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Wohlfart Kunst des Lebens 50
Fischreusen ( quan) gibt es wegen der Fische (yu) (d.h. Fischreusen gebraucht man um Fische zu fangen). Wenn man die Fische bekommen (gefangen) hat, kann man die Reusen vergessen. Hasenfalle (ti) gibt es wegen der Hasen (tu) (Hasenfallen gebraucht man, um Hasen zu fangen). Wenn man die Hasen bekommen (gefangen) hat, kann man die Fallen vergessen.
Wörter (yan) gibt es wegen der Bedeutung (yi) (Wörter gebraucht man um Bedeutungen zu fangen bzw. etwas mit ihnen anfangen zu können). Wenn man die Bedeutung mitbekommen hat (wenn man auf das gekommen ist, worauf die Wörter deuten bzw. den Sinn der Sache erfasst hat und insofern zufrieden (de yi) ist) kann man die Wörter vergessen (wang). Zhuangzi 26.13
quan zhe suoyi zai yu, de yu er wang quan
ti zhe suoi zai tu, de tu er wang ti
yan zhe suoi zai yi, de yi er wang yan
荃者所以在魚,得魚而忘荃;
蹄者所以在兔,得兔而忘蹄;
言者所以在意,得意而忘言。
吾安得忘言之人而與之言哉?
Der chinesische Text ohne den Schlusssatz zeigt die Parallelität des Gleichnisses, die seine analogische Logik gleichsam graphisch vor Augen führt. Verglichen werden die Fischreusen und Hasenfallen mit den Wörtern und andererseits die Fische und die Hasen mit den Bedeutungen. Bei den Bedeutungen (yi) kommt es offenbar auf das an, worauf die Wörter – durch ihre Bedeutung – deuten, die vom jeweiligen Sprachgebrauch abhängig ist. Es kommt an auf den Sinn der Sache, auf die ich unter Umständen komme, wenn ich ein Wort in einem bestimmten Sinn gebrauche, d.h. wenn ich dabei etwas im Sinn habe. Es geht nicht darum, die Wörter zu vergessen, um auf Gedanken zu kommen, sondern vielmehr darum, die Wörter sowie die Gedanken zu vergessen, um – transitorisch mit den Wörtern über die Wörter hinausgehend – zum Sinn der Sache vorzudringen, also zur „Sache“ zu kommen. Der Sinn der „Sache“ zeigt sich aber erst dann, wenn sich das, was ich im Sinne hatte (der Wunsch, die Absicht) erfüllt hat und ich es insofern vergessen kann. Wenn ich wirklich ganz bei der „Sache“ bin, habe ich nichts mehr im Sinn – ausser der „Sache“.
Wohlgemerkt, die sogenannte „Sache“ ist eine Sache des Wortes. Nur durch das Wort (hindurch) zeigt sich die Sache. Sie versteckt sich mitten unter den Wörtern, wenn wir sie mit transverbalem Überschwang über den Wörtern suchen. Doch Wörter sind nur Fussspuren (ji, vgl. Zhuangzi 14.7), nicht dasjenige, was die Spuren hinterlassen hat. Fusspuren werden von Schuhen hinterlassen, sind aber keineswegs die Schuhe selbst. Spuren lesen heisst, der Sache nachzuspüren, die die Fussabdrücke hinterlassen hat. Spuren sind Wegweiser, doch wer die eindrucksvolle Sache aufgespürt hat, der kann die Spuren vergessen, die sie hinterlassen hat. Er kann die „sechs Klassiker“ zusammen mit dem Zhuangzi zufrieden zuschlagen.
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"Wenn man die Bedeutung (yi) mitbekommen hat (wenn man auf das gekommen ist, worauf die Wörter deuten bzw. den Sinn der Sache erfasst hat und insofern zufrieden (de yi) ist) kann man die Wörter vergessen (wang)".
yi Bedeutung
de yi erfassen de, Bedeutung yi – als Binom bedeutet deyi zufrieden, vergnügt
wang vergessen - zuo wang sitzen vergessen, zazen vgl. Zhuangzi 6.9:
die Gliedmaßen fallen lassen, Hören und Sehen lassen, die Form verlassen, ablassen vom Wissen, von selbst eins werden mit dem großen (offenen) Durchgang, das heißt sitzen und vergessen (zuo wang).
Kongzi sagte: Damit eins geworden sein, heißt keine Vorlieben haben, dadurch verändert sein, heißt nicht mehr unveränderlich zu sein (keine Konstanten und Normen mehr zu haben)
zuo wang zuo „sitzen“ meint hier das Sitzen in Meditation. Jap. zazen
wang vergessen - besteht aus den Bestandteilen wang,
fliehen, verlieren und xin, Herz-Geist.
Herz-Geist-verlieren entspricht dem wu xin, Nicht-Herz-Geist, und dem xin zhai, Herz-Geist-Fasten (vgl. Kap. 4.1)
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Das Wortsteller-Gleichnis schliesst mit einem paradoxen Schlussatz, - er sperrt sich gegen die doxa des dogmatischen Hausverstands.
吾安 得 忘 言 之 人 而 與 之 言 哉?
wu an de fu wang yan zhi ren er yu zhi yan zai
Der Satz wird gewöhnlich so übersetzt: „Wo finde ich nur einen Menschen, der die Wörter zu vergessen weiss, so dass ich einige Wörter mit ihm wechseln könnte“.(Schuhmacher, Graham)
Oder ist der Schlussatz vielleicht als rhetorische Frage so zu verstehen: „Wie sollte ich mit jemandem reden können, der die Wörter vergessen hat?“. Die Antwort wäre dann: „Unmöglich!“. – Fangen diese Übersetzungen den Sinn richtig ein, oder schlüpft er durch die Maschen der Übersetzngs-Textur? Nach einem zweiten Blick auf das chinesische Schriftzeichen yu in der zweiten Satzhälfte, das teilnehmen, sich beteiligen, to share in, to give to bedeutet, wäre wohl auch die folgende Übersetzung möglich: „wo finde ich einen Menschen, der die Wörter vergessen hat und ich mit ihm diese Wörter teilen kann?“ – eine wortlose Teilnahme an Mitteilung: da bien bu yan – grosser Dialog ohne Worte. (Zhuangzi 2.9)
Boe: vorsprachliche Kommunikation, Maturanische Koordination von Verhalten, Einfühlungsvermögen (vgl. Wohlfart-Lebenskunst 232 – xiang ran)
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