Günter Wohlfart
Die Kunst des Lebensund andere Künste

Parega 2006

Wohlfart Kunst des Lebens 184

Das Miteinander-So und die gegenseitige Entsprechung

Wie kann ich von selbst mit den Anderen ganz selbstverständlich im Einklang sein?...Im Huainanzi finden sich zwei treffende Ausdrücke für dieses Miteinander: xiang ran, miteinander so, gegenseitig so und xiang ying, miteinander resonieren, reziproke Resonanz, gegenseitige Entsprechung. Beide Begriffe, xiang ran und xiang ying, können durch gegenseitige Entsprechung übersetzt werden.

Das Gesetz (fa) des dao, d.h. des Gangs der Dinge ist das ziran, das von-all-eine-so. (Laozi 25: dao fa ziran).
Das Gesetz des Umgangs der Menschen miteinander ist das xiang ran, das Mit-einander-so bzw. das xiang ying, das mit-ein-ander-resonieren.

Dieses Miteinander, diese résonance mutuelle, diese connaturalité, diese convivialité ist die daoistische Form des Gemeinsinns (die sich von der konfuzianischen Mitmenschlichkeit (ren) unterscheidet).
Sie unterscheidet sich als "kosmozentrische" Mit-Natürlichkeit bzw. Mit-Lebendigkeit nicht nur dem Begriffumfang nach von der "sozio- bzw. anthropozentrischen" Mit-Menschlichkeit. Sie betrifft nicht nur das Verhältnis von Mensch zu Mensch, sondern auch das von Mensch und Tier - das Zhuangzi ist ein wahrer dao-Zoo - sowie das aller Lebewesen untereinander.
Diese connaturalité unterscheidet sich auch dem Inhalt nach von der Mit-Menschlichkeit.

Zunächst eine nähere Begriffsbestimmung der Schlüsselbegriffes xiang ran anhand zweier Passagen aus dem Zhuangzi. In der zweiten wird ausdrücklich das Verhalten der Fische mit dem der Menschen verglichen. In beiden Texten wird das xiang ran, das Mit-einander-so, als xiang wang, als Mit-einander-vergessen beschriebenen und höher bewertet als das Aneinander-denken, Sich-umeinander-Kümmern und Füreinander-Sorgen.

Zhuangzi 6.2: wenn die Quellen versiegen, dann drängen sich die Fische auf dem Trockenen eng zusammen. Sie spucken sich gegenseitig an und halten einander mit ihrem Schleim feucht. Noch besser wäre es, sie könnten einander vergessen (xiang wang) in den Flüssen und Seen.

Wenig später werden dann die Fische mit den Menschen verglichen.

Zhuangzi 6.6: Confuzius said: Fish thrive in water, man thrives in the Way. For those that thrive in water, dig a pond and they will find nourishment enough. For those that thrive in the Way, don't bother about them and their lives will be secure. So it is said, the fish forget each other (xiang wang) in the rivers and lakes, and me and forget each other in the arts of the Way.

Dies ist das daoistische “Sorge nicht!” Ist diese daoistische Unbesorgtheit nicht asozial?

Der Trockenfisch oder: das Notwendige
Im Zhuangzi findet sich die folgende Geschichte, in der es um die Zeiten der Not geht, in denen "die Quellen versiegen". Keine Freude der Fische, keine Freude der Menschen.

Zhuangzi 26.2: Die Familie von Zhuang Zhou litt Not, und so ging er zu einem Marquis, der Aufseher des Gelben Flusses war, um von ihm etwas Getreide zu borgen. "Geht in Ordnung", sagte der Aufseher des Gelben Flusses. "Ich bekomme demnächst Steuergelder aus meinem Lehen, und dann werde ich euch dreihundert Goldstücke leihen. Ist euch das recht?"
Zhuang Zhou stieg die Zornesröte ins Gesicht, und er sagte: "Als ich gestern hier kam, hörte ich von der Straße her eine Stimme rufen. Als ich mich umdrehte und genauer hinsah, da fand ich einen Goldbarsch in einer Wagenspur. Na so etwas, Goldbarsch, sagte ich, was machst du denn hier?
Er antwortete darauf: ich bin Minister der Wellen im Ostmeer. Habt Ihr nicht einen einmal oder eine Schale Wasser, um mich am Leben zu erhalten?
Aber ja, sagte ich, ich bin gerade auf dem Weg nach Süden in die Länder Ngwa und Viet; von dort werde ich einen Kanal mit Wasser aus dem West Fluss herleiten. Ist euch das recht?
Dem Goldbarsch stieg die Zornesröte ins Gesicht und er sagte: Ich habe meine natürliche Umgebung verloren und weiß nicht mehr ein noch aus. Bekomme ich einen einmal oder eine Schale Wasser, so würde mich das am Leben erhalten. Wenn es nach ihnen geht, mein Herr, dann können Sie bald in einem Laden für Trockenfisch nach mir suchen.

Moral: in Notzeiten, wenn wir "auf dem Trockenen sind", tut es not, das Not-Wendige zu tun, das Notwendigste, nicht mehr und nicht weniger. Eine Schale Wasser tut's unter Umständen. Nocheinmal: Das Unvermeidliche tun, das ist der Weg des Weisen (bu de yi zhi lei sheng ren zhi dao) (Zhuangzi 33 Ende).

Was das Unvermeidliche, das Erforderliche ist, zeigt sich dem, der nicht blind ist oder geblendet durch Spekulationen und Reflexionen ganz von selbst. Ist er weder bedingt noch taub, dann ruft es ihn unmittelbar auf, es fordert ihn auf, das Erforderliche zu tun (Diese Unmittelbarkeit mag selbst vielfach vermittelt sein.) Die Antwort auf das, was da einen Handlungsanspruch an ihn stellt, erfolgt spontan, sie ergibt sich von selbst, sie versteht sich von selbst. Sie ist eine spontane Resonanz (xiang ying). Um diese Antwort zu geben, muss er keine Verhaltensregeln verstehen und anwenden, er muss keine Schlüsse ziehen und keine Entschlüsse fassen. Bevor er sich selbst und anderen Gründe und Zwecke seines Handelns Rechenschaft ablegen kann, hat er schon gehandelt, oder sollte man besser sagen: es ist schon zur Handlung gekommen, vielleicht zur eigenen Überraschung, vielleicht sogar zum eigenen Schaden. Und es kann auch geschehen, dass die Antwort falsch ist oder unpassend. Der dem Lauf des Geschehens spontan folgende, ihm entsprechende und auf ihn antwortende Handlungsverlauf, bei denen der Handelnde oft nicht weiß, wie ihm geschieht, vollzieht sich jedenfalls - wenn man genauer schaut - ohne eigenes Wollen, das dann unter Umständen erst nachträglich vor den Handlungskarren gespannt wird, um ihn als eigenen zu deklarieren: ich wollte bloß... doch in Wahrheit war es zu Anfang - und vielleicht auch am Ende - gar nicht sein Wille, der hier geschah.

Kein freier Wille also? Keine Freiheit, die ich meine? Keine vermeintliche Freiheit von der Notwendigkeit, nein! Die Freiheit der Notwendigkeit ist es, worauf es in Wirklichkeit ankommt, auf die "Freilichkeit" und Selbstverständlichkeit beim Tun des Notwendigen. Sie setzt die Freiheit von der (Schein-)Freiheit des Willens voraus. Die selbstverständliche, spontane (Handlungs-)Resonanz (ziran ying) ist eine spontane Notwendigkeit, etwas, das sich von selbst so als das Passende bzw. Entsprechende aus der Situation selbst ergibt, aus ihr folgt. Es ist aufschlussreich, dass ying auch ought,should, must, suitable, right, proper, fitting, necessary bedeutet. Die spontane Resonanz ist die selbst-vergessene, spontane Antwort auf den Wandel der Dinge ,die "Wendung des Blattes". Sie ist richtig, wenn sie sich passgenau nach den Erfordernissen der jeweiligen Situation richtet und frei ist von eigenwilligen Zutun. Freiheit ist - so gesehen - nicht (vernünftige) Einsicht in die Notwendigkeit (Hegel), keine bloße Erinnerung an die Notwendigkeit, sondern eine Verinnerlichung ihrer und mehr noch: ein Sich-selbst-Vergessen in einer Notwendigkeit, in der der eigene freie Wille gut aufgehoben ist.
Kein guter Wille also, so mag sich der wohlwollende Moralist wieder fragen. Nocheinmal: der de ren, der integre Mensch, der wirklich etwas taugt und zu etwas bzw. zu etwas gut ist, will nicht das Gute, er tut es einfach so, und selbst so. Er hat seinen guten willen abgetan, um des Guten Willen. (qu shan er zhi shan, wörtlich: Gutes abtun und von selbst so gut Zhuangzi 26.6)

Menschen, die einander wirklich gut sind, vergessen einander als "Gutmenschen"... Sie sind gut eingeübt in die Lebenskünste des Weges. Sie wissen, "miteinander-so" zusammenzuspielen darin, wie das Leben so spielt und uns mitspielt.In diesem zweisamen Handlungsspiel und aufeinander verlassen sein vergessen sie einander. Diese "Einandervergessenheit" ist eine gemeinsame Selbstvergessenheit. So wie sich die Selbstvergessenheit diametral von dem Sich-Vergessen eines seine Gelassenheit verlierenden, sich emotional aufblasenden Selbst unterscheidet, so unterscheidet sich dieses Einandervergessen von der Nichtbeachtung oder Missachtung des Anderen durch ein selbstsüchtiges Selbst. Wie die Selbstvergessenheit geübt werden muss - man denke an das Sitzen und Vergessen (zuo wang) - so auch das Einandervergessen.

Es geht nicht anders: "unterwegs" müssen wir uns - (aufeinander) - verlassen, ohne große Auftritte zu machen und ohne große Spuren zu hinterlassen. Wie die Fische im Wasser schwimmen, ohne eine Spur zu hinterlassen, so ist das Gute am de ren, dass er ohne eine Spur von Guttuerei ist.

Zhuangzi 12.13: In einem Zeitalter höchster Tugend (de) braucht man die Ehrenwerten (xian) nicht zu preisen (…) Die Menschen lieben einander (xiang ai) ohne sich für menschlich (ren) zu halten. Sie sind ehrlich ohne sich für loyal zu halten. Sie sind verlässlich ohne sich für vertrauenswürdig zu halten. Sie bewegen sich ganz spontan ( bzw. sie verhalten sich einfältig G.W.) und stehen einander bei (xiang shi), ohne sich deshalb für grosszügig zu halten (bzw. ohne zu denken, dass sie ein Lob (ci) verdienen G.W.) Aus diesem Grund hinterlässt ihr Tun keine Spuren (ji) und von ihren Angelegenheiten gibt es keine Aufzeichnungen.

xiang ran
xiang ying ying – vgl 121
x
iang wang – Mit-einander-Vergessen Zhuangzi 6.6
zuo wang - sitzen und vergessen - zazen

德 dé virtue; goodness; morality; ethics; kindness; favor; character; kind
道 德 准 则 [dàodé zhŭnzé] ethics
xian Ehrenwerten 賢 贤 xián worthy (person)
ren menschlich
xiang ai lieben einander
相 xiāng each other; one another; mutually
愛 ài to love; affection; to be fond of; to like
xiang shi stehen einander bei
使 shǐ to make; to cause; to enable; to use;
ci Lob 賜 赐 cì confer; bestow; grant
ji Spuren 跡 迹 jī footprint; mark; trace;

Günter Wohlfart

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