Peter Fuchs
Das Mass aller Dinge
Eine Abhandlung zur Metaphysik des Menschen
Velbrück 2007

FuchsMass 95-125

Die Form des Menschen
Die Konstruktion der Mitwelt

8. Der Geist des Menschen
Geist, versteht sich, ist so wenig wie der Mensch oder die Freiheit ein
Theoriebegriff.240 Er ist zu pneumatisch, zu volatil, zu sehr ›Spiritus‹, einer der Zentralgründe dafür, daß Kant jede Pneumatologie verworfen hat: als schlechte Metaphysik.241 Dennoch besetzt das Wort bis heute bei der Bestimmung dessen, was der Mensch sei, einen zentralen Rang.242

240 Er ist es in Hegels ›Phänomenologie des Geistes‹, aber das ist eine eigentümliche Geschichte, die wir aus Sparsamkeitsgründen nicht zu berücksichtigen brauchen.
241 Wir sehen hier davon ab, daß ›Geist‹ auch noch für eine spezifisch psychosoziale Fertigkeit steht, die mit Begriffen beschrieben wird wie ›esprit
de finesse‹ (Pascal), ›sensibilité‹ (Chamfort), ›Witz‹ (Lichtenberg) etc.
Man kann auch an die die ›argutia‹ der Apophthegmenliteratur denken.
Vgl. Neumann, G., Ideenparadiese. Untersuchungen zur Aphoristik von
Lichtenberg, Novalis, Friedrich Schlegel und Goethe, München 1976,S. 51, Anm.194.
242 Ausnahme wie fast immer Nietzsche, für den das Geistige etwas Abgeleitetes, Sekundäres ist. Es »ist als Zeichensprache des Leibes festzuhalten. « (Nietzsche, F., Nachgelassene Fragmente, in: Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von Giorgio Collo und Mazzino Montinari, München/Berlin/New York 1980,
Bd. 10, S. 285.)

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Geradezu unverzagt (und kaum in Kontakt mit modernen Möglichkeiten der Theoriebildung) wird der mind/body-split, die Geist/Leib-Differenz in anthropologischen bw. anthropologisierenden Kontexten diskutiert.243 Es ist aber wohl schon in alltäglicher Einstellung evident244, daß der Mensch irgendwie ›Geistiges‹ an sich oder in sich habe und dadurch als etwas definiert werden kann, das sich genau hierin von dem unterscheidet, was er mit den Tieren gemeinsam hat: von seinem Körper.245 Der Mensch, das ist ein ›Geistwesen‹, wobei dann Geist schon früh als ›Formlosigkeit‹ thematisiert wird, die in gewisser Weise ein ›Ort der Formen‹ ist, ohne selbst: Form zu sein.246 Insofern Geist ›ortlos‹ ist, hat er die eigentümliche Qualität, nichts beinhalten zu können, was Orte in Anspruch nähme.
Übrig bleibt das Substanzlose, die Ideen oder, wie man später sagen kann, die
Information:
»
Der Geist enthält keine Dinge, keine Schweine, keine Menschen, keine Geburtshelferkröten oder was auch immer, sondern nur Ideen (d.h. Nachrichten von Unterschieden), Informationen über ›Dinge‹ in Anführungszeichen, und immer in Anführungszeichen ...Daraus folgt, daß die Grenzen des Individuums, wenn sie überhaupt real sind, keine räumlichen Grenzen sind, sondern eher so etwas wie die Figuren, die in mengen-theoretischen Diagrammen /Mengen/ darstellen, oder die Sprechblasen, die aus den Mündern der Personen in Comic Strips kommen.«247
Wenn aber Informationen nach Bateson Unterschiede sind, die
Unterschiede machen, dann ist das, was der Geist enthalten kann (wenn er so etwas wie ein Enthalter wäre), absolut undinglich. Geist hätte nicht eigentlich ein Sein,
und wenn doch, so wäre er oder hätte er ein ausgezeichnetes Sein:
»Der Geist ist das einzige Sein, das selbst gegenstandsunfähig ist – er ist reine, pure Aktualität, hat sein Sein nur im freien Vollzug seiner Akte. Das Zentrum des Geistes, die ›Person‹, ist also weder gegenständliches noch dingliches Sein, sondern nur ein stetig sich vollziehendes (wesenhaft bestimmtes) Ordnungsgefüge von Akten
.
Die Person ist nur in ihren Akten und durch sie. Seelisches vollzieht ›sich selbst‹ nicht: es ist eine Ereignisreihe ›in‹ der Zeit … Alles Seelische ist gegenstandsfähig – nicht aber der Geistesakt, die Intentio, das die seelischen Vorgänge selbst noch Schauende.«248 Als dieses seltsame (nur zeitlich ordnende) Nicht-Ding ist Geist für Max Scheler genau das Merkmal, das nicht auf einer Dimension liegt, die den Menschen mit dem Tier verbindet. Geist ist nicht einfach nur gesteigerte Intelligenz, die im Dienst der Adaption, der Lebenserhaltung steht.249

243 Siehe etwa Carrier, M./Mittelstraß, J., Geist, Gehirn, Verhalten. Das Leib-Seele-Problem und die Philosophie der Psychologie, Berlin/NewYork 1989.
244 So evident, daß er gar nicht bewiesen werden muß, er beweist sich selbst.
»Der Geist führt einen ewigen Selbstbeweis«, formuliert Novalis (Friedrich
von Hardenberg), Fragmente und Studien. Die Christenheit oder Europa, hrsg. von Paschek, Carl, Stuttgart 1984, S. 5.
245 Den er dann als Leib unterscheidet – in einer quasi naturalen Phänomenologie. Vgl. umfangreich zur Differenz Leib/Körper Schmitz, H.,
System der Philosophie, Bd. II, 1. Teil, Der Leib, Bonn 1966; ders., Leib
und Gefühl, Paderborn 1992.
246 Siehe jedenfalls Aristoteles, Über die Seele, 429a, 15 ff. und 27 ff. Für
Valéry dagegen ist die Form des Geistes Sprache, deren Ausfall das Ungeformte stehen ließe. Valéry, P., Cahiers/Hefte, Bd. 1, Frankfurt am Main
1991, S. 523: »
Was einzig durch Sprache existiert, mit null gleichsetzen
... die Sprache gleich null setzen. Die Sprache bildet die Gesamtperspektive
des Geistes. Man ist verstört, gedemütigt, vernichtet, wenn man die Sprache annulliert denn man annulliert zugleich das ›Wiedererkennen‹, das Vertrauen, den Kredit, die Unterscheidungen von Zeiten und Zuständen, die ›Dimensionen‹, die Werte, die ganze Zivilisation, Schatten und Glanz der ›großen Welt‹, ja die Welt überhaupt, und es bleibt nur das, was mit nichts Ähnlichkeit hat: das Ungeformte.
«
Auf eigentümliche Weise diskutiert der Philosoph Nishida den »Ort-Gedanken« (Der
Ort als »Nichts«). Vgl. Ohashi, R., »Hen-Panta in der Philosophie von Nishida in Abhebung von der Hegelschen Philosophie«, in: Henrich, D. (Hrsg.), All-Einheit. Wege eines Gedankens in Ost und West, Stuttgart 1985, S. 220-229, 224 f.
247 Bateson, G., Geist und Natur. Eine notwendige Einheit, Frankfurt am Main1982, S. 164.
248 Scheler, M., Die Stellung des Menschen im Kosmos, Bern 1978 (9. Aufl.),
S. 48. Mir scheint, hier ist intuitiv eine Theorie des Unjektes vorgedacht.
Vergleichbare Ideen finden sich aber auch in ganz anderen Denkkontexten:
»Wer über das Sutra spricht, spricht über die umfassende Leerheit.
Wenn du nicht mit Körper und Geist der umfassenden Leerheit sprichst,
kannst du kein Sutra erklären. Du mußt die umfassende Leerheit benutzen.
Die umfassende Leerheit wird nicht nur im Bewußtsein verwirklicht, sie tritt auch im Zustand des ›Nicht-Denkens‹ in Erscheinung...Der 21.Patriarch Vasubandhu schrieb: ›Unser Geist ist das gleiche wie das All, und alle Dharmas sind selbst Geist. Wenn die umfassende Leerheit nicht wahrgenommen wird, gibt es keine Bejahung und Verneinung mehr.‹ Wenn du vor einer Wand in Zazen sitzt, scheint es, daß der Sitzende und die Wand zwei verschiedene Dinge sind, aber eigentlich sind sie nicht getrennt. Um dies zu verstehen, benötigen wir den Geist der ›Mauer, Ziegel, Steine‹ oder des ›ausgetrockneten Baumes‹ – d. h. den Geist der umfassenden Leerheit.« (Zenji, D., Shobogenzo. Die Schatzkammer der Erkenntnis des wahren Dharma, Zürich/Berlin/München 1977, S. 154.
249 »Denn der Geist ist im Lebendigen nichts als die Zukunft der Adaption
«, formuliert etwa Valéry, P., Cahiers/Hefte, Bd. 3, Frankfurt am Main 1989, S. 319.

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Er ist vielmehr ein Prinzip, das »lebensfeindlich« und dem Leben entgegengesetzt ist.250 Geist ist »existentielle Entbundenheit vom Organischen«, Umweltfreiheit, Weltoffenheit251, fernerhin »Sachlichkeit,
Bestimmbarkeit durch das So-Sein von Sachen selbst.«252 Er verfügt nicht einmal über eine eigene Energie.253

Nun würde man aber in die Falle der Anthropo-Ontologie laufen, wenn versucht würde, etwas darüber auszumachen, was denn der Geist sei. Die Frage ist vielmehr im Zuge unserer Untertunnelung, welcher Prozeß, welcher Zustand oder ›Unzustand‹ bezeichnet wird, wenn von Geist die Rede ist, und wiederum verfahren wir so, daß wir die Ermöglichungs-bedingungen von Kommunikation in den Blick zu nehmen. Es müßten ja in gewisser Weise unfaßbare, undingliche, unsinnliche und vielleicht sogar un-sinnige Bedingungen sein, die man ebendeswegen unter den Titel ›Geist‹ rubriziert.

250 Scheler, Die Stellung des Menschen im Kosmos, a. a. O., S. 37 f.
251 Ebd., S. 38.
252 Ebd., S. 39.
253 Ebd., S. 66: »… aber von Hause aus und ursprünglich hat der Geist keine
eigene Energie.«

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