Peter Fuchs
Das Mass aller Dinge
Eine Abhandlung zur Metaphysik des Menschen
Velbrück 2007

Seite 98
a) Undinglichkeit zum ersten: Die Metaphysik der Autopoiesis

»Da wir also, mit völlig ungenügendem Intellekt ausgerüstet, (eine Gemeinheit des Demiurgen!), in einem Meer von Unbegreiflichkeiten plätschern: hab ich mir seitdem abgewöhnt, Metaphysik zu betreiben. Selten mehr Denkanfälle.
Nun stehe ich nur noch und registriere, was die lächerlichen alten Damen (die Parzen) mit mir und der Welt so vorhaben.
« Arno Schmidt

»Es gibt nichts in unserer Modernität, das nicht zutiefst metaphysisch ist.« Jacques Derrida

»
Jedesmal wenn in unserem Geist Dualität auftritt, erscheint Zeit. Zeit ist der generische Name für alles, was Dualität und Differenz betrifft.« Valéry, P.
_______________________________________________________

Wenn man davon ausgeht, daß Sozialsysteme sich autopoietisch repro-duzieren und daß sie zu diesem Zweck die Zeit der différance aufspannen, in der es keine identischen und identifizierbaren Ereignisse gibt, die nicht im Nachhinein (auf dem Wege der Differenz, der Dualität254) ermittelt würden durch Ereignisse, die demselben Aufschubsarrangement unterliegen, dann müssen die Systeme ihrer Mitwelt nicht nur Sinnexegese betreiben können, sondern in ihrer Eigenzeit auf diesen Zeitmodus eingestellt sein, also zeittechnisch zumindest ›autopoiesisisomorph‹ operieren.255 Sie würden sich (als Sinnsysteme) nicht in der ›Naturzeit‹ bewegen, deren Vektor, klassisch genommen, von der Vergangenheit über die Gegenwart zur Zukunft ausgerichtet ist, sondern in der Sinnzeit, die im Blick auf herkömmliche Zeitmodelle zeitgegenläufig arbeitet.256 In dieser Zeit ist dasselbe niemals dasselbe – außer paradox: durch einen Nachtrag, der die Identität vorangegangener Ereignisse bezeugt, aber sie dadurch erst: erzeugt.257

Autopoietische Systeme als Zeitmaschinen halten nichts fest, es gibt auf operativer Ebene keinen Verbleib, keine Remanenz, kein ›Anwesen‹ von Ereignissen.258 Solche Systeme kennen keine elementaren Identitäten, keine Aneignungen, die nicht zugleich ›Ent-Aneignungen‹ wären.259 Das aber hieße zunächst, daß solche Systeme sich nicht selbst fassen, sich nicht sich selbst appräsentieren könnten.
Ebendeshalb war es nötig, oben von re-entry-mächtigen Mitweltsystemen zu sprechen,
die dazu befähigt sind, sich selbst in sich selbst von allem Nicht-sie-selbst unterscheiden zu können.260

Insofern darf man gerade nicht im Sinne Max Schelers (der sich auf Geist bezieht) von einer reinen, puren Aktualität
reden, wenn man auf Autopoiesis referiert, sondern nur von einer verschobenen Präsenz (das ist die Zeit der Sinnerwirtschaftung) und von einer völlig unfaßbaren Gegenwart dessen, was akut, was jählings, was als ein Ereignis geschieht, das nur ein Ereignis gewesen sein wird, wenn ein anderes Ereignis (für das dasselbe gilt) hatte angeschlossen werden können.261

254 »Jedesmal wenn in unserem Geist Dualität auftritt, erscheint Zeit. Zeit ist der generische Name für alles, was Dualität und Differenz betrifft.« Valéry, P., Cahiers/Hefte, Bd. 4, Frankfurt am Main 1990, S. 21.
255 Siehe zu einer Argumentationlinie, die mit dem Gedanken einer solchen
Isomorphie arbeitet: Fuchs, P., »Vom Zeitzauber der Musik. Eine Diskussionsanregung«, in: Baecker, D. et al. (Hrsg.), Theorie als Passion,
Frankfurt am Main 1987, S. 214-237; ders., »Die soziale Funktion der Musik«, in: Lipp, W. (Hrsg.), Gesellschaft und Musik. Wege zur Musiksoziologie, in: Sociologia Internationalis, Beiheft 1, 1992, S. 67-86; ders., »Musik und Systemtheorie – Ein Problemaufriß«, in: Tobias Richtsteig, Uwe Hager, Nina Polaschegg (Hrsg.), Diskurse zur gegenwärtigen Musikkultur, Regensburg 1996, S. 49-55; ders. (zusammen mit Markus Heidingsfelder), »MUSIC NO MUSIC MUSIC – Zur Unhörbarkeit von Pop«, in: Soziale Systeme, 10. Jg., 2004, H. 2, S. 292-324. Das Eingestellt-sein auf Autopoiesis läßt sich auch in die Forderung nach Synchronisation übersetzen: »In order for 1 Object to observe another.. both self-times must be (temporarily) synchronised.« (Glanville, R., »Consciousness and so on«, in: Progress in Cybernetics VII, 1980, S. 303-307, 303.
256 »Der Einbau dieser Differenz macht Kommunikation erst zur Kommunikation ..Die Differenz liegt zunächst in der Beobachtung des Alter durch Ego. Ego ist in der Lage, das Mitteilungsverhalten von dem zu unterscheiden, was es mitteilt. Wenn Alter sich seinerseits beobachtet weiß, kann er diese Differenz von Information und Mitteilungsverhalten selbst übernehmen und sich zu eigen machen, sie ausbauen, ausnutzen und zur … Steuerung des Kommunikationsprozesses verwenden. Die Kommunikation wird sozusagen von hinten her ermöglicht, gegenläufig zum Zeitablauf des Prozesses. Der Ausbau der dadurch gegebenen Komplexitätschancen
muß sich deshalb der Antezipation und der Antezipation von Antezipationen bedienen. Das gibt dem Erwartungsbegriff für alle soziologischen Analysen eine zentrale Stellung.« (Luhmann, Soziale Systeme, S. 198, Kursivierung durch mich, P. F.). »Die Vergangenheit liegt z w i s c h e n der Gegenwart und der Zukunft …«, formuliert Valéry, P., Cahiers/Hefte, Bd. 4, Frankfurt am Main 1990, S. 86. »Das ›Wahrgenommene‹ läßt sich nur als Vergangenes, unter der Wahrnehmung und nach ihr lesen«, formuliert Derrida, J., Die Schrift und die Differenz, Frankfurt am Main 1989 (4. Aufl.), S. 341, unter Bezug auf den Freudschen Wunderblock. »Wir nennen daher die charakterisierten Phänomene Zukunft, Gewesenheit, Gegenwart die Ekstasen der Zeitlichkeit. Sie ist nicht vordem ein Seiendes, das erst aus sich heraustritt, sondern ihr Wesen ist Zeitigung in der Einheit der Ekstasen.« (Heidegger, M., Sein und Zeit, Tübingen 1993 (17. Aufl.), S. 329. Auch hier wird dann die herkömmliche Reihenfolge verändert. »Die ursprüngliche und eigentlichen Zeitlichkeit zeitigt sich aus der eigentlichen Zukunft, so zwar, daß sie zukünftig gewesen allererst die Gegenwart weckt. Das primäre Phänomen der ursprünglichen und eigentlichen Zeitlichkeit ist die Zukunft.« (Ebd.)
257 Zu ›Dasselbe ist nicht Dasselbe‹ vgl. Glanville, R., The Same is Different«, in: Zeleny, M. (Hrsg.), Autopoiesis: A Theory of Living Organization, New York/Oxford 1981, S. 252-262 (in deutscher Übersetzung verfügbar in: Glanville, R., Objekte, hrsg. und übersetzt von Dirk Baecker, Berlin 1988, S. 61-78.) Daß hier Heraklit als Pate fungiert, liegt auf der Hand. Die (mittlerweile kanonische Formulierung findet man mittlerweile auch in der Musik – als Titel, etwa »dasselbe ist nicht dasselbe« von Nikolaus A. Huber (1978) oder »The same is not the same« von Ole Lützow-Holm (1991/92). Man kann dies alles auch ausdrücken mit dem term der Oszillation. Die Inszenierung von Zeit ist zunächst nichts weiter ist als eine » … oscillation between states. The first state, or space, is measured by a distinction between states … If a distinction could be made, then it would create a space. (…) Space is only an appearance. It is what would be if there could be a distinction. Similarly, when we get eventually to the creation of time, time is what there would be if there could be an oscillation between states (…) The only change we can produce – when we have only two states – is the crossing from one to another.« (Spencer-Brown, G., «Selfreference. Distinctions and Time«, in: Teoria Sociologica 2-3, 1993/94, S. 47-53, 51 f. Das Besondere dieser ›states‹ ist, daß sie nicht ›Vorhandenheiten‹ sind, die von anderen ›Vorhandenheiten‹ unterschieden werden, sondern daß die Bezeichnung eines Zustandes nur möglich ist, wenn er unterschieden wird: »Again, when you first construct time, all that you are defining is a state that, if it is one state, it is another. Just like a clock, if it is tick, therefore it is tock.« Und: Tick ist nur Tick, wenn Tock ist, und Tock ist nur Tock, wenn Tick ist. Und nichts ist dabei: Identität. (S. 52)
258 Für den Ausdruck ›Remanenz‹ vgl. Carstenjen, F./Avenarius, R., Biomechanische Grundlagen der neuen allgemeinen Erkenntnistheorie. Eine
Einführung in die »Kritik der reinen Erfahrung«, München 1894, S. 75.
Weil Remanenz ausfällt, wird Strukturbildung und time-binding zum Problem. Vgl. Korzybski, A., Science and Sanity. An Introduction to Non-Aristotelian Systems and General Semantics, New York 1948 (3. Aufl.), Kap.VII, S. 372 ff.
259 Jede Wiederaneignung des Elementaren kann nur sein: ex-appropriation, Ent-Aneignung. Vgl. Derrida, J., Auslassungspunkte. Gespräche, hrsg. von Peter Engelmann, Wien 1998, S. 280.
__________________________________________________________

Das aber hieße zunächst, daß solche Systeme sich nicht selbst fassen, sich nicht sich selbst appräsentieren könnten. Ebendeshalb war es nötig, oben von re-entry-mächtigen Mitweltsystemen zu sprechen, die dazu befähigt sind, sich selbst in sich selbst von allem Nicht-sie-selbst unterscheiden zu können.260
Insofern darf man gerade nicht im Sinne Max Schelers (der sich auf Geist bezieht) von einer reinen, puren Aktualität
reden, wenn man auf Autopoiesis referiert, sondern nur von einer verschobenen Präsenz (das ist die Zeit der Sinnerwirtschaftung) und von einer völlig unfaßbaren Gegenwart dessen, was akut, was jählings, was als ein Ereignis geschieht, das nur ein Ereignis gewesen sein wird, wenn ein anderes Ereignis (für das dasselbe gilt) hatte angeschlossen werden können.261

Vielleicht trifft man das Gemeinte am ehesten, wenn man sich das
autopoietische Operieren wie ein Zählen vorstellt, bei dem Zahlen herauskommen, die nicht das Zählen sind.262 Zählen könnte man auffassen
als das ›
Einschießen‹ von Lücken in eine im Prinzip lückenlosen Welt.263
Von Zahlen her (von diesen Resultaten aus) läßt sich ein Zählen, das sie erzeugt, schlußfolgern, ein Zählen, das aber nicht eine Zahl
ist, sondern: Operation. Diese Operation wäre (jedenfalls solange wir der Einfachheit halber bei natürlichen Zahlen bleiben) die ›Verlückung‹ eines unendlichen Kontinuums. Umgedeutet auf Autopoiesis: Die Operation (als différance-basierte Synthese, sei sie psychisch, sei sie sozial) ist: Inzision in der metrischen Bedeutung dieses Wortes, ›Zäsurierung‹ oder Intervallproduktion, Synthese des Übergangs264, Erzeugung von ›transients‹, das dann so, daß kein Synthese-Ereignis die ›Fülle des Seins‹ hat oder trägt oder gar Subjekt einer Kette von isolierbaren Ereignissen sein könnte.265

260 Ich beziehe mich hier unter anderem auf die Idee selbst-repräsentativer Systeme von Joshia Royce. Die Frage ist, wie eine Einheit in der Mannigfaltigkeit ergriffen werden könne, ohne durch die Operation dieses Ergreifens die Zahl der Elemente (Teile, particulars) unabsehbar und durch jede weitere Operation erneut zu vermehren. Es geht also um ein Unendlichkeitsproblem oder um die Unmöglichkeit, durch elementare Operationen eine Ganzheit zu erreichen. Wenn man diese logische
Schwierigkeit überwinden wollte, müßte mindestens ein Element gefunden werden, das eine self-evident-unity wäre, »some case of an unity which develops its own differences out of itself

Selbst-repräsentative
Systeme wären entsprechend solche Systeme, die ein Element enthalten, das alle anderen Elemente des Systems vollständig spiegeln könnte. Siehe Royce, J., The World and the Individual. First Series, New York 1901 (1959). Vgl. auch einen Aufsatz von John C. Maraldo, der leider nur in japanischer Sprache erschienen ist (in: Shizuteru, U. (Hrsg.), Nishida Tetsugaku e no toi (Questioning Nishida’s Philosophy), Tokyo 1990, S. 85-95) und deshalb von mir nach der englischen Manuskriptfassung zitiert wird: Maraldo, J., »Self-Mirroring and Self-Awareness: Dedekind, Royce and Nishida«.
261 Ich erinnere an den schönen Satz: »Das ist – weil es schon gewesen ist: So lautet das merkwürdigste Gesetz des Geistes.« (Valéry, P., Cahiers/Hefte, Bd. 3, Frankfurt am Main, 1989, S. 29.
262 Klages, L., Der Geist als Widersacher der Seele, Bonn 1981, S. 842 formuliert: » Bewußtsein ist potentiell zählendes Bewußtsein.« Vgl. auch Baecker, D., »Rechnen lernen«, in: ders., Wozu Soziologie?, Berlin 2004,
S. 293-330.
263 Vgl. Fuchs, P., Die Metapher des Systems. Studie zur allgemein leitenden
Frage, wie sich der Tanz vom Tänzer unterscheiden lasse, Weilerswist 2001. Diese Lückenlosigkeit der Zeit ist eine uralte Idee. In schöner paradoxer Formulierung: »Zeit (kalah) ist nichts anderes als der Ablauf (adhvan) einer ununterbrochenen Reihenfolge von Momenten. Reihenfolge ist aber nur ein Begriff, keine Realität, denn nur ein einziges Moment ist gegenwärtig und real. Daher gibt es keine Zeit als reales Geschehen. sondern nur die Vorstellung eines Ablaufes, in dem der einzelne gegenwärtige Moment das Reale ist.« (Patanjali im Yoga-Sutram (200 vor Christus), zit. nach Scharf, J.-H., »Das Zeitproblem in der Biologie«, in: ders./Mayersbach, H. v. (Hrsg.), Die Zeit und das Leben.Chronobiologie, Nova Acta Leopoldina, Nr.225, Bd. 46, 1977, S. 11-70, 27.) Fraglos ist die Erzeugung des Augenblicks auch zentraler Problempunkt in: Husserl, E., Zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins (1893-1917), hrsg. von Brehm, R., Den Haag 1966 (Husserliana, Bd. X); siehe dazu auch Bergmann, W./Hoffmann, G., »Selbstreferenz und Zeit: Die dynamische Stabilität des Bewusstseins«, in: Husserl Studies 6, 1989, S. 155-175.
264 Vgl. erneut Merleau-Ponty, M., Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin 1966, S. 481; siehe dazu auch Stoller, S., Wahrnehmung bei Merleau-Ponty. Studie zur Phänomenologie der Wahrnehmung, Frankfurt am Main 1995, S. 83 ff.
265 »Nur für unsere erinnernden Funktionen stellt sich das kontinuierliche
Sich-Fortpflanzen der Schmerzqualität als ein Schmerz dar; es hat ihn aber als diesen einen nie gegeben. Dies Verhältnis zur Zeit muß einem zukommen, das eher den Charakter eines Ereignisses hat als den eines Gegenstandes. Es muß recht gewagt erscheinen, die verschwindend kurzen Realisationen einer bestimmten Struktur als Subjekt in Sätzen zu plazieren, in denen man über eines sagt, daß es sich ›hat‹, ›spürt‹, ›erlebt‹ oder ähnlich. Man hypostasiert damit die Ereignisse, aus denen der psychische Prozeß sich aufbaut, zu quasi gegenständlichen Einheiten, die für sich Bestand und eine gewisse Dauer haben.« (Pothast, U., Über einige Fragen der Selbstbeziehung, Frankfurt am Main 1971.S. 78.

Die autopoietische Synthese (i. e. Operation) ist schlicht nicht registrabel. Sie ist – mit einem alten Wort gesagt –: ineffabile.266 Man könnte sogar formulieren: Sie ist präzise ›metaphysisch‹.267 Sie läßt sich, will das heißen, nicht ›physikalisieren‹, messen, abwiegen, sie kann nicht operationalisiert und empirischen Verfahren zugänglich gemacht werden. Und es trifft sich, daß die différance durch ebendiese Eigenschaft, keine Eigenschaft zu haben, definiert ist.268 Die autopoietische Operation ist nicht erreichbar, sie ist durch den durchgehenden Zug der Nicht-Originalität gekennzeichnet.269
Sie produziert ›Resultate‹ (zum Beispiel: Vorstellungen oder Kommunikabilien), aber sie ist nicht: diese
Resultativität. Sie kann auch nicht als Singularität gedacht werden, sie ist als Operation nur Operation in Konkatenation, und wir würden hier sagen: aus diesem Grund nur systemisch möglich.
Nicht einmal das Wort ›Operation‹ trifft den Sachverhalt genau, denn es suggeriert einen Operateur270, einen Täter, der die Operation tut, oder wenigstens einen Vorgang, der als Subjekt eines Satzes genommen werden könnte
.

Soziale Systeme können die Besonderheit dieser Metaphysik nicht wahrnehmen noch (und aus dem gleichen Grunde) deren Resultate.
Ebendeswegen setzen sie, wie wir sagten, wahrnehmende und zugleich
sinnbefähigte Mitweltsysteme voraus, die ihrerseits registrieren können, daß sie die operative Konkatenation (ihrer selbst und der Sozialsysteme) nicht einsehen und nicht kontrollieren können
.
Wir wollen annehmen, daß der Ausdruck für diese Nichtkontrollierbarkeit ›Geist‹ ist: als das,
was – wiewohl es an den Resultaten ablesbar ist – jede (sinnliche) Wahrnehmung transzendiert, ohne dabei in irgendeinem klassischen Verständnis transzendent oder gar transzendental zu sein. Wenn man ein altes Bild aufgreifen darf: Der Geist (den wir leider nur hypostasiert, als Subjekt schreiben können), ist das ›Wehen‹, das man nur an der Bewegung der Blätter erkennt. Es fügt sich, daß schon in der Antike dieses Bild zentral ist: Pneuma.271 Wir wollen wie Kant diese Pneumatologie verwerfen, aber anders als er nicht die Vernunft an deren Stelle inthronisieren, sondern einfach nur sagen: Geist ist der sozial eingeführte Ausdruck (der Stellvertreter) für sinnbasierte Autopoiesis.

Wenn man vom ›Geist des Menschen‹ als seinem Königszeichen spricht, so ist nichts weiter gemeint als diese spezielle Operativität. Die via regia zu einer Analytik des Geistes wäre entsprechend eine Zeitanalytik der Autopoiesis, für die im Augenblick noch nicht logisch hinreichend mächtige Instrumente zur Verfügung stehen. Für unsere Zwecke genügt es, daß soziale Systeme sinnbasierte Autopoiesis in ihrer Mitwelt als Bedingung ihrer Möglichkeit voraussetzen. Die semantische Abbreviatur dafür: Geist.

266 Vgl. zu diesem Ausdruck, bezogen auf das Individuum, Baeumler, A., Das Irrationalitätsproblem in der Ästhetik und Logik des 18. Jahrhunderts bis zur Kritik der Urteilskraft, Darmstadt 1967, S. 4. Natürlich hängt unsere Darstellung zusammen mit dem Umstand, daß die Zeitstellen unentwegt die Dinge verlassen, ohne dabei beobachtet werden zu können. Vgl. Luhmann, N., Organisation und Entscheidung, Opladen 2000, S. 152 ff.
267 Und wir schließen uns damit locker (und mit einer leichten Kontextänderung) der Auffassung an, der Mensch sei ein ›animal metaphysicum‹. Vgl. Schopenhauer, A., Die Welt als Wille und Vorstellung, I und II, nach den Ausgaben letzter Hand hrsg. v. Lütkehaus, L., München 2002 (2. Aufl.), Bd. 2, S. 185.
268 Die Nuer haben für diese bezeichnete Unbezeichenbarkeit die Bezeichnung »kwoth«. Vgl. dazu Schäfer, A., Unbestimmte Transzendenz. Bildungsethnologische Betrachtungen zum Anderen des Selbst, Opladen 1999, S. 161. Baecker, D., »Die Kunst der Unterscheidungen«, in: Ars Electronica (Hrsg.), Im Netz der Systeme, Berlin 1990, S. 7-39, 17, formuliert: »Derridas différance...ist exakt diese Unterscheidung, die sich selbst nie zu fassen bekommt, weil sie sich auf dem Umweg über das, was sie selbst bezeichnet, in der Tautologie, und auf dem Umweg über das, was sie ausgrenzt, in der Paradoxie verliert.«
269 »Der Begriff einer ›ursprünglichen Verspätung‹ ist paradox, aber notwendig. Gäbe es nicht vom Ursprung an...vom ›ersten Mal‹ an eine Differierung, so wäre das erste Mal nicht das ›erste Mal‹, denn ihm folgte kein ›zweites Mal‹; und wenn das ›erste Mal‹ das ›einzige Mal‹ wäre, so stünde es am Ursprung von gar nichts. In leicht dialektisch klingender Sprache müßte man sagen, daß der erste nicht der erste ist, wenn es nach ihm keinen zweiten gibt. Folglich ist der zweite nicht bloß ein Verspäteter, der nach dem ersten kommt, sondern er ist der, der dem ersten erlaubt, erster zu sein...Das ›zweite Mal‹ hat also einen gewissen Vorrang über das ›erste Mal‹, denn es ist vom ersten Mal an als notwendige Bedingung für den Vorrang des ersten Mals zugegen …, woraus folgt, daß das ›erste Mal‹ in Wirklichkeit das ›dritte Mal‹ ist.« Oder: »Im
Anfang war die Wiederholung. ›Im Anfang war die Re-präsentation‹ und folglich gibt es nicht einmal Repräsentation, weil die Präsentation (an die jene Repräsentation erinnert) nie stattgefunden hat. Das Original ist bereits eine Kopie.« (Descombes, V., Das Selbe und das Andere. Fünfundvierzig Jahre Philosophie in Frankreich 1933-1978, Frankfurt am Main 1981, S. 172 (Derrida referierend).
270 Operateur, nicht: Operator. Mir scheint, man könnte tatsächlich von Operatoren sprechen etwa im Sinn der Boolschen Operatoren oder im Sinne mathematischer Funktionen oder vielleicht in dem Sinn, in dem in der Quantenphysik von Hamilton-Operatoren die Rede ist. In unserem Kontext wäre dann die Operation ausdrückbar als Operator, der ein ›und dann‹ erzeugt, das im Moment seiner Erzeugung das Zuvor für das und dann‹ (also für sich selbst) kreiert.
271 Und daß selbst der Heilige Geist weht, wo er will.

Peter Fuchs Das Mass aller Dinge

HOME