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SchultSystemtheorie20
20 Systemtheorie: Grundriss eines Labyrinths
Jetzt geht es ans Eingemachte: Wurde bislang die Peripherie der Systemtheorie erkundet, sollen nun die vielschichtigen Verzweigungen des Luhmannschen Differenzdenkens sichtbar gemacht werden. Es gilt, einen Weg durch das labyrinthische System der Systemtheorie zu bahnen und eine Art Kartografie seiner wichtigsten Schneisen und Kreuzungen zu erstellen.
20 Soziale Systeme: "Inseln geringerer Komplexität"
29 Psychische Systeme: Die das Denken denken
Luhmanns universalistischer Ansatz macht es möglich, dass alle Aussagen über "Systeme im Allgemeinen" auch auf Maschinensysteme, organische Systeme, soziale und psychische Systeme zutreffen - ohne dass dabei die Differenzen zwischen den Systemarten verwischen. So operieren etwa soziale und psychische Systeme mit dem Medium Sinn, Maschinen und Organismen dagegen nicht.
In kritischer Anknüpfung an Talcott Parsons' strukturell-funktionalistische Systemtheorie stellt Luhmann dafür die Begriffe Struktur und Funktion um: Seine „funktional-strukturelle“ Systemtheorie konzentriert sich nicht mehr auf Kausalzusammenhänge von Ursache und Wirkung, sondern auf funktionale Analysen, auf Problemlösungen und Probleme. Die Frage lautet also nicht mehr: Wie kann die Bestandserhaltung von Systemen gesichert werden? Sondern: Welche Funktionen erfüllen bestimmte Systemleistungen, und durch welche gleichwertigen Funktionen können sie ersetzt werden? Dieser "Äquivalenzfunktionalismus", der Vergleich von alternativen Lösungen eines Ausgangsproblems, führt zu faszinierenden Einsichten.
Boe: vgl. Äquivalenzfunktionalismus: Peter Fuchs Erkenntnistheorie: "der Begriff des Systems, der zwar immer schon als Begriff eines Unterschiedes ventiliert wurde (System und Umwelt), jetzt aber als Einheit einer Differenz begriffen wird, ein Vorgang, der sich darin ausdrückt, daß das ‚und‘ zwischen System und Umwelt ersetzt wird durch die Barre ‚/‘ des terms: System/Umwelt."
In diesem Kapitel soll es darum gehen, den Aufbau der Systemtheorie selbst zu durchleuchten, und das beginnt beim obersten Bezugspunkt systemtheoretischen Denkens: Komplexität. Oder genauer: Weltkomplexität. Was bedeutet Komplexität? Ganz grundsätzlich ist etwas dann komplex, wenn es mehr als zwei Zustände annehmen kann. Schon das Kochen eines Eis ist damit eine ziemlich komplexe Sache.
Die absolute Obergrenze ist die Komplexität der Welt: Alles, was möglich ist, ist nur möglich in der Welt. Ein "Außerhalb" der Welt gibt es nicht: Die Welt kann nicht überschritten werden und hat keine Um-Welt, gegen die sie sich abgrenzt.
Soziale Systeme übernehmen nun die Funktion, die unbestimmbare Komplexität der Welt "behandelbar" zu machen, und zwar durch Reduktion von Komplexität. Soziale Systeme, das ist einer der springenden Punkte der Systemtheorie, reduzieren Komplexität, indem sie zwischen der unbestimmten Weltkomplexität und der menschlichen Möglichkeit zur Komplexitätsverarbeitung vermitteln.
Boe: LuhmannGG1142: Die Letztfundierung in einem Paradox gilt als eines der zentralen Merkmale postmodernen Denkens. Die Paradoxie ist die Orthodoxie unserer Zeit.
Zentral für den Systembegriff ist dabei die Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen System und Umwelt. Man könnte auch sagen, er ist mit ihr identisch, schließlich kann ein System immer nur ein System im Unterschied zu seiner Umwelt sein - die wiederum erst durch das System selbst definiert wird. Systeme reduzieren also nicht nur die Komplexität der Welt, sondern "erschaffen" sie auch. Denn komplex ist die Welt ja nicht an sich, sondern nur aus der Perspektive von Systemen, die diese Komplexität wahrnehmen und reduzieren wollen.
Diese "Portionierung" der Weltkomplexität gelingt sozialen Systemen, indem sie Möglichkeiten ausschließen: Im System können nicht alle möglichen Ereignisse oder Zustände auftreten. Im Gegenteil: Das meiste wird ausgeschlossen. Deshalb bilden soziale Systeme nach Luhmann "Inseln geringerer Komplexität“ ("Soziologische Aufklärung I", 116) im diffus-komplexen Weltmeer. An der Grenze zwischen System und Umwelt herrscht also ein Komplexitätsgefälle: Die Umwelt ist stets komplexer als das System, und das System ist stets "geordneter" als seine Umwelt.
Im Falle sozialer Systeme bewahrt dieser Ausschluss von Möglichkeiten alle Beteiligten im Alltag vor bösen Überraschungen. So wird es in einer Techno-Disco kaum passieren, dass der DJ plötzlich Volksmusik auflegt; ebenso unwahrscheinlich ist es, dass eine Supermarktkassiererin plötzlich zu feilschen beginnt, oder dass in einer Vorlesung über die Systemtheorie nur noch Kritische Theorie gelehrt wird.
Soziale Systeme schaffen Erwartungsstrukturen, die Komplexität kanalisieren.
Um Komplexität reduzieren zu können, müssen Systeme zunächst einmal selbst über Komplexität verfügen. Erst ein gewisses Maß an Eigenkomplexität erlaubt es ihnen, auf Veränderungen in ihrer Umwelt zu reagieren und den eigenen Fortbestand dynamisch zu sichern. Je komplexer das System, desto mehr Reaktionsmöglichkeiten hat es. Hier zeigt sich erneut der selbstreferenzielle Bau der Systemtheorie: Erst ihr komplexes Design macht es ihr möglich, Weltkomplexität zu beobachten und zu reduzieren.
22 Interaktion, Organisation, Gesellschaft: Artenvielfalt sozialer Systeme
Gemäß der bereits erwähnten „Unsichtbarmachung“ von Ausgangsparadoxien klammert die Systemtheorie die Frage nach einem Ursprung sozialer Systeme aus. Woraus soziale Systeme dagegen bestehen, lässt sich genau sagen: aus Kommunikationen. Hier setzt sich Luhmann von der gesamten philosophischen und soziologischen Tradition ab, die stets Menschen als kleinste Einheiten des Sozialen sah. Luhmann dagegen beschreibt soziale Systeme als Kommunikationssysteme: Die einzelnen Elemente sind Kommunikationen, die fortwährend aneinander anschließen und damit das System am Laufen halten.
Luhmann unterscheidet drei Grundtypen sozialer Systeme: Interaktionssysteme, Organisationssysteme und Gesellschaftssysteme. Am einfachsten lassen sich Interaktionssysteme charakterisieren. Sie entstehen immer dann, wenn sich Personen gegenseitig wahrnehmen. Ob bei einem Bewerbungsgespräch oder im Wartezimmer einer Arztpraxis - Interaktionssysteme bilden sich, sobald wechselseitige Wahrnehmung herrscht. Wird sie beendet, etwa wenn die Beteiligten den Raum verlassen, hört auch das System auf zu existieren.
Organisationssysteme dagegen sind gekennzeichnet durch eine Mitgliedschaft, die an bestimmte Bedingungen geknüpft ist. So wird man erst dann Angestellter einer Firma, wenn man einen Arbeitsvertrag unterzeichnet hat, der bestimmte Verpflichtungen beinhaltet. Solche Mitgliedschaftsregeln erlauben es Organisationen, ungeheure Mengen von Interaktionen aufeinander abzustimmen und damit Abläufe wahrscheinlich zu machen, die in der Umwelt des Systems äußerst unwahrscheinlich sind. So wird es etwa wahrscheinlich, dass Angestellte pflichtgemäß zur Arbeit erscheinen, obwohl ihr organisches System von Zuständen gesteigerter Müdigkeit gepeinigt wird.
Der dritte Typus sozialer Systeme, das Gesellschaftssystem, nimmt eine Sonderstellung ein. Es ist ein "System höherer Ordnung", weil es alle Interaktions- und Organisationssysteme beinhaltet, ohne jedoch deren bloße Summe zu sein. Schließlich gibt es im Gesellschaftssystem eine Vielzahl von Kommunikationen, die weder in Interaktionssystemen noch in Organisationssystemen hervorgebracht werden. Die Gesellschaft ist die Gesamtheit aller Kommunikationen.
Andererseits ist "die" Gesellschaft ja zugleich ein Konstrukt: Die Gesellschaft gehorcht ja keinem "obersten Gebot", keiner Über-Einheit, sondern ist vielmehr die Summe ihrer Beobachtungen. Das erklärt auch den tautologisch anmutenden Titel von Luhmanns Hauptwerk "Die Gesellschaft der Gesellschaft", das die "Unsichtbarkeit" der Gesellschaft sichtbar macht: Über die Gesellschaft sprechen kann man nur über Themen, nur über Verweise auf Bestimmtes, auf beobachtbare Handlungen - zum Beispiel die Veröffentlichung eines weiteren Buches über Niklas Luhmann und seine Theorie der Gesellschaft.
24 Autopoiesis: Systeme als Selbstversorger
Soziale Systeme bestehen aus Kommunikationen, die an Kommunikationen anschließen und weitere Kommunikationen provozieren. Dieses selbstreferenzielle Grundmuster hat Luhmann mit einem ebenso zentralen wie schillernden Begriff umschrieben: Autopoiesis.
Das Kunstwort "Autopoiesis", eine Zusammensetzung aus den griechischen Begriffen autos (selbst) und poiesis (Schöpfung, Dichtung), wurde von dem chilenischen Biologen und Neurophysiologen Humberto R. Maturana geprägt. Die Grundlagen des Autopoiesis-Konzepts entwickelte Maturana bereits in den sechziger und siebziger Jahren zusammen mit Francisco J. Varela. Bei Luhmann ist der Begriff seit Anfang der achtziger Jahre prägend, voll zur Geltung kam er 1984 in seinem erstem Hauptwerk "Soziale Systeme", das die so genannte "autopoietische Wende" der Systemtheorie markiert.
Was ist Autopoiesis? Maturana und Varela bezeichneten damit eine Theorie alles Lebendigen, ein Organisationsprinzip, das für alle Lebewesen gilt. Alle lebenden Systeme - von der Amöbe bis zum Pottwal, vom Menschen bis zur Kakerlake - sind autopoietische Systeme: Sie erzeugen und erhalten sich selbst, indem sie die Komponenten, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und herstellen. So erzeugt eine Zelle auf molekularer Ebene ständig die Bestandteile, die sie zur Aufrechterhaltung ihrer Organisation benötigt: Proteine, Nukleinsäuren, Lipide usw. Durch ihre Zellmembrane grenzt sie sich als operierende Einheit gegenüber ihrer Umwelt ab - fertig ist das autopoietische Minisystem "Zelle".
Diese Geschlossenheit gegenüber der Umwelt ist, wie bereits erwähnt, ein zentrales Kennzeichen autopoietischer Systeme. Aufgrund ihrer Geschlossenheit beziehen sich autopoietische Systeme ausschließlich auf sich selbst, sie operieren gänzlich ohne In- und Output. Alles, was sie zur Erhaltung ihrer Organisation benötigen, produzieren sie selbst. Autopoietische Systeme sind Selbstversorger.
Zugleich sind autopoietische Systeme aber auch offene Systeme, denn sie haben ja Umweltkontakt und sind sogar hochgradig auf ihre Umwelt angewiesen. So gibt es einen regen Austausch von Energie und Materie zwischen Zelle und Umwelt. Das Entscheidende ist jedoch: Dieser Umweltkontakt wird eigenmächtig von der Zelle gesteuert. Das führt zu der paradoxen Erkenntnis, dass erst Geschlossenheit Offenheit ermöglicht. Autopoietische Systeme „handeln“ nach eigener Maßgabe, leben aber in einem bestimmtem Milieu, von dem sie zugleich abhängig sind. Sie sind autonom, aber nicht autark.
25 Diese sagenhafte Selbstherstellung (Autopoiesis) vollziehen autopoietische Systeme, indem sie sich selbstreferenzieller Techniken bedienen - Selbstbeobachtung, Selbstbeschreibung und Selbstvereinfachung.
Diese Begriffe werden im Folgenden näher betrachtet. Vorerst soll noch einmal festgehalten werden, dass Luhmann mit dem Import des neurobiologischen Autopoiesis-Konzepts die soziologische Theorie auf eine völlig neue Ebene gehoben hat: Es handelt sich um einen so genannten „Paradigmenwechsel“ in der Systemtheorie. Eben deshalb ist "Soziale Systeme" auch Luhmanns erstes Werk, das er selbst nicht mehr zur "Nullserie der Theorieproduktion" (Auw, 142) zählte.
25 Selbstorganisation: Mit Strukturen auf Touren
Die Übertragung des Autopoiesis-Konzepts von organischen auf soziale Systeme - und, wie noch ausführlicher gezeigt wird, auf psychische Systeme - wirft eine Vielzahl von Fragen auf. Eine entscheidende wurde bereits geklärt, nämlich aus welchen Elementen soziale Systeme bestehen: aus Kommunikationen. Menschen kommen dabei allenfalls in der Umwelt sozialer Systeme vor, schließlich ist Kommunikation nicht das Produkt von Menschen, sondern von sozialen Systemen. Ohne Menschen, das heißt ohne psychische Systeme wäre das zwar nicht möglich, dennoch gilt: Nur die Kommunikation kann kommunizieren.
Eine weitere Frage lautet: Wie vollzieht sich die Autopoiesis sozialer Systeme, wie kommen Kommunikationssysteme "auf Touren", bilden sich aus und entwickeln sich weiter? Wie gesehen, können Systeme ihre Umweltkomplexität erst reduzieren, wenn sie eine gewisse Eigenkomplexität ausgebildet haben. Dies gelingt sozialen Systeme, indem sie die Ereignisse, aus denen sie bestehen, und die vom einen Moment zum nächsten wieder verschwinden, verknüpfen: Sie bilden Prozesse und Strukturen.
Strukturen reduzieren Komplexität, indem sie die Anschlussmöglichkeiten, die im System zugelassen sind, einschränken: Sie sorgen dafür, dass die Autopoiesis des Systems nicht durch beliebige, sondern nur durch bestimmte Elemente - im Falle sozialer Systeme durch Kommunikationen - fortgesetzt werden kann. Einige Anschlusskommunikationen werden dann wahrscheinlicher, andere unwahrscheinlicher, wieder andere werden komplett ausgeschlossen. In diesem Sinne sind die Strukturen sozialer Systeme Erwartungsstrukturen: Sie treffen eine Art Vor-Auswahl und garantieren so die Anschlussfähigkeit von bestimmten Elementen.
Ähnliches leisten Prozesse auf komplementäre Weise. Während Strukturen bestimmte Möglichkeiten ausschließen, wählen Prozesse passende Anschlussmöglichkeiten aus. Strukturen bilden sich über Exklusion, Prozesse über Inklusion. Eine besondere Rolle spielt dabei die Verzeitlichung der Elemente: Kommunikationen erscheinen als zeitlich fixierte Ereignisse, die Anschlussereignisse provozieren und damit die Autopoiesis des Systems am Laufen halten.
So erzwingt das kommunikative Ereignis "Wie geht's?" ein kommunikatives Anschlussereignis, und sei es in der Form des demonstrativen Nichtanschließens bzw. Nichtantwortens. Aber: Selbst eine Allerweltskommunikation wie die Frage "Wie geht's?" hat nicht in jedem sozialen System gleiche Chancen auf Erfolg, auf Anschlusskommunikation. Wenig wahrscheinlich wäre sie zum Beispiel im System der Massenmedien aus dem Munde einer „Tagesschau“-Sprecherin.
Die Autopoiesis sozialer Systeme führt also zu Prozessen und Strukturbildungen, die selbstorganisatorisch gesteuert werden. Der Begriff Selbstorganisation verdeutlicht, dass soziale Systeme ausschließlich nach ihrer jeweiligen Eigenlogik auf Umweltveränderungen reagieren.
So würde das Organisationssystem „Deutscher Fußball Bund“ sicherlich anders auf einen WM-Titelgewinn der deutschen Mannschaft reagieren als das Organisationssystem "Zeugen Jehovas" oder das Interaktionssystem Hooligan-Bande. Aber, und damit ist bereits der nächste wichtige Trakt im Palast der Systemtheorie erreicht: Alle sozialen und alle psychischen Systeme reagieren auf ihre Art "sinnvoll".
27 Sinn-voll: Soziale und psychische Systeme
Autopoietische Systeme sind selbstreferenziell geschlossene Systeme. Wie aber kombinieren sie diese Geschlossenheit mit ihrer Umweltoffenheit? Indem sie Sinn verwenden. Diese Aussage mag auf den ersten Blick wenig „Sinn“ machen, andererseits ist dieser Sinn der Systeme auch kein Sinn im alltäglichen oder psychologischen Sinne. Im Systemtheorie-Slang bezeichnet Sinn die grundlegende Ordnungsform menschlichen Erlebens, nämlich die Bedeutung, die etwas für einen Beobachter hat.
Die Verwendung von Sinn ist eine Grundoperation der Systemtheorie. Alles Erleben und alles Handeln sozialer und psychischer Systeme erfolgt nach Sinnkriterien.
Boe: Fuchs Allgemeine Theorie von Sinnsystemen - ATS
Alle anderen Systemtypen, etwa Lebewesen oder Maschinen, können mit Sinn nichts anfangen. Für soziale und psychische Systeme hingegen ist Sinn der gemeinsame Nenner. Das bedeutet nicht, dass beide Systemformen sich überschneiden würden. Aber die gemeinsame Verwendung von Sinn ermöglicht eine Art gegenseitiger Durchdringung und macht beide Seiten besonders leistungsfähig. Dieses symbiotische Phänomen der „strukturellen Kopplung“ wird im Anschluss noch näher beschrieben.
Abstrakt definiert ist Sinn die Unterscheidung von Aktualität und Potenzialität, oder genauer: das Prozessieren von Informationen anhand der Differenz aktuell/potenziell. Der Letzthorizont allen Sinns ist dabei die Welt. Sie verhält sich zu Sinn wie die Umwelt zum System, als unbestimmter Begriff für alles Gegenüberstehende.
Soziale und psychische Systeme sind mit nichts anderem beschäftigt als mit dem fortlaufenden Neuarrangieren dieser Unterscheidung von Aktuellem und Möglichem. So hat ein Gespräch immer ein aktuelles Thema, das aus der Masse der Möglichkeiten ausgewählt ist, und das Wechseln, Ändern, Forcieren der Themen folgt den jeweils durch Aktualisierung geöffneten Möglichkeitsspektren. Die Äußerung „Soziale Systeme operieren sinnvoll“ eröffnet etwa einen Spielraum möglicher Anschlüsse wie „Was ist denn überhaupt sinnvoll?“ oder „Psychische Systeme aber auch!“ Die jeweils nicht gewählten Anschlüsse bleiben als Möglichkeiten erhalten und können ihrerseits später aktualisiert werden.
Weil jede Auswahl aus dem Meer der Möglichkeiten eine weitere, anschließende Aktualisierung aus dem geöffneten Möglichkeitsspektrum nach sich zieht, ist das Medium Sinn insbesondere in zeitlicher Hinsicht von Bedeutung. Sinn prozessiert Kommunikationen und provoziert dabei wie in einer Dominokette aktuelle Ereignisse, die verschwinden und durch neue ersetzt werden müssen. Jede Kommunikation schließt an eine vorige an und zieht, als aktuelle Auswahl einer Möglichkeit, eine weitere Anschlusskommunikation nach sich, die ihrerseits eine Auswahl ist und einen neuen Möglichkeitsraum öffnet, aus dem wiederum ausgewählt wird. Die Tatsache, dass alles nur als aktuelle Auswahl einer Möglichkeit Sinn hat, macht Sinn zu einem Prozess, der sich, wie eine Bugwelle der Bedeutung, selbst nach vorne treibt.
So entfalten soziale Systeme ihre Autopoiesis über sinnverwendende Kommunikationsprozesse: Kommunikationen schließen aneinander an, differenzieren sich, bilden Strukturen - und ermöglichen es sozialen Systemen dabei zugleich, ihre eigenen Unterscheidungen wahrzunehmen, also selbstreflexiv zu werden. Ohne Sinn würde das in der Tat keinen Sinn machen: Soziale und psychische Systeme können gar nicht sinnlos operieren. Selbst die Aussage „Das ist doch sinnlos“ ist eine Auswahl einer Aktualität aus einem Möglichkeitsspektrum, die weitere Anschlüsse provoziert. Stoppt aber die fortlaufende Neuaktualisierung, etwa weil der Gesprächspartner aufgrund gesteigerter Sinnlosigkeitsgefühle den Raum verlässt, hört ein Sinnsystem auf zu existieren.
Diese Prozesshaftigkeit von Sinn zwingt Systeme zugleich zur Reduktion von Komplexität. Die Umwandlung in bestimmte Sequenzen macht die Komplexität der Umwelt behandelbar. Aber Sinn reduziert Komplexität nicht nur, er erhält sie zugleich, weil die Auswahl eines aktuellen Ereignisses stets einen Neuverweis auf weitere Möglichkeiten bereithält. Dieses zirkuläre Prozessieren macht Sinn selbst zum autopoietischen System.
29 Psychische Systeme: Die das Denken denken
Psychische Systeme haben eine einzigartige Gemeinsamkeit mit sozialen Systemen: Beides sind selbstreferenzielle, autopoietische Systeme, die sinnhaft operieren. Wie soziale und psychische Systeme sich gegenseitig als Umwelten erfahren und miteinander „interagieren“, wird im folgenden Abschnitt unter dem Stichwort „strukturelle Kopplung“ näher beschrieben. Jetzt geht es zunächst darum, die Autopoiesis des psychischen Systems bzw. des Bewusstseins zu bestimmen.
29 Bewusstsein ist nicht zu verwechseln mit dem Gehirn. Das Gehirn ist kein psychisches, sondern ein organisches System. Als solches bildet es für das Bewusstsein eine Umwelt, die für das Funktionieren des psychischen Systems unentbehrlich ist. Denken aber kann nur das Bewusstsein, so wie nur die Kommunikation kommunizieren kann, nicht aber der Mensch. Es ist unmöglich, von Gehirnprozessen auf Gedanken zu schließen oder in ein fremdes Bewusstsein hineinzuschauen.
Dennoch macht eine Eigenschaft des Gehirns, nämlich seine Geschlossenheit, die Operationsweise des Bewusstseins verständlicher. Die Hirnforschung zeigt, dass das menschliche Gehirn ein geschlossenes, selbstreferenzielles System bildet, das keinen direkten Zugang zu seiner Umwelt hat, auch nicht über seine Sinnesorgane. Wie kann das sein? Man sieht doch, was man sieht, und hört, was man hört! Das ist kaum zu bestreiten - allerdings wird das, was das Auge sieht, nicht vom Auge selbst, sondern vom Gehirn definiert: Augen, Ohren, Nase usw. transformieren Außenereignisse lediglich in neuronale Aktivitäten, die keine eindeutigen Zusammenhänge zwischen Innen und Außen erkennen lassen. Die Bezüge erstellt erst das Gehirn. An sich sind alle eingehenden Nervenimpulse gleichförmig, erst das Gehirn macht daraus dann eine Wahrnehmung als Sehen, Hören, Riechen.
Um diese Signale verarbeiten und verwerten zu können, muss das Gehirn, wie jedes komplexitätsreduzierende System, zunächst über Eigenkomplexität verfügen. Diese Eigenkomplexität des Gehirns zeigt sich schon rein quantitativ. Beim Menschen ist die Zahl der Nervenzellen, die rein systemintern tätig sind, weitaus größer als die Zahl der Nervenzellen, die mit der Aufnahme von Außenreizen beschäftigt sind: Das Verhältnis beträgt 100.000 zu 1.
Wahrnehmung ist also keine Widerspiegelung der Außenwelt, sondern eine systeminterne Konstruktion einer systemexternen Welt. Das Nervensystem konstruiert ein eigenes Bild der Umwelt, es bezieht sich ausschließlich auf sich selbst und kann mit seinen Nervenimpulsen keinen Umweltkontakt aufnehmen - wie sollte es auch, schließlich gibt es in der Umwelt ja keine Nerven, die diese Impulse aufnehmen und weiterleiten könnten.
Boe: vgl. Heinz von Foerster et al. vgl. Poerksen- Gewissheit
Luhmann beschreibt auch das Bewusstsein als selbstreferenziell-geschlossenes, autopoietisches System. So wie die Elemente sozialer Systeme Kommunikationen sind, sind die Elemente psychischer Systeme Gedanken. Und ebenso wie Kommunikationen erscheinen auch Gedanken als Ereignisse, die im Moment ihres Auftauchens wieder verschwinden und zur Aufrechterhaltung des Systems durch neue Elemente ersetzt werden müssen.
Dass sich diese Autopoiesis unter Verwendung des Mediums Sinn vollzieht, scheint ebenso einleuchtend wie im Fall sozialer Systeme.
Denkt man etwa an eine Rechnung, die noch bezahlt werden muss, erzeugt die Auswahl „Ich darf nicht vergessen, dass ich noch Brot kaufen muss“ aus dem Spektrum möglicher Gedanken sofort neue Auswahlmöglichkeiten und neue Gedankenaktualisierungen, etwa den Gedanken „Habe ich eigentlich noch genügend Butter da?“, der wiederum zur Folgeaktualisierung führen könnte: „Ich könnte ja auch auf Margarine umsteigen...“
Jeder kennt die Erfahrung, dass das Denken in ähnlicher Weise auch bei Gesprächen ganz eigensinnige Wege gehen kann. Der Professor doziert über Niklas Luhmanns Analyse des Liebescodes, und die psychischen Systeme der zuhörenden Studenten verarbeiten das Vorgetragene auf je eigene Art und Weise. Einer mag denken: "Was bringt mir das theoretische Gelaber, ich will Liebe leben!", ein Anderer: "Wenn der Liebescode bewirkt, dass sämtliche Idiosynkrasien des Partners zur Voraussetzung meines eigenen Handelns werden, warum nörgelt mein Partner dann immer an mir rum - liebt er mich nicht?" Interessant ist nun die Frage, wie psychische und soziale Systeme "interagieren", wie sie "strukturell gekoppelt" sind.
Schuldt Systemtheorie31
Christian Schuldt
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