Norbert Bischof 
Das Kraftfeld der Mythen

Signale aus der Zeit, in der wir die Welt erschaffen haben
Piper 1996
S.568
 

IDENTITÄT
Auf den Spuren einer seltsamen Kategorie

Um genauer zu verstehen, was sich hinter diesem geheimnisvollen Elixier verbirgt, müssen wir auf einen Fundamentalbegriff zu sprechenkommen, ohne den kaum eine Abhandlung über die Adoleszenz auskommt - die Kategorie der Identität.  Wir sind ihr auf Seite 47 bereits in einem wahrnehmungspsychologischen Kontext begegnet; tatsächlich ist sie von den Gestalttheoretikern erstmals systematisch untersucht worden. Oberflächlich betrachtet sieht es allerdings so aus, als sei dort von etwas ganz anderemdie Rede; aber dieser Eindruck täuscht: In Wirklichkeit baut der entwicklungs-psychologische Identitätsbegriff auf dem der Wahrnehmungsforschung auf und ist ohne diesen nicht wirklich zu verstehen.  Es war wiederum ERIKSON, der die Kategorie in die jugendpsychologische Diskussion eingeführt hat. Identität hängt bei ihm engmit dem zusammen, was wir in vergangenen Kapiteln als das »Ich«diskutiert haben. 

Sie wird als eine bestimmte Weise verstanden, sichauf sich selbst zu beziehen. Objektiv umfaßt sie alles, woran man»identifiziert« werden kann, was also Behörden in einem Paß zu dokumentieren pflegen: wie man heißt, wie man aussieht, dazu persönliche Daten wie Geschlecht und Lebensalter, Beruf, Religion und Staatsangehörigkeit. So gesehen, wäre »Identität« also ein Satz von Merkmalen, die ein Individuum von anderen unterscheidbar machen. 

Die Unterscheidung sollte dauerhaft sein. Attribute, die sich willkürlich von heute auf morgen auswechseln lassen, sind nicht geeignet, Identität zu begründen. »Unveränderliche Kennzeichen« müssen essein, wie man im Amtsdeutsch sagt. Allerdings ist diese Forderungrelativ: Das Lebensalter etwa ändert sich strenggenommen dauernd, aber immer noch langsam genug, um beispielsweise »Jugend« als identitätsstiftendes Merkmal zu qualifizieren.  Inbegriff relativ zeitüberdauernder Merkmale, in denen sich die Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit eines Individuums manifestiert soweit wären wir also bis jetzt mit unserem Definitionsversuch. 

Das reicht aber nicht aus. Es geht bei der Identität nicht nur ums Unterscheiden. Das wird klar, wenn wir bedenken, daß jede Kategorisierung der obengenannten Art das Individuum nicht nur von ander entrennt, sondern mit wieder anderen auch verbindet.  Die Geschlechtskategorie »weiblich« beispielsweise kontrastiert nicht nur gegenüber dem Manne, sondern erzeugt auch automatischSolidarität mit allen sonstigen Trägerinnen dieses Merkmals. DasLebensalter bezieht die Person in einen Generationenverband ein, dieReligion in eine Glaubensgemeinschaft, die Staatsangehörigkeit ineine Nation, und so fort. 

In diesem Sinn gibt es also auch eine gemeinsame Identität größerer Personengruppen, und der einzelne partizipiert irgendwie an ihr. Unter den bislang genannten Merkmalen sind Alter und Geschlecht biologisch vorgegeben. Dasselbe gilt von der Rasse. Aber hier zögern wir bereits. Ist Rassenzugehörigkeit ein Bestandteil der Identität? Sie kann, ohne Zweifel, zur Diskrimination benützt werden. Man kann sie aber auch für belanglos erachten, schon ihre rein biologische Faktizität in Zweifel ziehen. Es gibt Feministinnen, die sogar von ihremGeschlecht behaupten, es sei eine gesellschaftliche Konstruktion. Ob das stimmt, steht dabei gar nicht zur Debatte. 

Identität ist ein subjektiver Begriff - sie richtet sich nicht nach den Eigenschaften, die man hat, sondern nach denen, die man zu haben glaubt. Wenn der Trägereines männlichen Chromosomensatzes überzeugt ist, eine Frau zu sein, dann hat er eine weibliche Identität. Und wenn ein »Berufsjugendlicher« den inneren Übergang in die nächste Generation verpaßt hat, dann vermag der biologische Alterungsprozeß an seiner anachronistischen Identität nichts zu ändern. 

Was sind die Gründe dafür, daß jemand gewisse Eigenschaften an sich wahrnimmt und wahrhaben will, während er sich andere andichtet und noch andere verleugnet oder für unwesentlich und jederzeit reversibel erklärt? Zum Teil liegen die Ursachen sicher im Subjekt selbst, in seiner Lebensgeschichte, seinen Erfolgserlebnissen und Träumen. Eine weitere, wesentliche Einflußgröße sind aber immer auch die Anderen. In meine Identität geht das Eigenschaftsprofil mit ein, das die Mitwelt an mir wahrnimmt, die Weise, wie sie mich kategorisiert, unter dem allgegenwärtigen Einfluß aller gerade geltenden Vorurteile, kollektiv geglaubten Selbstverständlichkeiten, Überzeugungen des Zeitgeistes. 

Meine Identität ist also auch das Resultat einer gesellschaftlichen Definition. Ob ich diese dann annehmeoder nicht, ist eine Frage für sich; jedenfalls geht von ihr eine starke Suggestivwirkung aus, der ich mich nur in Grenzen entziehen kann. 

Wir haben bisher relativ periphere Merkmale angesprochen, Merkmale, die in erster Linie die Funktion haben, Unveränderlichkeit sinnenfällig zu garantieren. Die schwarze Hautfarbe läßt sich nicht abwaschen, und den Heimatdialekt wird man auch nie ganz los.  In Wirklichkeit geht es aber beim Identitätsbegriff nicht um Äußerlichkeiten. Wenn diese überhaupt eine Rolle spielen, dann deshalb, weil man glaubt, daß mit ihnen eine andere Dimension von Eigenschaften fest verbunden ist, die etwas mit der Persönlichkeit, dem Charakter zu tun hat. 

In der Philosophie kennt man seit ARISTOTELES den Begriff der Substanz, und der bedeutet soviel wie »Wesen«. Wesen hängt mit »wesentlich« zusammen und ist das Gegenteil von »zufällig«, »willkürlich« oder »versehentlich«. Es versteht sich, daß beim Menschen, dessen Verhalten wir ja als frei und insofern nicht festgelegt erleben, die Definition des Wesens nicht ganz so einfach ist. Gleichwohl zollen wirder Voraussagbarkeit seines Handelns eine hohe Wertschätzung, denn die ist gemeint, wenn wir ihn einen Menschen »von Charakter« nennen. 
Wir unterstellen also, unbeschadet aller Entscheidungsfreiheit,dass nicht jeder alles auch zu tun bereit ist, was ihm die “conditio humana” an Möglichkeiten offenläßt. Charakter heisst soviel wie Profil, Profil ist Grenze, und die ist der Inbegriff dessen, was jemand nicht ohne weiteres zu tun bereit ist. 

Wenn wir gewisse Dinge tun und andere lassen, dann deshalb, weil wir die Welt als einen Schauplatz verbindlicher Werte wahrnehmen,die durch unser Handeln gepflegt oder verletzt werden können. Der Charakter als Verhaltensprofil und die Wertwelt als dessen ideellesGegenstück gehören also zusammen, und beide sind es, woran man eigentlich denkt, wenn man von Identität redet. Identität hat zutiefst etwas mit dem zu tun, was man für wertvoll hält, und damit auch,was man selbst wert ist; sie spiegelt sich in der Matrix der Verpflichtungen, die das Individuum als verbindlich erlebt. 

Wegen ihrer engen Beziehung zum Charakter hat die Identität ein Janusgesicht. Der Mensch steht, zumindest in der Jugend, seinem eigenen Selbst in einem eigentümlichen Zwiespalt gegenüber: Er will sich selbst erkennen, und er will sich selbst gestalten. Beides widerspricht einander; denn Erkennen bezieht sich auf etwas, was der Fall ist; Gestalten aber bedeutet Verändern, dem Material eine Form erst verleihen, die es zuvor eben noch nicht hatte. Dieses Paradox ist angesprochen in Maximen wie »Werde, der du bist« oder Goethes Wort von der »geprägten Form, die lebend sich entwickelt«.  Einerseits umfaßt Identität die Gesamtheit der Antworten auf dieFrage »wer bin ich?«. Insofern gehört zu ihr eine Bestandsaufnahme all dessen, was man selbst - einschließlich derer, mit denen man sichals zusammengehörig erlebt - in der Vergangenheit an Tatsachen geschaffen hat. Hieraus resultieren Verantwortung, vielleicht Schuld, aber auch Selbstachtung und ein auf dem Gefühl der Wurzel stärkegründendes Selbstvertrauen. Auf der anderen Seite generiert dieser Wesenskern aber auch das künftige Verhalten, und zwar nicht im Sinne mechanischer Zwangsläufigkeit, sondern als eine Hierarchie von verbindlichen Wertungen, denen man bisher vielleicht noch gar nicht nachgekommen ist, die zunächst nur Programm, sogar Utopie sind, die es aber eben um der eigenen Identität willen nicht bleiben dürfen. 

Diachrone Identität

Bislang haben wir uns im Felde der Phänomenologie bewegt. Als nächstes stellt sich die ätiologische Frage: Woher kommt die Identitätskategorie, wie ist sie in der Stammesgeschichte entstanden? Um das zuverstehen, müssen wir ein wenig weiter ausholen und zunächst die Verhaltensorganisation eines einfachen Lebewesens betrachten, das diese Kategorie und ihre Vorformen noch nicht besitzt.  Nehmen wir an, es handle sich um einen ausgehungerten Frosch: Er befindet sich in einem Bedirfniszustand, seine Energiereservengehen zuende. Das muß seinem Zentralnervensystem mitgeteilt werden und dieses in eine spezifische Handlungsbereitschaft versetzen.Eine solche Aktivierung nennen wir Antrieb, also Hunger; dabei ist die Frage, ob das Tier diesen Antrieb auch bewußt erlebt, hier ohneBelang. Wir wollen des weiteren annehmen, die Umwelt enthalte neben vielem anderen auch eine Fliege in geeigneter Entfernung. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Von ihr gehen im Sonnenlicht visuelle Reize aus, die den Wahrnehmungsapparat des Frosches erreichen. Dort werden sie von einem Detektor (DET) empfangen, der so konstruiert ist, daß er dem Gehirn immer dann Meldung macht, wenn er eine kleine, konvexe Figur bemerkt, die sich relativ zu einem helleren Hintergrund langsam bewegt. Diese Meldungnennen wir Anreiz. 

Im Zentralnervensystem befindet sich ein neuronaler Apparat, der Instinkt (IN) für Nahrungsaufnahme. Dieser prüft Anreiz und Antrieb, und wenn beide stark genug sind, löst er ein genetisch angelegtes Bewegungsprogramm, eine sogenannte Erbkoordination (EKo) aus: Der Frosch schnappt zu. Das nennt man in der Ethologie eine konsummatorische oder Endhandlung; auch der Ausdruck Instinkthandlung ist dafür in Gebrauch. War diese erfolgreich, so wird das Bedürfnis gestillt.  Der postulierte Detektor entspricht dem, was man früher einen»Angeborenen Auslösemechanismus« genannt hat. Es handelt sich umeinen einfachen Reizfilter, der relativ starr auf einfache Schemata anspricht; er vermag ein Objekt also nur dann zu melden, wenn es sich in einer bestimmten Entfernung und aus einer bestimmten Perspektive präsentiert. Wir haben auf Seite I76 gesehen, daß auch der menschliche Säugling im Alter von wenigen Wochen auf ein menschliches Gesicht nur bei frontaler Zuwendung reagiert. Und das Froschbeispiel wurde mit Bedacht gewählt, um uns vor Augen zu führen, daß nach einem so einfachen Prinzip bereits lebensfähige Organismen konstruiert werden können. 

Natürlich bedarf es, um den elementaren biologischen Funktionen zu genügen, einer Mehrzahl solcher Instinktmechanismen mit je spezifischen Bedürfnissen und Detektoren. Diese sind, nach Maßgabe ihrer Dringlichkeit, in eine geeignete Reihenfolge zu bringen und nacheinander abzuarbeiten. Man wird anzunehmen haben, daß das jeweils gerade dominante Bedürfnis seine zugehörigen Detektoren imSinne eines primitiven Aufmerksamkeitseffektes (Aufm.) noch besonders aktiviert. 
 

Die gesamte kognitive Entwicklung bis hinauf zum Menschen hat nun letztlich daran gearbeitet, diese simple, automatenhafte Arbeitsweise der Umweltdetektion zu verfeinern. Und bei einem der frühesten Schritte, die die Evolution hierzu unternommen hat, begegnet uns  erstmals die Kategorie der Identität.  Statt »A ist mit B identisch« sagt man auf deutsch auch, die beiden seien »dasselbe«. Das deckt sich nicht etwa mit »gleich«, auch wenn die Umgangssprache hier kaum zu unterscheiden pflegt. Der Volksmund zieht »ein Ei und das andere« als Anschauungshilfe heran, umauszudrücken, wie sehr sich zwei Objekte gleichen. Identisch sind sie dennoch nicht..Man kann das eine ausbrüten und das zweite aufessen, ohne daß das jeweils andere davon betroffen wird. Ohne ein solches Mitbetroffensein läßt sich aber nicht von Identität reden. Identität ist, in der Terminologie der Gestaltpsychologen ausgedrückt Schicksalsgemeinschaft. 

Die erste Form, in der der kognitive Apparat eine Schicksalsgemeinschaft etabliert, liegt dann vor, wenn er die Bedeutung eines Reizmusters nicht nur an dessen gegenwärtigem Aussehen festmacht, sondern auch noch vergangene Erscheinungsweisen desselben Objekts mit heranzieht. Dazu freilich muß er zunächst einmal bestimmen können, was »dasselbe Objekt« bedeutet, er muß so gebaut sein, daß er überhaupt versteht, was das ist, ein »Objekt«: ein zeitüberdauerndesStück Wirklichkeit, das sein Wesen beibehält, selbst wenn es seineErscheinung wechselt. Es genügt also nicht mehr, wenn der Wahrnehmungsapparat nur auf aktuelle Reizmuster antwortet; er muß vielmehr jedes solche Muster mit gewissen im Gedächtnis gespeichertenSpuren früher wahrgenommener, im allgemeinen ganz anders aussehender Muster so verleimen, daß daraus eine Art zeitüberbrückender Kette von Speicherbildern entsteht. Diese Kette nennt man Trajektorie. 

Die Identitätskategorie verknüpft also zeitlich Auseinanderliegendes durch Trajektorien. Wegen dieser Eigenschaft sprechen wir genauer von diachroner Identität. Die Trajektorie kann durchaus auch Leerphasen überbrücken, so etwa, wenn das betreffende Objekt vorübergehend hinter einem Paravent verschwindet. Der trajektorienknüpfende kognitive Apparat ist überzeugt, daß ein Objekt nicht einfach verschwinden kann, sondern irgendwo wieder auftauchen muß. Deshalb lauert die Katze vor dem Loch, in das die Maus verschwunden ist, während der Frosch die Fliege, die seinem Detektor entglittenist, sogleich vergißt. 

Wir verstehen nun den Unterschied von »identisch« und »gleich«: DasObjekt fällt hier nicht mehr mit einem bestimmten Reizmuster zusammen; es ist so etwas wie eine gemeinsame kategoriale Klammer vieler über die Zeit verteilter Erscheinungsbilder. Diese lassen sich unterUmständen gar nicht miteinander »vergleichen«; sie können so verschieden sein wie ein Märchenprinz und der Frosch, in den ihn dieHexe verwandelt. Der Ausdruck »Verwandlung« besagt ja eben genau das: Wechsel der Erscheinungsweise bei weiterbestehender Identität. Irgendetwas bleibt dabei als »dasselbe« erhalten - ein abstrakter Kern,der »hinter« oder »am Grunde« oder »im Inneren« der auswechselbaren Erscheinungen liegt, das »Wesen«, die »Substanz«, die der eigentliche Träger des »Schicksals« ist, an dem alle diese Momentaufnahmen partizipieren: der Prinz, der die Hexe geärgert hat, ebensowie der Frosch, der dafür büßen muß. 

Synchrone Identität
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Im Zuge der Phylogenese ist die diachrone Identität bereits relativ früh erfunden worden. Erst viel später, nämlich auf der Schimpansenstufe, kam noch eine weitere, ganz andersartige Form von Identitätswahrnehmung hinzu.  Um sie zu verstehen, müssen wir zunächst zum Schema auf Seite572 zurückkehren. Dieses läßt nämlich eine wichtige Frage offen: Was geschieht, wenn zwar der Antrieb groß, der Anreiz aber schwach ist, wenn also die Situation sich nicht eignet, die konsummatorische Endhandlung ablaufen zu lassen. Was tut der hungrige Frosch, wenn erkeine Fliege sieht? Er kann dann zum Beispiel seinen Standort wechseln. Allgemeiner gesagt: Er muß einen anderen Typus von Verhalteneinsetzen, ein Verhalten, das in der Umwelt zunächst einmal die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Endhandlung schafft.  In der älteren Ethologie bezeichnete man diese Art von Aktivität als Appetenzverhalten; heute hat sich, von der Stressforschung kommend,der Ausdruck Bewältigungs- oder Copingverhalten eingebürgert,. 

Im vorliegendenZusammenhang geht es vor allem um das inventive Coping.  Die folgende Abbildung sieht für die Generierung des Coping-Verhaltens ein eigenes Teilsystem (COP) vor. Dieses überlagert sich als höhere Instanz dem basaleren Instinktmechanismus (IN), der nur darauf eingerichtet ist, Anreize und Antriebe in Befehle an die konsummatorische Motorik umzusetzen. 

Man kann in der urtümlichen Polarisierung zwischen Instinkt und Coping-Apparat durchaus eine Denkvorlage für die von FREUD getroffene Unterscheidung zwischen den metapsychologischen Instanzen »ES« und »ICH« sehen. Wir verzichten hier aber auf die Verwendung dieser Begriffe, da sie im psychoanalytischen Sprachgebrauch mit verwirrend vielen zusätzlichen Deutungen überfrachtet sind.Wesentlich ist, dass die Instinkte mit dem Coping-Apparat kommunizieren müssen. Der letztere arbeitet ja seiner Natur nach unspezifisch;er muss zunächst »gesagt bekommen«, welche Bedürfnisse im Moment unbefriedigt sind, und er muß auch erfahren, wann er seine Bemühungen wieder einstellen kann, weil die Anreizstärke inzwischen ausreicht, um die konsummatorische Handlung auszulösen. 

Emotionen

Diese Mitteilungen sind aber nichts anderes als das, was die Fachsprache als Emotionen bezeichnet.  Emotionen sind also die Weise, in der das CopingSystem die aktuelle Antriebs und Anreizlage wahrnimmt, wenn die konsummatorische Endhandlung blockiert ist bzw., etwa im Zustand der Freude undErleichterung, wenn die Blockade gerade aufgehoben wird. Die Redevon der »Blockade« ist dabei relativ zu verstehen; ganz vollständig gelingt sie meist nicht: Die Erbkoordination läuft doch wenigstens in rudimentärer Form ab. Man kann dann, etwa an den gefletschtenZähnen, immer noch erkennen, dass der Betreffende eigentlich zubeißen möchte. Solche rudimentierte Endhandlungen bezeichnet man als Ausdrucksbewegungen; sie können die Mitwelt über den emotionalen Zustand eines Individuums informieren. 

Der Coping-Apparat ist wesentlich flexibler als der basale Instinktmechanismus, und das muß er auch sein, denn er soll sich ja an dlejeweilige Umweltlage anpassen können. Hierfür benötigt er einen Wahrnehmungseingang (WAH), der sich nicht mehr auf Detektoren für instinktspezifische Schemata beschränkt, sondern auch neutrale, zunächst bedeutungslose Reize zu registrieren vermag. Auch seine Motorik muß darauf eingerichtet sein, Reaktionen auszuprobieren,die vom instinktiven Verhaltensprogramm abweichen, da dieses ja eben in der gegebenen Situation nicht greift. Einfachere Organismen sind allerdings noch nicht in der Lage, wirklich neue Bewegungsmuster zu entwerfen; ihnen bleibt als inventive Coping-Strategie nur der ungeordnete Bewegungssturm und ein wahlloses Durchprobieren aller verfügbaren Erbkoordinationen. Hinzukommt aber die Fähigkeit, aus dem Erfolg zu lernen, sich also alles zu merken, was ein wenig näher ans Ziel herangeführt hat, um es beim nächsten Mal bevorzugt einzusetzen.  Das ist nun eine ziemlich riskante Methode. Wenn man sich aufs Probieren verläßt und abwartet, was dabei herauskommt, kann man die Dinge viel schlimmer machen, als sie vorher waren. Der angehende Flugpilot, der die Handgriffe beim Starten und Landen noch nicht beherrscht und drauflos improvisiert, hat keine hohe Lebenserwartung. 
 
 
 
 
 

Phantasie

Nun setzt man Pilotenschüler aber bei der Ausbildung nicht gleich ins Cockpit, sondern zunächst in einen Flugsimulator. Genauso macht es auch die Natur: Sie hat im Laufe der Evolution die Phantasie erfunden, und die ist nichts anderes als ein solcher »Wirklichkeitssimulator«. Man bezeichnet die Vorstellungstätigkeit daher auch als mentales Probebandeln. 

Der neue Apparat taucht stammesgeschichtlich nicht vor den Menschenaffen auf. Paviane sind im Unterschied zu Schimpansen noch nicht in der Lage, Handlungsketten mental vorauszuentwerfen und dabei abzuschätzen, was das für Konsequenzen hätte. Die technischen Anforderungen an eine brauchbare Wirklichkeitssimulation sind offenbar erheblich. Und unter dem reichen Instrumentarium an neuen Kategorien, das dafür zu entwickeln war, findet sich insbesondere auch eine völlig neukonzipierte Identitätskategorie. 

Zur Funktion der Zeitüberbrückung mußte hier eine andere treten, bei der es darum geht, zwei gleichzeitig an verschiedenen Orten befindliche Dinge zu identifizieren. Wenn sich nämlich ein Schimpanse überlegt, wie er etwa eine Kiste aus der äußersten Käfigecke holt und unter eine an der Decke hängende Banane plaziert, dann muß er doch wissen, daß es sich bei der am neuen Ort vorgestellten um dieselbeKiste handelt, die er zugleich unverändert in der Ecke stehen sieht. In diesem Fall gilt es also nicht zeitliche, sondern räumliche Distanz zu überbrücken; wir sprechen daher von der Kategorie der synchronenIdentität. 

Und auch sich selbst, den er im Geiste schon auf die Kiste klettern und die Banane greifen sieht, muß er mit dem »Ich«, das sich all diesvorstellt, identifizieren. Es ist also nur logisch, daß die Fähigkeit, sich im Spiegel zu erkennen, phylogenetisch zeitgleich mit dem Auftaucheneiner mentalen Probebühne, also eben auf der Schimpansenstufe, entsteht. 

Auch für die synchrone Identität gilt, daß sie nicht die Gleichheit der Erscheinung voraussetzt. Im Spiegel sieht man ganz anders aus, als man sich von innen anfühlt. Und im übrigen kommt als Identifikationsobjekt ja gar nicht nur das Spiegelbild oder die eigene Photographie in Betracht, sondern auch der Familienname, der Partner, dieEltern, der städtische Fußballclub, das Vaterland, die Arbeiterklasse oder die Hungernden der Dritten Welt. Auch hier bedeutet Identität gemeinsame Partizipation an einem einzigen Wesenskern, und daher auch erlebte Schicksalsgemeinschaft.

Von diesem Mechanismus her wird manche Eigentümlichkeit des menschlichen Verhaltens verständlich, die sonst rätselhaft bliebe. Da haben etwa amerikanische Forscher ein Gen für Zwergwuchs entdeckt. In Anbetracht der Behinderungen, die mit dieser Anomalie verbunden sind, sollte man erwarten, daß die Möglichkeit, künftigen Generationen vielleicht einmal gentherapeutisch das Handicap zu ersparen, freudig begrüßt wird, auch von jenen, dieheute noch selbst damit fertig werden müssen. Aber weit gefehlt. Der bloße Gedanke an solche Reparaturmaßnahmen wird als Todesdrohung erlebt. Wer verhindert, dass Menschen weiterhin zwergwüchsig zur Welt kommen, so lautet die Logik, der eliminiert die Zwergwüchsigen, der vernichtet »uns«! Esmuß »uns« weiter geben dürfen, mag dies immerhin Ungeborene zu einemLeben unter erschwerten Bedingungen verurteilen. Das ist gemeint, wenn wir Identität als Kategorie verstehen, die Schicksalsgemeinschaft herstellt, notfalls um den Preis krasser Realitätsverzerrung und mitmenschlicher Härte.

Die primäre und die sekundäre Zeit 

Synchrone Identität ist eine wichtige Grundlage für das Verständnis sprachlicher Symbole. Das Zeichen steht ja auch zu dem bezeichneten Ding in einer Identitätsrelation, und die Erscheinungsformen derWortmagie lassen ahnen, wie tief das gehen kann. Da Schimpansenüber die synchrone Identität verfügen, nimmt es nicht wunder, daß man ihnen beibringen kann, eine einfache Form von Sprache zu beherrschen. 

Sie setzen dieses Werkzeug freilich in freier Wildbahn nicht spontan zu kommunikativen Zwecken ein. Das ist von hoher theoretischer Bedeutung. Philosophen haben sich darüber gestritten, ob Sprache primär der Kommunikation diene oder ein Werkzeug des Denkens sei.

Wenn man diese Frage entwicklungsgeschichtlich versteht (und wie anders sollte man sie verstehen), dann ist die Antwort eindeutig: DieMitteilung von Sachverhalten kann nicht den Selektionsdruck ausgeübt haben, unter dem die Kategorien, die die Anthropoiden zur Beherrschung einer Zeichensprache befähigen, phylogenetisch entstanden sind. Erst der Mensch hat das hier bereitliegende Potential zur Kommunikation genutzt und im Dienste dieser neuen Bestimmungabermals umgestaltet.

Warum aber wurde erst bei ihm die Mitteilungsfunktion, das Wechselspiel von Frage und Antwort, so wichtig? Um dies zu verstehen, müssen wir unser Augenmerk auf einen bislang nicht behandelten Aspekt der Phantasietätigkeit richten. Er betrifft die Erlebnisweise der Zeit. 

Bei Tieren, die noch keine mentalen Probehandlungen ausführen können, spricht nichts dafür, daß zu ihrer kognitiven Ausstattung überhaupt so etwas wie ein Zeitbewußtsein gehört. Solange ihr Verhalten sich darin erschöpft, auf aktuelle Reize ebenso aktuell zu antworten, leben sie in einer absoluten Präsenzzeit, zu der es keine Alternative gibt - dem ewigen Jetzt, von dem wir gesagt haben, daß es für ein unreflektiertes, mediales Ich-Erleben charakteristisch sei. 

Gewiß - die Präsenzzeit ist nicht punktuell zu verstehen, sie ist weit genug, um die Wahrnehmung von Prozeßgestalten zuzulassen. Auch mag sich das Kommen und Gehen der Bedürfnisse in eineTages- oder Jahresperiodik fügen. Aber davon brauchen die Tiere nichts zu merken. Und wenn in ihr Copingverhalten Lernerfahrung eingeht, so erfordert das noch nicht, daß sie sich früher Erlebtes bewußt in Erinnerung rufen können. Sie wissen dann eben, wie man sich in solchen Situationen verhält; daß und wie dieses Wissen einmal erworben wurde, braucht hierfür nicht präsent zu sein, denn ohne eine Phantasie, in der man Probehandlungen ausführen kann, wüßte man mit solchen Erinnerungsbildern gar nichts anzufangen. 

Repäsentation

Sobald ein innerer Wirklichkeitssimulator zur Verfügung steht, wird das nun aber grundsätzlich anders. Phantasietätigkeit schließt zumindest einen Ausgriff auf die Zukunft ein. Mental entworfene Handlungen sind vorweggenommene Handlungen. Ob sie auch eines Rückblicks auf vergangene Ich-Zustände bedürfen, ist weniger klar und empirisch nicht untersucht. Möglicherweise ist auf der Vorstellungsebene die Zukunft älter als die Vergangenheit. Fest steht aber jedenfalls, daß die Phantasie nicht arbeiten könnte, wenn sich ihre Inhaltenicht auf einer Zeitschiene verschieben ließen. Das ist der Grund, warum wir die Vorstellungstätigkeit auch als »Ver-Gegenwärtigung« oder- was wörtlich dasselbe besagt - »Re-Präsentation« bezeichnen. 

Schimpansen leisten in dieser Hinsicht Beachtliches; sie planen unter Umständen für eine halbe Stunde im voraus. Gleichwohl bleiben sie dabei diesseits einer entscheidenden kognitiven Schranke: Soweit sie künftige Ereignisse vorstellend vorwegnehmen, tun sie das stets im Bezugssystem der gerade aktuellen Antriebslage. Es gibt keine Anzeichen dafür, daß ihre Phantasie sich mit Inhalten bevölkert, dieüber die Befriedigung ihrer gegenwärtigen Bedürfnisse hinausgehen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Ich bezeichne diese Weise der temporalen Vorstellungsorganisation als Primärzeit; denn ich glaube, daß Sigmund FREUD eben sie im Sinn hatte, als er vom »Primärprozeß« sprach, einer Verarbeitungsweise, die er dem »Lustprinzip« zuordnetet. Wenn wir »Lust« mit »aktuellemAntrieb« gleichsetzen, ist damit genau der Grundgedanke getroffen, daß beim Primärprozeß die momentan gerade heftigste Bedürfnislage allein die Phantasietätigkeit organisiert. 

Die anthropologische Pointe ist nun aber, daß FREUD diesem Vorgang beim (reifen) Menschen noch einen Sekundärprozeß unter derÄgide eines »Realitätsprinzips« gegenüberstellt. In unsere Spracheübersetzt geht es dabei um die Vergegenwärtigung nicht nur künftiger Umweltzustände, sondern auch künftiger eigener Bedürfnisse. Es geht darum, zunächst zu prüfen, welche der herstellbaren Umweltsituationen mit welcher der künftig vorhersehbaren Antriebslagen zusammen optimal adaptiv ist, sodann diese Umweltsituation unabhängig von, ja gegebenenfalls sogar im Widerspruch zur aktuellen Bedürfnishierarchie herzustellen und das vorweggenommene Bedürfnis gewissermaßen »auf Vorrat« zu befriedigen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Soweit wir es heute überblicken können, sind die kognitiven Strukturen, die ein solches Antriebsmanagement möglich machen die entscheidende Prärogative des Menschen. So intelligent sich Schimpansen auch immer in ihrer Primärzeit bewegen können, im Grunde sind auch sie noch keinen Schritt weiter als die Vögel aus dem Gleichnis des Evangeliums: Sie säen nicht, sie ernten nicht, ihr himmlischer Vater ernährt sie. Keinem Tier fällt es ein, sich in gesättigtem Zustand auf die Suche nach Nahrung für künftigen Hunger zu machen und Vorräte anzulegen. Einige Nager tun das wohl (übrigens auch einige Vögel!) - aber auf der Basis »fest verdrahteter«, einsichtsfrei funktionieren der Instinktmechanismen. Wovon wir hier jedoch reden, ist Zukunftsvoraussicht gewissermaßen auf »Software«-Basis. 

Der Übergang zur Sekundärzeit steigert nicht nur schubhaft die Effizienz der Spezies Homo sapiens. Er löst auch eine schwerwiegende  affektive Destabilisierung aus. Schon auf der tierischen Stufe streiten sich in jedem Moment mehrere Bedürfnisse um das Vorrecht, das Verhalten zu determinieren. Die Konaikte werden nun aber um eine Größenordnung komplizierter, wenn auch noch künfiige Bedürfniss ein den Optimierungsprozeß eingehen müssen. Sie sind ja bloß auf der Vorstellungsebene repräsentiert; damit sie überhaupt konkurrenzfähig werden können, ist es nötig, daß das energetische Gefälle zwischen ihnen und den aktuellen Bedürfnissen abgebaut wird. Dazu müssen die letzteren entmächtigt, konstitutionell unter Hemmung gesetztwerden. 

Diese Dämpfung der Antriebskraft bei gleichzeitiger Erweiterung der Antriebspalette bringt das spezifisch anthropologische Problem mit sich, daß die Entscheidung im Bedürfniskonflikt wesentlich schwieriger und die Gefahr des Gleichgewichtsverlustes erheblich größer ist als auf tierischer Stufe. Hier liegt der strukturelle Grund für das, was wir auf Seite 80 das »paradoxe Kräftespiel der menschlichen Affektivität« genannt haben. 

Das System der menschlichen Verhaltensregulation ist konstitutionell labil und läßt daher nach sinndeutenden Orientierungshilfen suchen von der Art, wie die Mythen siebereit stellen. (vgl. 74-81) Ernst HAECKEL hatte gemeint, daß die Ontogenese die Phylogenese rekapituliert. Wir wissen heute, daß das so einfach nicht stimmt. Gleichwohl ist augenfällig, daß die eben skizzierte dreistufige Phylogenesedes kognitiven Apparates eine gewisse Parallele zu den drei ontogenetischen Entwicklungsphasen aufweist, die wir in der Abbildung auf Seite 32I unterschieden haben. 

Primaten unterhalb der Menschenaffen können psychische Gehalte noch nicht figural erfassen. In dieser Hinsicht gleichen sie kognitivdem Menschenkind im »oralen« Alter. Wenn wir unter der hypothetischen Voraussetzung, daß sie überhaupt ein Bewußtsein haben, dessen Inhalt beschreiben wollten, dann dürften wir dabei keinen Gebrauch von der Kategorie der psychischen Grenze machen. Ich undDu können auf keinen Fall schon nebeneinander, als klar getrennteErlebniseinheiten erfahren werden. Fremde Gefühle bleiben entwederunverstanden, oder sie ergreifen durch Ansteckung auch ununterscheidbar die eigene Stimmungslage. Letztlich bezieht alles, was geschieht, seine Bedeutung davon, daß es für mich wichtig ist; insofernhaben wir das Erleben auf dieser Stufe »egozentrisch« genannt.  Die Menschenaffen sind nach derzeitigem Wissensstand die einzigen Lebewesen, die auch die kognitiven Errungenschaften der »analen« Entwicklungsstufe mit uns teilen: die Kategorie der synchronenIdentität und den figuralen Status von Ich und Du. Selbst hier aberbleibt das Erleben egozentrisch. Daran ändert auch die jetzt möglichgewordene empathische Reaktion nichts: Das Ich mag sich synchronmit einem Du identifizieren und dessen Anliegen zu seinem eigenen machen; aber dann drängt sich eben jenes übernommene Anliegen mit Haut und Haaren in die Mitte der Welt, in den Nullpunkt des affektiven Bezugssystems, und fordert anstelle der von ihm unterdrückteneigenen Bedürfnisse mit derselben Unerbittlichkeit das Monopol als Organisator der Phantasie. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Erst im »ödipalen« Alter weicht diese Egozentrik beim menschlichen Kind einer Theory of Mind, die das Ich in den Stand setzt, eigene und fremde Perspektiven gleichberechtigt nebeneinander bestehenzu lassen. Doris BlscHoF-KoHLER und ihr Team untersuchen gegenwärtig in ausgedehnten Versuchsreihen die Frage, ob diese Form dersozialen Exzentrizität und die erstmals beim Menschen auftretendezeitliche Exzentrizität, also die Fähigkeit, bei der Verhaltensorganisation aus der aktuellen Antriebslage herauszutreten und künftige Ich-Zustände chancengleich miteinzubeziehen, auf einem und demselbenkognitiven Mechanismus beruhen. Falls sich das als zutreffend erweist, dann wäre damit der Prozeß, in dem die kognitive Struktur des Menschen dem Tierreich entwächst, auf einen einzigen Entwicklungsschritt reduziert. Aber auch wenn der Phasenübergang komplexer sein sollte und mehrere unabhängige Reifungsschübe erfordern sollte: Jetzt schon kann als gesichert gelten, daß er jedenfalls im »ödipalen« Alter erfolgt. 

Der Übergang von der Primär- zur Sekundärzeit stellt einen überaus folgenreichen Umbruch dar. Wenn das Ich die aktuelle Bedürfnislage relativieren kann, ist diese selbst nicht mehr als oberste Organisationsinstanz des Phantasiegeschehens beanspruchbar. Es bedarf dann eines neuen, übergeordneten Bezugssystems, in das sich die verschiedenen möglichen Bedürfnisrepräsentationen ihrerseits einordnenkönnen. 

Dieser neue Organisator der Phantasie muß etwas mit dem Verständnis für die Eigengesetzlichkeit der realen Welt zu tun haben. Es hängt ja vom objektiven Ereignisablauf ab, in welchen Antriebszuständen ich mich morgen befinden werde. Was mir nottut, ist also ein Gerüst möglichst verläßlicher Extrapolationen aus dem bisherigen auf das künftige Weltgeschehen. 

Ich bezeichne dieses Bezugssystem als dasWeltgerüst. Wenn FREUD vom »Realitätsprinzip« spricht, das den »Sekundärprozeß« beherrscht, dann hat er das Weltgerüst im Sinn.  Auf dem Niveau der Schimpansen-Intelligenz hatte es geheißen: Wie kann ich die aktuelle Situation abändern, damit sie das mich momentan beherrschende Bedürfnis erfüllt? Dem gegenüber fragt nun derMensch: Wie wird es mit dieser Umwelt weitergehen, womit wird sie mich von sich aus als nächstes konfrontieren, und welche Bedürfnisse wird das in meinem künftigen Ich hervorrufen? 

Die egozentrische Betrachtungsweise, die mich selbst zum Maß aller Dinge gemacht hat, weicht hier einer Sicht, in der die Welt zum Bezugssystem für mich wird. 

Auch dieses Bezugssystem bedarf einer zeitübergreifenden Klammer. Die phylogenetisch alte diachrone Identität taugt dafür nicht, denn sie reicht nicht über die Primärzeit hinaus. Ihre Trajektorien reichen nur so weit, wie sie in die Erlebniseinheit einer Motivlage eingebettet sind. Sie stülpen sich wie die Augenstiele einer Schnecke aufgeringe Distanz in die Zukunft vor und haben eine noch kürzere Basisin der Vergangenheit. Die Bausteine des Weltgerüstes jedoch müssen den Charakter von vollzogenen oder zu erwartenden Tatsachen annehmen, ihre Lebensdauer darf nicht mehr davon abhängen, ob dieStimmung weiterbesteht, in der sie ins Bewusstsein traten. Sie verlangen eine dritte Art von Identität, eine Identität, die in der Sekundärzeit Bestand hat, die nicht nur diachron, sondern wirklich permanentist. 

Die Kategorie der permanenten Identität wird durch Reifung verfügbar; man kann sie weder Schimpansen noch präödipalen Kindern antrainieren. Allerdings ist sie, für sich genommen, zunächst nur eine leere Form. Ein tragfähiges Weltgerüst entsteht erst, wenn sich diese Form mit Inhalt füllt. Und der ist nun in der Tat ein Produkt der Lerngeschichte. 

Der einzelne wird durch diese Aufgabe jedoch überfordert. Was er über die Struktur der Wirklichkeit auf eigene Faust in Erfahrung bringen kann, wäre nicht genug oder käme jedenfalls zu spät, um ein Weltgerüst zu errichten, in dem er das neuerschlossene Potential zur Bedürfnisantizipation ausschöpfen könnte. 
 

Sprache

Und hier liegt nun die Antwort auf die vorhin gestellte Frage, warum die sprachliche Kommunikation beim Menschen so existenznot-wendig wird, dass sie einen Selektionsdruck ausüben konnte, die für sie erforderlichen Kompetenzen zu erwerben. 

Ein Bezugssystem, indem man künftige Ich-Zustände raumzeitlich adäquat vorhersehen kann, lässt sich nur sozial, im Informationsaustausch mit anderen aufbauen. 

Erst beim Menschen regt sich daher das Bedürfnis, Inhalte der Vorstellungsebene, die andere bereits in ihr Weltgerüst eingebaut haben, für sich zu übernehmen, also nach Tatsachen zu fragen. Sprach-trainierte Schimpansen sind dazu nicht spontan motiviert. 

Der Mensch ist nicht als »das sprechende«, wohl aber als »das fragendeWesen« definierbar. 

Wenn hier von »Tatsachen« die Rede ist, so darf dieser Begriff allerdings nicht zu eng verstanden werden. Er geht über das hinaus, was eine positivistische Erkenntnistheorie darunter verstehen würde. Das Weltgerüst dient ja in erster Linie der Handlungsorganisation; es soll das Wirbelfeld der Triebkräfte langfristig in beherrschbaren Bahnen kanalisieren. Das ist eine Optimierungsaufgabe, die nicht nur von der Welt draußen, sondern auch von der Struktur der Bedürfnisse selbst abhängt. Diese werden sich also irgendwie im Weltgerüst spiegeln müssen.  Dabei ist auch, aber nicht in erster Linie von der persönlichen Antriebsausstattung die Rede. Wichtiger noch ist die generelle, anthropologische Antriebsstruktur, an der wir alle mit individuellen Abweichungen partizipieren - die conditio humana. 

Um ihretwillen haben die Mythen am Aufbau des Weltgerüstes teil: Sie sollen ihm eine Basis geben, aus der die Menschengemeinschaft ein möglichst spannungs-reduzierendes Antriebsmanagement extrapolieren kann.  Die Abbildung auf Seite 27 zeigt demnach eigentlich Modelle desWeltgerüstes. Die mythische der beiden Varianten mag noch so phantastisch sein; für die eben angesprochene Aufgabe ist sie gleichwohl besser geeignet als die wissenschaftliche. Weil wir das spüren, hört sie wider allen besseren Wissens nicht auf, uns zu faszinieren.