Jean Clam
Kontingenz Paradox Nur-Vollzug
Grundprobleme einer Theorie der Gesellschaft
UVK 2004

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Differenzielle Selbstaktualisierung

Ich bin Luhmann auf seinem Weg von der Rezeption der systemtheoretischen Organisationstheorie zu seiner Ausarbeitung einer systemischen Rationalität gefolgt. Ich habe festgestellt, dass das, was sich dabei zu denken gab, nicht entlang den klassisch und unlogischen Objektivierungsschematismen gedacht werden konnte.
Der Typ von Gegenständen, der immer mehr in den Vordergrund rückte, war ein paradoxischer: diese Gegenstände konnten nicht als Identitäten und Einheiten mit extrinsischen Beziehungen zur jeweiligen Umwelten gedacht werden; sie mussten vielmehr als nicht selbige (nicht selbst-identische) System-Umwelt Dualitäten mit asymmetrischer Verankerung der Selbstsetzung der Dualität im System gedacht werden.
Dies ist der abstrakte Rahmen der systemischen Rationalität, der es uns ermöglichen sollte, Organisationsformen, aktive oder sedimentierte Intelligenz, als zweideutige Beiträge zu Systemstabilität und -instabilität zu konzipieren.
Wenn Grenzen enträumlicht werden und sich als Ausdruck der Selbstreferenz des Systems (als System-Umwelt) im System geben, dann muss das System seine eigene Negation in sich selbst (operativ) einschreiben. Das System erhält eine zirkuläre Dynamik, deren Potenzialitäten von der Internalisierung der Umwelt her (als Nicht-Selbst) fließen. So wird Ordnung aus Lärm gebildet.

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Problematik der asymmetrischen Selbst-Identität

(Es geht) um die Überwindung der Vorstellung eines Systems, (das) sich als immanent geordnete Einheit gibt, die einer Umwelt gegenüber steht, welche auf sie wirkt und damit die Entfaltung ihrer Ordnungsstruktur entweder fördert oder hemmt. Die Überwindung führt zur differenzialistischen Vorstellungsweise, worin die Ordnungseinheit die einer asymmetrisch reflektierten Differenz Ordnung/Nicht-Ordnung ist. Der Kontrast bringt nämlich die Züge der paradoxen Differenzeinheit deutlicher zur Geltung.

Eine solche Anstrengung gilt der Lockerung der Zwänge und Einhelligkeiten, die vom anschauungsgeleiteten Denken ausgehen. Ich werde im Folgenden zwei solche Denkfiguren in ungleichem Detail besprechen. Die erste nenne ich die originär selbstsetzende Selbsteinheit - sie steht hier auf dem Spiel. Die zweite nenne ich die Nur-Vollzug Struktur und bezeichne damit den definierenden Zug einer Zusammenziehung aller Momente der Struktur in einem einzigen selbstenthaltenden Akt oder Vollzug -

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Meine These ist, dass Paradox der Selbst-Differenz mit einer aus Denkbewegungen der ersten Philosophie stammenden Figur verglichen werden kann. Es kann durch den Nachvollzug einiger transzendentaler Deduktion, worin sich diese Figur ausprägt, erhellt werden. Ich wähle Fichtes Deduktionen aus der Wissenschaftslehre, weil deren Fortschreiten am gründlichsten ausgearbeitet ist. In diesem erstphilosophischen Ausführungen setzt man mit einem Anfang ein, der sich als „Thathandlung“ (im Sinne eines sich selbst vollziehenden Aktes) verwirklicht und der Selbstsetzung des Ichs (als transzendentalen Subjekts) entspricht. Vor dieser Tathandlung der Selbstsetzung ist nichts Weltliches da.

Boe: …a world appears Spencer Brown – die Entdeckung des Beobachters

...die Emergenz des Ich ist gleich ursprünglich mit der des Seins oder der Welt überhaupt. Gleichwohl ist die Selbstsetzung des Ursubjekts nichts Global-Sphärisches: das Ich ist kein in sich geschlossenes hen kai pan, ist nicht selbst- und allenthaltend im Sinne der Alteritätslosigkeit: es hätte nichts neben sich; es hätte kein Anderes. Fichtes Argument ist gerade, dass das Zustandekommen des Ich's in seinem ursprünglichen Akt das Zustandekommen einer Differenz vom Selbigem und Nicht-Selbigem, von Ich und Nicht-Ich darstellt. Das Subjekt ist Subjekt einer Sache, die nicht es selbst ist.

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Fichtes Thathandlung des Uranfangs - die Differenz Ich/Nicht-Ich, wie sich im Ich selbst reflektiert und den genuinesten Akt des Ich als Ich konstituiert. Das Ich ist weder eine geschlossene noch totale Sphäre. Es ist eingebettet in einem Ritz. Das Ich ist der Ritz, dessen Namen Welt ist und dessen Akt die Reflexion dieser selben ritzenden Differenz ist.

Das Denkschema fordert hier eine Distanzierung von intuitiven Modi des Weltverstehens, bei denen Einheiten und Identitäten als getrennte und geschlossene Ganzheit gesetzt werden. Ich und Nicht-Ich können nicht mehr als zwei distinkte Wesenheiten gedacht werden, die in einer extrinsischen Beziehung zu einander stehen, deren Produkt ein Dritter, von den beiden ersten noch distinkter Terminus wäre. Alle drei Termini bilden hier eine einzige differenzielle Struktur und einen einzigen sich selbst aktuierenden Vollzug.

Struktur und Vollzug sind ihrerseits asymmetrisch. Das Nicht-Ich kann nie die determinative Dichte des Ichs erreichen, weil gerade das Ich der Ort der Reflexion dieser ungleichen, ungeraden Differenz Ich/Nicht-Ich ist.

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Dieses Moment der Asymetrie wird am deutlichsten in der Protologik G. Spencer Browns ausgearbeitet. Hier wird der „unmarked state“ innerhalb einer (sich sich selbst enthaltenden, sich selbst inaugurierenden) Unterscheidung als eine Art residualen Terminus aufgefasst, der mit dem „marked state“ der Unterscheidung aufs engste spiegelhaft korreliert.

Die Dualität der Selbst-Differenz (Ich/Nicht-Ich, marked state/unmarked state) wird reflektiert in der aktiven Dichte sozusagen des „positiven“ Terminus der Unterscheidung – die „Bezeichnung“ (indication) in Spencer Browns Terminologie.

Die Unterscheidung ist also in einem spezifischen, paradoxen Sinne selbstenthaltend (self-continent), sofern sie, um zu bestehen, nichts mehr benötigt als ihre in einem einzigen Akt vereinigten, zu einem einzigen Nur-Vollzug kontrahierten Momente. Im Nur-Vollzug selbst können diese Momente nur in einer Art distinctio formalis auseinandergehalten werden. Sie können weder extensiv neben einander gestellt werden noch können sie transitiv, unter Hervorbringung von Wirkungen außer sich aufeinander wirken.

Tatsächlich hat sich Luhmann immer mehr auf die Spencer Brownsche Protologik zur Darstellung und Entwicklung seiner eigenen Theorie der Operation angelehnt. Das protologische Theoriestück nahm nach und nach eine fast beherrschende Position im späteren Werk Luhmanns ein. Wie ich es weiter unten noch betonen werde, macht eine solche Abhängigkeit von der Protologik der Form die Frage nach dem theoretischen Status der Luhmann‘schen differenzialistischen Postulate und protosoziologischen Theorie im akut. Es fragt sich nämlich, auf welcher Ebene der Korpus der allgemeinsten und abstraktesten Aussagen von Luhmanns Theorie der Gesellschaft zu situierten ist? Sind solche Aussagen transzendental, apriorisch oder sind es einfacher Verallgemeinerungen eine Reihe von gekreuzten Evidenzen, die aus verschiedensten Gebieten logischer und empirischer Beobachtung stammen?

Meine These ist, dass Luhmanns wichtigste prinzipielle Behauptungen sich an einen apriorischem Boden ohne transzendentale Referenz anlehnen, den ihnen die Brownsche Protologik bereitstellt. Der logischer Kalkül Spencer Browns lässt sich somit ganz zu Recht und mit größter Genauigkeit als
Protologik bezeichnen.

Hingegen war die klassische Logik der philosophischen Tradition
(a) eine umfassende Theorie der diskursiven Anzeige (Aussage und Rede) und der Ableitung (Deduktion von Aussagen aus Aussagen) wie in der inaugoralen Logik des Aristoteles; sie war ferner
(b) eine apriorische Deduktion oder bloß die apriorische Beschreibung der konstituierenden Akte des reinen Bewusstseins, die am Aufbau der Erkenntnis in Urteil unter Rechnung beteiligt sind, wie in den transzendentalen Logiken Kants und Husserls; zuletzt
(c) konnte sie auch den formalen oder mathematischen Korpus von Aussagen oder Theoreme ausmachen, die – wie in einer Algebra - von einer kleinen Anzahl von Axiomen und Symboldefinitionen abgeleitet und syntaktisch korrekt beschrieben werden.

Kontrastierend mit diesen Logikformen - insbesondere mit der zuletzt genannten - , bildet Spencer Browns Unternehmen Programm einer Untersuchung der präprädikativen, vor-diskursiven Gesetzmäßigkeiten des Sich-überhaupt-etwas-Gebens, worüber etwas ausgesagt werden kann. Es geht dabei um die Emergenz der elementarsten Setzungen von etwas schlechthin. Die Gesetze der Delineation von etwas überhaupt vor dem Hintergrund von all dem, was es nicht ist, sind die Gesetze der Form als Formereignis oder Formankunft aus der reinen Unterscheidung von Etwas und Nicht-Etwas.

Solche Gesetze müssen auf einer Ebene verortet werden, die derjenigen der durch die klassische Logik erfassten enuziativen Formen vorausgelagert ist. Protologik bezeichnet somit, in unserer Deutung, die Logik, welche im allgemeinsten Akt der Erscheinung und Setzung von Etwas impliziert ist. Sie offenbart „unsere innere Kenntnis der Struktur der Welt“ (Spencer Brown, LoF, S.xiii). Die Form, wie sie Spencer Brown versteht, geht allem, was die Logik auf ihrer eigenen Ebene der Generalisierung thematisieren kann, voraus. Sie muss auf einer Stufe der Ursprünglichkeit und Allgemeinheit denkerisch angesiedelt werden, die „jenseits des Punktes von Einfachheit liegt, an denen die Sprache aufhört, normal zu fungieren“ (ibid. S.xx). Sie widerstrebt dadurch jeglichem Ausdruck („it resists expression“ ibid.), während die Logik als solche selbst etwas Diskursives ist, worüber ich reden und das ich objektivieren kann.


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Nun muss man jedoch dessen eingedenk sein - und dies habe ich schon betont -, dass Luhmann bei seinem Versuch, Systeme als Differenzen und nicht als res zu denken, nicht ausschließlich auf die Brownsche Protologik zurückgreift, Luhmanns eigene Tendenz der Erhöhung der Auflösungskapazität wissenschaftlicher Beobachtung durch Kreuzung von heterogenen und inkongruenten Ansätzen legte eine Diversifikation der Beiträge nahe, die in die Theorie integriert werden sollten. Damit sollte dem Hang zu massiv vereinheitlichenden und potentiell ontologisierenden Begriffen entgegengewirkt werden. Bei der aufrechterhaltenen Varietät der Ansätze wird jedoch Spencer Brown zur beherrschenden Referenz der späten Ausgestaltung der Theorie, die sich als eine allgemeine Theorie der Beobachtung gibt und auf dem Brownschen Begriff der Unterscheidung als bilateraler Markierung (einer Zwei-Seiten Form) gründet.

Jean Clam
George Spencer Brown
Versuch einer Umschrift

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