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Schuldt-Systemtheorie49
Beobachtung: Ich sehe was, was du nicht siehst
49 Die zwei Seiten der Unterscheidung: Draw a Distinction!
Es verwundert nicht, dass "Beobachtung" im systemtheoretischen Sinne wenig mit dem zu tun hat, was man im Alltag darunter versteht. Es geht nicht um Sehen oder Überwachen, nicht um das Handeln von Personen, sondern um eine allgemeine Theorie der Beobachtung.
Dafür hat Luhmann die operative Logik des englischen Logikers, Philosophen und Computerfachmanns George Spencer Brown in die Systemtheorie importiert.
Laut Spencer Brown ist Beobachten die Operation des gleichzeitigen Unterscheidens und Bezeichnens. Die oberste Anweisung lautet "Draw a distinction!": Triff eine Unterscheidung! Jede Beobachtung braucht eine Unterscheidung, eine Differenz, mit der sie beobachten kann.
Damit ist jede Beobachtung eine Konstruktion des beobachtenden Systems. Alles, was beobachtet wird, hängt ab von der Unterscheidung, die eine Beobachtung verwendet
- in diesem Buch zum Beispiel die Unterscheidung „Systemtheorie/nicht Systemtheorie“.
Die beobachtenden Elemente sozialer Systeme sind Kommunikationen. Die Elemente, die beobachtet werden, sind Handlungen.
Entsprechend sind in psychischen Systemen die beobachtenden Elemente Gedanken, während die beobachteten Elemente Vorstellungen sind.
Soziale und psychische Systeme sind aber nicht die einzigen beobachtenden Systeme. Ein Thermostat zum Beispiel beobachtet seine Umwelt anhand der Differenz "aktuelle Temperatur/programmierte Temperatur".Jede Beobachtung vollzieht mit der Bezeichnung einer Unterscheidungsseite („aktuelle Temperatur“) zugleich die Mitbezeichnung der anderen Seite („programmierte Temperatur“). Etwas kann nur dann bezeichnet werden, wenn es von etwas anderem unterschieden wird. Weil aber meist nur die Bezeichnung explizit genannt wird, zum Beispiel "Ja" und nicht "nicht Nein" oder „Niklas Luhmann“ und nicht „nicht Jaques Derrida“ oder "nicht der Rest der Welt", ist die bezeichnete Seite sichtbarer als die zugrundeliegende Unterscheidung.
Entscheidend ist, dass eine gleichzeitige Bezeichnung beider Seiten unmöglich ist: Keine Beobachtung kann sich im Moment des Beobachtens selbst beobachten, keine Beobachtung kann zugleich innen und außen sein.
Die eigene Unterscheidung ist der blinde Fleck jeder Beobachtung. Das Beobachten "kann nur sehen, was es mit dieser Unterscheidung sehen kann. Es kann nicht sehen, was es nicht sehen kann" („Die Wissenschaft der Gesellschaft“, 85). Zugleich ermöglicht aber erst dieser blinde Fleck das Beobachten - denn ohne Unterscheidung kann es kein Beobachten geben.
50 Einsicht durch Blindheit: Beobachtung erster und zweiter Ordnung
Ein Beobachter kann zwar die eigenen Beobachtungen nicht gleichzeitig selbst beobachten - aber er kann die Beobachtungen anderer Beobachter beobachten. Diese Beobachtungsbeobachtung nennt Luhmann Beobachtung zweiter Ordnung. Eine Beobachtung zweiter Ordnung kann die Unterscheidung anderer Beobachtungen beobachten und damit auch deren blinde Flecke.
Damit nimmt die Beobachtung zweiter Ordnung allerdings keine privilegierte Position ein. Sie ist nicht hierarchisch höher angesiedelt, sondern bleibt ebenso an ihren eigenen blinden Fleck gebunden und ist insofern selbst eine Beobachtung erster Ordnung. Aber sie ermöglicht Rückschlüsse auf das eigene Beobachten: Ein Beobachter zweiter Ordnung kann zumindest sehen, dass er nicht sehen kann, was er nicht sehen kann. Er erkennt, dass jede Beobachtung, also auch die eigene, an einen blinden Fleck gebunden ist bzw. dass jede Beobachtung eine seltsame Kombination aus Blindheit und Sehen ist. Dieses Aufdecken von blinden Flecken relativiert die eigene Perspektive. Es zeigt, dass keine Beobachtung alles beobachten kann.
Die moderne Gesellschaft operiert auf dieser Beobachtungsebene zweiter Ordnung. In einer funktional differenzierten Gesellschaft hängt jede Beobachtung vom Beobachterstandpunkt ab, alles ist auch eine Frage der Perspektive. Die Welt wird „polykontextural“: Es gibt unzählige Unterscheidungen, aber es kann keine übergreifende, "richtige" Sicht der Dinge mehr geben. Jeder Beobachter beobachtet mit blinden Flecken, die für ihn selbst unsichtbar sind und von anderen Beobachtern aufgedeckt werden können.
Mit „zeitlicher Verspätung“ macht die Beobachtung zweiter Ordnung aber auch eine Selbstbeobachtung möglich. Zwar kann keine Beobachtung zugleich innen und außen sein, zugleich auf beiden Seiten der Unterscheidung. Doch mit einer späteren Operation kann die zuvor unbezeichnete Seite bezeichnet werden, also zum Beispiel „nicht Systemtheorie“ statt „Systemtheorie“ (was im folgenden Kapitel, beim Vergleich von Systemtheorie mit anderen Theorien, passiert). Spencer Brown nennt diese Bezeichnung der anderen Seite "crossing". Wird ein crossing auf sich selbst angewandt (ein so genannter "re-entry"), ermöglicht das auch eine Beobachtung der eigenen Beobachtung. Zwar braucht jeder Seitenwechsel Zeit, das wissen nicht nur Fußballfans. Aber
die zeitliche Entfaltung löst die Paradoxie der Gleichzeitigkeit von Innen und Außen auf.
Auch hier beobachtet sich die Systemtheorie wieder selbst, denn auch sie ist eine Form der Beobachtung zweiter Ordnung. Luhmann beansprucht die Beobachtungsunterscheidung "System/Umwelt" ja nicht als Prinzip, sondern erkennt durchaus das Beobachten mit anderen Unterscheidungen an,
etwa die Leitunterscheidungen "Arbeit/Kapital" bei Marx oder "kommunikatives/strategisches Handeln" bei Habermas. Selbstverständlich kann man also die Gesellschaft auch anders beobachten und beschreiben - „die gesamte Tradition hat dies getan" (SoSy, 593). Die Frage ist nur, welche blinden Flecken man dann in Kauf nimmt.
Luhmann erweitert das "Ich sehe was, was du nicht siehst" zum "Ich sehe, dass ich selbst nicht alles sehen kann, wenn ich sehe, was du nicht siehst". Man kann die Systemtheorie daher auch als eine Anleitung zum Beobachten betrachten: Sie trainiert die Wahrnehmung von Differenzen und Relativität.
Christian Schuldt
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