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Wohlfart-Lebenskunst 212
Der Herrscher des Südmeeres war Shu (Blitz),
der Herrscher des Nordmeeres war Hu (schnell).
Der Herrscher der Mitte war Hundun , der Kuddel-Muddel-Ursuppenkloss.
Shu und Hu traffen sich von Zeit zu Zeit in Hunduns Reich. Hundun behandelte sie sehr gut. Shu und Hu berieten, wie sie Hunduns Gastfreundlichkeit, seine convivialité erwidern könnten. Sie sagten: Alle Menschen haben sieben Löcher (im Gesicht), durch die sie sehen, hören, essen und atmen können. Allein dieser Hundun hat keine. Versuchen wir ihm welche zu drillen. Jeden Tag bohrten sie ihm ein Loch. Aber am siebten Tag starb Hundun.
Die Herren Shu und Hu wollten dem guten Hundun- Embryo ein Gesicht geben, denn er hatte ja keines. Er hatte keine „persona“, keine Gesichts.Maske. Ohne eine Persönlichkeit zu sein sass der Gute in seinem „Reich der Mitte“ (zhong guo). Er sass wohl inmitten des ganzen Trubels so gut und still in der Mitte seines Chaosmos wie die Nabe in der Mitte der Speichen des Rades .
Hundun, der sich wohl als intra-uteriner Daot im Bauch des dao, der grossen Mutter tummelte, starb am Drill des Gesicht-Gebens. Er kam ganz ohne eigene Person zum Maskenball der Welt. Er war wohl überhaupt „ganz ohne“.
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Sehen wir zu, inwiefern der dao-Mensch – d.h. der Mensch, der auf dem „rechten Weg“ -, „ganz ohne“ ist und was das heissen soll...Der ideale dao-Typ wäre ohne Ego. Sein Leben, seine Lebendigkeit und Geselligkeit, seine convivialité ist das fröhliche Sterben seines Ego und das wiederfinden kindlicher Ichlosigkeit, oder das Nichtgeborensein eines Ego und Noch-nicht-vorhandensein eines Gesichts, das es zu wahren gilt...
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Wenn Not am Mann ist und es darauf ankommt, tut unser guter Daot, so gut er eben kann, das was er tun kann; ertut einfach nur das, was sich von selbst ergibt und von selbst versteht. Ohne Umstände – und ohne Kopfstände. Er handelt fliessend, bruchlos, ohne Kopfzerbrechen. Das Tun tut sich wie von selbst....
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Das „grosse Erwachen“ wäre das Gewahrwerden, dass wir die Selbstsicherheit und Wachheit unseres Ego zwar als Wachheit erfahren, aber dass dies doch auch nur ein Wach-Traum ist. Das grosse Erwachen kommt nach dem enttäuschenden Blick in das Innere unseres stolzen Ego, es ist nämlich hohl. Das grosse Erwachen kommt beim Verlassen der Höhle des Ego, beim Sprung in das grosse Offene .
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Eine von den daoistischen Lebemeistern inspirierte konkrete Situationsethik zielt nicht auf die Errichtung einer Logokratie und die Inthronisierung einer utopischen Universalmoral...Die Weisheit einer solchen Situationsethik liegt in ihrer Begrenzung. Die Moral der Geschichten um die es ihr geht, ist lokal-temporal. Am Ende geht es ums Hier und Jetzt...
Grund ohne Grund, ein grundloser Grund, ein autopoietischer Selbst-Grund? Ist dieser Selbst-Grund vielleicht das daoistische Von-selbst-so , Natur-Freiheit, Natürlichlichkeit – Freiheitlichkeit? Ist dieses frei-von-selbst-so-Verlaufende und Wirkende, das nicht an der Kette einer Ursache liegt und auf ihr beruht, nicht der Grund des Grundes unserer gründelnden Vernunft?
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Das Gefühl ist eine Art Gedächtnis des Leibes. Durch Übung kann man ein gutes Gefühl für etwas entwickeln... Das Ergebnis langer Übung des Leib-Gedächtnisses ist eine Eifühlung in die 10000 Dinge dieser Welt, die lebenden und die denkenden Dinge eingeschlossen...Das Mitgefühl mit anderen Menschen ist der Leib (und Seele) gewordene, der zu Herzen genommene Geist der Mitmenschlichkeit. Im Mitgefühl wird der Kopfgeist der Mit-Menschlichkeit zum Herzgeist ...als Mit-leiden-können und Sich-einfühlen in die Natur anderer Lebewesen – und in die Natur überhaupt, als sypathetische Mit-Natürlichkeit, connaturralité, natürliches Miteinander-So und Entsprechen – eine Kom-munikation die dem Umfang nach über den Geist der Humanität hinausgeht...
Günter Wohlfart
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