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Wolf Singer |
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Seite 10: Wir Naturwissenschaftler sind durch die Eigendynamik unserer Forschung dazu gebracht worden, uns mit Fragen zu befassen, die traditionell von den Geisteswissenschaften behandelt worden. Hirnforscher können Fragen nach der Natur von Erkenntnis, Empfindung, Bewusstsein oder dem freien Willen nicht mehr ausweichen. Wenn Neurobiologen Wahrnehmungsprozesse erforschen und erkennen, wie konstruktivistisch und zugleich wenig objektiv unsere Wahrnehmungen sind, und wenn sich ferner erweist, dass dies auch für die Prozesse gilt, wie unserem Denken zu Grunde liegen - dann muss das für jemanden, der davon ausgeht, dass man durchnachdenken Alleinheit zu verlässlicher Erkenntnis vorstoßen kann, irritierend wirken. Sinnhaft konstruierte Gegenstände sind nur aus der Erste-Person-Perspektive erfassbar und scheinen sich dem naturwissenschaftlichen Zugriff zu entziehen, ähnlich wie das auch mentalen Phänomenen wie Empfindungen oder Bewusstsein unterstellt wird. Dennoch geraten diese nichtmateriellen Phänomene in den Blick der Naturwissenschaften. Nehmen wir zum Beispiel das Heranwachsen von Kindern: In der Biologie können wir lückenlos die Entwicklung vom Einzeller bis zum Embryo beschreiben, und die Hirnforschung kann nachvollziehen, wie sich nach der Geburt die kognitiven Strukturen eines Kindes an die reale Welt und an das kulturelle Umfeld anpassen und von ihr geformt werden. Am Ende kommt ein Wesen heraus, dass ab einem Alter von 3, 4 Jahren „Ich“ sagt, ein Bewusstsein und einen eigenen Willen entwickelt - Phänomene, die in der naturwissenschaftlichen Beschreibung eigentlich nicht mehr drin sind. Und dennoch ist die Evidenz zwingend dass auch sie letztlich auf Hirnfunktionen beruhen. Zur Erklärung der Emergenz sozialer Realitäten müssen lediglich zusätzlich Wechselwirkungen zwischen Gehirnen mitbetrachtet werden. Diese kommunikativen Prozesse, in denen sich kognitiven Systeme gegenseitig spiegeln und sich ihre selbst vergewissern, werden bisher in der Hirnforschung nur wenig thematisiert. Im Prinzip sollte dem jedoch nichts im Wege stehen, da die interpersonellen Realitäten, die dieser Diskurs hervorbringt, natürlich wieder von Gehirnen wahrgenommen und erinnert werden wie andere Objekte der Wahrnehmung auch. Dennoch gibt es zwischen unserem subjektiven Erleben und der wissenschaftliche Beschreibung der Hirnprozesse, die diesem Erleben zu Grunde liegen, derzeit unüberbrückbare Konflikte. Wir erfahren uns als freier mentale Wesen, aber die naturwissenschaftliche Sicht lässt keinen Raum für ein mentales Agens wie den freien Willen, das dann auf unerklärliche Weise mit den Nervenzellen Wechsel wirken müsste, um sich in Taten zu verwandeln. Der Konflikt ist in meinen Augen derzeit nicht lösbar. Die zwei komplementären Beschreibungssysteme existieren auch im Hirnforscher alltäglich nebeneinander. Ist die Vorstellung, frei zu sein, also nur ein illusionäres Konstrukt? Ich halte Sie für eine kulturelle Konstruktion. Sie ist, was ihren Einfluss auf unser Verhalten anlangt, ebenso real wie Glaubens- und Wertsysteme. Aber sie ist inkompatibel mit dem was wir über die Funktion unserer Gehirne gelernt haben. Und dennoch beruht die Vorstellung, frei zu sein, auf Vorgängen im gehören. Sie muss sich also irgendwann im Laufe der kulturellen Evolution ausgebildet haben. Seite 15 Da der Gedanke Folge neuronaler Prozesse ist, unterscheidet er sich natürlich von diesen. Dennoch gilt, dass unterschiedliche Gedanken verschiedene neuronale Aktivität musste zugrundeliegen. Ich glaube, das Problem kommt daher, dass wir Menschen zugleich Produkte einer biologischen und einer kulturellen Evolution sind.
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