Heinz von Foerster
Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners

Carl Auer 2003

Die ganze Welt, ist, so behaupte ich, eine nichttriviale Maschine.

Seite 52
B. P. Sie scheinen die syllogistische Struktur als eine logische Zwangsjacke zu empfinden, die Sie gerne loswerden möchten. Aber mir ist noch nicht klar, welchen Sinn dieser Fundamentalzweifel haben soll.

H.F Es ist ein Irrglaube, daß diese logischen Deduktionen, nach denen Erklärungen geformt sind, ein für allemal Gültigkeit besitzen. Man muß bereits die Prämisse als eine Wahrheit hinnehmen, um diese absolute Sicherheit zu konstruieren. Man spielt ein grammatisches Spiel mit vorher festgelegten Ergebnissen. Ich schlage dagegen vor, stets bereits die Prämissen zu hinterfragen.

B. P. Aber was ist so schlimm an den Kausalprinzipien und den syllogistischen Strukturen, die ja auch in unserem Alltagshandeln und unserem Nachdenken über die Welt eine wichtige, orientierende Funktion besitzen. Sie bilden ein Element der Stabilität, sie stiften Verlässlichkeit. Wir handeln, um etwas zu erreichen, wir tun etwas, um eine bestimmte Wirkung zu erzeugen. Wir neigen dazu, unsere eigene Lebensgeschichte anhand solcher Kausalitäts- vorstellungen zu interpretieren, führen beispielsweise ein gegenwärtiges Leid auf eine schlimme Kindheit zurück (Psychoanalyse), sehen ein Verhalten, das als Wirkung begriffen wird, als Ergebnis eines bestimmten ursächlichen Stimulus (Behaviorismus), begreifen uns - gemäß eines politisch-ideologischen Modells der Weltwahrnehmung - als determiniert durch materielle Gegebenheiten (Marxismus). Wie sieht ein Leben aus, das sich nicht der - wie Sie sagen - konstruierten Verlässlichkeit kausaler Erklärungen beugt?

H.F. Es ist sehr amüsant und voller Abwechslungen; es ist ein reiches Leben, in dem man sich in jedem Moment für eine Art und Weise zu denken entscheidet. Man akzeptiert eine Prämisse, oder man akzeptiert sie eben nicht. Entweder nähert man sich seinen Mitmenschen, um ihnen mit donnernder Stimme klarzumachen, daß sie alle sterben und den Tod bedenken müssen. Möglich ist es jedoch auch, an diese anderen Menschen, die noch leben, heranzutreten, um mit ihnen gemeinsam das eigene Lebendigsein zu feiern. Die Akzeptanz einer Prämisse ist eine Entscheidung für eine jeweils besondere und andere Welt. Und es liegt an uns, diese anderen Welten entstehen zu lassen.

B. P. Welche Betrachtungsweisen, die nicht auf linearen Kausalitätsvorstellungen basieren, könnten in den Vordergrund treten?

H.F. Denken Sie an die Parabel, das Gleichnis, die Analogie, die Geschichte. Das sind Erklärungsprinzipien, die bedauerlicherweise von der Kausalitätsidee verdrängt wurden, die sich wie ein Krebsschaden überall eingeschlichen hat. Jesus hat niemals von der Kausalität geredet, um seinen Worten Nachdruck und Autorität zu verleihen. Er hat in Bildern gesprochen und keine kausale Beziehung zwischen einem Kamel, das nicht durch ein Nadelöhr kommt, und reichen Männern konstruiert, sondern Analogien verwendet, Parabeln, Geschichten. Und die Menschen haben ihn verstanden. Das Problem ist die soziale Prägekraft und Macht der Kausalitätsidee, die andere Formen und Möglichkeiten, sich und die Welt zu verstehen zum Verschwinden bringt. Man glaubt heute unbedingt an die Verbindung von einer Ursache mit einer Wirkung. Das erscheint mir als eine entsetzlich triviale Vorstellung von den Zusammenhängen in der Welt. Denn es ist nicht alles ermittelbar und auf die Kausalitätsidee zurückzuführen. Es gibt Überraschungen, Wunder, zu bestaunende Ereignisse.

B. P. Sie meinen, daß es falsch ist zu glauben, alles ließe sich kausal erklären?

H.F. Die Voraussetzung, um überhaupt von einer Ursache-Wirkungs-Beziehung zu sprechen, ist, daß die Transformationsregel bekannt ist. Man muß wissen, was die Causa, die Ursache, zu einer Wirkung macht; aber wenn man, wie sich zeigen lässt, dieses Wissen prinzipiell nicht haben kann, dann hat es überhaupt keinen Sinn, von Kausalität zu sprechen. Wir haben es dann, wie ich sagen würde, mit einer besonderen Maschine zu tun: Sie ist nichttrivial, sie ist keine triviale Maschine.

B. P. Was sind triviale und nichttriviale Maschinen? Und: Was haben diese mit kausalen Erklärungen zu tun?

H.F. Die Unterscheidung von trivialen und nichttrivialen Maschinen bietet die Möglichkeit, jene Verflachungen, die die Kausalitätsidee erzeugt, deutlich zu machen.

Die triviale Maschine ist das Steckenpferd aller Anhänger der Kausalidee. Wir müssen, um sie genauer zu bestimmen, eine Ursache oder einen Input, eine Regel der Transformation und eine Wirkung bzw. einen Output unterscheiden. Man stelle sich eine Gruppe von Ereignissen vor, die wir formal mit A, B, C und D und mit den Zahlen 1, 2, 3 und 4 bezeichnen können. Im Falle einer trivialen Maschine zeigt sich, daß es eine gesetzmässige Beziehung zwischen diesen Ereignissen gibt. Das heißt: Aus einem Reiz, einer Ursache, einem Input produziert sie, einer vorgegebenen Regel folgend, verlässlich und stets fehlerfrei eine entsprechende Reaktion, eine Wirkung, einen Output. Beispielweise gibt man A als einen Input ein - und die Maschine erzeugt 1 als Output. B wird zum Input - und das Ereignis 2 zum errechneten Output. Und so weiter. Die triviale Maschine liefert uns stets einen bestimmten Output. Das bleibt so, immer.

B. P. Die triviale Maschine ist berechenbar.

H.F.. Es existiert eine unbedingte und unveränderliche Relation zwischen Input und Output. Die triviale Maschine ist ausgesprochen zuverlässig, ihre inneren Zustände bleiben stets dieselben, sie ist vergangenheitsunabhängig, synthetisch und analytisch bestimmbar. Ihre Übertragungsfunktion kann man - falls man sie aus irgendeinem Grund vergessen haben sollte - durch ganz einfache Input-Output-Versuche herausbekommen; das Experiment der Analyse ist trivial. Und das ist der eigentliche Grund für ihre Beliebtheit; ich behaupte, daß sich unsere westliche Kultur geradezu in diesen Typ von Maschine verliebt hat. Sie ist der Inbegriff unserer Sehnsucht nach Gewissheit und Sicherheit. Wenn wir ein Auto kaufen, verlangen wir eine Trivialisationsgarantie, wir möchten gerne, daß sich das Auto - zumindest während der vertraglich garantierten Zeit

B. P. Aber die erneute Verwandlung eines nicht mehr richtig funktionierenden Autos in eine triviale Maschine ist doch sehr sinnvoll und eventuell lebensnotwendig.

H.F. Korrekt, allerdings gibt es viele weniger sinnvolle Bestrebungen, die Natur, unsere Mitmenschen und unsere Umwelt in eine triviale Maschine zu verwandeln. Denken Sie nur an den gesellschaftlichen Umgang mit Kindern, die sich - zu unserem Schrecken - vielfach auf eine nichttriviale Weise verhalten. Man fragt ein Kind: „Was ist zwei mal zwei?" Und es sagt: „Grün!" Eine solche Antwort ist auf eine geniale Weise unberechenbar, aber sie scheint uns unzulässig, sie verletzt unsere Sehnsucht nach Sicherheit und Berechenbarkeit. Dieses Kind ist noch kein berechenbarer Staatsbürger, und vielleicht wird es eines Tages nicht einmal unseren Gesetzen folgen. Die Konsequenz ist, daß wir es in eine Trivialisationsanstalt schicken, die man offiziell als Schule bezeichnet. Und auf diese Weise verwandeln wir dieses Kind Schritt für Schritt in eine triviale Maschine, das unsere Frage „Was ist zwei mal zwei?" auf immer dieselbe Weise beantwortet.

B. P. Wie lassen sich die nichttrivialen Maschinen bestimmen?

H.F. Das sind ziemlich knifflige Dinger, denn sie haben so etwas wie einen inneren Zustand. Nichttriviale Maschinen ändern ihre innere Struktur und die Transformationsregeln immer wieder. Wir können uns erneut eine Gruppe von möglichen Eingaben und Ereignissen (A, B, C und D) und eine Gruppe von potentiellen Resultaten (1, 2, 3 und 4) vorstellen. Wieder lässt sich ein einfaches Experiment durchführen: Man gibt beispielsweise den Buchstaben A als einen möglichen Input ein und die Maschine erzeugt den Output 1. Dann wiederholt man den Vorgang - und es kommt 4 heraus. Man gibt wieder A ein - und es kommt 1 heraus, bei einer erneuten Eingabe von A erzeugt unsere Maschine wiederum einen anderen Wert. Was ist da los?

Eine solche nichttriviale Maschine ist analytisch nicht bestimmbar, denn sie variiert die Regel der Transformation immer wieder. Würden wir die Regel kennen, die die Transformationsregeln ändert, könnten wir auch die nichttriviale Maschine entschlüsseln und durchschauen. Aber wenn das nicht der Fall ist, dann wird es schwierig und, wie sich zeigen lässt, unmöglich, die Outputs dieser nichttriviale Maschine vorherzusagen. Es lässt sich zum Beispiel zeigen, daß die Anzahl der möglichen nichttrivialen Anagramme, die mit einem Alphabet von nur vier Buchstaben operieren, das Alter der Welt, gegeben in Mikrosekunden, bei weitem übersteigt. Das Experiment der Analyse ist nichttrivial und das analytische Problem unlösbar.

B. P. Was ist das analytische Problem?

H.F. Gegeben ist ein System, eine Maschine, ein lebendes Wesen. Und das analytische Problem lautet: Wie funktioniert dieses System, diese Maschine, dieses lebende Wesen? Und kann man in einer endlichen Folge von Experimenten die operativen Eigenschaften bestimmen, die sich an der Beziehung von Reiz und Reaktion, Ursache und Wirkung ablesen lassen? Lässt sich die Transformationsregel herausbekommen? Im Falle der nichttrivialen Maschinen ist das analytische Problem, wie schon gesagt, prinzipiell unlösbar. Ihre Transformationsregeln hängen von Geschichte und Vergangenheit ab; sie sind vollständig unberechenbar.

B. P. Können Sie Beispiele geben? Wer oder was ist eine nichttriviale Maschine?

H.F. Ich würde sagen: Wir haben es permanent und überall mit nichttrivialen Maschinen zu tun. Manchmal gelingt es uns für einige Zeit, etwas zu trivialisieren - bis uns wieder das ganze Zeug um die Ohren fliegt. Immer spielt die Vergangenheit eine Rolle, beeinflußt die Regeln der Transformation. Und auch das teuerste Automobil geht irgendwann kaputt - und zeigt somit ein geschichtsabhängiges Verhalten. Die ganze Welt, ist, so behaupte ich, eine nichttriviale Maschine.

B. P. Mir ist nicht ganz wohl, wenn Sie die Welt und ihre Bewohner als "nichttriviale Maschinen" bezeichnen. Dieses Unbehagen erscheint Ihnen womöglich als das typische Ressentiment eines Menschen, der geisteswissenschaftlich sozialisiert wurde: Aber ist nicht schon die Anwendung der Maschinen-Metapher auf Lebendiges ein erster Schritt zu seiner Trivialisierung?

H.F. Nein, das glaube ich nicht. Die Beschreibung, die ich hier vorschlage, zeigt ja gerade, daß man den Menschen, die lebenden Organismen, die Welt und die Dinge nicht trivialisieren kann. Den Maschinenbegriff verwende ich rein formal, um über Eingang und Ausgang, Input und Output, Reiz und Reaktion oder, mathematisch und ganz neutral formuliert, abhängige und unabhängige Variable zu sprechen. Indirekt nehmen wir alle immer wieder auf einen derartigen abstrakten Formalismus Bezug, wenn wir über Naturgesetze, Ursache und Wirkung oder, wie dies unter Psychologen so beliebt ist, von einem Charakter reden. Ein Charakter erscheint vielfach als eine solche vermeintlich feststehende Transformationsregel, konventionalisierten Verhaltensweisen, die absolut berechenbar sind und Menschen auf vorhersehbare Weise zueinander in Beziehung treten lassen. Daher stellt sich die Frage, wie denn nichttriviale Maschinen zu interagieren vermögen? Das ist ein entscheidender Schritt in unseren Uberlegungen, der es jedoch nötig macht, Ihnen einen weiteren Begriff zu präsentieren, den man als organisatorische Schließung bezeichnet. Mit Schließung meine ich: abgeschlossen, autonom, auf sich selbst bezogen. Anfang und Ende fallen zusammen. Wenn eine nichttriviale Maschine, das, was sie hervorgebracht bzw. als einen Output erzeugt hat, wieder als einen Input benützt, dann entsteht eine zirkuläre Figur. Und wenn diese Zirkularität hergestellt ist und die Maschine einige Zeit läuft, passiert etwas ausgesprochen Interessantes. Es bilden sich stabile Werte heraus.

B. P. Können Sie diese systeminterne Erzeugung von Stabilität an einem Beispiel illustrieren?

H.F. Ja; man nehme etwa einen Taschenrechner und gebe eine beliebige Zahl ein. Aus dieser Zahl zieht man die Wurzel und drückt, wenn das Ergebnis vorliegt, erneut die Wurzeltaste. Auf diese Weise kommt ein zirkulärer Prozeß zustande: Der Output wird zum Input; das Resultat einer Operation wird als Ausgangspunkt derselben Operation verwendet, deren Resultat wiederum als Ausgangspunkt dieser Operation fungiert. Nach einer gewissen Zeit und der steten Anwendung der Operation des Wurzelziehens schält sich ein sogenannter Eigenwert heraus; in unserem Fall ist dies die Zahl eins. Und die Wurzel aus eins ist eins. Man kann feststellen, daß eine Stabilität entstanden ist, deren Zustandekommen sich jedoch nicht erklären, aber sehr wohl prognostizieren läft. Es hat sich ein stabiler Wert herausgebildet, den man in der Mathematik als einen Eigenwert bezeichnet.

B. P. Was bedeuten diese mathematischen Ausführungen für meine These, daß es einen Widerspruch gibt zwischen dem vorhersehbaren Verhalten nichttrivialer Maschinen und Ihrer Annahme, diese würden sich prinzipiell nicht vorhersehbar gebärden? Inwiefern ist der Hinweis auf die Entstehung von Eigenwerten eine Erklärung?

H.F.. Man spricht miteinander, man verabredet sich, man macht gemeinsame Pläne. In dieser Interaktion konstituieren die verschiedenen beteiligten Menschen oder eben: die nichttrivialen Maschinen zusammen ein organisatorisch geschlossenes System; es bildet sich durch die Wechselwirkung aller Beteiligten heraus; man reagiert aufeinander, nimmt auf die Handlungen eines anderen Bezug, stimuliert und respondiert. Und auf diese Weise lässt sich begründen, wie stabiles Verhalten vor dem Hintergrund der grundsätzlichen Nichttrivialität der Beteiligten, die gemeinsam ebenfalls ein nichttriviales Netzwerk oder System bilden, entsteht. Wir können Voraussagen treffen, aber ihr Zustandekommen lässt sich nicht erklären. Man kann jetzt das Blickfeld erweitern und von der Interaktion einiger weniger Beteiligter ablösen und auf ganze Gesellschaften oder Kulturen ausdehnen. Die gesamte soziale Struktur kann als ein geschlossener Operator verstanden werden, der aus den unendlichen Möglichkeiten des Verhaltens gewisse stabile Werte und vorhersehbare Formen der Interaktion entstehen läft, sie schälen sich

B. P. In welchem Sinne läBt sich beispielsweise die Sprache als ein Eigenwert des Sozialen, als eine Eigensprache charakterisieren?

H.F. Wenn ein Mensch unseres Kulturkreises das Wörtchen "und" gebraucht, dann wissen wir schon, was er meint. Wir haben keine Ahnung, wieso wir wissen, was er meint. Wir operieren mit der Sprache so, als könnten wir erklären, wie aus den merkwürdigen Zisch- und Grunzlauten eines Menschen eine bestimmte Bedeutung entnommen werden kann. Aber wie das genau geschieht, können wir nicht erklären, wir wissen nur, was es heißt, wenn dieser Mensch und sagt "und" ich dieses Wörtchen auf dieselbe Weise verwende.

Sprache lässt sich als ein Verhalten von wechselseitig operierenden nichttrivialen Systemen begreifen. Es entwickeln sich gewisse Stabilitäten, das Verhalten konvergiert in Richtung eines bestimmten Wertes. Es stabilisiert sich auf französisch, italienisch, englisch oder deutsch. Allerdings lassen sich auch Störungen beobachten: Andere Menschen, die noch nicht zu dem geschlossenen System gehören, kommen hinzu; sie sprechen anders und verwenden beispielsweise einen anderen Dialekt. Das Ergebnis ist möglicherweise eine Verschiebung und Veränderung des schon vorhandenen geschlossenen Systems, das um neue Worte und andere Dialekte bereichert wird. Es integriert rekursiv die von außen kommende Störung.

B. P. Vielleicht ist es sinnvoll, wenn wir diese Uberlegungen konkretisieren, indem wir sie - ich hoffe, das ist kein allzu großer Sprung - wieder mit dem Begriff des Wunders verbinden, vom dem wir ausgegangen sind und der uns zu dem Gespräch über triviale und nichttriviale Maschinen geführt hat. Die Begegnung von Menschen und die Verständigung erscheinen aus Ihrer Sicht als ein Wunder, das permanent vorkommt, aber prinzipiell unerklärbar ist. Man könnte sagen, daß diese Einsichten eine ganz neue Demut gegenüber der strukturellen Undurchschaubarkeit der Welt begründbar machen.

H.F. Mich berührt Ihre Assoziation mit dem Begriff des Wunders sehr; ich bin ganz und gar einverstanden. Denn natürlich gibt es eine Verbindung zwischen dem Begriff des Wunders und der fundamentalen Unerklärbarkeit funktionierender Interaktionen: Das Wunder ist das Unerklärbare; und die Erklärung besteht vielfach in dem Versuch, das Wunder zu beseitigen, es zu zerstören. Es wäre schön, wenn man sich mit dem prinzipiellen Unwissen an*eunden könnte; ja, mehr noch, mein Vorschlag ist es, Wunder entstehen zu lassen, indem man manche Phänomene gar nicht zu erklären versucht, weil man in einem tiefen Sinn überhaupt nicht in der Lage ist, dies zu tun. Unser Wissen, das wir von der Welt besitzen, erscheint mir als die Spitze eines Eisbergs. Es ist wie das winzige Stückchen Eis, das aus dem Wasser ragt, aber unser Unwissen reicht hinunter bis in die tiefsten Tiefen des Ozeans.

Foerster 108

MENSCHEN UND MASCHINEN

H.F. Die frühen Kybernetiker - Norbert Wiener, Claude Shannon, Warren Weaver, Ross Ashby - haben genau diesen Aspekt immer wieder betont. Sie machten deutlich, daß beispielsweise der Steuermann seinem motorischen System „mitteilen" muß, wie und in welchem Ausmaß es das Steuer bewegen soll. Und diese Mitteilung über die Art und Weise der Bewegung im Verhältnis zu einem bestimmten Ziel kann man als einen Vorgang der Informations-auswertung begreifen.

B. P. Ausgehend von dieser Illustration des Begriffs ließe sich über mögliche Anwendungen reden und die Verwendung dieser Einsichten beim Bau von Küblschränken, Thermostaten oder Flugabwehrraketen, die ja alle, um ein bestimmtes Ziel - eine bestimmte Temperatur, ein feindliches Objekt - zu erreichen, mit derartigen zirkulärkausalen Steuerungsmechanismen arbeiten. Das wäre die praktische und teilweise auch martialische Nutzbarmachung zirkulärer Kausalität. Aber ich möchte gerne einen anderen thematischen Strang verfolgen, der eher theoretischer oder epistemologischer Natur ist und stärker mit Ihrer Arbeit zu tun hat. Mich interessiert, wie auf der Basis dieser und anderer Konzepte unter den Kybernetikern die Vorstellung aufkam, das Lebendige selbst, den Menschen und sein Gehirn, entschlüsseln und verstehen zu können.

H.F
. Dazu muß man wissen, daß das Studium zirkulär kausaler Prozesse das Konzept der Teleologie für die frühen Kybernetiker interessant gemacht hat. Man stellte sich die Frage: Was macht man, um an ein Ziel zu kommen? Wie geschieht das? Wie lassen sich Maschinen bauen, die auf ein Ziel zusteuern? Können wir mit Hilfe dieser Einsichten lebende Wesen besser verstehen? Norbert Wiener, Arturo Rosenblueth und Julian Bigelow haben im Jahre 1943 das Konzept der Teleologie, das aus dem Mittelalter stammt, wieder in die Wissenschaft eingeführt. Der von ihnen verfasste Artikel hieß: Behavior, Purpose, and Teleology. In einer kritischen Analyse des damaligen Envogue-Begriffs von Verhalten, der sich ausschließlich mit der Beziehung eines „Outputs" zu einem „Input" beschäftigte, bemerkten sie, daß diese enge Definition den handelnden Organismus, seine spezifische Struktur und seine innere Organisation, die eben diese Beziehung erwirkt, völlig ignoriert. Und man analysierte damals auch in einem anderen Zusammenhang einen Frosch -und wies auf die Beobachtung hin, daß dieser sich im Wesentlichen auf ein Ziel, ein Telos, zubewegt, um beispielsweise eine Fliege zu fangen. Es war die Fokussierung auf das Phänomen der Zielstrebigkeit, die lebende und technische Systeme ähnlich erscheinen ließ.

B. P. Das bedeutet, wenn ich richtig verstehe, zweierlei. Das Studium teleologischer Prozesse ließ, erstens, das Phänomen zirkulärer Kausalität offenbar werden: Um an ein Ziel zu kommen, müssen immer wieder einzelne Verhaltensweisen und Handlungen korrigiert werden; eigene Handlungen werden somit zur Ursache eigener Handlungen. Die Idee der Teleologie hat es aber auch - und das ist der zweite wichtige Schritt - möglich gemacht, eine eventuelle Gemeinsamkeit zwischen lebenden und nichtlebenden Systemen zu entdecken.

H.F. Was man zunächst entdeckte, war eine technische Sprache, die sich benutzen ließ, um die Operationen lebender Wesen zu erklären. Bitte erinnern Sie sich, daß ich eine Erklärung als eine semantische Brücke beschrieben habe, die zwei Beobachtungen miteinander verknüpft. Sie ist ein Phänomen der Sprache. Man stellte die Frage: Wieso hüpft der Frosch an einen bestimmten Ort? Und fand die Antwort: Weil er die Fliege, die sich an diesem Ort befindet, fressen will. Was geschah, war, daß man eine semantische Relation konstruierte, die der Causa finalis des Aristoteles ähnelt: Die Ursache liegt in der Zukunft, die Handlung in der Gegenwart. Das Hüpfen des Frosches erschien als sein Versuch, ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

B. P. Gab es weitere Arbeiten oder Denkansätze, die lebende Wesen und Maschinen in den Vorstellungen der frühen Kybernetiker ähnlich erscheinen ließen?

H.F
. Im Jahre 1943 veröffentlichten der Neurophilosoph Warren McCulloch und ein junger brillianter Mathematiker, Walter Pitts, eine Arbeit, die von entscheidender Bedeutung war. Sie trug den Titel A logical calculus of the ideas immanent in nervous aclivity und handelte von der Funktionsweise und Impulsaufnahme und -weitergabe von Neuronen. McCulloch und Pitts zeigten, daß eine einzelne Nervenzelle die merkwürdige Eigenschaft besitzt, daß sie, wenn ein Reiz sie erreicht, entweder reagiert oder nicht reagiert, aber nichts tut, was zwischen Reaktion und Nichtreaktion liegt. Sie feuert oder sie feuert nicht, schickt über das Axon einen elektrischen Impuls oder schickt eben keinen Impuls. Wenn dieser elektrische Impuls nun eine zweite Zelle erreicht und wenn diese Zelle womöglich noch von anderen Zellen Impulse bekommt, dann entstehen merkwürdige Kombinationen. Und wieder gilt: Diese zweite Zelle, die von verschiedenen anderen Zellen Impulse bekommt, feuert oder feuert nicht. McCulloch und Pitts haben gesehen, daß sich diese Aktivität einer Zelle als die Errechnung einer logischen Funktion begreifen lässt, die da lautet: Ja oder Nein, Feuern oder Nichtfeuern. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wurde es schließlich möglich, sich Nervennetze vorzustellen, die alle logischen Funktionen errechnen. Und dann begann man, weiter über diese Nervennetze zu spekulieren, die doch eigentlich, so glaubte man, in der Lage seien, über die Gültigkeit oder Nichtgültigkeit eines Satzes zu entscheiden. Man gibt einen Satz in ein Nervennetz hinein - das letzte Neuron, das von dem Impuls dieses Satzes erreicht wird, feuert nicht: Der Satz ist also falsch! Oder es feuert: Der Satz ist also wahr! Das Nervensystem lässt sich, ausgehend von diesen Annahmen, als eine Art Rechner interpretieren, der ein logisches Kalkül durchführt. Und ein Neuron erscheint aus dieser Perspektive als ein Operator, der solche logischen Funktionen berechnet. Diese faszinierenden Ideen und phantastischen mathematischen Gebilde gestatteten es schließlich, künstliche neuronale Netzwerke zu bauen.

DIE COMPUTERMETAPHER DES GEISTES

B. P. Wieso war diese Arbeit so wichtig? Schien es auf diese Weise möglich, die Aktivitäten des Gehirns, das ja auch Sätze und Aussagen verarbeitet und bewertet, technisch zu rekonstruieren?

H.F. Natürlich. Denn das Gehirn besteht ja aus Neuronen, die über die Synapsen und die Axone miteinander gekoppelt sind. Ein solches Nervennetz läBt sich dann als ein Rechner verstehen, der Induktionen und Deduktionen gewisser Aussagen und Beobachtungen durchführt. Aber zurück zur Geschichte: Es war der berühmte Mathematiker John von Neumann, der diese Arbeit von McCulloch und Pitts zum Bau von Computern verwendete. Er zeigte, daß die Turing-Maschine und das neuronale Netz, dessen Funktionsweise McCulloch und Pitts skizziert hatten, äquivalente Operatoren darstellen. Auf diese Weise kam schließlich die Computermetapher ins Spiel, die noch heute in der kognitionswissenschaftlichen Forschung prägend ist: Man glaubte, die neuronalen Strukturen, aus denen das Gehirn besteht, nachzubilden, indem man einen Elementarcomputer schuf, der auf den Einsichten von McCulloch und Pitts basierte. Der Bau von Computern, die vermeintlich nach den Prinzipien der Neuronen funktionierten, gestattete schließlich den Rückschluß: Das Gehirn erschien als ein gewaltiger Parallelcomputer.

B. P. John von Neumann sprach sogar vom Bau künstlicher Gehirne und wies immer wieder auf die Ähnlichkeit hin, die zwischen den Schaltelementen in Rechensystemen und den Neuronen bestünde.

H.F. Korrekt. Allerdings betrieben nicht allein und ausschließlich die frühen Kybernetiker diese Parallelisierung von Mensch und Maschine oder von Gehirn und Computer; auch die Journalisten haben an der Verbreitung dieser Analogien ihren ganz gewaltigen Anteil. Es klang einfach aufregend, wenn man schreiben konnte: Das Gehirn funktioniert wie eine Maschine, ja, schlimmer noch, es ist nichts anderes als eine Maschine. Und dann die etwas unheimliche Umkehrung dieser Analogie: Diese Maschine arbeitet wie das menschliche Gehirn. Natürlich ist es durchaus verständlich, daß man die Fähigkeiten des eigenen Körpers auf etwas anderes projiziert, das kommt häufig vor. In diesem Sinne spricht man von Beinen und Gelenken bei Möbeln und Maschinen. Und so wollten in den vierziger Jahren einige Autoren die schnellen Rechner durch eine sprachliche Verkleidung und bestimmte Metaphern verständlich machen. Sie schrieben über das "elektronische Gehirn" und das "Gedächtnis der Maschinen". Obwohl niemand wußte und weiß, wie das Gehirn oder das Gedächtnis funktionieren, erschien es irgendwie witzig und unterhaltend, eine Undurchsichtigkeit durch eine andere zu erklären.

B. P. In welcher Hinsicht sind derartige Analogien und Metaphern legitim und sinnvoll?

H.F. Es ist durchaus möglich, eine Operation, die das Gehirn durchführt, mit Hilfe eines maschinellen Mechanismus zu charakterisieren. Das ist in Ordnung. Natürlich kann ich metaphorisch sagen, daß das Gehirn, wenn mir kalt ist, den Wärmeknopf aufdreht. Und daß der Thermostat entsprechend eine bestimmte Außentemperatur erfühlt - und ebenso eine Art Wärmeknopf betätigt. Selbst- verständlich ist es legitim, ein Phänomen oder eine Gruppe von Phänomenen mit Hilfe einer Metapher zu beschreiben, wobei man natürlich immer im Bewußtsein behalten sollte, daß jede Beschreibung formaler, mathematischer, quantitativer oder auch poetischer Natur immer nur einen Vergleich darstellt. Wenn man aber die metaphorische Beziehung umkehrt und sagt: So wie diese Maschine, so funktioniert auch das Gehirn, dann wird es gefährlich; man glaubt, das Gehirn zu verstehen, weil man den maschinellen Mechanismus begriffen hat, von dem man ausgeht. Man meint, das Gedächtnis zu begreifen, wenn man es als einen Speichermechanismus metaphorisiert - und beginnt vielleicht nach dem Ort zu suchen, an dem eine bestimmte Information „gespeichert" sein soll. Die Folge ist: Blindheit gegenüber dem Wunder des Gehirns. Mir ist diese Gefahr schon ziemlich früh bewußt geworden, und ich habe daher immer wieder derartige Metaphern und Analogien kritisiert. Aber man hat mir nicht zugehört; ich sprach ins Leere.

B. P. Man muß sich vergegenwärtigen, daß eine Metapher in ein bildspendendes und ein bildempfangendes Element zerfällt. Wenn ich sage, das Gehim sei eine Maschine, so sind unsere Vorstellungen von einer Maschine bildspendend. Das bildempfangende Element ist das Gehirn. Wenn ich dagegen behaupte, eine bestimmte Maschine funktioniere wie ein Gehirn, dann ist die Maschine Bildempfänger und das Gehirn Bildspender. Das heißt: Im Falle der metaphorischen Beziehung von Gehirn und Maschine hat einmal das Gehirn das Primat und einmal die Maschine, deren Merkmale auf das Him übertragen werden.

H.F
. Das kann man so sagen, ja. Was mir zentral erscheint, ist, daß ein Computer oder eine beliebige Maschine synthetisch hergestelIt sind: Sie sind von uns gebaut worden und wir wissen daher auch, wie sie funktionieren. Und wenn man von der Funktionsweise einer solchen Maschine auf das Gehirn oder den Menschen zurückschließt, dann entsteht fälschlicherweise die Idee, man habe jetzt auch das Gehirn und den Menschen verstanden. Das ist das Problem: Man schließt von etwas, das bekannt und verstanden ist, auf etwas Unbekanntes und Unverstandenes

B. P. Von der Behauptung, man könne den menschlichen Geist entschlüsseln, ihn schon in naher Zukunft ganz und gar verstehen, ist ja auch die Künstliche Intelligenz und die Roboterforschung, die in vielem auf der Kybernetik aufbaut, infiziert. Der Mensch wird hier - im Rahmen einer von der Maschinen-Metapher bestimmten Vorstellung - als „informationsverarbeitendes System" wahrgenommen; der Vorgang des Denkens erscheint als „Datenverarbeitung", und das Gehirn hat der große Star der Künstlichen Intelligenz, Marvin Minsky, einmal als „Fleischmaschine" bezeichnet.

H.F.. Diese Äußerungen zeigen die suggestive Kraft solcher Metaphern: Sie haben, wie man sieht, ihre beschreibende Funktion eingebüßt und sich verselbständigt. Was hier entsteht, ist eine groteske Anbetung der Maschine. Und derartige Bilder und Ideen motivieren zu bestimmten Schritten. So bekamen die Neurophysiologen zu einer bestimmten Zeit sehr viel Geld von den verschiedensten Stiftungen, um im Zellgewebe des Gehirns nach Engrammen zu suchen: Das sollten Erfahrungen sein, die ein Mensch zu einer Zeit seines Lebens gemacht und ab diesem Augenblick, folgt man der Metapher, in seinem Gedächtnis gespeichert hat. Die Frage war: Wo ist das Wörtchen und ? Wo befindet sich die Erinnerung an meine Großmutter oder an das Schnitzel, das ich heute gegessen habe? Die Suche nach den Engrammen war und ist erfolglos geblieben. Die Erinnerung ist nicht an einer besonderen Stelle des Gehirns lokalisierbar. Aber ich meine trotzdem, daß solche Vorstellungen und Metaphern gefährlich sind. Sie verführen zu einer trivialisierenden Betrachtung, sie lassen bestimmte Schritte als möglich erscheinen, die vielleicht dem Wunder des Menschen überhaupt nicht angemessen sind.

B. P. Diese trivialisierende Metaphorik, über die wir sprechen, läßt sich auch erkenntnistheoretisch deuten: Sie ist der sprachliche Indikator einer bestimmten erkenntnistheoretischen Position, eines mechanistischen und im Grunde genommen naiv -realistischen Denkstils. Man geht immer von der vollständigen Durchschaubarkeit und der Nachbildbarkeit eines Phänomens aus, wenn man das menschliche Gehirn als Maschine bzw. als einen Computer begreift oder das Gedächtnis als einen Speicher, der Informationen enthält.

H.F.. Der Irrtum dieser glänzenden und hochbegabten Männer war es zu glauben, man bekomme immer bessere Modelle, um das Gehirn zu verstehen. Aber was hier übersehen wurde, war, daß man ein Gehirn braucht, um ein Gehirn zu verstehen und Modelle von ihm zu entwickeln. Eigentlich muß man sich selbst erklären und verstehen, um das Gehirn zu begreifen. Die Struktur der Theorie, die ich meine, muß den Anspruch erfüllen, sich selbst zu beschreiben: Das ist, symbolisch gesprochen, der Ouroboros, die Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Auch hier kommt wieder das Phänomen der Zirkularität ins Spiel. Und ich habe versucht, als ich mit meinem Koffer europäischer Uberlieferung in Amerika ankam und mit den frühen Kybernetikern zusammenarbeitete, darauf aufmerksam zu machen, daß das Konzept der Zirkularität auch in erkenntnistheoretischer Hinsicht fundamental ist und sehr weitgehende Konsequenzen hat.

B. P. Wie sehen diese aus?

H.F.. Was entsteht, ist eine vollkommen andere Haltung gegenüber dem, was man erklären will. Man gerät in eine Schleife hinein, die einen mit dem jeweiligen Gegenstand und Objekt der Betrachtung verbindet. Man muß nicht nur das Gehirn eines anderen erklären, sondern auch noch das eigene, mit dem man diese Erklärung ausarbeitet. Auf einmal sprechen die Kybernetiker über sich selbst, auf einmal entsteht eine Kybernetik der Kybernetik oder eine Kybernetik zweiter Ordnung: Die Kybernetik erster Ordnung trennt das Subjekt vom Objekt, sie verweist auf eine vermeintlich unabhängige Welt "da draußen". Die Kybernetik zweiter Ordnung oder die Kybernetik der Kybernetik ist selbst zirkulär: Man lernt sich als einen Teil der Welt zu verstehen, die man beobachten will. Die gesamte Situation der Beschreibung rutscht in einen anderen Bereich, in dem man plötzlich für seine eigenen Beobachtungen die Verantwortung übernehmen muß.

B. P. Es waren Ihre Uberlegungen, die den Beobachter in die Kybernetik eingeführt und den Abschied von den naiv -realistischen und mechanistischen Positionen eingeleitet haben.

H.F.. Entscheidend ist, daß sich die gesamte Sprache in der Kybernetik zweiter Ordnung ändert; die Referenzen auf eine beobachterunabhängige Welt werden durch die Verweise auf die eigene Person ersetzt. Die Beschreibungen erscheinen immer auch als Selbstbeschreibungen. Aber es ist nicht nur die Sprache, die eine andere wird. Auch die Reflexion über den Sinn und Zweck der Beobachtungen, die man - warum auch immer - anstellt, gewinnen eine andere Dimension; man beginnt, sich darüber klar zu werden, warum man eigentlich etwas wissen oder erfahren will. Ein Erkenntnistheoretiker, der sich mit dem Problem der Kognition befasst, stellt sich aus einer Perspektive der zweiten Ordnung immer auch die Frage, was denn das Erkennen des Erkennens bringt, welchen Sinn die Versuche haben, den Vorgang der Kognition zu erhellen. Er rechtfertigt die Erkenntnistheorie erkenntnistheoretisch. Auch die Vorstellung, die wir von einem Experiment besitzen, wird aus der Perspektive der zweiten Ordnung eine andere: Man versteht, daß die Frage, die man stellt, schon die mögliche Antwort enthält, die man bekommen kann.

B. P. Natürlich läßt sich von einer Kybernetik der Kybernetik sprechen oder von einer Kybernetik zweiter Ordnung, um jeweils die Beobachterabhängigkeit allen Erkennens sprachlich zu signalisieren. Diese Begriffe gelten allerdings inbesondere für die Disziplin der Kybernetik, das ist ihr Bezugsort. Aber der Gedanke von der Beobachterabhängigkeit jeder Aussage ist natürlich viel allgemeinerer Natur: Immer gibt es die Verbindung von Subjekt und Objekt, diese enge Beziehung.

H.F. Das ist klar; entsprechend kann man Begriffe erster und zweiter Ordnung unterscheiden. Die Begriffe erster Ordnung basieren auf einer scheinbar objektiven Betrachtung der Welt, die zu einem Äußeren wird. Die Begriffe zweiter Ordnung lassen sich auf sich selbst anwenden; sie gestatten die strikte Trennung von Subjekt und Objekt, dem Beobachter und Beobachteten nicht mehr. Man gesteht sich ein, daß jemand, der über Fragen des Bewußtseins oder des Erkennens spricht, ein Bewußtsein und einen Erkennenden benötigt, um dies zu tun. Eine Beobachtung braucht, so wird einem klar, einen Beobachter. Die Wahrnehmung der Welt verlangt nach einem Menschen, der diese wahrnimmt.

WIR SEHEN NICHT, DASS WIR NICHT SEHEN .

B. P. Können Sie den Begriff der zweiten Ordnung an einem Beispiel illustrieren?

H.F.. Ja, man denke nur an das Experiment mit dem Blinden Fleck. Mit einem Auge fixiert man einen Stern - und der schwarze Punkt, der noch eine gewisse Zeit zu sehen ist, verschwindet in einem bestimmten Abstand vom Auge. Er wird unsichtbar. Die physiologische Erklärung lautet, daß der schwarze Punkt in diesem bestimmten Abstand auf einen Bereich der Retina fällt, an dem sich keine Stäbchen und Zapfen befinden und der optische Nerv das Auge verlässt. Was man aber mit dieser physiologischen Argumentation noch nicht geklärt hat, ist die Frage, warum man den Blinden Fleck nicht sieht und warum wir von seiner Existenz nichts ahnen. Das Gesichtsfeld erscheint uns stets geschlossen; es gibt keine unsichtbaren Stellen. Mit anderen Worten: Wir sehen nicht, daß wir nicht sehen. Wir sind blind gegenüber unserer eigenen Blindheit, das ist ein Beispiel für eine Problematik der zweiten Ordnung. Das Nichtsehen wird auf sich selbst angewendet. Aber: Die doppelte Verneinung (das Nichtsehen des Nichtsehens) ergibt keine Bejahung. Daß wir sehen, daß wir nicht sehen, heißt nicht, daß wir jetzt sehen. Und das bedeutet, daß sich die Logik der Begriffe zweiter Ordnung nicht mit der orthodoxen Logik verträgt. Denn demgemäß müßten zwei Vemeinungen eigentlich eine Bejahung ergeben.

B. P. Der Begriff der zweiten Ordnung wird in dem Beispiel, das: Sie gewählt haben, ex negativo erläutert. Es handelt sich hier um ein Selbstanwendungs-problem aus der Perspektive der Verneinung. Wir sehen nicht, daß wir nicht sehen.

H.F. Völlig richtig. Natürlich lässt sich auch eine Illustration ex positivo finden. Man denke nur an den Begriff des Zwecks oder Ziels im aristotelischen Sinn. Aus der Perspektive der zweiten Ordnung lautet die Frage: Was ist das Ziel des Ziels? Was ist der Zweck des Zwecks? Warum wird die Idee eines Zwecks überhaupt eingeführt? Wenn ich mit dem Flugzeug unterwegs bin, beobachte ich immer wieder meine Sitznachbarn und sehe mir an, wie sie ihre Schuhe zuschnüren. Wenn das Flugzeug losfliegt, ziehen sich die Leute ihre Schuhe aus. Wenn wir uns dem Ziel nähern, ziehen sie sie wieder an. Sie fädeln die Schuhbänder durch die Löcher und vollführen einen merkwürdigen Tanz mit zehn Fingern: Sie kreieren eine Schleife. Die Beobachtung meiner Sitznachbarn hat ergeben, daß sie alle verschieden tanzen, daß jeder Mensch andere Fingerbewegungen vollzieht, um eine Schleife zu binden. Ein Physiker würde nun eine Differentialgleichung der Fingerbewegungen aufschreiben, lauter verschiedene Gleichungen erhalten ist der Tanz der Finger ganz einfach zu erklären: Er dient dazu, eine Schleife zu binden und den Schuh zuzuknüpfen. Die Idee des Zwecks hat hier eine enorme Vereinfachung und Eindeutigkeit der Erklärungen geschaffen. Das ist der Zweck des Zwecks.

B. P. Die Begriffe erster Ordnung sind also auf der Ebene des noch nicht erkenntnistheoretisch reflektierten Wahrnehmens und Handelns anzusiedeln. Die Begriffe zweiter Ordnung lassen die erkenntnistheoretische Dimension hinzutreten und machen die besonderen Interessen eines Beobachters sichtbar, der beispielsweise den Begriff des Zwecks verwendet. Gemeinsam könnten wir jetzt die Abstraktionsleiter noch eine Stufe weiter hinauflklettern und uns aus der Perspektive einer dritten Ordnung die Frage stellen: Was bringen die Begriffe zweiter Ordnung? Was kann man auf dieser Ebene beobachten?

H.F.. Sie haben die Antwort schon angedeutet. Die Begriffe zweiter Ordnung entbergen Einsichten in den Prozeß des Beobachtens, die auf der Ebene der ersten Ordnung gar nicht möglich sind. Auf dieser Ebene handelt man einfach, verwendet bestimmte Konzepte, Vorannahmen und Theorien, die nicht reflektiert werden.

Erst auf der Ebene der zweiten Ordnung entsteht die Möglichkeit der Selbstreflexion. Nichts ist mehr einfach da, nichts ist mehr selbstverständlich. Entscheidend ist, daß der Beobachter für seine Beobachtungen, sein Sprechen und sein Handeln verantwortlich wird. Er ist untrennbar mit dem Gegenstand und Objekt seiner Beschreibung verbunden. Der epistemologische und der logische Bereich der eigenen Aussagen gelangt in eine neue Dimension.

ALLE KRETER LÜGEN

B. P. Das liegt wohl daran, daß die Beschreibungen der zweiten Ordnung immer auch selbstbezüglich sind. Und wenn man selbst bezügliche Aussagen auf das Gebiet der klassischen aristotelischen Logik überträgt, entstehen Paradoxa.

H.F.
Ja, denken Sie nur an Epimenides, der von der Insel Kreta kam und sagte: "Ich bin ein Kreter. Alle Kreter lügen." Man kann diesen Satz verkürzen: "Ich bin ein Lügner!" Was macht man mit einem Menschen, der sagt: "Ich bin ein Lügner"?! Glaubt man ihm? Dann kann er ja kein Lügner sein, also hat er die Wahrheit gesprochen. Wenn er die Wahrheit gesprochen hat, dann hat er aber gelogen, denn er sagt: "Ich bin ein Lügner." Was Logiker seit jener Zeit und bis gestern auf die Palme gebracht hat, ist, daß die Aussage des Epimenides der aristotelischen Forderung „ein sinnvoller Satz muß entweder wahr oder falsch sein" - nicht genügt. Der Satz wird falsch, wenn man ihn für wahr hält, und wahr, wenn man ihn für falsch hält.

B. P. Die Verwirrungsversuche des Epimenides haben etwas Sinnloses. Man weiß nie, ob dieser Kreter die Wahrheit sagt oder ob er lügt.

H.F.
. Vorsicht! Was sich feststellen lässt, ist, daß selbstbezügliche Aussagen in dieser Weise charakterisiert wurden: Man hat behauptet, sie seien sinnlos. Denn sie zwingen einen, so das Argument, ständig von einem Ja zu einem Nein, von einem Nein zu einem Ja überzugehen. Man erinnere sich nur an das berühmte Paradox mit dem Barbier, der in einer kleinen Stadt lebt und alle Menschen rasiert, die sich nicht selbst rasieren. Rasiert sich der Barbier selbst? Wenn er sich selbst rasiert, dann darf er sich nicht rasieren, denn er rasiert ja nur jene Menschen, die sich nicht selbst rasieren. Und wenn er sich nicht rasiert, dann muß er sich rasieren, da er jene Menschen rasiert, die sich nicht selbst rasieren. Schon im Vorwort der Principia Mathematica, die Bertrand Russell und Albert North Whitehead verfasst haben, werden selbstbezügliche Aussagen dieser Art gewissermaßen verboten. Es ist diesen hervorragenden Logikern durchaus klar, daß es die Selbstbezüglichkeit sein muß, die das merkwürdige Paradoxon erzeugt. Das heißt, daß genaugenommen schon das Wörtchen Ich, das ja stets diese Selbstbezüglichkeit etabliert, nicht mehr verwendet werden dürfte. Das ist natürlich grotesk.

B. P. Wie gehen Sie in Ihren eigenen Arbeiten mit der Dimension der Selbstbezüglichkeit um?

H.F.
. Sie wird in den Begriffen der zweiten Ordnung nicht negiert, sondern akzeptiert. Die Akzeptanz der Selbstbezüglichkeit geschieht jedoch nicht auf der Basis irgendeiner ontologischen Idee, sondern auf der Grundlage einer ausgesprochen dynamischen Konzeption: Die klassische Logik geht vom Sein aus. Eine Aussage ist entweder wahr oder falsch. Die Akzeptanz des Paradoxons, für die ich plädiere, führt die Dynamik der Zustände wieder ein. Man redet nicht mehr vom Sein eines Zustandes, sondern vom Werden, integriert die zeitliche Dimension. Es entsteht ein Flip Flop-Mechanismus: Das Ja generiert das Nein, das Nein generiert das Ja. Die Wahrheit einer Aussage erzeugt die Falschheit; und die Falschheit erzeugt die Wahrheit.

B. P. Mir ist noch nicht klar, welche logischen Formalismen Sie verwenden, um die Selbstbezüglichkeit zu integrieren.

H.F.. Eines Tages wurde in der Geschichte der Menschheit eine nichteuklidische Geometrie erfunden. Und in ähnlicher Weise hat sich vor einiger Zeit eine nichtaristotelische Logik entwickelt, in der es heute diverse Richtungen gibt. Die verschiedensten Autoren haben immer wieder darauf hingewiesen, daß das Paradoxon nicht diese fürchterliche Todespille der Logik darstellt, sondern daß es durchaus eine Bereicherung sein kann, um über selbstreferentielle Begriffe Zweck, Bewußtsein, Erkenntnis - zu sprechen. Man denke nur an die Arbeiten des Philosophen Gotthard Günther, der mit einer Art mehrwertiger Logik, die „place-value-logic" genannt wird, die zweiwertige Logik transzendiert und auf unerhörte Weise bereichert hat. Günther untersucht das Erscheinen eines Satzes, seinen logischen Platz. Und es entsteht eine neue Art von Logik, die das Äußern eines Satzes erlaubt oder nicht erlaubt und für die es daher gar kein Problem ist, mit den Paradoxa fertigzuwerden. Verwiesen sei auch auf die paradoxale Logik, die George Spencer Brown in seinem Buch Laws of Form präsentiert. Spencer Brown stellte die Entstehung dieser neuen Dimension, die jeweils gerade das Gegenteil von dem erzeugt, was sie soeben generiert hat, zum ersten Mal formal dar. Es geht nicht um etwas Statisches, sondern um ein dynamisches Eigenverhalten. Auch die Arbeiten von Lars Löfgren möchte ich nennen, er befasste sich ausschließlich mit selbstreferentiellen Propositionen und sprach von Autologik.

B. P. Können Sie ein Beispiel geben für eine solche autologische Aussage?

H.F.
. Nehmen Sie nur die Frage: Was ist Sprache? In dem Moment, in dem man diese Frage stellt, wird Sprache erzeugt. Sprache lässt sich nicht ontologisch und mit dem Hinweis auf irgendein merkwürdiges Organ, von dessen Existenz der Linguist Noam Chomsky ausgeht, erklären, sondern nur ontogenetisch. Sprache ist nicht, sie geschieht. Die Frage "Was ist Sprache?" beantwortet sich selbst, indem sie ausgesprochen wird. Das ist eine Art logischer Purzelbaum, eine autologische Struktur! Auch hier finden wir wieder das Prinzip der Zirkularität.

B. P. Darf ich zusammenfassen? Sie haben zu Beginn dieses Gesprächs die zirkuläre Kausalität als kybernetisches Grundprinzip beschrieben, auf die Zirkularität allen Erkennens hingewiesen und die Konturen einer Kybernetik der Kybernetik skizziert. Schließlich kam die Frage nach einer neuen Logik auf, die die selbstbezüglichen Aussagen der zweiten Ordnung nicht verbietet, sondern gestattet. Immer ging es darum, die Idee der Zirkularität mit all ihren Konsequenzen zu bedenken.

H.F. Tadellos, das ist ein schöner Schluß unseres Gesprächs über Kybernetik und Zirkularität. Und dieser Schluß ist kein Ende, sondern wieder ein Anfang, der nicht zu einem endgültigen Ende führt, sondern wieder ein Anfang sein kann. Zeit ist immer implizit. Man erinnert sich an Heraklits Ausspruch: "Alles fließt." Dann setzte er manchmal noch hinzu: "Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen." Meine Paraphrase zu dem ist: "Man kann nicht zweimal in dasselbe Gesicht schauen." Das einmal gesehene Gesicht sieht man nie wieder.







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