Wolf Singer
Ein neues Menschenbild
Gespräche über Hirnforschung
Suhrkam 2003

Objektive Wissenschaft?

Singer 59: Unsere Wahrnehmungssysteme sind in hohem Masse interpretativ. Die Bilder, die sie erzeugen, stimmen nicht unbedingt mit physikalischen Gegebenheiten überein. Unser Gehirn erkennt zum Beispiel eine Rose im frühen Morgenlicht, mittags und abends gleichermassen als rot - obwohl sie wegen der unterschiedlichen Spektren des Lehtes zu jeder Tageszeit anders aussehen müsste. Das Gehirn opfert hier Objektivität aus gutem Grunde: Die vielen verschiedenen Farben der Rose würden das Erkennen des Unveränderlichen erschweren.

SPIEGEL: Trotzdem halten wir es für objektiv wahr, dass die Rose wächst und irgendwann verwelkt, dass sie Wurzeln hat, einen Stängel, Dornen und eine Blüte. Alles nur Einbildung?

Singer: Uns gilt es als Wahrheitsbeweis, wenn wir ausprobiert haben, ob eine Sache so funktioniert, wie wir sie voraussagen. In der Wissenschaft ist der Wahrheitsbeweis das Experiment. Ob wir die Dinge so beschreiben, wie sie wirklich sind, bleibt dabei offen. Alle naturwissenschaftlichen Beschreibungs-systeme kreisen um sich selber, weil sie zur Testung dessen, was sie voraussagen, wiederum ihre eigene Methode einsetzen.

SPIEGEL: Trotzdem ist unser angeblich so subjektiv deutendes Gehirn vermessen genug, selbst in der Quantenwelt und in der Welt der Galaxien, die direkter sinnlicher Erfahrung gar nicht zugänglich sind, von objektiver Wahrheit zu sprechen.

Singer: Ich glaube, das traut sich heute niemand mehr so recht.

SPIEGEL: Die Mehrheit der Physiker ist davon überzeugt, dass das, was sie entdecken, objektive Wahrheit ist. Dass, wenn man den Menschen auslöschen würde, trotzdem noch das Newtonsche Gesetz gelten wurde.

Singer: Es würde dann jemand, der wiederkäme, das gleiche Gesetz finden, wenn er sich den gleichen Vorgang anschauen würde. Das schon.

SPIEGEL: Woher nehmen wir den Mut, das anzunehmen?

Singer: Weil zum Beispiel die Satelliten, die wir ins All schicken, genau das tun, was wir vorher berechnet haben. Aber es wird Ihnen auch jeder Physiker konzedieren, dass es zurzeit im ganz Grossen wie im ganz Kleinen Probleme gibt, für die wir keine Lösung sehen. Und dass selbst dann, wenn sie gelöst werden sollten, wir möglicherweise zu unbegreiflichen Aussagen kommen. Oder können Sie sich ein Universurn vorstellen, das sich in einen grenzenlosen Raum ausdehnt, in dem es möglicherweise noch andere Universen gibt, die aus einem Urknall hervorgegangen sind? Dass man mit solchen Theorien etwas erfassen würde, was im Kantschen Sinne die nicht weiter hinterfragbare absolute Wahrheit wäre, das traut sich niemand zu behaupten.

Seite 72: Das Gehirn interpretiert. Es wäre sicher falsch, Wahrnehmung als einen passiven Abbildungsprozess zu verstehen. Wir wissen, dass der Wahrnehmung Vorgang ein aktiver Prozess ist, wobei die Interpretationsregeln in der Architektur des Gehirns verankert sind. Die Art,wie wir Welt sehen, ist determiniert durch die Struktur unserer Gehirne, die vermutlich auch anders hätte ausfallen können. Wir hätten vielleicht nie nach kausalen Wechselwirkungen in der Umwelt oder nach dem Fluss der Zeit gesucht, wenn unsere Gehirne anders wären. Bei der Gewinnung von Erkenntnis bewegen wir uns in einem System, das immer nur auf der Basis von Informationen die Welt beschreiben kann, die durch unsere Sinnesorgane vermittelt sind. Wir sind gefangen im Regelwerk unseres Gehirns, das Relationen zwischen Ereignissen herstellt. Erkennen beruht immer darauf,dass man Bezüge zwischen Phänomenen erzeugt, die zunächst isoliert und ungeordnet sind. Dass wir das geradeso tun, wie wir dies tun, hängt mit der Architektur des Gehirns zusammen, die ist, wie sie ist. Und dass sie so ist, hat Gründe, die man zum Teil verstehen kann, wenn man darwinistischen Überlegungen folgt. So lässt sich zum Beispiel der Mechanismus angehen, der bewirkt, dass wir gleichzeitig auftretende Ereignisse versuchen, miteinander in Verbindung zu bringen. Aber es kommen auch andere Ordnungsprinzipien existieren, die wir bislang noch nicht erfasst haben.

Dann gäbe es aber doch wieder eine Art der Geschlossenheit, die sich insbesondere auf die Hirnforschung auswirken würde, also wenn Hirne sich selber untersuchen und gefangen sind in Ordnungsbildungen, mit denen sie fast apriorisch sich selbst zu erklären suchen. Gibt es denn, wenn man dies einmal akzeptiert, auch Überlegungen in der Hirnforschung, wie man eventuell solche blinden Flecke entdecken und ausschalten kann?

Es gilt nicht nur für die Hirnforschung, sondern für die Wissenschaft im allgemeinen, dass wir gefangen sind in den Beschreibung Systemen, in denen wir unsere Theorien und Modelle abbilden. Das war immer schon so, und das wird auch in alle Zukunft so sein. Nachdem wir physikalische Wechselwirkungen in der unbelebten Umwelt und die Prozesse im Gehirn mit dem gleichen Verfahren untersuchen, unterliegen den Neurowissenschaften genau den gleichen erkenntnistheoretischen Einschränkungen wie die anderen Wissenschaftsdisziplinen. Wir beschreiben im Rahmen von Beschreibungssystemen, wir modifizieren sie, wenn wir auf Inkonsistenzen stoßen, aber wir können nicht für uns in Anspruch nehmen, dass wir damit Wahrheit im philosophischen Sinne zu Tage befördern. Wenn das so wäre, müsste es Zweige in der Wissenschaft geben, die abgeschlossen sind. Wir stellen hingegen aber fest, dass wir immer wieder Paradigmenwechsel durchmachen, unsere Beschreibungssysteme modifizieren und oft auch sehen, dass uns unsere Primärerfahrung getäuscht hat. Aber auch die Evidenz dieser Täuschungen erlangen wir natürlich wieder mit Hilfe von Geräten, die wir entwickelt und unseren Sinnes Systemen angepasst haben, um Zugang zu Phänomenen zu bekommen. Wir sind in diesem zirkuläre Prozess gefangen und werden uns auch durch Fortschritt nicht aus diesem befreien können.







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