Gerhard Roth
Fühlen, Denken, Handeln
Wie das Gehirn unser Verhalten steuert
Suhrkamp 2001


Seite 9

Dieses Buch stellt die Fortsetzung meines Buches "Das Gehirn und seine Wirklichkeit" dar. In jenem Buch ging es in erster Linie aus neurobiologischer Sicht um die Frage, wie Erkenntnis entsteht, das heißt um die biologischen, evolutionsbiologischen und neurobiologischen Grundlagen der Wahrnehmung und der darauf aufbauenden kognitiven Leistungen, um die Frage, wie Wahrnehmung, Erkenntnis und Bewusstsein zusammenhängen.

Auf der Grundlage eines neurobiologischen Konstruktivismus habe ich die Entstehung unserer Erlebniswelt - der Wirklichkeit - nachzuzeichnen versucht und das Verhältnis dieser Wirklichkeit zur hypothetischen bewusstseinsunabhängigen Realität diskutiert. In dem vorliegenden Buch geht es um eine komplementäre Frage, nämlich wie aus neurowissenschaftlicher Sicht Handeln entsteht oder wer oder was in uns dieses Handeln bestimmt. Traditionell stehen dabei zur Auswahl einerseits Ich, Verstand, Vernunft, das Bewusste, andererseits Triebe, Gefühle, das Unbewusste - oder eine Mischung von beidem. Die Behandlung dieses Themas leitet allerdings wiederum über den reinen neurowissenschaftlichen Rahmen hinaus zur Frage nach der Natur und Funktion des Ich und des Bewusstseins beim Handeln.

Seite 12
Wer oder was bestimmt unser Verhalten? Seit Menschen - als Priester, Theologen, Philosophen, Wissenschaftler oder Dichter - begannen, über den Sinn menschliche Existenz nachzudenken, haben sie sich mit dieser Frage auseinander gesetzt. Ihre Antworten bewegen sich zwischen den Extremen einer völligen Fremdsteuerung und einer völligen Eigensteuerung des Individuums.

Das eine Extrem findet sich im Glauben an eine göttliche Macht, die gütig oder arglistig das Schicksal der Welt und jedes Einzelnen determiniert, oder noch radikaler an ein nach ihren Gesetzen ablaufen des Weltgeschehen ohne Ziel und Sinn (ein Fatum), dem die Menschen und selbst die Götter ausgeliefert sind.

Eine moderne Version dieser antiken Schicksalslehre sieht den Menschen Alfred stehen im unaufhaltsamen Gang der biologischen Evolution, die ihrerseits eingebettet ist in die Evolution unserer Erde und schließlich des ganzen Universums. Dem stehen Auffassungen gegenüber, die das Individuum als weitgehend innengesteuert ansehen. Solche Autonomie-Konzepte können jedoch ebenfalls völlig unterschiedlich aussehen, je nachdem, wie er bei dieser Autonomie das Sagen hat. Bei den einen alten Kräfte in uns, die als stammesgeschichtlich entstandene Reflexe und Instinkte für unser biologisches und gesellschaftliches Überleben sorgen, denen aber das bewusste Ich schicksalhaft ausgesetzt ist. Die Vertreter der Psychoanalyse gesehen neben solchen stammesgeschichtlich erworbenen Determinanten frühkindliche Prägungserlebnisse am Werk.


Gerhard Roth Neurobiologie





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