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Das Ende des freien Willens?
Spektrum der Wissenschaft: Herr Professor Singer, war es ihr freie Wille, uns hier und jetzt ein Interview zu geben?
Wolf Singer: Ich fürchte nein,und die Bedingtheiten kennen Sie: Dem Gespräch gingen Telefonate voraus und dann gewisse kognitive Prozesse in meinem Gehirn, die letztlich dazu führten, dass sich zugesagt habe, das Interview zu führen.
Ihr Kollege, der Hirnforscher Gerhard Roth, hat unlängst in einem Interview die Behauptung gewagt, unsere freie Wille existiere eigentlich gar nicht und sei nur eine nützliche Illusion. Wie denken Sie darüber?
Die Frage des freien Willens ist eine der wichtigsten, die gegenwärtig an der Berührungfläche zwischen Natur- und Kulturwissenschaften diskutiert werden. Das Problem ist, dass wir als Naturwissenschaftler bei der Beschreibung unserer Forschungsobjekte stets aus der Dritte-Person-Perspektive urteilen: Untersuchungsgegenstand und Untersuchender sind nicht identisch. Bei der Suche nach den neuronalen Grundlagen psychischer Phänomene wie Bewusstsein oder freier Wille untersucht der Forscher sich jedoch selbst - betrachtet Phänomene aus der Dritte-Person-Perspektive, die er zugleich aus der Ich-Perspektive (Erste-Person-Perspektive) wahrnimmt.
Wo liegt das Problem?
Wir finden weder sinnhafte Zuschreibungen noch kulturelle Konstrukte in unserem Forschungsobjekt, dem Gehirn. Ich meine Phänomene wie Intentionalität, also das absichtsvolle Handeln oder eben den so genannten freien Willen. Denken Sie aber auch an soziale Realitäten wie zum Beispiel Wertsysteme! Diese Phänomene erschließen sich nur der subjektiven Erfahrung, gehören aber dennoch zu den erforschbaren Wirklichkeiten. Wir empfinden uns als „frei“, wir handeln auch danach, ja ziehen Menschen sogar zur Beantwortung, weil wir annehmen, sie seien frei. Diese Konzepte haben auch insofern den Status von Realitäten, als sie sehr wirksam sind. Sie bestimmen unser Handeln, bestimmen unser Rechtssystem, unsere Erziehungsweisen.
Leidet die Hirnforschung also an einer Art Messproblem?
An einem Problem der Unvereinbarkeit verschiedener Beschreibungs-systeme, würde ich sagen. Das ist mehr als ein Messproblem. Wir beschreiben die Phänomene, die ich gerade angesprochen habe in der subjektiven Erste-Person-Perspektive. Anders sind sie gar nicht fassbar. In der naturwissenschaftlichen Beschreibungsweise existieren diese Phänomene nicht.
Nur ich erlebe, dass ich etwas bestimmtes tun will, aber niemand anders…
Niemand anders außer ihnen. Zugriff auf die Empfindungen und Bewertungen des Gegenübers erhalte ich nur indirekt mithilfe eine Theorie des Geistes. Tiere können sich im allgemeinen nicht vorstellen, was im Kopf des anderen Tieres vor sich geht, wenn dieses sich in einer bestimmten Situation befindet. Selbst hoch entwickelte Tiere können diese nur dann, wenn das beobachtete Tier seine Stimmung zu erkennen gibt. Wenn Schimpansen einen Artgenossen in Wut sehen, dann wissen Sie: Jetzt ist er wütend. Aber wenn sie einen anderen Schimpansen stillsitzen sehen, der eine Spinne sieht und offenbar gar nicht darauf reagiert, dann können die sich nicht vorstellen, dass er Angst hat und nur deshalb ruhig sitzen bleibt, weil er vortäuschen will, keine Angst zu haben. Allein wir Menschen können solche Interpretationsleistungen erbringen. Nur wir können uns vorstellen, was im anderen Vorgehen könnte, wenn er sich in einer bestimmten Situation befindet. Wir sprechen von der Fähigkeit, eine Theorie des Geistes aufzustellen. Ich nehme an, dass sie so empfinden wie ich. Ich schreibe Ihnen Freiheit zu, weil ich sie selbst in der ersten Person empfinde, und ich beurteile sie entsprechend. Aber keinen der entsprechenden Inhalte bekomme ich aus der Dritte-Person-Perspektive zu fassen.
Was ist bei der Frage nach dem freien Willen das Kernproblem?
Das wesentliche Problem ist, dass wir annehmen, das Verhalten von ganz einfachen Organismen - glatt würde morgen oder Schnecken etwa - lückenlos im Rahmen unserer naturwissenschaftlichen Beschreibungssysteme erklären zu können. Das bedeutet, wir können verhalten auf neuronale Prozesse zurückführen.
Ist das denn schon Stand der Forschung?
Bei ganz einfachen Tieren - oder sagen wir besser: Nervensystemen - ist das schon fast möglich. Wir glauben zumindest, dass es prinzipiell möglich ist. Wir müssen dazu nur technische Probleme überwinden, die mit der Komplexität der Vorgänge und den Messinstrumenten zu tun haben.
Und wo liegt nun die Schwierigkeit?
Die Schwierigkeit liegt darin, dass wir unsere Evolutionstheorien für zutreffend halten und viele Hinweise dafür haben, dass sich die Herausbildung komplexer Organismen tatsächlich so vollzogen hat, wie es in Darwins Theorie dargestellt wird. Wir gehen also davon aus, dass bei der Evolution der Arten alles "mit rechten Dingen" zugegangen ist und dass sich die Ausbildung neuer, höherer Verhaltensleistungen ausschließlich der Entwicklung immer komplexerer Nervensysteme verdankt. Diese Entwicklung beruht wiederum ausschließlich auf Prozessen, die vollständig in der Dritte-Person-Perspektive beschreibbar sind. Mit anderen Worten: In der Kette von Ereignissen, die zur Ausbildung komplexer Organismen - letztlich zum Menschen - geführt hat, gibt es nirgends Sprünge. Ich muss keine Agenten postulieren, die in der wissenschaftlichen Dritte-Person-Perspektive nicht darstellbar wären. Und dennoch entstehen offenbar aus der Wechselwirkung der auf diese Weise entstandenen komplexen Organismen Phänomene, die nicht mehr in dem Beschreibungsystem vorkommen, dass erklärt, wie sich diese Organismen entwickelt haben. Der so genannte freie Wille ist dafür eines der faszinierenden Beispiele.
Andererseits verfügen wir Menschen aber doch über unser eigenes Erleben als Beschreibungsystem. Das eigene Erleben ist für uns selbstverständlich. Kein Mensch hält es für problematisch, dass er sich selbst erlebt und dass er ein Bewusstsein hat und dass er etwas Bestimmtes tun oder lassen will.
Genau in diesem individuellen Erleben erfahren wir uns als frei. Und daraus ergibt sich der Konflikt. Aus einem Entwicklungsprozess, der sich lückenlos aus der Dritte-Person-Perspektive mit naturwissenschaftlichen Termen beschreiben lässt, gehen Phänomene hervor, die in diesem Beschreibungsystem nicht mehr vorkommen. Letztere werden durch das subjektive Erleben erfasst und im zwischenmenschlichen Diskurs thematisiert. Und wie gesagt, es handelt sich auch hierbei um etwas Reales: um erlebbare soziale Realitäten.
Wolf Singer
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