterer gelöst: die visuelle Welt dreht sich in die »richtige« Position.
Unter semantischen Wirklichkeitskriterien verstehen Stadler und Kruse (1) Bedeutungshaltigkeit: Objekte und Geschehnisse werden eher als real angesehen, wenn man ihnen ohne Aufwand eine Bedeutung zuordnen kann (gegenüber bedeutungslosen oder rätselhaften Geschohnissen); (2) Kontextstimmigkeit: Etwas wird eher als real angesehen'wenn es in einen vorhandenen Kontext passt; (3) Valenz: ein 0bjekt wird um so eher als tatsächlich vorhanden angesehen je attraktiver es ist. Diese drei Kriterien hängen stark mit unserer Aufmerksamkeit und der präkognitiven Einstufung in »wichtig« und »unwichtig« zusammen, von der im 10. Kapitel die Rede war. Dort haben wir festgestellt, daß Geschehnisse um so weniger in unser Bewußtsein dringen und daher um so weniger »real« sind, je bedeutungsloser sie sind.
Schließlich gibt es noch die pragmatischen Wirklichkeitskriterien. Objekte werden von uns besonders dann als tatsächlich vorhanden angesehen, wenn wir auf sie einwirken und sie zum Beispiel anfassen können. Dieses Kriterium ist für die Konstitution der Dingwelt im Säuglingsalter besonders wichtig. Weiterhin halten wir Dinge und Ereignisse dann für real, wenn wir sie erwarten konnten. Dieses Wirklichkeitskritium scheint besonders wichtig zu sein, denn
Ein besonders starkes pragmatisches Wirklichkeitskriterium ist die intersubjektive Bestätigung. Dinge und Geschehnisse, die von mehreren Personen berichtet oder bestätigt werden, gelten als realer als solche, die nur von einer Person berichtet werden. Hierauf baut das Prinzip der Zeugenaussagen vor Gericht ebenso auf wie das Prinzip der intersubjektiven ÜberprüfLarkeit in der Wissenschaft. Aus gruppenpsychologischen Untersuchungen n ist bekannt, daß eine Person, die normalerweise ihren Sinnen traut, unter starkem Druck der Gruppe (deren Mitglieder sich zum Beispiel »gegen« ein weiteres Mitglied verabredet haben) bereit ist, widersinnige Deutungen von Wahrnehmungserlebnissen zu akzeptieren (Asch, 1955; Watzlawick,1976). Gruppen tendieren dazu, nicht nur einheitliche Ideologien zu entwickeln, sondern auch einheitliche Wahrnehmungen. Wir sehen im allgemeinen die Welt so, wie wir gelernt haben, wie sie sein soll.
Insgesamt können wir feststellen: Das Gehirn trifft die Unterscheidungen über den Wirklichkeitscharakter erlebter Zustände aufgrund bestimmter Kriterien, von denen keines völlig verläßlich arbeitet. Es tut dies in selbstreferentieller Weise; es hat nur seine eigenen Informationen einschließlich seines Vorwissens zur Verfügung und muß hieraus schließen, womit die Aktivitäten, die in ihm vorgehen, zu tun haben, was sie bedeuten und welche Handlungen es daraufhin in Gang setzen muß.
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Die Unterscheidung von Realität und Wirklichkeit
und was wir damit gewonnen haben.
Ich habe davon gesprochen, daß das Gehirn die Wirklichkeit hervorbringt und darin all die Unterscheidungen entwickelt, die unsere Erlebniswelt ausmachen. Wenn ich aber annehme, daß die Wirklichkeit ein Konstrukt des Gehirns ist, so bin ich gleichzeitig gezwungen, eine Welt anzunehmen, in der dieses Gehirn, der Konstrukteur, existiert. Diese Welt wird als »objektive«, bewußtseinsunabhängige oder transphänomenale Welt bezeichnet.
Ich habe sie der Einfachheit halber Realität genannt und sie der Wirklichkeit gegenübergestellt (Roth, 1985). In dieser Welt - so nehmen wir an - gibt es viele Dinge, unter anderem auch Organismen. Viele Organismen haben Sinnesorgane, auf die physikalische und chemische Ereignisse als Reize einwirken, und sie haben Gehirne, in denen aufgrund dieser Einwirkungen und interner Prozesse eine phänomenale Welt entsteht, eben die Wirklichkeit.
Wir sind damit zu einer Aufteilung der Welt in Realität und Wirklichkeit, in phänomenale und transphänomenale Welt, Bewußtseinswelt und bewußtseinsjenseitige Welt gelangt.
Die Wirklichkeit wird in der Realität durch das reale Gehirn hervorgebracht. Sie ist damit Teil der Realität, und zwar derjenige Teil, in dem wir vorkommen. Dies ist eine höchstplausible Annahme, die wir allerdings innerhalb der Wirklichkeit treffen und die nicht als eine Aussage über die tatsächliche Beschaffenheit der Realität mißverstanden werden darf.
Machen wir aber keine solche Unterscheidung zwischen Realität und Wirklichkeit, dann müssen wir entweder annehmen, daß es gar keine phänomenale Welt gibt, sondern nur Realität. Damit gibt es aber auch gar keine Wahrnehmung und kein wahrnehmendes Ich. Umgekehrt müßten wir die Existenz einer bewußtseinsunabhängigen Welt, der Realität, leugnen; dann aber wären wiederum alle Befunde über das Zustandekommen der »Welt im Kopf« völlig rätselhaft. Wenn ich als Hirnforscher den Zusammenhang zwischen Sinnesreizen, Hirnprozessen und bewußtem Erleben bzw. Handeln aufzeige, so müßte ich in diesem Fall einer außerordentlich merkwürdigen Täuschung unterliegen und mir überdies einbilden, es gäbe Kollegen, denen dies genauso ginge.
Mit der Unterscheidung von Realität und Wirklichkeit lassen sich innerhalb der Wirklichkeit hingegen viele Dinge befriedigend erklären. Dann verschwindet das eingangs gestellte Problem, wie die wahrgenommenen Dinge »nach draußen« kommen. Sie werden vom Gehirn aufgrund interner Kriterien dem Bereich »Außenwelt« zugeordnet. Das Ich als anderer Teil der Wirklichkeit empfindet dann diese Dinge als außerhalb, aber dieses »außerhalb« existiert nur innerhalb der Wirklichkeit: Ich sehe wirkliche, nicht reale Gegenstände.
Dies gilt auch für mein Handeln. Wenn ich nach etwas greife, so bewege ich meine wirkliche, nicht meine reale Hand, die nach einem wirklichen, nicht nach einem realen Gegenstand greift. Die Wirklichkeit ist der Ort, in dem mein Willensakt etwas veranlaft. Dieser Willensakt verkörpert sich empfindungsgemäß darin, daß ich absichtsvoll etwas tue, zum Beispiel mit meiner Hand nach der Tasse greife. Meine Be wegung wird empfindungsmäßig direkt von dieser Absicht getrieben, es gibt kein Gehirn und kein Motorsystem dazwischen,
Warum gibt es überhaupt eine phänomenale Welt?
Wolfgang Metzger hat in einem Aufsatz von 1969 die phänomenale Welt als »zentrales Steuerungsorgan« gesehen (Metzger, 1969). Er unterscheidet in seiner Argumentation zwischen den »tatsächlichen« oder »echten« neuro- und muskelphysiologischen Geschehnissen der Aktionen meines Körpers und den phänomenalen, empfundenen Geschehnissen. Während nach Metzger die »echte« Armbewegung kausal vor sich geht, ist die phänomenale Armbewegung empfindungsmäßig meinem Willen unterworfen.
Das Ich handelt in diesem Sinne in einer virtuellen Welt, die nach Ansicht von Metzger zumindest teilweise parallel mit der realen verläuft und in der sich phänomenale und reale Aktionen ungefähr entsprechen. In der phänomenalen, virtuellen, wirklichen Welt bildet sich das - so Metzger - Spannungsverhältnis zwischen Subjekt und Objekt aus, welches die Grundlage der Interaktion mit der Umwelt ist. Metzger sieht in ähnlicher Weise wie vor ihm David Hume und nach ihm viele Philosophen wie Dennett (1994) und Metzinger (1996) - die phänomenale, erlebte Welt als ein »Aktionstheater« im Zusammenhang mit Handlungsplanung, und darin besteht auch ihre Funktion. (Erkenntnistheoretisch gesehen, besteht bei Metzger in diesem Zusammenhang Unklarheit, indem er die neuro- und muskelphysiologischen Prozesse, so wie wir sie kennen, als Teil der Realität ansieht, während natürlich auch sie ein Teil der phänomenalen Welt sind und nicht Teil der bewußtseinsunabhängigen Welt. Allerdings stellt er in einem anderen Teil seines Aufsatzes klar, daß auch die physikalisch-physiologische Beschreibung ein Teil der phänomenalen Welt ist).
Wolfgang Prinz hat sich in einem Aufsatz von 1992 die Frage gestellt: Warum nehme ich nicht meine Hirnzustände wahr? Diese sind mir bzw. der bewußten Repräsentationsebene doch viel näher als die »distalen« Objekte. Ebenso stellt er sich die Frage: Warum plane ich meine Handlungen und nicht die Motoraktionen meines Körpers? Die Antwort von Prinz lautet: Die Erlebniswelt stellt einen Raum dar, in dem zum einen die verschiedenen sensorischen Informationen miteinander kompatibel gemacht werden und in dem sich zum anderen der Übergang von sensorischen zu motorischen Zuständen problemlos vollzieht, d. h. ohne Schwierigkeiten mit den unterschiedlichen »Datenformaten« der verschiedenen sensorischen und motorischen Errequngen. Dieser Bereich des »gemeinsamen Datenformats« (domain of common coding) erlaubt jeden beliebigen Grad von Abstraktion und ebenso jede Art von Handlungsplanung und Antizipation.
Dies setzt voraus, daß mir die Gegenstände der Wahrnehmung als auch meine Handlungen unvermittelt, ohne dazwischenliegende neuronale Prozesse, gegeben sind. Von einem fiktiven »objektiven Beobachter« aus gesehen, handelt das Subjekt in einer virtuellen Welt (nämlich der Wirklichkeit), der die Prozesse in der Realität folgen oder parallel laufen. Dies erspart es ihm, über die »tatsächlichen« physiologischen Prozesse Bescheid zu wissen. Bewußtseinsmässig wäre in der Tat auch niemand in der Lage, aus dem unendlichen Gewirr peripherer sensorischer Prozesse eine Gestaltwahrnehmung hervorzuhringen, genausowenig wie ich in der Lage wäre, bewußt Arm und Hand und die vielen beteiligten Muskeln und Sehnen so zu aktivieren und koordinieren, daß ich das Glas vor mir greifen kann.
Wie B. Libet gezeigt hat, blendet das Gehirn offenbar die beträchtlichen Verarbeitungszeiten bis zu einer Sekunde aus unserem Bewußtsein aus, die zum Beispiel zwischen peripherer Reizung und bewußtem Erleben bzw. Aktionsbeginn und Erleben dieser Aktion verstreichen (Libet, I978). Es gaukelt uns in der Tat vor, daß unser Ich Wahrnehmungen und Handlungen unmittelbar erfährt.
Der Cortex ist offenbar derjenige Teil unseres Gehirns, in dem die Transformation der unterschiedlichen sensorischen und motorischen Informationen in dasselbe »Datenformat« geschieht In diesem Sinne ist er ein übergroßer Assoziationsspeicher (Braitenberg und Schüz, 1991) (er ist aber nicht nur dies). In ihm sind - wie wir gesehen haben - alle sensorischen, motorischen und assoziativen Areale eng miteinander verbunden. Es mag deshalb kein Zufall sein, daß zumindest bei uns Menschen und wohl auch bei Primaten Bewußtsein an intakte Cortexbereiche gebunden ist.
Die Wirklichkeit und damit Erleben, Bewußtsein, Wahrnehmen, Vorstellen, Erinnern usw. sind - so mögen wir spekulieren - eine »Erfindung« des Gehirns im Zusammenhang mit der Integration multisensorischer Information, ihrer Gestaltung durch Erfahrungsinhalte, die im Gedächtnis vorhanden sind, und dem Ermöglichen von Handlungsplanung.
Dies stimmt mit der Tatsache überein, daß bewußtes Erleben nur dann auftritt, wenn etwas Neues (und Wichtiges) integriert bzw. etwas Bekanntes in neuer Form integriert werden soll und wenn neue Handlungsprogramme angelegt werden müssen. Hierzu ist wohl auch die Konstruktion eines Bewußtseins- und Erlebnissubjektes in Form eines Ich nötig. Für alles andere benötigen wir kein bewußtes Erleben.
Gerhard Roth
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