Eberhard von Goldammer – Joachim Paul
in: Gotthard Günther Das Bewusstsein der Maschinen
Agis Verlag, 2002



17
...dass man nicht gewillt war, einen Unterschied zu sehen bei der Beschreibung der gegenständlichen Welt, das heißt den „bona fide“ Objekten der Physik, und den mentalen Prozessen wie Denken, Lernen, Wahrnehmen, usw. als Objekte der wissenschaftlichen Beschreibung.

Günter weist zwar immer wieder auf diesen Umstand hin, aber offensichtlich ist das Denken in Gegenständen bei vielen heute noch so tief verwurzelt, dass kaum bemerkt worden ist, dass auch in den Naturwissenschaften nicht gegenständlich, sondern in Relationen von Begriffen gedacht wird.

Wenn aber über das Denken selbst nachgedacht werden soll, dann denkt man über „Relationen von Relationen von Relationen von Begriffen“ nach, und das muss zwangsläufig zu einer höheren Komplexität der Beschreibung und somit zu einem erweiterten Formalismus der Logik und Mathematik führen.

Mit anderen Worten, in der Physik macht es wenig Sinn, von distribuierter Subjektivität oder von Identitätswechseln zu sprechen, denn es muss wohl kaum betont werden, dass hier nicht um stoffliche Distribuiertheit oder von stofflichen Identitätswechseln die Rede ist, schließlich ist ein Elektron ein Elektron ein Elektron. Obwohl also distribuierte Subjektivität der Kommunikation usw. von zentraler Bedeutung sind, lassen sie sich im Sprachrahmen monokontextualer Logikkonzeptionen nicht widerspruchsfrei darstellen.

20
Macykonferenzen: Kybernetik

vordergründig betrachtet wurde hier die Keimzelle für die Verbreitung eines neuen Begriffes geschaffen, dessen wissenschaftlicher Gegenstand das Wirkgefüge in biologischen und sozialen Systemen ist.

Eine neue Kultur des wissenschaftlichen Denkens und Handelns.

Boe: Systeme – Wirkgefüge - Handlungsprozesse

Handlungsprozesse erfordern - ebenso wie Erkenntnisprozesse - immer Subjekte, die handeln beziehungsweise erkennen. Schon W.Ross Ashby stellt diesen Umstand in seinem Werk „Design for a Brain“ unmissverständlich klar in dem Satz „This knowledge of personal awareness, therefore, is prior to all other forms of knowledge.”

Es wird klar, dass die Kybernetik hier, entgegen den etablierten Naturwissenschaften -, das erkennende und handelnde Subjekt ausdrücklich in den Bereich der Wissenschaft mit einbezieht. Die Kybernetik stellt den einzigen nennenswerten Versuch des 20. Jahrhunderts dar, eine methodische Metawissenschaft zu etablieren, in der die Trennung zwischen den Geisteswissenschaften und den sui generis subjektlosen Naturwissenschaften aufgehoben ist.

In Konsequenz dessen greift ihr Anspruch, der auch ein Anspruch des technischen Handelns via Konstruktion ist, schon sehr früh hinter die biologische Fragestellung – „Was sind die biologischen Voraussetzungen des Erkennens?“ - hinein in das Formale: „Was sind die formalen Voraussetzungen für die Beschreibung des Erkennensprozesses?
Hierfür stehen insbesondere zwei Veröffentlichungen von Warren McCulloch aus den Jahren 1943 und 1945.

22
…dokumentiert McCulloch seine Entdeckung der operationellen Geschlossenheit, der Singularität neuronaler Topologien, und stellt fest, dass diese im Sprachrahmen der klassischen Logik nicht mehr widerspruchsfrei zu thematisieren sind.

Günther schreibt hierzu 1979: obwohl die zwei Werte der Grundoperation des tradierten begrifflichen Denkens, nämlich die Negation, ein streng symmetrisches Umtauschverhältnis darstellt, tendieren wir dazu, in dem Verhältnis von designierender Positivität und designationsfreier Negativität ein Rangverhältnis zu sehen. Das führt zu einer hierarchischen Struktur aller theoretischen Reflexion.

Die berühmteste, fraglos akzeptiert der Demonstration dieses Vorurteils ist die jahrtausendealte platonische Begriffspyramide, (genus proximum und differentia specifica) regelt. Mit diesem Denkschema hat man sich in der abendländischen Geistesgeschichte bislang zufriedengegeben. Demgegenüber aber fand der Neurologe McCulloch, dass die Neuronen des Gehirns dieses Vorurteil nicht teilen und zulassen, dass ihre Aktivität unter bestimmten Bedingungen auch zyklischen Gesetzen unterliegt. Daraus resultiert eine logische Struktur, für die McCulloch den Terminus Heterarchie (Nebenordnung) prägte.

24
…unterzieht Günther die der Logik zu Grunde liegende abendländische Ontologiekonzeption einer eingehenden strukturellen Analyse. In der eben nicht in die Affirmation zurückzuführenden zweiten Negation Hegels stellt sich heraus, dass die bisherige Ontologie strukturell zu arm ist, um den Relationenreichtum der Wirklichkeit auch nur annähernd abzubilden.
Die Verschiebung des Fokus der Betrachtung von den ontischen Relationsgliedern Subjekt und Objekt hin zu den Relationen selbst wird von Günter konsequent fortgeführt. Ihm gelingt es, die Ansätze zu einer neuen formalen Struktur aufzuzeigen und diese zunächst zu einem Stellenwertsystem auszubauen, indem mehrere sogenannte logische Domänen einander vermittelt sind.

Polykontexturallogik:
29
Zur Theorie polykontexturaler Systeme:
die strukturellen Voraussetzungen einer Theorie lebender Systeme

Da ist zunächst die These, dass sich lebende Systeme durch ihre kognitiven Fähigkeiten auszeichnen:

Lebende Systeme sind kognitive Systeme, und Leben als Prozess ist ein Prozess der Kognition. Diese Aussage gilt für alle Organismen, ob diese ein Nervensystem besitzen oder nicht. (Maturana/Varela)

Diese Aussage wird noch ergänzt durch die Feststellung, lebende Systeme nicht nur autonom, sondern darüber hinaus auch noch organisatorisch geschlossen seien:

Closure theory: Every autonomous system is organizationally closed…organizational closure is to describe a system with no input and no output.(Varela)

30
Was hat man sich unter Geschlossenheit vorzustellen?
Zunächst benötigen wir eine Arbeitshypothese, die uns eine Definition liefert über den Prozess der Kognition. Hier bietet sich eine kybernetische Definition geradezu an:

Ein kognitive System ist ein lebendes (oder technisches) System, welches in der Lage ist, zwischen sich und seiner Umgebung (aus eigener Leistung ) eine Unterscheidung treffen zu können .
(Günther – Bateson)

32
Selbstreferenz
Geschlossenheit - Zirkularität des Prozesses vom Standpunkt des kognitiven Systems aus.
Dabei hat Geschlossenheit nichts, auch gar nichts mit geometrischer oder allgemein mit materialer Geschlossenheit zu tun, sondern mit der Selbstrückbezüglichkeit, der Selbstreferentialität, welche für diesen Prozess der Kognition und, um es ihr gleich vorwegzunehmen, für alle mentalen Prozesse charakteristisch ist. Selbstreferentialität führt zwangsläufig zu logischen Antinomien und Ambiguitäten - das ist eines der zentralen Probleme bei der mathematisch -logischen Beschreibung dieser Prozesse.

41
Erkennen und Wollen
In der Aussage2 („Lebende Systeme sind kognitive Systeme, und Leben als Prozess ist ein Prozess der Kognition. Diese Aussage gilt für alle Organismen, ob diese ein Nervensystem besitzen oder nicht“.(Maturana/Varela)) wurde Leben mit Kognition gleichgesetzt. Eine derartige Definition für Leben ist nur dann gerechtfertigt, wenn man davon ausgeht, dass auch Pflanzen zu den lebenden Systemen gezählt werden müssen. Da diese Aussage von Biologen stammt, kann man davon ausgehen, dass sie dieses im Sinne hatten.

Für höhere Lebewesen wie Tiere oder Menschen, also für alle Lebewesen, die sich fortbewegen können, ist eine derartige Definition von Leben zu kurz gegriffen, denn es fehlt der Wille (Volition).

Es ist beinahe schon verräterisch für den Zustand einer Gesellschaft, in welcher der Begriff des Subjekts von Soziologen abgeschafft und durch den Begriff System ersetzt wird, gleichzeitig eine biologische Terminologie kritiklos in die Gesellschaftswissenschaft eingeführt und dabei übersehen wird, dass kognitive Prozesse ohne volitive Prozesse einfach nicht denkbar sind. Beide Prozesse bedingen sich wechselseitig. Eine Theorie des Handelns ist ohne eine Theorie der Subjektivität, eine Theorie des Erkennens oder eine Theorie der Qualitäten nicht denkbar.

42
Es wurde gezeigt, dass Sensorik und Motorik sich wechselseitig bedingen. Heute gehört dies zum Standardwissen der Physiologen und ist unumstritten. Was jedoch offen bleibt, ist die Frage nach der Struktur einer solchen Prozessualität, denn wenn sie nicht hierarchisch beschreibbar ist, dann kann sie nur heterarchisch sein oder sich als ein Wechselspiel von heterarchischen und hierarchischen Prozessen manifestieren.

Die KI-Forschung interessiert sich aber immer noch nicht für diese Problematik. Alle algorithmisch darstellbaren Prozesse (lassen sich) in einem Turingschen Funktionsschema aufschreiben, und das bedeutete nichts anderes als eine sequenzielle Abfolge der einzelnen Schritte dieser Prozesse. Nun ist aber die Struktur aller sequenziellen Prozesse streng hierarchisch, das ist sozusagen die Hierarchie schlechthin. Auf den heutigen Computern sind mithin also nur - und das kann gar nicht genug betont werden - hierarchisch strukturierte Prozesse modellierbar. Damit sind nicht nur die heutigen Computer, sondern es ist vor allem die gesamte Konzeption der TuringMaschine und mit ihr der Begriff des Algorithmus, für eine Modellierung und Simulation kognitiver und volitiver Prozesse prinzipiell nicht geeignet. Die Tatsache, dass kognitive und volitive Prozesse sich wechselseitig bedingen, dass man sie nicht einzeln, nicht separat behandeln kann, dies alles hat sich in der KI-Forschung bis heute noch nicht herumgesprochen.


Umschrift Material


HOME