Heinz von Foerster - Ernst von Glasersfeld
Wie wir uns erfinden

Eine Autobiografie des radikalen Konstruktivismus
CarlAuer 2007

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Der Hörer und nicht der Sprecher bestimmt die Bedeutung einer Bemerkung, einer utterance.

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Piaget: ...obwohl er unzähligen Male erklärt hat, Wissen habe nicht eine abbildende, sondern eine adaptive Funktion, wurde er ja fast immer missverstanden.

121 Piaget: Fifty years of experience have taught us that knowledge does not result from a mere recording observations without a structuring activity on the part of the subject. Nor do any apriori or innate cognitive structures exist in man; the functioning of intelligence alone is hereditory and create structures only through an organisation of successive actions performed on objects. Consequently, an epistemology conforming to the data of psychogenesis could be neither empiricist nor preformatist, but could consist only of a Constructivism, with continual elaboration of new operations and structures. The central problem, then, is to understand how such operations come about, and why, even though they result from non-predetermined constructions, they eventually become logically necessary.

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Heinz: Ja, da sagt man, das sind Zufälle.
Ernst: Es sind Fälle, aber keine Zufälle.
Heinz: Es passiert, weil Möglichkeiten da sind, die man dann im Moment erfassen kann.
Ernst: Genau. Der Witz ist, dass man sich nicht Ziele setzt, die in weiter Ferne liegen und einen einschränken.
Heinz: Man muss sich Offenheit bewahren.

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Heinz: ...das lustige ist, das das Wort begrifflich ja eine motorische Aktion andeutet: Mach es, dann begreifst du es.

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die Idee eines operativen Gedächtnisses
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...
die Erinnerung zweiter Ordnung "erinnert" die Konstruktion der Erinnerungen erster Ordnung; die Erinnerung erster Ordnung erinnert das Konstruierte.
Ich würde sagen, beide sind auf einer Ebene. Ich glaube nicht, das andere neuronale Mechanismen diesen zweiten Ordnungsmechanismus produzieren; es ist derselbe neuronale Mechanismus, der das eine sowie das andere macht. Nur ist in der zweiten Ordnung - wenn ich das als Erinnerungsmechanismus zweiter Ordnung bezeichnen darf - , in der zweiten Ordnung ist es funktionell so, dass du spürst es ist ein Operator zweiter Ordnung.
Ernst: ...das ist analog mit der Idee der Aufmerksamkeit und der Aufmerksamkeitsmomente, die sich auf verschiedene Dinge setzen und dadurch verschiedene Dinge verbinden.
Heinz:... es sind dieselben Einheiten, die je nach ihrer Gruppierung diese oder jene Operationsklassen durchführen.
Ernst: Die weden umgenetzt.
Heinz: Umgenetzt ist das Wort.
Ernst: ...die Verbindungen werden anders geschaltet, dann macht das Netz andere Operationen.
Heinz: Genau. Bei dieser Gedächtniskonferenz, wo ich zum ersten Mal umgeschaltet habe vom Speicher zur Operation, war das sehr lustig. Neuronen tun nie, was sie tun sollen, sie tun immer, was sie tun. Sie müssen ihre Ideen vom Sollen aufgeben. Es wird nichts gespeichert, sondern es wird operiert.

183
Die Dynamik der Systeme
Das Umnetzen
Den Umnetzmechanismus selbst zu betrachten, das ist eben eine Operation zweiter Ordnung. Da bin ich in die Mathematik der rekursiven Funktionen gestolpert. Und das war für mich ein wirkliches Erlebnis. Die Möglichkeiten, die von den rekursiven Funktionen eröffnet werden, führen zu wunderbaren Sachen. Ein iterativer Operator verarbeitet da die kompliziertesten Strukturen und schmilzt sie sozusagen in eine konstante Operation ein. Kurz, da kommt es zu stabilem Verhalten. Diese Emergenz ist manchmal mehr, manchmal weniger stabil und kann umgeworfen werden. Dann emergiert etwas anderes, dass wieder eine gewisse Stabilität hat. So habe ich dann verschiedene Arten entwickelt, um bestimmte Phänomene zu erklären. Unendliche Komplexität wird da auf einmal zur Einheit und lässt sich handhaben.

191
Ernst: Das habe ich versucht den Studenten klarzumachen, dass es in der Wissenschaft - und auch sonst - nicht um absolute Wahrheit geht, sondern darum, Modelle auszudenken, die in dem betreffenden Erfahrungsbereich funktionieren.
Aber es ist schwer, den Aberglauben von der wahren, endgültigen Erkenntnis zu untergraben. Manchmal kann man den Studenten begriffliche Hindernisse in den Weg stellen, an denen ihre vorgefassten Überzeugungen scheitern.

Heinz: interessant, dass du das Wort Hindernis verwendet hast. Ich behaupte ja, das Wort „Objekt“ oder „Gegen-stand“ ist genau das...
Ernst: ... das steht einem entgegen.
Heinz:... das steht einem entgegen! Das ist ein Hindernis. Was mache ich damit? Ich gebe ihm einen Namen, dann verschwindet es.
Ernst: ...das ist das Gegenteil von der „Tatsache“ - da muss man etwas ganz bestimmtes tun, um sie zu bekommen. Das hat schon der Vico gewusst, denn factum kommt von facere.

203
Heinz: Ich selbst habe mir auf die Frage gestellt:
Was ist Sprache? Für meinen eigenen Gebrauch habe ich mir eine Definition erfunden, die vielleicht zu einschränkend ist: Unter allen Interkommunikationssystemen nenne ich ein solches "Sprache", das über sich selbst sprechen kann.

215
Heinz: Ich verwende ja immer die paradoxe Behauptung: Wir können nicht über Bewusstsein sprechen, wenn wir nicht sprechen können, wir können nicht über Sprache sprechen, wenn wir nicht sprechen können. Darum sind das Probleme zweiter Ordnung, die sich selber brauchen, um zu entstehen. Die Logik von solchen Strukturen ist ja völlig anders als die Abbildungslogik oder die Projektionslogik etc.
...
aber ich glaub, das brauchen wir nicht. Wir können aber vermerken, dass das Beste in dieser Richtung von Lars Löfgren entwickelt worden ist: Begriffe zweiter Ordnung, die sich auf sich selbst beziehen. Und da entsteht dann auch sofort die ganze Problematik der Selbstorganisation, denn da hat man es mit Begriffen zweiter Ordnung zu tun - Begriffen wie Organisation von Organisation, Wissen von Wissen, Lernen von Lernen etc.

222
Heinz: Erklärungen: Meine Kurzfassung auf Englisch lautet: Explanations semantically link descriptions. Auf Deutsch wäre das wohl: Erklärungen verbinden Beschreibungen semantisch oder sind semantische Verbindungen von Beschreibungen.
Diese Verbindungen stellt man her, indem man Wörter so definiert, dass sie sich auf verschiedene Beschreibungen beziehen können. Dann sagen die Leute, jetzt verstehe ich es, aha, das ist die Erklärung. Sie hatte aber weder mit Kausalität noch mit Logik zu tun, noch mit irgendetwas anderem
Ernst: ...das leuchtet ein, weil, die semantische Verbindung ist ja eben immer eine Verbindung, die willkürlich gemacht wird. Sie ist ja nicht Verbindung in dem Sinn, in dem Erlebnisse zusammenhängen, weil eines mit Notwendigkeiten zu einem nächsten Erlebnis führt. Die semantische Verbindung hat keine erlebte Notwendigkeit.

224
...
das erste Mal sollte ich über verstehen sprechen, so nannte ich meinen Vortrag: Understanding understanding.
dann wurde ich wieder eingeladen und nahm den Titel:Explaining explaining.
...ich habe
meinen Freunden dort empfohlen, keine Theorien zu machen und nicht zu erklären zu versuchen.
Ich hatte ja schon lange den Verdacht, dass man diese ganzen komplizierten mentalen Vorgänge überhaupt nicht erklären kann. Man ist diesen Funktionen gegenüber völlig ignorant. Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass wir aber, obschon wir ignorant sind, doch Verbindungen zwischen gewissen Bereichen herstellen können, also semantische Verbindungen zwischen Beschreibungen. Und wenn man davon absieht, eben in der üblichen Weise zu erklären, und stattdessen semantische Verbindungen herstellt, dann könnte man vielleicht besser arbeiten.

darum nannte ich den dritten Vortrag: Ignorance of Ignorance, also Unwissen des Unwissens. In meiner Entwicklung bin ich natürlich auch auf die Sprache zu sprechen gekommen, und da habe ich vorgeschlagen: Meine Damen und Herren, es macht einen großen Unterschied, ob ich glaube, ein Teil dieser Welt zu sein, so, als wären die Welt und ich eine Einheit, oder ob ich mich als vom Universum abgerückt Betrachter und als unbeteiligter Beobachter von außen sozusagen durch ein Guckloch schaue. Diese bevorzugte Position, den Helmholtzschen „locus observandi“ gibt es für uns nicht.

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Heinz: ...die Sicht von denjenigen, die sich außerhalb setzen. Gut, da haben wir zwei Perspektiven. Die menschlicher, als Teilhaber, und die Gottesperspektive, als ein Separatum.
Entwickle ich die eine, als ob ich ein Teil des Universums wäre, dann verändern alle meine Handlungen, alle meine Bewegungen, alles, was ich tue, das Universum. Nehme ich die andere Position ein, die vom Universum abgetrennte Position, um ich auf einem locus observandi sitze und das Universum mit meiner Beobachtung nicht berühre, dann werde ich auch nicht vom Universum berührt.
Ernst: und wie kommt man zu diesem Locus?
Heinz: das weiß ich nicht.
Ernst: ...die Position ist doch logisch ausgeschlossen.
Heinz: ...das störte aber viele Leute nicht - sie setzen sich einfach hin. Und daraus ergeben sich dann zwei verschiedene Perspektiven, auch gegenüber der Sprache. Das habe ich eben der Susanne Langer entlehnt. Ich weiß nicht, ob du das auch so gelesen hast. Ich lege es auf jeden Fall so aus, dass die Sprache zwei Aspekte hat: die appearance, das heißt die Erscheinung, und die Funktion.
...
in der Erscheinung ist die Sprache so, als wäre man von der Welt getrennt. Man beobachtet, aus der God’s Eye View. Dann ist Sprache ein Monolog. Ich spreche einfach für mich hin, werfe es in die Welt - to whom it may concern -, alles, meine Räusperungen, Husten und Kratzen mit den Stimmbändern. Dann ist die Sprache im wesentlichen denotativ. Ich zeige auf Objekte, die der draußen sind, und meine Sprache soll diese Objekte sozusagen im Zeigen mitziehen. Was ich sage, ist dann im wesentlichen deskriptiv, das heißt, ich beschreibe, was los ist. Hier steht ein Tisch, dort ist ein Sessel. Dann ist die Sprache im wesentlichen grammatisch, und man schaut auf die grammatischen Relationen zwischen gewissen Hauptwörtern, Zeitwörtern etc. schließlich kommt der unerhörte Kartesianische Ausspruch: Cogito ergo sum. Ich denke, daher bin ich.

Von einem anderen ist überhaupt nicht die Rede. Man kann nur von sich sagen, man ist. Damit kommt dann das Bewusstsein zustande, und ich weiß von mir, ich bin. Zumindest habe ich das damals so interpretiert. Demgegenüber hab ich die zweite Sparte gemacht, um ich ein Teil des Universums bin. Ein Teil, und da sind andere wie ich. So wird die Sprache ein Dialog, und im dialogischen Aspekt ist sie kooperativ. Ich wende mich nicht an Objekte, sondern an die Ideen von Objekten in anderen. Die Musik der Sprache erweckt sozusagen eine Resonanz in dem anderen musikalischen Instrument. Das sprachliche Instrument ist dann kooperativ und wendet sich, wenn ich die Susanne Langer richtig verstanden habe, an Ideen im Geiste des anderen.

Ernst: Sie hat ja so klar gesagt, dass die Wörter nicht Dinge bedeuten, sondern Vorstellungen.

Heinz: dann ist die Sprache mit deskriptiv, sondern sie ist konstruktiv. Wenn ich rede, dann versuche ich, den anderen einzuladen, die Welt zu kreieren, von der ich spreche, von der ich ihm gerne berichten möchte. Wenn mir das gelingt, dann hat der andere eben auch subjektiv das Gefühl von etwas, das er sich selber erzeugt hat, und dann lebt er in dieser Geschichte. Das heißt nicht: ich sage dir, wie es ist. Denn wie es ist, ist ja nicht zu beschreiben. Dieses es ist vergangen und kommt nie wieder. Es ist jetzt nur mehr da in den Reflexionen von denen, die darüber sprechen, was sie erlebt haben. Also ist es so, wie du es sagst. Dann ist die Essenz der Sprache eine semantische und nicht eine grammatische, und dann müsste eigentlich der Descartes gesagt haben: Cogito, ergo sumus. Er ist ja auch gleich gelaufen und hat es publiziert, also hat er schon gewusst, dass Cogito, ergo sumus, er wollte es nur nicht zugeben.

Ernst: er wollte doch unbedingt sicheres Wissen haben, und da konnte er sich nicht auf die anderen verlassen.

Heinz: Wissen wissen! Ist das einzig Richtige? Durch das Miteinander sein von Mensch und Mensch entsteht eben das Gewissen. Auf Englisch kommt die Verwandtschaft in den Wörtern heraus: consciousness - conscience. Und ich spiele eben das Bewusstsein als ein Mensch und das Gewissen als ein Mitmensch gegeneinander aus, sozusagen als Pole des Sprechens von der Sprache.

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Ernst: Solange ich zu mir selber spreche, ist meine Sprache denotativ, in dem Sinn, dass ich mich auf Dinge beziehe, die ich mit Wörtern verbinden kann, weil sie in meinem Erfahrungsbereich liegen. Sprechen andere zu mir, dann sind wohl diese anderen in meinem Erfahrungsbereich, aber das worüber sie sprechen, liegt in ihrem und ist mir nicht zugänglich. Denn der Erfahrungsbereich der anderen ist nicht das, was sie in meinem Erfahrungsbereich als so genannte Umwelt umgibt. Ich kann also ihre Wörter nicht denotativ mit Dingen verbinden, die ich selbst erlebe.

Die konnotative Funktion der Sprache liegt darin, dass sie Begriffe und Begriffsstrukturen im anderen beeinflusst. Damit stimme ich gern überein.

Heinz: aber Du postuliert nicht, dass Sprache entweder konnotativ oder nur denotativ ist.

Ernst: ich glaube, das lässt sich überhaupt nicht machen.

Heinz: machen das nicht die Linklisten? Die sagen doch - nicht so explizit vielleicht, aber doch -, die ganze Konnotativität sei „lousy thinking“, also Seifenblasen, und das, worum es geht, ist nur das Denotative und die objektbezogene Referenz?

Ernst: das sagen sie manchmal ziemlich deutlich, und das kommt daher, dass sie nicht zugeben wollen, dass die absolute Denotation ja unmöglich ist.

Heinz: so wie ich das sehe, läuft das immer auf das gleiche hinaus, nämlich, dass man nicht zugeben will, dass es keine absoluten Bedeutungen gibt, weil die Bedeutungen gibt, weil die Bedeutungen immer von jedem Sprachbenutzer gebaut werden müssen.








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