Günter Wohlfart
Zhuangzi

Meister der Spriritualität
Herder 2002


Wohlfart Zhuangzi 97

Der Weg hat Umstände und hat Zeichen,
er er ist ohne Tun und ohne Form

夫道,有情有信,無為無形

夫 道
有 情 有 信
you qing you xin
無 為 無 形
wu wei wu xing

Der Weg hat Umstände und hat Zeichen, er er ist ohne Tun und ohne Form.
Der Weg dao 道 hat Umstände (und einen Sachverhalt) you qing 有 情 und hat (zuverlässige) Zeichen you xin 有 信, er ist ohne Tun wu wei 無 為 und ohne Form wu xing.無 形

dao you qing you xin wu wei wu xing

Kurzcharakterisierung des dao, in dessen erster Hälfte das dao positiv und in dessen zweiter Hälfte es negativ bestimmt wird.

Der Lauf der Dinge hat - wie der Lauf des Wassers - zwar Eigenschaften: Er ist nicht ohne Umstände und er hat auch zuverlässige, evidente Zeichen, aber er ist ohne eigenes Zutun und hat keine feste Form, sondern nur dauernd wechselnde Transformationen. Mir kommt es hiervor allem auf die Bestimmung des dao durch das wu wei 無為 an.
Dieser inzwischen auch bei uns im Westen recht bekannte, wenn auch nur schlecht erkannte Grundformel der daoistische Ethik ohne Moral soll ihrer grundlegenden Bedeutung wegen nocheinmal näher betrachtet werden. Hier dient das wu wei direkt zu einer Bestimmung des dao. Wuwei kennzeichnet zusammen mit dem ziran, mit dem es untrennbar verbunden ist, das Wirken des dao.

Wuwei besteht aus den zwei Zeichen wu , nicht, Nichts, vernichten
und wei 為, machen, tun, handeln. Wuwei bedeutet ein Tun ohne Tun, also ein Handeln, ohne in den natürlichen Gang der Dinge einzugreifen.
Wuwei bedeutet ein Handeln ohne den Dualismus von Subjekt und Objekt, ohne ein Ego, das handelt. Wuwei ist ein absichtsloses, selbstvergessenes Handeln, das ganz selbstverständlich, wie "von selbst" ziran der jeweiligen Situation entspricht. Nocheinmal anders gesagt: wuwei ist ein spontanes Handeln, das sich völlig unvorbedacht dem jeweiligen Sachverhalt anpasst und auf ihn antwortet. Unvorbedachtes, nicht rational geplantes oder kalkuliertes Handeln ist nicht mit unbedachten, emotionalem Handeln zu verwechseln. Es kommt drauf an, im entscheidenden Augenblick intuitiv auf die Eingebung des Augenblicks zu vertrauen, anstatt nur auf den rationalen Diskurs und die Kalkulation zu setzen. Letztere sind zwar oft notwendig, um zu entscheiden, was wir tun sollen, oft aber auch nicht hinreichend im entscheidenden Augenblick, indem es ankommt auf das, was wir tun können. Also: wer intuitiv handelt, agiert deshalb noch lange nicht impulsiv. Wer impulsiv handelt, ist erfüllt von sich und seinen Gefühlen, er handelt im Zorn, in der Wut. Wer intuitiv handelt ist leer, er reagiert spontan rezeptiv und er ist nicht selbst-gespiegelt.; er ist wie ein leerer Spiegel. Er spiegelt das wieder, er re-flektiert das, was vor ihm erscheint.

leerer Spiegel: vgl. Platform-Sutra Hui neng Wohlfart Seite 101
Es kommt darauf an, die Gedanken Gedanken „sein zu lassen“, im doppelten Wortsinn. Es kommt darauf an, die Gedanken durch den Kopf gehen oder ziehen zu lassen, wie weisse Wolken. So kommt die sorglos-heistere – von Wolken durchzogene – Gedankenfreiheit. Freies Denken ist Denken, ohne sich Gedanken zu machen, es ist ein Denken ohne zu denken. Ähnlich wie mit dem Denken ohne zu denken als einer Form des Tuns ohne zu tun steht es mit dem Reden ohne zu reden.

„Wer weiss redet nicht, wer redet weiss nicht“. Zhuangzi 13.7
Zhuangzi 22.1:
zhi zhe bu yan
yan zhe bu zhi

Zhuangzi 22.11
zhi yan qu yan
zhi wei qu wei

Die höchste Rede ist ohne Rede und der höchste Mensch, das heisst der Weise, xlehrt ohne Wortex yan bu yan (Zhuangzi 27.1)


Günter Wohlfart


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