MENSCH UND SPRACHE
UBoeschenstein

1 / II               ERKENNEN - WISSEN
 

ERFAHREN - WAHRNEHMEN - DENKEN - HANDELN 

Erkenntnis und Wissen sind keine Dinge, es sind Prozesse. Wir erkennen die Welt beim Gehen, beim Handeln. Wanderer, es gibt keine feste Erkenntnis, Erkenntnis schaffen wir beim Handeln. Die Funktion dieser geistigen Prozesse ist es, uns Modelle der Erscheinungen zu schaffen, die uns ermöglichen, uns in unserer selbergeschaffenen Welt zu bewegen. Was soll ich jetzt tun, wie soll ich reagieren, wie soll ich mich jetzt verhalten? What is next? Wie soll ich handeln? 

Mehrzellige Lebewesen haben im Verlaufe einer langen Entwicklungsgeschichte ein Organ entwickelt, das ihnen gestattet, die Zukunft zu wählen  - das Gehirn. Bei einfacheren Lebewesen sind die Entscheidungen noch festprogrammiert. Sie können nicht wollen. Das Wollen und das Entscheiden lernten Säugetiere und Vögel. Sie können Erfahrungen sammeln und ihre gelernten Erfahrungen für überlebensfördende Entscheidungen einsetzen. (Margulis and Sagan,
Alwyn Scott ) Wir Menschen haben dazu gelernt, unsere Erinnerungen in der Form von Symbolen zu speichern. Unsere Sprache hilft uns, Antworten auf die Frage: What is next? zu finden. Sprache stellt Zusammenhänge her. Wörter sind Namen für Vorstellungen von Beziehungen. Substantive sind Wörter, die eine bestimmte Beziehung zu Verben haben. Verben bedeuten Relationen zum Subjekt. Wörter haben nicht eine Bedeutung in sich, wir interpretieren Zusammenhänge. Bedeutung ensteht aus dem Zusammenhang, aus dem Kontext. Sprache ist immer ein Prozess, Miteinander im Dialog. Es geht in der Sprache immer um Beziehungen, um Handlungsanleitung. “Regen” ist für den Wanderer ein anderer Regen als für den Arbeiter im Büro. Was Regen bedeutet, ergibt sich aus dem Umfeld, in dem wir sprechen. “Es regnet” heisst für den einen dies, für den anderen das. Wir verstehen Sprache, weil wir - zusammen mit anderen - in einer Welt der Sprache leben und gelernt haben miteinander zu handeln.
 

GLAUBEN - WOLLEN - FRAGEN - HANDELN

Menschen handeln mit Absichten. Sie wollen etwas. Sie wissen auch, dass sie etwas wollen. Sie können sich ihrer Absichten (Intentionen) bewusst sein. Ihr Handeln ist gerichtet.

Der Mensch hat die Fähigkeit, gleichsam noch hinter sich zu treten und sich selbst inmitten seines Erlebnis- und Aktionsfeldes wahrzunehmen. Kein Nagel ist, so hat man gesagt, in die Wand geschlagen worden, ohne dass dabei der, der ihn einschlägt, zugleich mit dem Nagel und der Wand sich selbst wahrgenommen hat. Anders nämlich vermöchte er sein Verhalten nicht zu dirigieren.   Dux 

Handeln, Verhalten dirigieren, das heisst immer wieder fragen: Was jetzt? Was soll ich als Nächstes Tun? Wir reflektieren unser Handeln. Wir erleben uns selber als Agenten und wir erleben alle Prozesse, die uns bewusst werden, als  von Handelnden verursacht. Menschen erleben die Welt als eine Welt von Handelnden, die wirken. Religionsforscher sprachen von Animismus. Sie beobachteten, dass in den  sogenannten “primitiven Gesellschaften” die Menschen hinter allen Prozessen Handelnde sehen. Die beseelte Welt der Animisten ist eine vermenschlichte Welt, in der alles Geschehen von Handelnden, von Agenten ausgeht. Die “fortgeschrittenen” Religionen haben dann den grossen Bewirker ins Jenseits projiziert. Wir leben aber immer noch in einer animistischen Welt. “Du Söicheib” sage ich, wenn mein Auto nicht anspringen will. Sprechen Sie manchmal auch mit den Dingen?

Unsere Welt ist eine Menschenwelt von Handelnden. “Es regnet”, weil hinter allem Geschehen Gründe liegen, kausale Zusammenhänge des Handelns. “Es regnet” und “es stinkt”, weil sprechende Menschen sich als Subjekte von der Aussenwelt unterschieden wahrnehmen, weil wir Menschen die Welt in Innen und Aussen einteilen und Menschen von Innen auf die Aussenwelt wirken können. Syntaxstrukturen, die ein grammatisches Subjekt verlangen, haben sich entwickelt, weil Menschen handeln, weil sie agieren und nicht nur re-agieren. 

Menschen sind Handelnde. Sie suchen darum überall nach Handelnden und erfinden für alle Prozesse den Bewirker. Menschen leben in einer Welt, in der alles einen Grund hat. Aller Wirkung muss ein Handeln vorausgegangen sein. Die Denker seit der Antike haben versucht, Regeln für diese Wirkungen zu beschreiben und mit solchen Regelmässigkeiten die Zukunft vorauszuberechnen. In einer Welt, in der alles einen Ursprung hat, muss auch das Unberechenbare berechenbar sein, denn es ist nach Regeln vorausbestimmt. Die indogermanischen Völker glaubten an die Macht des Schicksals. Schicksal ist in den Glaubenssystemen der indischen Arier, der Germanen, der Griechen eine weibliche Gottheit, die über den Göttern steht. Die Fäden des Schicksals spinnt  eine Agentin. In diesem Bild ist die Welt eine Ordnung (Komos), die aus Unordnung (Chaos) gemacht wurde. Das unberechenbare Ungeordnete geht der Ordnung voraus. Und dann kommt der Demiurg, der Macher der Ordnung, er sorgt für Ordnung. Er setzt - oben, an der Spitze - die Gesetze, und seine Ordnung wirkt von oben nach unten (top-down). Das Schicksal wird gemacht, es ist von Aussen vorgegeben (Prädestination). Die Indogermanen erleben die Welt nach dem Prinzip des Machens. 

In der Vorstellung der uralten, prähistorischen Kosmologien, in denen das Prinzip des Werdens im Zentrum stand, wurde Ordnung nicht von oben eingesetzt, sie entstand in Ordnungsprozessen von unten nach oben (bottom-up). Das Schicksal wurde nicht von oben gemacht, es wurde von unten gesponnen. Das Schicksal ist nicht vorbestimmt, wir machen es mit unseren Handeln. Wir tragen für unser Handeln die Verantwortung.

Diese Erkenntnis haben vielleicht die “gescheiten” Affen den “dummen” Denkern voraus. Affen wissen, dass sie ihr Leben durch geschicktes Interagieren selber steuern. Das Schicksal kommt nicht von Aussen. Lebewesen machen ihre Lebensgeschichte durch eigenes Handeln. Menschen haben dazu noch gelernt die Auswirkungen ihrer Handlungen auf andere zu reflektieren. Sie können ihr Handeln reflektieren. Sie denken nach über das Entstehen von Ordnung.
 

INTERAGIEREN                 SELBSTORGANISATION

Für die heutigen Evolutionstheoretiker ist das Entstehen von Ordnung ein Selbstorganisationsprozess, ein Prozess der Ordnungsentstehung von unten nach oben. Lebewesen sind offene, selbstregulierende Systeme . Sie bauen Ordnungen auf. Sie konstruieren sich ihre Ordnungsstruktur im Inneren durch ein System von Prozessen, das Beziehungen bezeichnet. 

Was Nervensysteme auszeichnet, ist ihre Abgeschlossenheit von allem Aussen.  Lebewesen ordnen Unterscheidungen, die sie im Innenbereich treffen. Sie konstruieren artspezifische Modelle der Aussenwelt.  Alle Lebewesen, die sich aus Unterscheidungen ein Modell der Aussenwelt im Gehirn schufen und lernten eigene Erfahrung zu ordnen und zu speichern, können “Wissen” auch zur Steuerung des Verhaltens einsetzen, sie agieren zusammen mit einer Aussenwelt und formen ihre “Re-Aktionen” in ihrer Innenwelt. 

Dieses Innen-Aussen-Schema  erfahren wir Menschen als Säuglinge in unserem Umgang mit dem ersten “unterscheidbaren Objekt”, unserer ersten Bezugsperson, der Mutter, der wir Nahrung und Wärme abfordern. Das ist das früheste “Wissen”, das wir uns aneignen. Es ist unsere erste “Erfahrung”. Wir lernen zu inter-agieren. Daraus entwickelt sich unsere Vorstellung vom handelnden ICH und dem andern, dem Aussen, den Objekten. In einem langen Prozess lernen wir dann auch Unbelebtes von Belebtem zu unterscheiden. 

Der Umgang mit Lebendem ist immer eine Interaktion, die nicht vorhersehbar ist. Mit Dingen lernen wir einfach umgehen. Sie fallen zu Boden, wenn man sie nicht festhält. Aber - sie springen einem nie in den Schoss. Das tun nur Lebewesen. Der Umgang mit Lebewesen ist viel schwieriger. Lebewesen handeln “spontan”, nicht voraussagbar. Es braucht viel mehr Denkkapazität, um die geeignete Strategie im Umgang mit denkenden Mitlebewesen zu planen. 

Folie: ALICE IN WONDERLAND - THE CROCKET GAME

Alice thought  she had never seen such a curious game in her life; the balls were live hedgshogs; the mallets live flamingoes.The chief difficulty Alice found at first was in managing her flamingo. Alice soon came to the conclusion that it was a very diffcult game indeed. L.Carrol 

Durch Lernprozesse formen wir Vorstellungen von Personen und Dingen, von Aktionen und ihren Zusammenhängen. Menschen lernen dies mit der Sprache. In diesem Prozess der Suche nach Regelmässigkeit und Ordnung ist die Grundstruktur der Sprache bindend. Es geht immer um die Frage “Wer tut wem was”? Es geht immer um Subjekte, die handeln, die wirken, die tun. Es tut. Es regnet. Die Unterscheidung “Agent - Handlung - Ziel der Handlung” ist die fundamentale Ordnung aller Sprachen. Linguisten nennen sie die Subjekt-Prädikat-Relation. 

1     VERGLEICHEN: 
Wir sprachen von Substantiven und Verben, die nicht Namen sind, sondern Bezeichnungen für Beziehungen. Dass in allen Sprachen der Welt Dingwörter und Tunwörter unterschieden werden, ist eine erste fundamentale Unterscheidung der Menschen. Sie müssen differenzieren zwischen Gleichbeleibendem und Veränderlichem. Was über eine bestimmte Zeitspanne sich nicht verändert, ist ein Ding oder ein anderes Lebewesen, was sich verändert, sind beobachtbare Prozesse. 

2     WOLLEN:  INTENTION - ZIEL
Wir nehmen für alle Prozesse einen Bewirker an, einen Agenten. Die Subjekt-Prädikat-Relation, die zweite fundamentale Ordnungsstruktur der Sprache, unterscheidet Ursprung und Ziel der Handlung. Die Unterscheidung von Innen und Aussen - die wir mit allen anderen Lebewesen teilen - ermöglichte den Primaten mit grossen Gehirnen das Erkennen von sich selbst als Handelnde, die auf die Objektwelt aussen wirken. 

Unser Denken wurde mit der Sprache rückbezüglich, selbstreferentiell. Wir erfahren uns selber als Wünschende, als Wollende, wir handeln. Es - werde! Subjekt - Prädikat. Das ist die Grundstruktur unserer menschlichen Sprach-Welt. Alles, was sprachlich erklärbar ist, folgt diesem Schema. Eine Handlung muss einen Agenten haben. So erfinden wir den Regner. So erfanden wir auch den allmächtigen Gott, den unbewegten Beweger. Fiat lux! Es werde Licht! Wir erfanden so den grossen Macher. Wir trennen dabei das Gemachte (die Dinge) von ihrem Verhalten. Es gibt aber keine Dinge ohne Verhalten. Panta rhei. Alles fliesst (Heraklit). Die festen Dinge sind Erfindungen unserer Gehirne. Wir Menschen bauten uns eine Welt der Sprache. Wir brauchen unsere Sprache, um miteinander in Verbindung zu treten. 

Sprache ist aber auch Medium des Aufbaus unserer inneren Welt , unseres Bewusstseins. Der Sprachprozess hat Anteil am Aufbau unseres Bewusstseins und am Aufbau des Systems unserer Beziehung zu den anderen. 

Das Medium Sprache ist die Verbindung des Bewusstseins von Einzelnen mit dem Bewusstsein der Gesellschaft (kollektives Bewusstsein). Mit der Sprache reflektieren und interpretieren wir Beziehungen. Wir lernten dabei zu unterscheiden zwischen einer Welt der leblosen Materie und der Welt des Lebendigen. (Pleroma - Creatura) In der Welt der Dinge wirken Kräfte. In der Welt der Lebewesen wirkt Information.
 

INTERPRETIEREN

Die Wissenschaft der letzten dreihundert Jahre hat mit viel Erfolg die Welt auseinander genommen, um den Bausteinen auf die Spur zu kommen (Reduktionismus).Sie hat die Kräfte beschrieben, die diese Teilchen zusammenhalten. Die Wissenschafter “reduzierten” komplexe Gefüge (Systeme) auf ihre Bestandteile und verloren dabei aus dem Auge, dass Gefüge mehr sind, als die Summe ihrer Teile. Es muss in der Welt der Gefüge, in der Welt der Organismen, ein Muster geben, das Elemente verbindet . Dieses Muster - schreibt Gregory Bateson - sind ähnliche Beziehungen (Relationen) zwischen Teilen. Es sind nicht messbare Quantitäten, sondern immer Formen und Beziehungen. In der Welt der Menschen ist es die Sprache, die verbindet. Das Medium der Vermittlung ist ein neuer Rahmen. Wir müssen die Gesetze der Beziehungen studieren. Die “reduzierten” Einzelteile: Laute, Wörter, Sätze, erklären unsere Sprachwelt nicht.  Wir müssen fragen, wie wir Sprache verstehen. Das Umfeld der sprachlichen Äusserung (Kontext) bestimmt den Interpretationsprozess. Wir verstehen Sprache mit unserer gesamten Erfahrung, mit unserem “Hintergrundwissen”, dem was im englischen Sprachbereich “common sense” genannt wird. Mit anderen Worten: Wir verstehen nicht Wörter und Sätze, wir verstehen Geschichten.

Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, einen modernen Mythos von der Entstehung des Geistes. Es ist die Geschichte von vier Grundfähigkeiten des Organs Gehirn: Unterscheiden - Vergleichen - Lernen - Handeln.
 
 

DIE EVOLUTION DES GEISTES                     EIN  MODERNER  MYTHOS

Es war einmal - am Anfang - ein Planet und der Planet war wüst und leer. Er war heiss und kein Leben war auf ihm. Nicht gab es Unterscheiden, nicht Vergleichen, nicht Lernen und nicht Handeln. 
Das war vor 4700 Millionen Jahren. Dieses Alter haben Kosmologen errechnet. Geologen haben in Australien Felsbrocken untersucht und darin Versteinerungen von einzelligen Lebewesen gefunden. Sie schätzen das Alter dieser Fossilien auf 3400 Millionen Jahre. Manche Biologen glauben, dass die ersten Lebewesen schon vor 4000 Millionen Jahren entstanden sind, in heissen Quellen ohne Sauerstoff. 3000 Millionen Jahre lang - zwei Drittel der Evolutionsgeschichte - belebten solche Einzeller die Wasser unserer Mutter Gaia. 

Einzeller bestehen aus hochkomplizierten Molekülen, die lernten, sich mit einer Haut von ihrer Umwelt abzuschotten und in ihrem Inneren Ordnung aufzubauen. Die Biologen sprechen von Selbstorganisation. Selbstorganierende “Einheiten” können mit ihrer Umwelt Energie austauschen. Dies nennen die Biologen Metabolismus. Lebewesen lernten , ihre eigene Struktur an eine neue Generation weiterzugeben. Sie könen sich replizieren. Die Elemente der Zellen bilden Systeme, sie bauen Ordnung auf, aus sich selber, oder - wie die Biologen sagen - autopoietisch (sich selbstaufbauend). In solchen Systemen erscheinen neue Eigenschaften (Emergenz), sie “erscheinen” (emergieren) durch Zusammenwirken von Elementen in Gefügen (Synergie). 

Vom ersten Unterscheiden

Und die Wasser der Erde waren nicht mehr leer. Die Wasser enthielten Leben. Aus den Wassern wurde Lebenswasser. Im Wasser schuf das Leben Unterscheiden von Innen und Aussen. Aus dem Leben wuchs der Geist des Miteinander. Das Leben teilt sich mit, es schafft sich Gefüge. Lebewesen wollen schufen den Wert des Lebens. 

Lebewesen bildeten ein Gedächtnis des Lebens. Sie lernten ihre Baupläne zu speichern. Sie lernten sich zu verhalten. Lebewesen wollen leben, ihr Verhalten ist zielgerichtet, es ist intentional. 

Vor etwa 600 Millionen Jahren lernten die einzelligen Lebewesen, sich zu Kolonien zusammenzuschliessen. Ihre Kooperationsfähigkeit liess “Metazoa” entstehen, Mehrzeller. In ihnen gaben die einzelnen Zellen ihre Selbständigkeit auf und spezialisierten sich - zum Wohl des ganzen Organismus. Es entstanden Hautzellen, die den Organismus gegen aussen abschliessen (Membrane) und es entstanden Organe, die im Inneren den Energiehaushalt regeln. Es entstanden auch Zellen, die zwischen Innen und Aussen vermitteln. Diese Vermittlerzellen nennen wir Neuronen. Es entstanden Nervennetzwerke, Gehirne. Wo sich Zellen zu Zellkolonien vereinen, entsteht eine neue Ebene der Koppelung, eine strukturelle Koppelung zweiter Ordnung, eine Koppelung einer Koppelung. 

Ein solches mehrschichtiges System hat mehr Möglichkeiten des Verhaltens, es schafft neue Ordnungen, autopoietische, emergente Eigenschaften. Mehrzellige Lebewesen entwickelten das Vergleichen. 
 

Vom ersten Vergleichen

Und die lebenden Wesen erkannten ihre Welt. Sie erinnerten ihre Welt. Sie bauten ihre Welt. Sie verglichen ihre Welten.

Der Aufbau von Sinnesorganen ermöglicht den mehrzelligen Lebewesen ein repäsentieren ihrer Umwelt, sie speichern in den Nervenzellen Modelle ihrer Erfahrungen mit der Umwelt. Vertebraten, die Rückenmarktiere, entwickelten zur Speicherung und Verarbeitung von Reizen und Erfahrungen Gehirne. Die Entwicklung dieser Zentralnervensysteme bestimmte dann in Fischen, Fröschen und Eidechsen den Umgang der Lebewesen mit ihrer Umwelt. Komplexe Lebewesen konnten die Eindrücke ihrer Sinnesorgane im Gehirn bündeln und waren in der Lage, das Innen vom Aussen in einer neuen Form zu unterscheiden. Sie entwickelten Weltmodelle. Diese Modelle sind für die Untergruppen der Metazoa verschieden. Ein Frosch wird inmitten fetter Fliegen verhungern, wenn diese Fliegen sich nicht mehr bewegen. Er nimmt nur Bewegung war. Er sieht keine Fliegen, er hat keine Vorstellung von Fliegen, sein Nervensystem ist zur Konstruktion solcher Modelle nicht fähig. Jedes unserer Mitgeschöpfe lebt in einer eigenen Welt, seinem artspezifischen Konzeptsystem. Alle Mehrzeller leben in einer von ihnen selbst konstruierten Welt, und  artspezifische Weltmodelle haben den Zweck, den Lebewesen das Überleben in ihren “Welten” zu ermöglichen. Die Erfahrung ungezählter Generationen wurden in Reaktionsprogrammen festgeschrieben. Es entstanden instinktive Verhaltensweisen. 

Vom ersten Lernen

Und die Erde war nicht mehr wüst und leer. Tiere und Pflanzen verliessen die Wasser und nutzten die Nahrung der Erde. Sie verliessen das ewig gleiche Wasser und siedelten in der veränderlichen Welt des festen Landes. 

Sie mussten dabei lernen,  sich an eine schnell verändernde Umwelt anzupassen. Instinktgelenkte Lebewesen können nur auf immer gleiche Reize reagieren. Sie können nicht handeln. Erst die Brutpfleger, die Vögel und die Säugetiere, lernten Neues zu lernen. Ihre Verhaltensprogramme wurden flexibler. Ihre Weltmodelle waren nicht mehr gänzlich genetisch festgelegt, sie konnten sich als Individuen an Veränderungen der Umwelt anpassen. Ihre Verhaltensprogramme waren nicht mehr durch Vererbung (phylogenetisch) determiniert, sie lernten während ihrer eigenen Lebensgeschichte, sie waren ontogenetisch geprägt. Diese ontogenetische Prägung der Verhaltenssteuerung verlangt den Aufbau von Gedächtnis, das heisst der Speicherung von Erfahrung. Neue Eindrücke werden mit Erinnerungen verglichen. Gedächtnis erlaubt das ursprüngliche Unterscheiden der ersten Lebewesen, das Wahrnehmen von innen und aussen durch die neue Ebene der Vernetzung von Erinnerungen zu erweitern. Tiere, denen die grössere Speicherfähigkeit des Gehirns die Speicherung individueller Erfahrung ermöglicht, entwickelten ein neues System der Unterscheidung und des Vergleichens, die Gefühle (Emotionen). Sie ordnen angenehme und unangenehme Eindrücke. Angenehm ist “gut”, das kann das Lebewesen brauchen und kann sich “wollend” solche Eindrücke suchen. Unangenehm ist “schlecht”, das suchen sie zu vermeiden. Diese emotionale Verhaltensteuerung ist im limbischen System lokalisiert, einer Hirnschicht, die sich in den frühen Säugetieren entwickelt hatte. Die Geschichte dieser neuen Form der Verhaltenssteuerung nahm ihren Anfang vor etwa 150 Millionen Jahren. Es ist die Geschichte des Lernens. Sie dauert bis heute. Wir lernen noch immer. 

Die Geschichte des Lernens ist eng gekoppelt an die Geschichte des Miteinander, der Kommunikation. Lebewesen lernten ihre Reaktionen zu koordinieren. Sie lernten auf Reaktionen der anderen zu reagieren. Wo in den Gehirnen komplexere Modelle der Welt gespeichert werden, wächst auch ein Modell der Innenwelt (Subjektivität). Lebewesen fangen an, sich selber wahrzunehmen. Zu der so entstandenen Innenwelt haben die anderen nie direkten Zugang. Wir können uns aber in unsere Nächsten einfühlen (Empathie). Lebewesen lernten auf einer neuen Ebene zu kommunizieren. Im langsamen Laufe der Zeit, als Vögel und Säugetiere lernten, ihre “Nachbarn” zu  erkennen und auf sie zu reagieren, entstand Sozialität, Gruppenverhalten. Wir können diese innerspezifischen Koppelung  als Koppelung dritter Ordnung bezeichen: Koppelung der geistigen (mentalen) Welt der Individuen mit der Welt der Gesellschaft, dem System der Kommunikation (Luhmann).

Bei den Primaten wurde das Erkennen der Nächsten so wichtig, dass ihnen die Fähigkeit erwuchs, die Reaktionen der anderen vorauszuplanen. Sie lernten sich einfühlen in die verborgene Innenwelt der Nächsten. Sie entwickelten eine Theorie des Denkens der anderen (Theory of Mind). Solche Formen der Kommunikation kannten wahrscheinlich schon die gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse, deren Wege sich vor etwa sieben Millionen Jahren trennten. 

Die Linie, die zu uns Menschen führt, unterschied sich in den Anfängen der Menschwerdung vor fünf Millionen Jahren nur wenig von den anderen Primaten. Wir wissen, dass sich die Ostaffen (Australopithecus) anders bewegten, als ihre Nachbarn die Schimpansen. Sie gingen auf den Hinterbeinen. Ihre Gehirne aber blieben Affengehirne. Bis sie das Sprechen lernten. Bis sie lernten ihre Gefühle den Nächsten mitzuteilen. Bis sie lernten zu fragen: Wie geht es Dir?
 
Vom ersten Handeln

Und die Menschen dieser Erde schufen sich eine Menschenwelt. Sie unterschieden das Innen vom Aussen und bezeichneten das Ich und das Du. Sie trennten das Gute vom Bösen und besprachen ihr Dasein miteinander. Sie lernten das Glauben, das Wünschen und das Handeln.

Als die Menschen sprechen lernten, wurden ihnen die Augen aufgetan für die anderen. Sie erlebten sich im Spiegel der anderen, sie erkannten sich selber im Spiegel der anderen, sie erkannten sich in der Sprache. Es entstand das “zoon politicon”, der Mensch der Gemeinschaft.
 

Der Ursprung der Sprache liegt im Einfühlungsvermögen. Wer sich in einen anderen hineinversetzen kann, erlebt sich selber als ein eigenständiges “ego”. Primaten entwickelten Selbst-Bewusstsein als sie lernten, sich vom Nächsten zu unterscheiden und mit den Nächsten zu kommunizieren. 

Lebewesen hatten im Laufe der langen Geschichte gelernt mit der Umwelt zu kommunizieren (Chemotaxis, Tropholaxis). Soziale Lebewesen lernten auch ihr Verhalten mit den anderen zu koordinieren. Sie brauchten Gesten, Laute, Blicke und Duftabsonderung, um miteinander zu kommunizieren. Diese im Laufe der Ontogenese gelernte Verhaltenskoordination ist der Anfang des menschlichen  Kommunikationssystems (Linguolaxis). Seit wir sprechen können, nehmen wir nicht nur wahr, wir nehmen bewusst wahr. Wir können über unsere Wahrnehmung nachdenken, reflektieren. Wir nehmen wahr, dass wir wahrnehmen. Wir denken, dass wir denken. Wir nehmen bewusst wahr, was für uns wichtig ist. Wir nehmen wahr, was “relevant” ist. Wie wir Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, wissen wir nicht. Es sind sicher keine “einfachen”, linearen Rechenprozesse, sondern  komplexe, nichtlineare Gehirnprozesse, die aus Chaos Ordnung herausfiltern, die aus Chaos Kosmos schaffen. Lebewesen müssen Ordnungen schaffen, um sich in der Welt, die immer wieder überraschend neu ist, zu orientieren. Sie lernten Wiederholtes von Einmaligem zu unterscheiden, das Wiederholte zusammenzu-fassen und nach dem “Gleichen” zu suchen.

In dieser Fähigkeit ist das Phänomen Bewusstsein verankert. Bewusstsein ist allen Lebewesen mit zentralen Nervensystemen gegeben. Auch Tiere sind bewusst. Dies sollte uns Menschen bewusst werden. Menschliche Gehirne haben beim Sprechen dazu noch gelernt, die so entstandene Welt der Ordnung, den Kosmos, zu benennen und diese Ordnung mit anderen zu teilen. Sie erfanden Symbole, Verbindungen von Lauten und Vorstellungen. Alles was benannt ist, existiert. Und - es existiert erst, wenn es benannt ist. Draussen herrscht Chaos, Kosmos schaffen wir Menschen durch unsere Sprache. Wir schufen einen Kosmos aus drei Ebenen: Wir unterscheiden wie alle Lebewesen. Wir vergleichen wie alle Tiere mit Gedächtnis. Wir ordnen unsere innere Lebenswelt mit Hilfe unserer Sprache.  Bei der Suche nach dem Gleichen haben unsere Gehirne auch gelernt, Gleiches selber zu kreieren. Menschen schaffen Vorstellungen, sie entwickeln Phantasie, Imagination. Mit dieser neuen Fähigkeit hat der Mensch auch gelernt zu handeln. Wir können uns nicht nur vorstellen, wie die Welt sein könnte, wir können auch Methoden erdenken, wie wir die Welt, nach unseren Wünschen, verändern könnten. Wir agieren, wir handeln.

Der Prozess des Wünschens war schon weit früher entstanden. Wünschen können auch andere Tiere. Das Handeln ist erst mit der Sprache aktiv geworden. Wir kleiden Wunschvorstellungen in Worte, um sie im Geiste zu verändern. Wir planen mit der Sprache. Pläne sind Geschichten. Wir planen und handeln - gemeinsam. 

Wir fragen und wir erzählen Geschichten - miteinander. Wir fragen, woher wir kommen, und erzählen Geschichten über unsere Geschichte. Wir lernen, wer wir sind in Gemeinschaft. Wir sind unsere gesammelte Erfahrung, wir sind unsere Geschichten. Unsere Welt ist eine in Sprache gefasste Menschenwelt. Unsere Welt ist unsere Kultur, die wir uns sprechend formen.

ZUSAMMENFASSUNG

Erkennen ist nicht das Sammeln von Fakten über die Welt. Es ist die Möglichkeit, die Welt zu beeinflussen. Unser Denkapparat bildet nichts ab, er schafft Voraussetzungen für das Entscheiden, er formt Handlungsvarianten.
 

1/II
ERFAHREN - WAHRNEHMEN - DENKEN - HANDELN 
GLAUBEN - WOLLEN - FRAGEN - HANDELN
INTERAGIEREN                 SELBSTORGANISATION
INTERPRETIEREN

DIE EVOLUTION DES GEISTES                     EIN  MODERNER  MYTHOS
Vom ersten Unterscheiden
Vom ersten Vergleichen
Vom ersten Lernen
Vom ersten Handeln
 
 
 
 

BIBLIOGRAFIE 
 

Humberto Maturana und Francisco Varela
  Der Baum der Erkenntnis
  Scherz
Günther Dux  Die Logik der Weltbilder 
  Suhrkamp Wissenschaft. 1990
Gregory Bateson  Geist und Natur  Suhrkamp 1982