Helmut Willke
Heterotopia
Studien zur Krisis der Ordnung moderner Gesellschaften
Suhrkamp 2003


Willke Heterotopia 281

Heterogenität der Wissenskulturen in der operativen Dimension bedeutet, dass die Organisationen der ausdifferenzierten Funktionssysteme eigenständige Wissensziele geben und sich von der dominierenden Ausrichtung auf das Wissenschaftssystem lösen. Damit wird das Wissenschaftssystem nicht arbeitslos, aber es verliert seinen singulären Status als Produzent von konfirmiertem Wissen. Die elementare Differenz in der operativen Dimension ist diejenige zwischen öffentlichem und privatem Wissen, öffentlichen und privaten Wissenszielen. Das Wissenschaftssystem behält seine besondere Stellung als Produzent und Hüter des öffentlichen Wissens. Aber es muss sich nun mit einer Vielfalt an privaten Erkenntnisinteressen und Wissensstrategien auseinandersetzen, die umso deutlicher zu relevantem Wissen führen, je klarer das gemäß diesen Interessen und Strategien hergestellte private Wissen gesellschaftlicher Folgen zeitigt.

Dass kein verbindliches Zentrum des Wissens mehr auszumachen ist und die Heterarchie der Wissensordnungen der Heterarchie funktional differenzierte Subsysteme der Gesellschaft entspricht, bedeutet nicht nur ein höheres Maß an Varietät und Unordnung des Wissens, sondern auch eine gesteigerte Konkurrenz um relevantes Wissen. Als Ressource ist Wissen ein knappes Gut mit einer bestimmten, der Analyse zugänglichen Kostenstruktur. Die Konkurrenz der verteilten Funktionssysteme um Prävalenz, Aufmerksamkeit und andere Ressourcen, etwa um kompetentes Personal, Anteile an öffentlichen Budgets oder mediale Aufmerksamkeit, setzt sich in der Konkurrenz zwischen den divergierenden wissensgeschützten Realitätskonstruktionen fort. Jedes System packt sein Wissen in seine leitenden Erzählungen, aber es bleibt offen, ob andere Systeme überhaupt noch diesen großen Erzählungen zuhören können oder wollen.

Um noch füreinander zugänglich und verständlich zu sein, haben die Systeme eine interessante Strategie entwickelt. Sie lassen die großen Erzählungen eher im Hintergrund und Fokussierung stattdessen auf kleine Geschichten, in denen konkrete Wissenselemente als Ausprägungen von Erfahrungen und spezifischen Zusammenhängen von Praxis ausgedrückt sind.

Anders als Daten oder Informationen beschreiben Geschichten einen Erfahrungskontext unter einem Praxiszusammenhang mit unendlich vielen losen Enden, in die sich andere Akteure und Systeme mit ihren eigenen Ausprägungen von Erfahrung und Praxis einklinken können. Gelingt eine solche Koppelung, dann gelingt „the operation called „Verstehen“. Vielleicht erklärt dies die Bedeutung und den frappierenden Erfolg der Massenmedien. Sie haben sich darauf spezialisiert, Geschichten zu erzählen. Auch wenn nur wenige ihre Geschichten das Niveau forcierter Dummheit überspringen, so haben die Medien doch das entscheidende Prinzip erkannt: das Anschlussfähigkeit zwischen heterogenen Wissenswelten nur über das Erzählen von Geschichten zu erreichen ist.


Helmut Willke

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