Helmut Willke
Heterotopia
Studien zur Krisis der Ordnung moderner Gesellschaften
Suhrkamp 2003

Willke-Hetero7

Heterotopia bezeichnet eine Welt, die aus der Selbsthypnose einer nationalstaatlich organisierten Hyperordnung erwacht und sich nun in einer anderen Realität wieder findet. Dieser ist von den Zumutungen der hochgetriebenen Kontingenzen Atopias ebenso geprägt wie von den symbolischen Verwerfungen Dystopias, aber sie ist darüber hinaus eine Welt, deren Ordnung als Ordnung grundlegend erschüttert ist.

In Atopia beschreibe ich die Auflösung der Sicherheit einheitlicher und abgrenzbarer Territorien in den Weiten entterritotialisierter Weltsysteme. Dem folgt in Dystopia die Auflösung der Sicherheit eines vom Nichtwissen gewiss abgrenzbaren Wissens. Heterotopia wendet sich eine erschreckenderen Verunsicherung zu: der Auflösung der Ordnung.

Die drei Bände der Trilogie finden ihren Zusammenhang darin, dass sie die Auflösung grundlegende Gewissheiten der Moderne als Abschied von der ebenso grandiosen wie grotesken Idee des souveränen Nationalstaates beschreiben. Die Ordnung der Territorien, die Ordnung des Wissens und die Ordnung der Ordnung national staatlich organisierte Gesellschaften steht auf dem Spiel. Aber während selbst noch das postmoderne Denken eine neue Ordnung gegen die drohende Unordnung sucht, um zumindest in der Ordnung der Dinge einen Halt zu finden, sieht atopisches Denken in den Verwerfungen Dystopias die Herausforderung, Heterotopien nichts zu bekämpfen und auf Einheit zurecht zu stutzen, sondern sie als kostbare Kontingenzen zu begreifen.

Die Grundidee Heterotopias ist, mit kunstvoll aufgebauten Indifferenzen gegenüber Unterschieden die Zwänge zu Einheit und Ordnung zu mildern und genau darin die Freiräume zu schaffen, die es ermöglichen, mit den hochgetriebenen Kontingenzen Heterotopias umzugehen.

Neben vielem anderen setzt dies voraus, dass die Menschen als Mitglieder moderner Gesellschaften das Ungeheure in der Ordnung genauso fürchten lernen wie das Ungeheure in der Unordnung. Die Kosten der Hyperordnung einer auf feste Territorien verteilten Staatenwelt haben alle Schrecken und Tragödien der Alten übertroffen. Die Hypokrisien einer unerschütterlichen Ordnung des Wissens haben die Misere der Ignoranz nur gesteigert, und der Horror vor der Unordnung als Ordnungsprinzip verdrängt, dass im Namen der Ordnung die Dämonen der Entfremdung ungenierter wüten als im Namen der Anarchie.

Die komplexeren Konstellationen globaler Kontexte verlangen entsprechend komplexe Konzeptionen ihrer Beschreibung. Die Grundbegriffe einer adäquaten Beschreibungssprache transmigrieren von einer einfachen Logik des Ausschlusses – entweder/oder, ja oder nein, dieses und nicht jenes - zu einer vielfältigen Logik des eingeschlossenen Ausschlusses, also zu Zwei-Seiten-Formen im Sinne von George Spencer Brown, die sich zu komplexen Verschachtelungen heterotoper Komponenten auftürmen können. Entterritorialisierung ist damit nicht einfach die Auflösung von Territorialität, sondern die notwendige andere Seite einer tropischen Ordnung, die ins atopische expandiert, ohne aufzuhören, Topologie zu sein.

Nichtwissen ist dann nicht einfach das Fehlen von Wissen, sondern die notwendige andere Seite des Wissens, die deshalb mit weiterem Wissen nicht verschwindet, sondern vielmehr anwächst und das Wissen begleitet wie ein ewiger Schatten. Und Unordnung wird zur Ordnungsform einer Ordnung, die ihre notwendige Kontingenzen nicht negiert, sondern als Bedingung der Möglichkeit anderer Ordnungen nutzt.

Heterotopia kommt ins Spiel, wenn die Verwicklungen heteronomer Machtordnungen, heterarchischer Zahlungsordnungen, heterogener Wissensordnungen und heterodoxer Glaubensordnungen die Fassungskraft der überkommenen Ordnungen so überfordern, dass sich jeder Ordnung notwendig mit Komponenten der Unordnung, mit Stärken der Anarchie, mit Ressourcen des Chaos anreichern muss, um als komplexe Ordnung bestehen zu können.

Heterotopia ist die Beschreibung einer Welt, die konsterniert genug über sich selbst ist, um sich von unmöglicher Ordnung zu möglicher Unordnung voran zu tasten.

Mit welchen Blindheit schlagen sich Beobachter, die eine Ordnung der Dinge nur als Überwindung von Unordnung begreifen, und welche Verarmungen geht ein Denken ein, dass mit der Unerbittlichkeit von Konquistatoren die Ordnung der Symbolsysteme gegen jede Insurrektion oder Häresie verteidigt? An Gründen für Verzweiflung mangelt es also nicht. Offen dagegen ist, ob die Ressourcen für ein Denken ausreichen, welches riskiert, unordentlich zu sein, um sich eine andere Architektur der Ordnung komplexer Systeme vorzustellen.

Boe: Weisheit der Unsicherheit, der Ungewissheit, des Nichtwissens

Seite 259

Wissen wird von „Wahrheit“ zu einer Ressourcen, die nicht mehr in gemächlichem Tempo des Wissenschaftssystems als Folge eines zweckfrei gedachten Erkenntnisprozesses abfällt, sondern unter Bedingungen globaler Konkurrenz auf Umsetzung von Inventionen in Innovationen gezielt. Weiter gewinnt, damit zusammenhängend, die strategische und operative Steuerung der Ressource Wissen als Wissensmanagement für die Reproduktion von Gesellschaften (und ihrer Subsysteme) eine vergleichbare Bedeutung wie das Management von Arbeit und das Management von Kapital.

Das religiöse Denken des Altertums und die bis heute fortdauernden religiösen Traditionen gehen davon aus, dass Wahrheit als die ewigen Wahrheiten der Götter zu verstehen sind. Jedes Wissen und auch jede Forschung des Menschen ist dann nur noch eine Annäherung an diese endgültigen Wahrheiten. In säkularisierter Form scheinen diese Vorstellungen in den Weltbildern vieler Naturwissenschaften und Naturwissenschaftler auf, die an die Möglichkeit ewiger Naturgesetze und zeitlos geltender Wahrheiten glauben.

In aufgeklärteren Wissenschaften gilt heute dagegen verbreitet eine der Varianten des Konstruktivismus, wonach jedes Wissen und jede Erkenntnis von den Möglichkeiten der Beobachtung abhängen, die kognitive Systeme und Beobachtungsinstrumente zur Verfügung stellen. Gemäß dieser Position gilt, dass wir, nach allem was wir wissen, das wissen, was wir wissen können.

Andere kognitive Systeme und andere Beobachtungsinstrumente würden anderes Wissen erzeugen. So können Menschen, ob als Märchenerzähler, Therapeuten oder als Forscher, sich zwar Vorstellungen darüber bilden, was Frösche wissen, aber wir bilden dieses Wissen natürlich nur innerhalb des Rahmens unseres kognitiven Systems und nicht wie ein Wissen des Frosches.

In einer merkwürdigen Doppelbewegung löst sich demnach ein Wissensbegriff auf, der an universale ewige Wahrheiten geknüpft ist – „derived from God or Karl Marx“ -, und macht einer Vorstellung von Wahrheit und Wissen als prinzipielle kontingente Konstruktionen erkennender Systeme Platz.

Seite 262

Wissen wandelt sich von unvordenklicher Wahrheit und generalisierter Richtigkeit zum Gebrauchsgut und zum Produktivfaktor. Es wird nicht mehr nur einmal im Leben durch Erfahrung, Lehrer, Fachausbildung oder Professionalisierung erworben und dann angewendet. Vielmehr setzt Wissen als Ressource im hier gemeinten Sinne voraus, dass relevantes Wissen kontinuierlich revidiert, permanent als verbesserungsfähig angesehen, prinzipiell nicht als Wahrheit, sondern als funktionierender Vereinbarung betrachtet wird. Es ist untrennbar mit Nichtwissen gekoppelt (Luhmann), so dass mit Wissen und Wissensverwendung unvermeidbar auch Risiken verbunden sind, bis hin zu Systemrisiken. Die Frage nach dem Sinn des Wissens wird überlagert durch die Frage nach dem Nutzen des Wissens (und den Risiken der Ignoranz); die Nutzungsfrage holt das Wissen von den luftigen Höhen des folgenlosen Denkens, wenn es denn dort je war, auf den Boden relevanter Unterschiede zurück.

N.Luhmann Die Wissenschaft der Gesellschaft S.138: versteht man Wissen als kognitiv kontrollierte Erwartungen, die ein beobachtendes System aus einer bestimmten Praxis oder einem bestimmten Erfahrungskontext ableitet, dann bezeichnet Nichtwissen die Topoi, für die sich keine solche Erwartungen gebildet haben. Da jede Praxis mehr Kontingenzen, Anschlussmöglichkeiten und Topoi bietet als sich in einer endlichen Zeit operationalisieren lassen, ist Nichtwissen im Sinne nicht ausgebildeter Erwartungen unvermeidlich.

Seite 281

Heterogenität der Wissenskulturen in der operativen Dimension bedeutet, dass die Organisationen der ausdifferenzierten Funktionssysteme eigenständige Wissensziele geben und sich von der dominierenden Ausrichtung auf das Wissenschaftssystem lösen. Damit wird das Wissenschaftssystem nicht arbeitslos, aber es verliert seinen singulären Status als Produzent von konfirmiertem Wissen. Die elementare Differenz in der operativen Dimension ist diejenige zwischen öffentlichem und privatem Wissen, öffentlichen und privaten Wissenszielen. Das Wissenschaftssystem behält seine besondere Stellung als Produzent und Hüter des öffentlichen Wissens. Aber es muss sich nun mit einer Vielfalt an privaten Erkenntnisinteressen und Wissensstrategien auseinandersetzen, die umso deutlicher zu relevantem Wissen führen, je klarer das gemäß diesen Interessen und Strategien hergestellte private Wissen gesellschaftlicher Folgen zeitigt.

Dass kein verbindliches Zentrum des Wissens mehr auszumachen ist und die Heterarchie der Wissensordnungen der Heterarchie funktional differenzierte Subsysteme der Gesellschaft entspricht, bedeutet nicht nur ein höheres Maß an Varietät und Unordnung des Wissens, sondern auch eine gesteigerte Konkurrenz um relevantes Wissen. Als Ressource ist Wissen ein knappes Gut mit einer bestimmten, der Analyse zugänglichen Kostenstruktur. Die Konkurrenz der verteilten Funktionssysteme um Prävalenz, Aufmerksamkeit und andere Ressourcen, etwa um kompetentes Personal, Anteile an öffentlichen Budgets oder mediale Aufmerksamkeit, setzt sich in der Konkurrenz zwischen den divergierenden wissensgeschützten Realitätskonstruktionen fort. Jedes System packt sein Wissen in seine leitenden Erzählungen, aber es bleibt offen, ob andere Systeme überhaupt noch diesen großen Erzählungen zuhören können oder wollen.

Um noch füreinander zugänglich und verständlich zu sein, haben die Systeme eine interessante Strategie entwickelt. Sie lassen die großen Erzählungen eher im Hintergrund und Fokussierung stattdessen auf kleine Geschichten, in denen konkrete Wissenselemente als Ausprägungen von Erfahrungen und spezifischen Zusammenhängen von Praxis ausgedrückt sind. Anders als Daten oder Informationen beschreiben Geschichten einen Erfahrungskontext unter einem Praxiszusammenhang mit unendlich vielen losen Enden, in die sich andere Akteure und Systeme mit ihren eigenen Ausprägungen von Erfahrung und Praxis einklinken können. Gelingt eine solche Koppelung, dann gelingt „the operation called „Verstehen“. Vielleicht erklärt dies die Bedeutung und den frappierenden Erfolg der Massenmedien. Sie haben sich darauf spezialisiert, Geschichten zu erzählen. Auch wenn nur wenige ihre Geschichten das Niveau forcierter Dummheit überspringen, so haben die Medien doch das entscheidende Prinzip erkannt: das Anschlussfähigkeit zwischen heterogenen Wissenswelten nur über das Erzählen von Geschichten zu erreichen ist








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