Günter Wohlfart
Zhuangzi Meister der Spriritualität

Herder 2002

Wandlungen
Seite 53
Autopoiesis

Das Prinzip des unabhängigen Wandels: ausgehend von Guo Xiangs Kommentar sagt Fukunaga, dass dao im Zhuangzi nichts anderes bedeute als den Wandel, durch den alle Phänomene sich selbst erzeugen und verwandeln. Mit anderen Worten: Das dao ist der immanente Lauf der Natur, der sich im Wandel der Dinge von-selbst-so vollzieht. Dao ist keine transzendente letzte Wirk-Ur-Sache, die hinter oder über den Dingen stünde...Dao ist die Selbst-Erzeugung, das Sich-von-selbst-Ergeben, das von-selbst-so Entstehen und Vergehen der Dinge.

Doch ist der Satz des zureichenden Grundes nicht seit Leibniz ein fundamentaler Grundsatz unseres rationalen Denkens? Jeder weiß: Nichts geschieht ohne Grund -keine Tatsache ohne Ursache. Stößt uns demgegenüber Guo Xiang mit seiner Akausalität nicht in den Abgrund, angehen uns Zhuangzi mit seinen Fragen geführt hat, in den Abgrund der Ir-rationalität, in dem Nichts einen zwingenden Grund hat, aus dem es notwendigerweise erfolgt? ist vielmehr alles sein eigener Grund?

Seite 61
Leben ist ein Werden, ein Entstehen im Vergehen sowie ein Vergehen im Entstehen. Der Weg des Lebens ist eine Bewegung, deren Momente Entstehen und Vergehen sind. Der Lauf (dao), der Gang des Lebens ist ein dauernde Übergang, eine Transformation bian)... Lebenskunst ist die Kunst, in diesem Leben zu sterben und neu geborenen zu werden. Jede wahrhafte Erneuerung in unserem Leben ist eine kleine Renaissance, eine kleine Wiedergeburt, bei der der gleichsam das Licht der Welt noch einmal von neuem, mit anderen Augen erblicken. Die ars vivendi bzw. die ars vitae, die Lebenskunst ist sowohl eine ars moriendi, eine Sterbenskunst, wie eine ars nascendi, eine Geburtskunst.

Seite 69
Schmetterlingstraum

Guo Xiang kommentiert den Anfang: mit diesem im Traum zu einem Schmetterling werden und dabei nichts von einem Zhou wissen, ist es nicht anders als mit dem Tod. Denn indem im jeweiligen Seinszustand alles dem Ansinnen eingepasst - in glücklicher Übereinstimmung mit sich - ist, gehört der Lebendige ebenso ins Leben wie der Verstorbene in den Tod. So betrachtet erkennt man, wie falsch es ist, im Leben wegen des Todes besorgt zu sein.
„ Wir“ erleben den Tod nicht, und mit „ unserem“ Leben nach dem Tod wird es wohl so sein wie mit unserem Leben fordert Geburt. Nichts weiter! Sorgen wir uns um das Leben vor dem Tod. -

Nach dem Schmetterlings Traum kommt es dann plötzlich zum Erwachen.

Möller Guo Xiang Kommentar 96




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