Peter Fuchs
Das Mass aller Dinge
Eine Abhandlung zur Metaphysik des Menschen
Velbrück 2007

Seite 116
e) Undinglichkeit zum fünften:
Die Metaphysik des Systems –
konditionierte Koproduktion

»Himmel und Erde entstehen mit mir zusammen.
Das All wird mit mir Eins.« Tschuang Tschou

»La natura è piena d’infinite ragioni che non furono mai in isperienza.«
Leonardo da Vinci

Wenn man sagt, das System sei Differenz, sei die Einheit von System und Umwelt, läßt man sich auf höchst absonderliche Verhältnisse ein. Denn die Einheit einer solchen Differenz ist nicht die EINS des Systems, das, wie man leicht sehen kann, als Begriff, der definiert werden soll, in der Unterscheidung, die ihn definiert, wiederum auftaucht, ein logischer Fehler, wie es scheint, der das System, wie wir oben schon bemerkt haben, in’s Imaginäre entschwinden läßt.305 Ein Ding dieser Art kommt in der uns vertrauten Realität nicht vor.306 Der schwierige Begriff, der darauf reagiert und den wir oben schon mehr oder minder allusiv eingeführt haben, ist konditionierte Koproduktion.307

Koproduktion ist zunächst das Zentrum oder – vielleicht besser – die Schaltstelle der Laws of Form des George Spencer-Brown: »Der gesamte Text der Laws kann auf ein Prinzip reduziert werden, welches wie folgt aufgezeichnet werden könnte. Kanon Null (Koproduktion): Was ein Ding ist, und was es nicht ist, sind, in der Form, identisch gleich.«308

Das ist die Behauptung der Einheit einer Zweiheit.309 Diese Behauptung ist unmittelbar verknotet mit der Vorstellung, daß die Welt, die wir kennen, durch die Operation des Beobachtens entsteht. Denn dieser Satz bezieht sich nicht auf ein Universum, wie es ist, sondern auf das Universum und die Universa310, die entstehn, wenn beobachtet, also unterschieden und bezeichnet wird.

Der Einschub ›in der Form‹ referiert auf die Form der Form – das ist die Unterscheidung. »We take as given
the idea of distinction and the idea of indication, and that we cannot make an indication without drawing a distinction. We take, therefore, the form of distinction for the form.«311

Wenn mithin in einer Beobachtung Koproduktion bezeichnet ist, wird die Form unterschieden von: Nichts.312 Oder anders: Jede Unterscheidung unterscheidet sich als Form (i. e. als Unterscheidung) von Nichts.313 Die Form der Unterscheidung ist die Unterscheidung selbst, gehalten gegen oder projiziert auf ›emptiness‹, auf den ›empty space‹.314 Oder noch anders: Mit jeder Erzeugung einer Form wird das, was sie nicht ist, mitproduziert.315

Konditionierte Koproduktion, das ist für Spencer-Brown der exakte Ausdruck dafür, »wie das scheinbare Universum sich selbst aus dem Nichts heraus konstruiert.«316 Wann immer etwas beobachtet wird, ist im selben Zuge etwas, das es nicht ist, mit-produziert. Das Bezeichnete (das Etwas) gerät in die Sicht um den Preis einer ungeheuerlichen Ausblendung, die – indem sie eine Partikularität erscheinen läßt – den ›Rest‹ verschwinden macht: »Seine Partikularität ist der Preis, den wir für seine Sichtbarkeit bezahlen.«317 Das ist der Sinn der berühmten Formulierung: »Existence is a selective blindness.«318


305 Es geht natürlich nur in einer klassischen Sicht um einen logischen Fehler, hier aber um die Form des re-entry, die Paradoxien geradezu erzwingt – nicht als das Vermeidbare, sondern als das Unvermeidbare, sobald ein Beobachter einen entry (i. e. eine erste Unterscheidung) erneut in sich selbst eintreten läßt.

306 Es ist wie das Subjekt bei Jacques Lacan ›Prozedur‹ im Reellen, also nicht zu erreichen. Vgl. noch einmal Bitsch, A., »always crashing in the same car«. Jacques Lacans Mathematik des Unbewußten, Weimar 2001, S. 14.
307 Spencer-Brown, G., A Lion’s Teeth. Löwenzähne, Lübeck 1995, S. 20:
»
How we, and all appearance that appears with us, appear to appear is by conditioned coproduction.« Vgl. auch Spencer-Brown, G., Gesetze der Form, Lübeck 1997, »Vorstellung der internationalen Ausgabe,« S. ix f.

308 Ebd., S. IX. »
›Wir‹ erzeugen eine Existenz, indem wir die Elemente einer dreifachen Identität auseinandernehmen. Die Existenz erlischt, wenn wir sie wieder zusammenfügen. Jede Kennzeichnung impliziert Dualität, wir können kein Ding produzieren, ohne Koproduktion dessen, was es nicht ist, und jede Dualität impliziert Triplizität: Was das Ding ist, was es nicht ist, und die Grenze dazwischen.« (S. XVIII)

309 Sogar die Behauptung der Einheit einer Dreiheit. Zweiheit ist Dreiheit, ist »the co-genetic triad of components«, also eine Simplifikation der Triade x-Grenze-y. So jedenfalls Herbst, Ph. G., Alternatives to hierarchies, Leiden 1976, S. 90 f. Vgl. zum Zwei/Drei-Problem auch Venturi, R., Komplexität und Widerspruch in der Architektur, hrsg. v. Heinrich Klotz, Braunschweig 1978 (New York 1966), S. 136 f. Nach Gotthard Günther hätte man es überbietenderweise mit einer proemiellen Relation zu tun, mit einer Vierheit. Siehe etwa Köpf, D., »Der Christuslogos und die tellurischen Mächte. Eine kritische Würdigung emergenter kultureller Evolution«, in: Wägenbaur, Th., Blinde Emergenz? Interdisziplinäre Beiträge zur Form kultureller Evolution, München/Cambridge 2000, S. 286-327. Vgl. ferner unter dem Gesichtspunkt heterothetischen Denkens Rickert, H., »Das Eine, die Einheit und die Eins«, in: Logos. Internationale Zeitschrift für Philosophie der Kultur, Bd. II, 1911/1912,
Tübingen 1912, S. 26-78, 36 f.

310 Dieser Plural verweist darauf, daß wir es – sobald Beobachtung/ Beobachter im Spiel sind – mit einem Pluriversum (gar mit Pluriversa) zu tun haben, damit dann auch mit einer Pluralität von Ontologien. Siehe etwa Rombach, H., Welt und Gegenwelt. Umdenken über die Wirklichkeit: Die philosophische Hermetik, Basel 1983. Siehe auch für den physikalischen Kontext Rohrlich, F., »Pluralistic Ontology and Theory Reduction in the Physical Sciences«, in: Brit. J. Phil. Sci. 39, 1988, S. 295-312. Daß die kaum faßbare Mehrweltentheorie in der modernen Physik ebenfalls mit Beobachtung und Beobachtern zu tun hat, ist bekannt. Aber auch phänomenologisch kann man darauf schließen, daß ein Beobachter ein Universum erzeugt. »Ich fülle meine Welt bis zum Rand aus; mein Gesichtsfeld als ›universales Seinsmilieu‹«, formuliert Merleau-Ponty, M., Die Prosa der Welt, München 1993, S. 151.


Wir müssen jedoch hier nicht den mystischen Abzweigungen folgen, die Spencer-Brown selbst nahegelegt hat, indem er den Laws of Form sechs chinesische Schriftzeichen vorausgehen läßt, die er aus dem Dao de Jing des Lao-Tse bezieht und die in etwa bedeuten: »Der Anfang von Himmel und Erde ist namenlos.«319 Für uns wichtig ist allein, daß der Begriff der konditionierten Koproduktion geeignet erscheint, die Metapher des Systems aufzulösen, die – wenn man Kontakt aufgenommen hat mit jenem Begriff – plötzlich als Abbreviatur (im nahezu musikalischen Sinne dieses Wortes) begriffen werden kann.

Denn wenn das System (und wir reden hier immer über Sinnsysteme) Differenz ist, dann ist es: Nichts.320 Dann hat es kein ›Sein‹. Dann ist es nichts ›Seiendes‹.321 Wir können dann nicht mehr sagen, hier ist das eine, dort das andere System (so sehr uns die Sprache dazu nötigt), sondern nur, daß das System (als Wort322) dafür einsteht, daß ›etwas‹ weder hier noch dort ist, daß jede Bezeichnung eines ›hier‹, eines ›dort‹, eines ›hüben‹, eines ›drüben‹ die konditionierte Koproduktion ver-einseitigt, einschnürt und in gewisser Weise: vergewaltigt.323 Und schlimmer noch: Der Beobachter, der diese Ver-Einseitigung vornimmt, ist selbst: Resultante desselben Prozesses, wenn und insoweit wir ihn als System denken. Er ist, wie wir oben sagten: ein ›Blindlings‹.324

Das System ist, wenn man es als eines markiert, das, was es ist, per exclusionem: durch Ausschluß dessen, wodurch es ist, dessen also, was es nicht ist, obwohl dieses Nicht-ist kein Nicht-ist wäre ohne die Markierung, durch die es in einem Zuge (in der einen Beobachtung) hergestellt wird. Oder – weniger sperrig: Tick ist nur Tick, wenn Tack ist, und Tack ist nur Tack, wenn Tick ist.325 System ist nur System, wenn Umwelt ist, und Umwelt ist nur Umwelt, wenn System ist. Ohne einander sind beide: Nichts.326

Aber auch das ›Ohne einander‹ führt in die Irre, denn das Korrelat wäre: ›Miteinander‹, und darin würde stecken: das eine und das andere. Aber es geht nicht um dies und dann das, nicht um zwei Begrenztheiten, die ›wechselwirken‹. »Ichi soku Issai« – All: das ist Einheit, so formuliert man Differenz und Einheit im Japanischen.327 Übersetzt auf unsere Fragestellung: Setzt man Kommunikation auf Null, vernichtet man: Bewußtsein; setzt man Bewußtsein auf Null, vernichtet man Kommunikation. 328

311 Spencer-Brown, G., Laws of Form, London 1969, S. 1.
312 Dafür gibt es eine scharfe Witterung in buddhistischen, taoistischen,
aber auch in poetischen Kontexten. Als Beispiel:
Laozi 11
»Dreißig Speichen treffen sich in einer Nabe:
Durch ihr Loch in der Mitte
wird das Rad brauchbar.
Forme Ton und bilde ein Gefäß:
Es ist die Leere, die es brauchbar macht.
Schneide Tür und Fenster aus, damit ein Raum entsteht:
Es sind die Löcher, die ihn brauchbar machen.
Also kommt Gewinn durch das, was da ist,
Brauchbarkeit durch das, was nicht da ist.«

Lao-Tse, zit. nach Watts, A., Der Lauf des Wassers. Eine Einführung in
den Taoismus. Die chinesische Weisheitsleere als Weg zum Verständnis
unserer Zeit, Bern/München/Wien 1976, S. 33, 48 f. In der Übersetzung
von Victor von Strauss (Lao-Tse, Tao Te King, Zürich 1959, S. 68) ist »Leere« durch »Nicht-Sein«, und »das, was da ist« durch »Sein« übersetzt.
Nelly Sachs dichtet (Gedichte, Zürich 1966, S. 359):
»Nichtstun
merkbar Verwelken
Meine Hände gehören einem fortgeraubten Flügelschlag
Ich nähe mit ihnen an einem Loch
aber sie seufzen an diesem offenen Abgrund – «

313 Kein neuer Gedanke. Die Operation ist das Unterscheiden des Ununterschiedenen. Vgl. dazu Sözer, Ö., »Selbstbewußtsein und Objekt bei Hegel und Husserl. Anhand des Strukturalismus von R. Jacobson«, in: Hegel-Jahrbuch 1979, hrsg. von Beyer, W. R. im Auftrag der Hegel-Gesellschaft e.V., Köln 1980, S. 424-434.

314 Ebendeswegen kann Spencer-Brown formulieren: »A Buddha is one,
who is enlightened, that is, who knows that what appears is not anything.
« (A Lion’s Teeth. Löwenzähne, Lübeck 1995, S. 14) Vgl. dazu Lau, F., »Eine Einführung in die Mathematik und Philosophie der Laws of Form von George Spencer Brown. Die Form der Paradoxie und der Beobachter«, Ms. Hamburg 2005, S. 172 ff.

315 Vgl. auch Herbst, Ph. G., Alternatives to hierarchies, Leiden 1976, S. 105, der von einem original state spricht, in dem sich form (is/is not) und time (before/after) erst einschreiben. Zuvor ist dieser state: »void of definable characteristics.«

316 Spencer-Brown, G., A Lion’s Teeth, a. a. O., S. 13. Bekanntlich müßte man hier auch Hegel erwähnen, der das unbestimmte Unmittelbare des Seins mit dem Nichts identifiziert, insofern das Sein in das Nichts und das Nichts in das Sein umschlägt.

317 Spencer-Brown, G., Gesetze der Form, Lübeck 1997, S. 92.
318 Ebd., S. 191.
319 Vgl. Lau, a. a. O. (Fn. 314), S. 26.

320 In gewisser Weise verstoßen wir jetzt (und willentlich) gegen das Parmenidische Verbot: secundum-non-datur: Es ist, und es ist nicht, daß es nicht ist.) Vgl. Rosen, St., »Viel Lärm um Nichts«, in: Allgemeine
Zeitschrift für Philosophie, Jg.13, 1988, H. 2, S. 1-17, S. 1.

321 Darin sehe ich (wie idiosynkratisch auch immer) den tiefsten Sinn des Satzes: »Soll aber der Mensch noch einmal die Nähe des Seins finden, dann muß er zuvor lernen, im Namenlosen zu existieren.« (Heidegger, M., Über den Humanismus, Frankfurt am Main 1949, S. 9.)

322 »Pascal ist der erste Aphoristiker, der ausdrücklich auf die Problematik
des Verhältnisses vom Einzelnem und Allgemeinen im engeren Erkenntniszusammenhang unter dem Aspekt der Sprache eingeht: mit dem
Hinweis nämlich, daß ein Wort, ein Name zugleich das ›Einzelne‹ wie das ›Ganze‹ umfaßt: ›Tout est un, tout est divers‹ (Nr. 116). Wie später der Naturforscher Lichtenberg, so sieht auch Pascal das Problem unter dem Bild der sich verschiebenen Perspektiven von Nah- und Fernsicht. Für den Menschen als ein ›mittleres‹ Wesen … im Konflikt zwischen göttlicher und tierischer Natur stellt sich die Frage nach dem richtigen Erkennen und Verhalten unter dem Bild des ›mittleren‹ Abstandes …« (Neumann, G., Ideenparadiese. Untersuchungen zur Aphoristik von Lichtenberg, Novalis, Friedrich Schlegel und Goethe, München 1976, S. 57.

323 In einer Metapher gesagt, die eigentlich keine Metapher ist: »Das Auge
ist schon in den Dingen, ist Teil des Bildes, es ist die Sichtbarkeit des Bildes… Das Auge ist nicht die Kamera, es ist die Leinwand.
« So jedenfalls Deleuze, G., Unterhandlungen 1972-1990, Frankfurt am Main 1993, S. 82. Natürlich kann man den Eindruck gewinnen, daß »nicht-Cartesischen Menschen« hier eine starke Intuition eignet. Ein Beispiel für viele:

»Die graue Maus will Erde aus dem Loch scharren.
Diese Maus will Erde herausscharren.
Diese lukura-Maus hat helle Flecken.
Diese lukura hat helle Flecken.
Diesen Sodabusch zernage ich,
Ich selbst zernage ihn.
Die feuchte Erde zermalme ich,
den Kopf auf das Kopfkissen gelegt zermalme ich sie.
Den cotton-bush zernage ich,
die an der Spitze befindlichen Blätter.«

(Lied der Aranda, zit. nach Bowra, C. M., Poesie der Frühzeit, München 1967, S. 183.

324 Wir erinnern erneut an Schelling, F. W. J., System der Weltalter, a. a. O.
(Fn 194), S. 29.
325 Spencer-Brown, G., »Selfreference. Distinctions and Time«, in: Teoria Sociologica 2-3, 1993/94, S. 47-53, S. 52.

326 Mir scheint, multistabile Kippfiguren sind ein gutes Beispiel. Vgl. Hansch, D., »Psychoenergetik – Neue Perspektiven für die Neuropsychologie.
Grundriß einer psychosynergetischen Theorie emotionaler und motivationaler Prozesse«, in: Z. Psychol. 196, 1988, S. 421-436, 422 f. Vgl. ferner Kruse, P., »Stabilität – Instabilität – Multistabilität. Selbstorganisation und Selbstreferentialität in kognitiven Systemen«, in: Delfin XI, Jg. 6, H. 3., Okt. 1988, S. 35-57. Hier muß auch noch auf Escher verwiesen werden (The Graphic Works of M. C. Escher, New York 1971), der dieses Kippen so zum Thema gemacht hat, daß der Versuch, moderne Theorienbildung zu überblicken, auf ihn so wenig verzichten kann wie auf Gödel oder Bach. Siehe jedenfalls Hofstadter, D. R., Gödel, Escher, Bach. Ein Endloses Geflochtenes Band, Stuttgart 1987.

327 »Der Ausdruck All-Einheit lautet im Japanischen: Ichi soku Issai. Ichi heißt ›Eins‹, sei es im Sinne des Ganzen, sei es im Sinne des Einzelnen. Issai heißt ›All‹. Der Bindestrich entspricht hier dem Wort ›soku‹. Es bedeutet: ›das ist‹. Ichi soku Issai könnte also übersetzt werden als: ›All: das ist Einheit.‹ Aber das genaue Verständnis des Wortes ›soku‹ ist nicht leicht. Denn es enthält die Identität und den Unterschied zumal. Es bindet die völlig verschiedenen, jede logische Beziehung ausschließenden Begriffe als unmittelbar identisch zusammen. Das ›soku‹ kann insofern als ›dialektisch‹ verstanden werden. Aber diese Dialektik enthält … keine Spur der Vermittlung und der dieser zugrundeliegenden Negativität.« (Nishitani, K., »All-Einheit als eine Frage«, in: Henrich, D. (Hrsg.), All-Einheit, Wege eines Gedankens in Ost und West, Stuttgart 1985, S. 13-21, 14/15.

328 Wir formulieren parallel zu Valéry, P., Cahiers/Hefte, Bd. 1, Frankfurt am
Main 1991, S. 523, der sich auf Sprache bezieht. Man könnte einwenden, daß das Bewußtsein auto-agil sei, also auch ohne Kommunikation arbeiten würde, aber wir gehen ja davon aus, daß das Bewußtsein sich aus den Effekten seiner kommunikativen Methexis speist, also immer schon sozial konstituiert ist. Von sich aus ist es wiederum: Nichts.


122 123
Vielleicht kann man hier in einer alten Tradition von einer synousía sprechen, einem ›abstandslosen Zusammensein‹.329 Oder auch von einer operativen Henosis (Einung), der man dann nur beikommen könnte mit einer Henologie, die noch zu verfassen wäre.330 Sie wäre aber zugleich eine ›Dyologie‹, insofern sie von ihrem ›Gegenstand‹ nur immer wie von etwas reden könnte, das der Fall ist, wenn etwas anderes der Fall oder nicht der Fall ist.331

Jede Bezeichnung der einen Seite der Differenz ist nur möglich, wenn damit ein im Moment »verborgener Begleiter« entsteht, etwa in dem Sinne, daß ein Cent nur ein Cent ist, wenn es mehr gibt als nur den einen.332

Spencer-Brown formuliert: »Having decided that the form of every token called cross is to be perfectly continent, we have allowed only one kind of relation between crosses: continence. Let the intend of this relation be restricted so that a cross is said to contain what is on its inside and not to contain what is not on its inside.«333

Das bedeutet,
daß jede Unterscheidung, die ›perfekte Beinhaltung‹ darstellt, in einem Raum geschieht, durch den sie Teil einer weiteren Unterscheidung wird, die sie nicht beinhalten kann. Sie schreibt ein ›cross‹ mit, das sie nicht mitschreibt, eben ein: unwritten cross, und das mag dann eine gute Übersetzung jenes ›leeren, verborgenen Begleiters‹ sein. Überträgt man dieses Verhältnis auf das System, so würde jede Unterscheidung, die auf der Unterscheidungsseite des Systems vorgenommen wird (zum Beispiel: System/Element) die ›große Außenseite‹ dieser Unterscheidung un-schreiben.

Etwas anders ausgedrückt: Jeder Ausdruck, der in einem ›tiefen Raum‹ angetroffen wird, kann diesen Raum nicht mitunterscheiden, wiewohl er als Bedingung der Möglichkeit für den Ausdruck unverzichtbar ist. Allein im seichten Raum der Tiefe Null wird der Ausdruck ganz getroffen (System/Umwelt) und unterscheidet sich dann nur noch von: Nichts.334

Will man also Systeme beobachten (genommen als die eine Seite der Differenz System/Umwelt), dann kann man nicht die Einheit
der Unterscheidung im seichten Raum der Tiefe Null unterscheiden, denn wovon könnte man diese Einheit unterscheiden? Wie sollte man die Grenze zum Nichts überschreiten können? –

Die einzige Möglichkeit ist der berühmte re-entry, der Wiedereintritt der Unterscheidung in die Unterscheidung. Hier hieße das, daß auf der Seite der Unterscheidung System/Umwelt noch einmal System und Umwelt unterschieden werden, jetzt aber so, daß die Kopie der Ausgangsunterscheidung in die Seite des Systems es gestattet, die so entstandenen Seiten zu kreuzen. Die bekannte Metapher dafür ist die des Tunnels.335

Das System kann seine eigene Einheit nicht erfassen (bezogen auf dieTiefe Null), aber die Differenz kann gleichsam in es eingeschleust werden, und zwar so, daß das System sich in sich selbst von Nicht-es-selbst unterscheidet, weil es die Grenze ›intern‹ kreuzen kann, die es auf der Ebene seiner Einheit zu kreuzen nicht in der Lage ist. So entsteht ihm seine Zeit336, so die Realität, in der es sich und anderes bezeichnen kann, und so das, was man die ›reale Dauer‹ genannt hat.337

Das ist auch gemeint, wenn vom unhintergehbaren Schon-Sein-in-der-Welt die
Rede ist.338 Und natürlich: Auch time-binding ist nur möglich, wenn der re-entry stattgefunden hat, der die Zeit eröffnet.339

Was durch die Untertunnelung, dem re-entry, ausgelöst wird, ist die Blindstellung der konditionierten Koproduktion der Tiefe Null. Das System begegnet sich im Modus der selective blindness.340 Es hat keinen Zugriff auf seine Einheit außer in der Weise einer Oszillation zwischen System und Umwelt – in sich. Es hat auch nicht, wie wir beiläufig, aber nicht ohne Ernst sagen wollen, irgendeine Möglichkeit, seine Einheit in der seichten Unterscheidung zu kontrollieren, zu steuern oder auch nur irgendwie zu beeinflussen.341

Konditionierte Koproduktion ist nicht erreichbar. Sie ist dem Zugriff entzogen, wenn im re-entry die zugängliche,
aber gerade nicht vollständige Welt inszeniert wird. Versucht man dennoch, das System oder seine Umwelt zu beobachten, ist eine Beschreibung gleichsam nur als ›improper mixture‹ möglich, als ›uneigentliche Mischung‹.342

In einer ganz anderen, sehr mächtigen Philosophie-Sprache ausgedrückt, zieht die Untertunnelung den Schleier der Mâyâ auf.343 In unserer Diktion: Die Metaphysik des Systems ist keine Chimäre, sie ist die Referenz auf die Unterscheidung der Tiefe Null, auf konditionierte Koproduktion, auf diese Zugriffsentzogenheit, der man in der Tradition die verschiedensten Namen gegeben hat, auch den des Geistes.344 Klar dabei ist, daß der Mensch auf der Ebene der Tiefe Null nicht vorkommt (nicht beobachtet werden kann); aber er wird – klassisch – begriffen als das Wesen, das Anteil hat an dieser fundamentalen Bedingung der Möglichkeit von Unbeobachtbarkeit.


329 Vgl. mit Blick auf Plotin Beierwaltes, W., »All-Einheit und Einung. Zu Plotins »Mystik« und deren Voraussetzungen«, in: Henrich, D. (Hrsg.), All-Einheit, Wege eines Gedankens in Ost und West, Stuttgart 1985, S. 53-72, 69. Mir scheint, daß das alte Wort conscientia (Consciousness, conscience) ein altes Wissen um dieses abstandslose Miteinander ahnen läßt.

330 Oder mit einer ›Keno-Grammatik‹ (nicht ganz im Sinne Gotthard Günthers).
Denker der ›Henosis‹ ist im übrigen im europäischen Kontext vor allem Plotin. Vgl. Beierwaltes 1985.

331 Mit Bezug auf die Elemente eines Systems führt Luhmann (Soziale Systeme, S. 44) den Term ›konditioniert‹ auch ein: »Auf die Relation zwischen Elementen bezieht sich der systemtheoretisch zentrale Begriff der Konditionierung. Systeme sind nicht einfach Relationen (im Plural) zwischen Elementen. Das Verhältnis der Relationen zueinander muß irgendwie geregelt sein. Diese Regelung benutzt die Grundform der Konditionierung. Das heißt: eine bestimmte Relation zwischen Elementen wird nur realisiert unter der Voraussetzung, daß etwas anderes der Fall ist bzw. nicht der Fall ist. Wenn immer wir von ›Bedingungen‹ bzw. von ›Bedingungen der Möglichkeit‹ (auch im erkenntnistheoretischen Sinne) sprechen, ist dieser Begriff gemeint.« Schopenhauer, Parerga und Paralipomena, zit. nach Jung, C. G., Synchronizität, Akausalität und Okkultismus, München 1990, S. 16 f. formuliert: »Alle Ereignisse im Leben eines Menschen ständen demnach in zwei grundverschiedenen Arten des Zusammenhangs: erstlich, im objektiven, kausalen Zusammenhange des Naturlaufs; zweitens, in einem subjektiven Zusammenhange, der nur in Beziehung auf das sie erlebende Individuum vorhanden und so subjektiv wie dessen eigene Träume ist … Daß nun jene beiden Arten des Zusammenhangs zugleich bestehen und die nämliche Begebenheit als ein Glied zweier ganz verschiedener Ketten, doch beiden sich genau einfügt, infolge wovon jedesmal das Schicksal des Einen zum Schicksal des Andern paßt und jeder der Held seines eigenen, zugleich aber auch der Figurant im fremden Drama ist, dies ist freilich etwas, das alle unsere Fassungskraft übersteigt und nur vermöge der wundersamsten harmonia praestabilita als möglich gedacht werden kann.«

332 Siehe zum Gedanken des »leeren, verborgenen Begleiters Tsujimura. K.,
»Zur Differenz der All-Einheit im Westen und Osten«, in: Henrich, D.
(Hrsg.), All-Einheit, Wege eines Gedankens in Ost und West, Stuttgart
1985, S. 22-32, S. 30 f. et passim (bezogen auf Hôzo).

333 Spencer-Brown, Laws of Form, London 1969, S. 6 f.
334 Vgl. Lau, a. a. O. (Fn. 314), S. 55. Vielleicht kann man hier Analogien aus der Quantenphysik heranassoziieren, und zwar diejenigen, die sich auf den Singulett-Zustand, also auf Zustandsverschränkungen beziehen. »Ich spreche daher von der Verschränkung der Zustände von zwei oder mehr physikalischen Systemen. Dabei sind die Zustände dieser Systeme in der Weise verschränkt, daß diese Systeme gar nicht je für sich einen Zustand im Sinne eines reinen Zustandes haben. Nur das Ganze, das aus diesen Systemen besteht, ist in einem reinen Zustand.« Esfeld, M., »Der Holismus der Quantenphysik: seine Bedeutung und seine Grenzen«, in: Philosophia naturalis, Bd. 36, H. 1, 1999, S. 157-185, S. 160. Der reine Zustand, das wäre dann die Tiefe Null. Ich komme sehr viel später darauf zurück.

Peter Fuchs Das Mass aller Dinge

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