Günther Wohlfart

Der Philosophische Daoismus
Edition chora 2001

Seite 101 Kapitel 4

自然 Ziran – Von-Selbst-So

Konjekturen zu einer daoistischen Quelle des Zen
Einleitung

Im Laozi wie im Zhuangzi finden sich bekanntlich Begriffe, die von fundamentaler - wenn auch häufig zu wenig beachteter - Bedeutung für den Chan- bzw. den Zen-Buddhismus sind. In der Bodhidharma, dem legendären ersten Patriarchen des Zen in China, zugeschriebenen Rede Über die Weitergabe der Lehre heisst es lapidar: Dao ist Zen.

J.Blofield: Der Daoismus 1988: Die Zen-Meister, die sowohl die Erben des frühen Daoismus als auch des indischen Buddhismus sind, lehren Methoden, die viel näher mit der Kultivierund des Dao und dadurch mit der Lehre des Laozi und Zhuangzi verwandt sind, als Allgemein bekannt ist.

Th. Hoover: Die Kultur des Zen Köln 1986: Ob Chan nun Buddhismus in der Maske des Daoismus oder aber Daoismus im Gewand des Buddhismus war, lässt sich kaum eindeutig feststellen, es enthält Elemente von beiden. Aber es bedeutet die erste wirkliche Verschmelzung von chinesischem und indischem Denken, indem es die indischen Lehren von der Versenkung und dem Nicht-Haften in Einklang brachte mit der chinesischen Naturliebe un Naturmystik (die der indischen Philosophie – der hinduistischen wie auch der buddhistischen – zutiefst fremd war).

Der Begriff ziran ist einer jener daoistischen Begriffe, die von grundlegender Bedeutung für den Chan- wie für den Zen-Buddhismus sind.

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Das Binom ziran kommt im Laozi fünfmal vor. Das erste Zeichen des Binoms ist der Radikal zi 自, „selbst“. In dem zweiten Schriftzeichen ran 然 , „so“, ist rechts der Radikal „Hund“, links der Radikal „Fleisch“ und unten „Feuer“ zu erkennen. Ziran übersetzt man wörtlich am besten durch „selbst-so“ oder „von selbst“. Es bedeutet das, was von selbst so verläuft (bzw. erscheint oder aufleuchtet wie ein Feuer?)

Mit dem, was sich von selbst so vollzieht bzw. von sich aus geschieht, verbinden wir sowohl das Freiwillige als auch das Natürliche oder Naturgemässe. Dementsprechend hat man das ziran sowohl durch „frei“ und „freiwillig“ übersetzt (vgl. Übersetzungen von Laozi 17, 23, 25, 51, 64) als auch durch „Natur“, „naturgemäss“, „natürlich“. Freiheit ist hier nicht als Gegensatz zur Natur zu verstehen, ziran meint – will man sich dieser Begriffe überhaupt bedienen – sowohl die „freie“ Natur, wie die „natürliche“ Freiheit. Die Übersetzungen des ziran durch Natur oder durch Freiheit sind insofern gleichermassen ungenügend, als diese Begriffe philosophiehistorisch mit einander widersprechenden Bedeutungen beladen sind, die falsche Assoziationen wecken. Der künstlichen Wortbildung ziran entspricht die wörtliche, bewusst etwas befremdliche Übersetzung „selbst-So“ bzw. von-selbst-so“ noch eher als die auch grammatisch dubiose Übertragung durch die Nomina Natur oder Freiheit. In Analogie des chinesischen xin durch Herz-Geist könnte man sich schlecht und recht mit „Natur-Freiheit“ behelfen. Das „von-selbst-so-Werdende“, die Selbstverständlichkeit, Freiheitlichkeit und Natürlichkeit betrifft sowohl die Natur – zu denken ist nicht nur an die Dinge der Natur, sondern auch an die Natur der Dinge – als auch das Verhalten des Menschen. (vgl. M.Granet La pensée chinoise 320, Duyvendak: „natürlicher Lauf“ – sowohl mit ran, als auch mit ziran (soll) nichts Statisches, sondern etwas Dynamisches ausgedrückt werden. Ran drückt als Ausruf der Affirmation („ja!“, „so verhält es sich!“, „das geht an!“) und als Verb („sich so verhalten“) ein Gewährenlassen oder eine Funktionsweise bzw. einen Vorgang aus.

D.L. Hall und R.D. Ames, Anticipating China 185, wo es in Anspielung auf eien Formulierung Heideggers heisst: The Chinese „world as such“ is constituted by a „worlding“ (welten) –ziran-, a process of spontaneous arising or “self-so-ing” which reqires no external principle or agency to account for it. )

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Ziran 自然, von-selbst-so“, und wuwei 無 為, das man durch „Nicht-Eingreifen“ übersetzen könnte, gehören innerlich zusammen. (Der für die Ethik des Daoismus zentrale Begriff des wuwei kommt im Daodejing zwölfmal vor, und zwar in den Kapiteln 2, 3, 109, 37, 38, 43, 48, 57, 63, 64)

„The important idea of wuwei represents the individual daoist’s identification with, and emulation of the cosmic life of spontaneity and naturalness (tsu jan) of the dao”, N.J. Girardot Myth and Meaning of Early Taoism 1983.

Wuwei ist die Zurückhaltung von jeder Tätigkeit, die gegen die Natur gerichtet ist. Dass mit wuwei kein positives Nichtstun gemeint ist, wird vielleicht am deutlichsten durch den Begriff des weiwuwei 為無 為, des Tuns ohne Tun bzw. des tuenden Nicht-Tuns.

Das „Tun ohne Tun“, dessen Movens das von-selbst-so ist, ist auch auf andere Bereiche menschlichen Tuns übertragbar. Zu denken ist z.B. an das „Haben ohne zu haben“ (das Haben als hätte man nicht), das Wünschen (Begehren), ohne zu Wünschen, das Lernen ohne zu Lernen, das „Denken ohne zu Denken“ (wu nian), das “Atmen ohne zu atmen“, das „Lehren ohne zu lehren“, das „Reden ohne zu reden“(bu yan, Zhuangzi 24 „die Sprache des Nicht-Sprechens (bu yan zhi yan). Bei dem Weisen, der nicht in die Naturordnung eingreift und „wie ein Leichnam weilt“, kommt es vor, „dass seine Äusserungen wie Donner tönen, während er in abgrundtiefes Schweigen versunken ist“. Wu-wei ist Schweigen, aber darum noch kein Aufhören jedes Mitteilens, vielmehr ein Reden im Schweigen und ein Schweigen im Reden.

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In der Kunst des Kunstlosen zeigt sich die innere Zusammengehörigkeit von wuwei und ziran am schönsten. Wer bei seinem Tun tut, ohne zu tun im Sinne der Willkür, der ist in seinem Tun frei. Indem eer selbst handelt, handelt er von selbst. Tun ohne zu tun heisst: Das Tun dem Tun zu überlassen, so scheint das Tun „spielend“, es tut sich von selbst.

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Dem chinesischen ziran entspricht das japanische shizen, das von entscheidender Bedeutung für das Zen ist. Das Wort (sino-jap. shizen oder jinen) bedeutet soviel wie: „So sein, wie es von sich selbst her ist“. Es besagt nicht die gegenständliche Natur, sondern das Sein alles Seienden. Im Grunde alles Seienden waltet dieses So-sein-wie-es-von-sich-selbst-her-ist“. Die „Natur“ in dieser So-wie-von-selbst-heit ist Wahrheit und Freiheit zugleich im mahayana-buddhistischen Sinn. Das Benehmen soll natürlich und nicht auffallend sein“ ist die Grundregel des Zen-Menschen muishizen 無 為自然 (chin. Wuwei ziran) – natürliches, ungezwungenes Tun ohne Künstlichkeit. Geistesgegenwart, der Geist des Augenblicks ist der Geist des Zen.

Günter Wohlfart

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