Zhuangzi2-12


Schmetterlingstraum

Deutsche Übersetzungen:

Einst träumte Zhuang Zhou - da war ein Schmetterling, ein Schmetterling, der verspielt hin und her flattert, wie es ihm gefällt, in glücklicher Übereinstimmung mit sich. Da war kein Wissen von einem Zhou.
Plötzlich kam es zum Erwachen - da war ganz und gar, ganz handfest Zhou. Es ist ungewiss, ob Zhou im Traum zum Schmetterling wird, oder ob der Schmetterling im Traum zum Zhou wird. Es gibt Zhou und einen Schmetterling, also gibt es da bestimmt einen Unterschied. Dies nennt man die Wandlung der Dinge. (Wohlfart)

Einst träumte Zhuang Zhou - und wurde ein Schmetterling, ein flatternder Schmetterling, heiter daselbst und seinem Ansinnen eingepasst! Ihr wusste nichts von einem Zhou. Mit einem plötzlichen Erwachen war ein Zhou voll und ganz da. Man weiß nicht ob ein Zhou im Traum zu einem Schmetterling wird, oder ein Schmetterling im Traum zu einem Zhou. Wo es einen Zhou gibt und einen Schmetterling, dann muss es eine Unterscheidung dazwischen geben. Diesbezüglich spricht man von der Wandlung der Dinge. (Möller)

Einst träumte Zhuang Zhou, er sei ein Schmetterling - ein Schmetterling, der glücklich und fröhlich um her flatterte.Er wusste nicht, dass eher Zhuang Zhou war.
Plötzlich erwachte er und war ganz handgreiflich Zhou. Nun wusste er nicht, ob er Zhou war, der geträumt hatte, ein Schmetterling zu sein, der gerade träumte Zhou zu sein. Es muss aber einen Unterschied zwischen Zhou und dem Schmetterling geben. Dies nennt man die Transformation der Dinge. (Schuhmacher)

Einst träumte Dschuang Dschou dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wusste von Dschuang Dschou. Plötzlich erwachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuan Dschou. Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei, obwohl doch zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher einen Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge. (Wilhelm)

Ich, Tschuang Tse, träumte einst, ich sei ein Schmetterling, ein hin und her flatternder, in allen Zwecken und Zielen ein Schmetterling. Ich wusste nur, dass ich meine Launen wie ein Schmetterling folgte, und war meines Menschenwesens unbewusst. Plötzlich erwachte ich; und da lag ich wieder: wie der „ich selbst“. Nun weiß ich nicht: war ich da ein Mensch, der träumte, er sei ein Schmetterling, oder bin ich jetzt ein Schmetterling, der träumte er sei ein Mensch? Zwischen Mensch und Schmetterling ist eine Schranke. Sie überschreiten ist Wandelung genannt.

Kommentar:

Hans-Georg Möller 97: Prozessontologie
Wer sich vor den Verwandlungen fürchtet, der hat den Lauf der Dinge noch nicht verstanden, er hat noch nicht verstanden, dass alle Phasen des Prozesses gleich-gültig sind und keine die "eigentliche" ist. (Zhuangzi 2.12)

S. 104
Die daoistische Konzeption von Leben und Tod lässt sich gleichermaßen anhand des Schmetterlings Traumes (Zhuangzi 2.12) verdeutlichen. Der Schmetterlings Traum schildert, wie unsinnig es angesichts der totalen Wandlung ist, sich wegen des Todes im Leben schwermütige Gedanken zu machen... Genauso wenig wie man im Wachen an den Traum denken soll, soll man im Leben an den Tod denken.
Denn es gibt genauso wenig ein kontinuierliches "Ich", das die Wandlung von Zhuangzu zum Schmetterling begleitet, wie es ein kontinuierliches "Ich" gibt, dass in der Wandlung vom Leben zum Tod erhalten bliebe. Ein "Ich" ist an eine Phase, an einen jeweiligen Zustand gebunden und wird mit dem Wandlungsprozess in ein ganz anderes "Ich" verwandelt. Gerade das "Ich" ist im Rahmen der Prozessontologie keine stabile Größe.
Deshalb sollte man auch keinesfalls in Zweifel geraten, welches "Ich" oder welche Zustand der "eigentliche" ist. Nicht Zweifel über die Beziehung zwischen Leben und Tod bestimmen das daoistische Denken, sondern vielmehr die Gewissheit darüber, dass beide Zustände zwei gleichrangige Segmente eines Prozesses sind.
Außerdem ist es gerade die völlige Abgrenzung zwischen Leben und Tod, die den Sprung von einem Zustand zum anderen Zustand möglich macht. Genauso wenig wie die Grenzen zwischen Zhuang Zou und Schmetterling verwischt oder überschritten werden, genauso wenig dürfen die Grenzen zwischen Leben und Tod überschritten werden. Wer im Leben über den Tod nachdenkt, der verletzt die Unmittelbarkeit des "Lebensgefühls", er macht sich selbst unsinnigerweise das Leben schwer.
Schließlich dient das Schmetterlingsgleichnis dazu, die gleichrangige Echtheit von Traum und Wachsein zu demonstrieren. Keine der beiden Phasen relativiert die Gültigkeit der anderen; beide bestätigen einander vielmehr gerade. Analog soll der Daoist Leben und Tod als genau gleichermaßen echte Zustände anerkennen. Die Erfahrungswelt ist in jeweils beiden Zuständen gleichermaßen "authentisch".
Und in genauer Analogie zum Schmetterlingstraum lässt sich auch schließlich erklären, was das "große Erwachen" ist. Zwischen kleinen und großen Erwachen muss man genauso unterscheiden will zwischen Zhuang Zou und Zhuangzi, dem daoistische Heiligen.Zhuang Zou, der vom Schmetterlingstraum erwacht, ist genau wieder Schmetterlingstraum ein Prozesssegment, einer "Wandlungsphase" zugehörig. Das kleine Erwachen ist das Erwachen aus dem "kleinen Traum", es ist der Übergang von einer Phase in die nächste. Innerhalb der jeweiligen Phasen gilt es für jeden, voll und ganz in dieser Phase zu sein und nicht deren Grenzen zu überschreiten. Wenn man wach ist, sondern nur wach sein, wenn man träumt nur träumen; und genauso soll man, wenn man lebt, nur leben, und wenn man tot ist, sondern nur tot sein. Das kleine Erwachen gilt denjenigen, die an der Wandelung teilhaben, denjenigen, die sich im Wandlungskreislauf drehen, den Speichen im Rad. Ihr Erwachen bedeutet, dass sie, wenn sie in einem Zustand sind diesen Zustand voll und ganz akzeptieren sollen und mit diesem zeitweiligen Zustand gewissermaßen vorkommen verschmelzen. Das kleine Erwachen ist die Lehre für den kleinen Mann, der noch nicht Heiliger ist, aber nichtsdestoweniger ganz authentisch in der Welt des Wandels, die den Heiligen umgibt, hinein gehört.

Das große Erwachen ist das Erwachen von Zhuang Zhou und Schmetterling zu Zhuangzi, es ist das "Erwachen" aus dem Kreislauf von Traum und Wachsein, von Tod und Leben zur daoistischen Heiligkeit inmitten von Leben und Tod.
Der daoistische Heilige identifiziert sich, wie die Nabe im Rad, nicht jeweilig mit dem, was ihn umkreist. Die Nabe wird als Mittelpunkt des Geschehens mit dem ganzen Kreislauf identifiziert. Die "Nullperspektive" der Nabe oder die Nullperspektive aus der Zhuangzi die Wandlung von Zhuang Zhou zu Schmetterling und wieder zu einem Zhuang Zhou beschreibt, ist die Perspektive des Heiligen auf den Wandel von Leben und Tod... Es muss gewissermaßen ein Sprung in die Mitte von Leben und Tod erfolgen. Indem sich der daoistische Heilige im Leben weder mit dem Leben noch mit dem Tote identifiziert, identifiziert er sich mit dem Wandlungsprozess als Ganzem und tritt in die Nullperspektive ein. Er muss die Position der Mitte einnehmen, er muss im Angelpunkt des Dao (dao shu) verweilen...
Der daoistische Heilige, der gross Erwachte, hat sich aller Körperlichkeit und aller Geistigkeit - entzogen und ist in einem Zustand völliger Leere gekommen.

Günter Wohlfart : Wandlungen

Seite 53 Autopoiesis
Das Prinzip des unabhängigen Wandels: ausgehend von Guo Xiangs Kommentar sagt Fukunaga, dass dao im Zhuangzi nichts anderes bedeute als den Wandel, durch den alle Phänomene sich selbst erzeugen und verwandeln. Mit anderen Worten: Das Dao ist der immanente Lauf der Natur, der sich im Wandel der Dinge von-selbst-so vollzieht. Dao ist keine transzendente letzte Wirk-Ur-Sache, die hinter oder über den Dingen stünde...Dao ist die Selbst-Erzeugung, das Sich-von-selbst-Ergeben, das von-selbst-so Entstehen und Vergehen der Dinge.
Seite 61
Leben ist ein Werden, ein Entstehen im Vergehen sowie ein Vergehen im Entstehen. Der Weg des Lebens ist eine Bewegung, deren Momente Entstehen und Vergehen sind. Der Lauf (dao), der Gang des Lebens ist ein dauernde Übergang, eine Transformation bian)... Lebenskunst ist die Kunst, in diesem Leben zu sterben und neu geborenen zu werden. Jede wahrhafte Erneuerung in unserem Leben ist eine kleine Renaissance, eine kleine Wiedergeburt, bei der der gleichsam das Licht der Welt noch einmal von neuem, mit anderen Augen erblicken. Die ars vivendi bzw. die ars vitae, die Lebenskunst ist sowohl eine ars moriendi, eine Sterbenskunst, wie eine ars nascendi, eine Geburtskunst.
Seite 69
Zhuangzi2.12 Schmetterlingstraum

Guo Xiang kommentiert den Anfang: mit diesem im Traum zu einem Schmetterling werden und dabei nichts von einem Zhou wissen, ist es nicht anders als mit dem Tod. Denn indem im jeweiligen Seinszustand alles dem Ansinnen eingepasst - in glücklicher Übereinstimmung mit sich - ist, gehört der Lebendige ebenso ins Leben wie der Verstorbene in den Tod. So betrachtet erkennt man, wie falsch es ist, im Leben wegen des Todes besorgt zu sein.

„ Wir“ erleben den Tod nicht, und mit „ unserem“ Leben nach dem Tod wird es wohl so sein wie mit unserem Leben fordert Geburt. Nichts weiter! Sorgen wir uns um das Leben vor dem Tod. -

Nach dem Schmetterlings Traum kommt es dann plötzlich zum Erwachen.


Zhuangzi


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