Peter Fuchs
Das Mass aller Dinge
Eine Abhandlung zur Metaphysik des Menschen
Velbrück 2007

Seite 309
VII. Epilog

»Die tragischste unter allen Aufgaben der Philosophie ist jene, die Notwendigkeiten des Denkens mit den Notwendigkeiten des Herzens und des Wollens zu vereinigen. Hieran scheitert jedes System, das den ewigen, tragischen Widerspruch, den tiefen Grund unseres Daseins zu überbrücken versucht.« Miguel de Unamuno

»Ohne Kommunikation gibt es keine menschlichen Beziehungen, ja kein menschliches Leben.« Niklas Luhmann

Seite 318
Gegenwart ist nichts als der Ausdruck für die je akute Unaustauschbarkeit von Ereignissen, deren Bedeutung freilich nicht fixierbar ist, selbst wenn sie aus der Zukunft heraus, die Gegenwart wird, durch Anschluß als fixiert, als vergangen, als unveränderbar traktiert werden. Die akut-aktuelle Unaustauschbarkeit von Ereignissen läßt sich ihrerseits nicht denken ohne Bezug darauf, daß die Sinngegenwart selbst erst im Nachtrag aufgeblendet wird – für erlebende Systeme, die es geschafft haben, die Gegenwart, das Momentum, auszudehnen auf eine Dauer (specious present), die es gerade noch ermöglicht, den Nachtrag und dasjenige, dem der Nachtrag gilt, als Einheit aufzunehmen – bis hin zur psychischen Sonderleistung des ›Erlebens‹ eines Kairos, einer erfüllten Präsenz, eines ›Nunc stans‹, eines ›Hic et nunc‹, eines ›Verweile doch …‹ oder eines (paradoxen) Erlebens von Zweit- und damit auch Zeitlosigkeit wie etwa in den Prätentionen des Zen-Buddhismus.

Dies sind intrikate Denkverhältnisse, deren Resultat uralt ist: Über die Zukunft läßt sich nichts ausmachen, weil sie keinen ›Ort‹ hat, von dem aus sie losschicken könnte, was in irgendeiner Gegenwart als Ereignis ankäme. Wenn dennoch darauf insistiert wird, daß ein Buch über das ›Maß aller Dinge‹ auch etwas über die Zukunft dieses ›Maßes‹ zu sagen hätte, und wenn zugleich klar ist, daß dieses ›Sagen‹ nur eine ›raunende Beschwörung‹ sein könnte, solange die Zukunft für eine Art ›Zeitort‹ gehalten wird, in und an dem die Ereignisse, die einmal Gegenwart sein werden, im Modus der ›Ankünftigkeit‹ irgendwie vorausberechenbar ›anliegen‹, wenn also Prophetentum gefordert wird, dann bleibt der Theorie nur die Wahl, die Frage nach der Zukunft umzuarrangieren,
um gleichsam unpassende Antworten und eine inkongruente Perspektivezu ermöglichen.

Ein solches Umstellen wird denkbar, wenn man die Zukunft aufnimmt in der einen unstrittigen Hinsicht, daß sie von jeder Aktualität aus immer nur als schiere Beimeßbarkeit, reine Virtualität oder reine ›Besetzbarkeit‹ erscheinen kann. Damit erfüllt sie die Bedingungen, mit deren Hilfe wir im Lauf dieser Arbeit den Begriff des Mediums definiert haben. Die Zukunft läßt sich als ein Medium begreifen, dessen Invarianz durch die Variabilität oder die Toleranz für Sinnzuweisungen oder Formeinschreibungen bestimmt ist. Und es fügt sich, daß die Präzisierung, die wir vorgenommen haben, als wir von ›Inferenzmedien‹ sprachen, ein zentrales Merkmal der Zukunft mitgetroffen hat: ihre ausschließliche Inferierbarkeit.

Von diesem Gedanken ist es nicht sehr weit zu der Überlegung, daß die Moderne der Gesellschaft gekennzeichnet sei durch massive Referenz (Inferenz) auf das Medium ›Zukunft‹. Nicht die Vergangenheit, nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft wird mehr und mehr in jeder Gegenwartslage für die Konditionierung von Sinngestaltungen in Anspruch genommen – auf einer frappierenden Bandbreite von kleinbürgerlichen Rauchverboten über Prävention und Beratung in allen denkbaren Bereichen bis hin zu Giga-Theoremen des Fortschritts, des Wachstums, der Globalisierung.

Die Präsenz wird, wenn man so will,
›Durchschub-Ort‹ für die Ermöglichung zukünftiger Gegenwarten, die ebensolche Orte sein werden, und es sieht ganz so aus, als ob dieses Durchschieben im Modus der Hochtemporalisierung mittlerweile generalisierte Symbole zur Verfügung hat, die die Unwahrscheinlichkeit, hic et nunc im Blick auf eine unbekannte Zukunft Restriktionen ertragen zu sollen, sich jetzt quälen zu müssen, um eines fernen Tages Zonen der Nicht-Qual zu erreichen, verwahrscheinlichen helfen. Oder anders gesagt: Die Futurisierung der Präsenz hat längst begonnen, alle Bereiche der Sozialität zu durchsetzen.

Die Kantsche Frage »Was dürfen
wir hoffen?« – entkernt um Metaphysik – ordnet sich selbst dieser Drift schon ein. Kulturkritik läge nahe, die in dieser Futurisierung eine fatale Beraubung lebensdichter Gegenwart sehen könnte zugunsten eines Schattenreiches, das ›Zukunft‹ heißt. Hier kann es jedoch nicht um Kritik gehen, sondern nur um das Festhalten des Befundes, daß Aussagen über die Zukunft des Menschen nur eine weitere (kontingente) Einschreibung in
das Medium der Zukunft wären und damit eine weitere Verzettelung, ein Fortschreiben der Listenförmigkeit, die wir als Indiz genommen haben für das, was dem Menschen in der Moderne (und wie ich sagen würde: in faszinierender Weise) zugestoßen ist.

Lösungen – im Sinne von Rezepturen zur Wiedergewinnung der Einheit – sind nicht in Sicht. Der alte Meister Goethe projiziert die Erlösung für seinen Faust (den paradigmatischen Menschen seiner Moderne) in’s Himmlisch-Weibliche. Mir gefällt, daß der Gegenspieler des Himmlischen, der Teufel, seinen Faust (ihn sinkend und steigend heißend zu gleicher Zeit) in ganz andere Tiefen/Höhen schickt – zu den Müttern.

Mephistopheles
Ungern entdeck’ ich höheres Geheimnis. –
Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit,
Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit;
Von ihnen sprechen ist Verlegenheit.
Die Mütter sind es!
Faust (aufgeschreckt).
Mütter!
Mephistopheles
Schauderts dich?
Faust
Die Mütter! Mütter! – ’s klingt so wunderlich.

Boe: die Dao -
Laozi 1
Ein Dao - kann es als Dao bestimmt werden,
ist es kein stetiges Dao.
Ein Name - kann er als Name bestimmt werden,
ist er kein stetiger Name.
Keinen-Namen-habend
ist der Beginn der zehntausend Dinge.
Namen-habend
ist die Mutter der zehntausend Dinge. Möller

...
und wie ich sagen müsste: die Buddha (vgl. Buddhism)
oder:
Mother Universe, mit ihr kann ich nicht kommunizieren, ich lebe aber gern (nicht räumlich gedacht) in ihr. Ich BIN mother universe, sagt die lachende Buddha!
Gedankengänge I : Offene Weite - nichts von heilig
Gedankengänge II :
Über Sinn und Unsinn in unserem Denken
Gedankengänge III: Manchmal bin ich ein lächelnder Buddha








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