Peter Fuchs: Eins-Zwei-Eins-Problem

Boe:Ein Versuch diesen reichen, instruktiven Text für mich "fassbar" zu machen:

Peter Fuchs
DIE KONDITIONIERTE KOPRODUKTION VON KOMMUNIKATION UND BEWUSSTSEIN


Boe: Soziologische Systemtheorie - Leitunterscheidung: System/Umwelt
psychische und soziale Operationen: wechselseitiges System/Umwelt-Verhältnis - Interpenetration - strukturelle Kopplung

Boe: Theorieproblem - Was ist ein System? Wie "operiert" ein System?
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... tiefer liegende Theorieprobleme, die noch vor dem Splitting der Systemwelt in psychische und soziale Systeme eine eigentümlich subversive Rolle spielen, die mit dem
Systembegriff selbst zu tun haben, Paradoxieprobleme, durch die ein viel massiver wirksames Skandalon bezeichnet wird.Wir nennen solche Probleme vorläufig EINS=ZWEI=EINS-Probleme.

I: Die Kombination von systemtheoretischen, differenztheoretischen und schließlich beobachtungstheoretischen Motiven, als die die soziologische Systemtheorie heute angesehen werden kann, läßt es nicht mehr zu, die System/Umwelt-Differenz als Differenz von Lagen-in-der-Welt, als Kon-Stellationen zu begreifen, als ein Dies (System) und Das (Umwelt) in einer Art räumlicher Konfiguration.

...
daß die Oszillation zwischen System und Umwelt (und Systemen in der Umwelt) System und Umwelt gleichsam kondensieren läßt wie Gegenstände, auf die man sich ausrichten kann.5
5 Dazu beigetragen hat, daß der Begriff Beobachtung in Richtung seiner visualistischen Komponenten ausgearbeitet wurde, nicht von jedem und jeder, aber doch häufig. Siehe dazu, wie man anders verfahren könnte, die Vorlesung über das Beobachtungssyndrom in: Fuchs, P., Das Weltbildhaus und die Siebensachen der Moderne, Konstanz 2001.(pg 47 Wir sind Gefangene in einer unterscheidungsbasierten Sinnwelt - das heisst unter anderem auch, dass jeder Sinn, jede Unterscheidung nur durch Sinn, durch andere Unterscheidungen beobachtet werden kann.)

Boe: Systeme sind nicht Dinge im Raum, Systeme sind Prozesse (Operationen)

...
System als Differenz zu begreifen. Das System, so lautet die kanonische Formel, ist die Differenz von System und Umwelt.
Es ist weder die eine noch die andere Seite der Differenz, die insofern kompliziert ist, als der Einheitsbegriff der Unterscheidung (Das System ist die Differenz System/Umwelt) in der Differenz noch einmal unterschieden ist (System/Umwelt).
Damit wird der Begriff des Systems endogen unruhig. In pointierter Wendung: Er hat die Form einer Selbst-Dekonstruktion. Er ist nicht stillstellbar und erzeugt für einen Beobachter, der mit ihm arbeitet, fortlaufende Informations-verluste, indem er ihn in die Quasi-Ontologie von Objekt-Systemen hineinnötigt

Boe: konditionierte Koproduktion: conditioned coproduction
Dependent Origination Pratitya-samutpada

...das im Systembegriff eingezeichnete EINS=ZWEI=EINS-Problem konditionierte Koproduktion.7
7 Vgl. Spencer-Brown, G., Vgl. A Lions Teeth, Löwenzähne, Lübeck 1995, S.20: „How we, and all appearance that appears with us, appear to appear is by conditioned coproduction. Vgl. auch dens., Gesetze der Form, Lübeck 1997, Vorstellung der internationalen Ausgabe, S.ix f.

Konditionierte Koproduktion besagt (in der Lesart, die ich wähle), daß – erstens – alles, was erscheint, seine Epiphanie historisch (das bedeutet das Adjektiv ‚konditioniert‘) erwirtschaftet, und – zweitens – daß diese Erwirtschaftung an die Ökonomie einer Einheit gebunden ist, die nur für einen Beobachter eine Zweiheit ist. So wenig es den Herrn ohne den Knecht gibt, den Knecht ohne den Herrn, so wenig es also weder Herren noch Knechte gibt, so wenig ‚gibt‘ es die eine Seite der Differenz (das System) ohne die andere Seite (die Umwelt). Die Metaphern der Verschränkung, der Verzahnung, der Kopplung, der Interpenetration, aber auch der Grenze sind im Blick darauf unzureichend.9
9 Die Metapher des All-Einen, wie sie sich vor allem aus asiatischen Religions- und Philosophiekontexten beziehen läßt, stellt sozusagen die Verzweiung still und begünstigt so eher Meditation als Forschung, die ja nicht auf Beschaulichkeit ausgelegt ist.


Die System/Umwelt-Differenz, die zwischen sozialen und psychischen Systemen verläuft, wäre dann eine Differenz von Differenzen derselben Art (eben: System/Umwelt), die einer absonderlichen Verschleifung unterläge, die graphisch nicht mehr darstellbar ist:

Boe: Den hier folgenden Gedankengang kann ich nicht nachvollziehen. Was heisst "absonderliche Verschleifung"? - "strange loop" (Hofstadter) ?:
A strange loop is a hierarchy of levels, each of which may consist of objects, processes, or virtually anything else (such is the generality of the notion). Each level is linked to at least one other by some type of relationship. A strange loop hierarchy, however, is "tangled" (what Hofstadter refers to as a "heterarchy"), in that there is no well defined highest or lowest level. The levels are organized such that moving through them eventually returns one to one's starting point, i.e., the original level. Examples of strange loops that Hofstadter offers include many of the works of M. C. Escher, the information flow network between DNA and enzymes through protein synthesis and DNA replication, and self-referential Gödelian statements in formal systems.

...Das psychische System ist die Differenz von System/Umwelt, es hat also keinen Selbststand, keine Sui-Suffizienz, denn in der Differenz, durch die es (?) bezeichnet ist, sind die Umweltprozessoren (soziale Systeme) mitbezeichnet; das soziale System ist die Differenz von System/Umwelt, es hat also keinen Selbststand, keine Sui-Suffizienz, denn in der Differenz, durch die es (?) bezeichnet ist, sind die Umweltprozessoren (psychische Systeme) mitbezeichnet.
Das sind äußerst vertrackte Verhältnisse, die gewöhnlich (ohne sonderlich mitreflektiert zu werden) dazu führen, daß die beiden Differenzen (System/Umwelt – sozial // System/Umwelt – psychisch) in einer Differenz zusammengezogen werden (Soziales System/Psychisches System). Diese Kontraktur erzeugt die Kontrahenten Kommunikation und Bewußtsein, die, wenn man so will, direkte Gegenspieler werden. Sie sind dann füreinander unmittelbare (relevante) Umwelt.

Keine Seite dieser Differenz kann die andere beinhalten, sondern nur in je eigener Autopoiesis bezeichnen. Es gibt keine Überlappungs-verhältnisse, sonst hätte man ein Amalgam und keine Differenz.

Boe: Medium - vgl. Medium/Form ( Glossar Luhmann)

Und deshalb muß ein Medium hinzugedacht werden, das weder das eine noch das andere System, ja überhaupt kein System ist. Dieses Medium wird in seiner abstraktesten Form Sinn genannt. Es ist, wenn man so will, eine Art Einheitsfunktor, weil es Formbildung auf beiden Seiten der einen Differenz instruiert durch Modalisierung jeder Bezeichnung, die im Rahmen psychischer oder sozialer Operationen anfällt, oder, in einer etwas anderen Wendung: durch den Einsatz der für jede Beobachtung unverzichtbaren Differenz von Aktualität/Potentialität. Oder – in mnemotechnisch schlichterer Formulierung: Sinn ist diese Modalisierung. Aber wie dem im einzelnen sein mag:
Wenn das, was wir gerade konditionierte Koproduktion genannt haben, eine triftige Beschreibung ist, dann sind die Antagonisten in der Differenz (Kommunikation/Bewußtsein) die Als-Zwei-Beobachtung-eines-Einheitsgeschehens.

Boe: Als-Zwei-Beobachtung-eines-Einheitsgeschehens

II: Das damit bezeichnete Problem müßte sich daran zeigen,
daß die Singularität der Bewußtseine nicht beobachtet werden kann.13 Sie wäre kein empirisch ansteuerbarer Tatbestand.14 In sozialer Systemreferenz ist diese These (den hier diskutierten theoretischen Apparat vorausgesetzt) evident. Es ist möglich, über singuläres, individuelles, idiosynkratisches Bewußtsein zu reden, seine Existenz zu behaupten, Romane zu schreiben, die dies alles vorführen, aber ob nun darüber geredet oder geschrieben wird, in jedem Fall ist die Inszenierung geknüpft an die Allgemeinheit des dabei benutzten Zeichenreservoirs und nur möglich, wenn ein Minimum an Standardisierung im Spiel ist.

Boe: Über die "Allgemeinheit des benutzten Zeichenrepertoires" schreibt Fuchs in Die Psyche: Seite 73...Verlust des Subjektes als demjenigen, was den Weltprozessen und der Beobachtung zugrunde liegt, die Idee mithin, es gebe ein Fundierendes (immanent oder transzendental), eine arché, einen die Welt erzeugenden Ursprung, der in gewisser Weise psychisch vorzustellen ist. An diese Stelle tritt das Konzept der konditionierten Koproduktion, das besagt, daß Bewußtsein und Sozialität sich ko-fundieren und miteinander ko-evoluieren und deshalb ohne einander nicht möglich wären...

Boe: die Operation des Beobachtens - auch Selbstbeobachtung ist nur mit "sozial angeliefertem Material" möglich, Ich kann mich selbst nur in "allgemeiner" Sprache beschreiben.

...daß die
Operation des Beobachtens die Verkettung von Bezeichnungen ist, an die durch jede weitere Bezeichnung sozusagen ein Auswahlbereich möglicher (die Bezeichnung situierender) Unterscheidungen herangetragen wird, und zwar genau dadurch, daß die weitere Bezeichnung als Wahl beobachtet werden kann.
Das gestattet es, zu sagen, daß die Operation schon die Form von Sinn hat, insofern sie Selektivität installiert – für weitere Beobachtungen, für die dasselbe gilt. Daraus folgt unter anderem, daß es keine singulären Operationen gibt, sie sind (und sei es nur durch diese Definition) immer: systemisch.

Das Unterscheiden von Unterschieden (uno actu mit der Bezeichnung der einen oder anderen Seite der Unterscheidung) ist schon sinnförmig, ist schon an die
Möglichkeit des Bedeutens geknüpft, an die Aufblendung eines Auswahlbereiches durch die Bezeichnung, und letztlich, wie wir annehmen wollen, an Zeichengebrauch.24
24 Wir wollen also nicht annehmen, daß die Katze die Maus unterscheidet und bezeichnet, also in diesem Sinne: beobachtet. Vermutlich ist sie zur dazu notwendigen Virtualisierungsleistung nicht befähigt. Das schließt nicht aus, daß Katzen, Pflanzen, Viren eine psychische Organisation hätten (die ist schon durch schiere Wahrnehmung impliziert), sondern nur nicht: Bewußtsein, das beobachtet, also Zeichen in Anspruch nimmt. Das läge anders, wenn man Bewußtsein als Wahrnehmungsorgan auffaßt, das äquivalent operiert zu den anderen Sinnesorganen. Beispiel für diese Theorie wäre etwa die hinduistische Idee des manas. Vgl. Smart, N., Doctrine and Argument in Indian Philosophy, London 1964.

Boe: das sozial konditionierte Bewusstsein - ich nenne das Wir-Bewusstsein

Das Bewußtsein ist im Blick auf das, was in seinen Beobachtungen verkettet wird, durch und durch: allgemein, das heißt: sozial konditioniert.28 Es ist die Einschreibung des Nicht-Privaten in das psychische System und in diesem Sinne nicht mono-produziert, sondern ko-produziert. Es operiert auf sozial angelieferten Beständen.29
28 Das heißt nicht sofort determiniert. Hier müßte eine gesonderte Diskussion einsetzen, die vermutlich mit dem Gedanken starten würde, daß Sinn (die Verweisungsschläge, das Gleiten der Bedeutungen etc.) nicht determinierbar ist.
29 Siehe dazu, wie tief dies greift (bis hin zur Konstruktion scheinbar eigener Ereignisse als Gedanken im Zuge der Schriftentwicklung), Fuchs, P., Die Metapher des Systems, a.a.O.

...stellt sich die Frage, wie dieses Auslesen (das wäre ja dann die Sonderleistung der Schemaseite Bewußtsein in der Unterscheidung von Kommunikation und Bewußtsein) funktioniert. Wir haben ja, wenn man diese Überlegungen zuspitzt, gesagt, daß das Bewußtsein, indem es
Zeichen ausliest, Sinn stiftet, den Kommunikation nicht stiften kann, weil sie Zeichen nicht wahrnimmt.

Boe: Zeichen - Zeichengebrauch (Semiotik)

Andererseits hat das Bewußtsein (wenn wir es als zeichengebrauchende,
dezidierte Operativität auffassen 43) diese Zeichen aus dem Von-wo- anders-her der sozialen Sphäre, oder – weniger räumlich – aus der Gegenseite der Unterscheidung, aus dem Ko- der Produktion. Es stiftet also nicht seinen Sinn. Und wenn doch, wie sollte das überhaupt funktionieren: Sinnstiftung?
43 Genau als das: als Zeichenverkettung. „Alles Denken muß daher ein Denken in Zeichen sein ... Aus der These, daß jeder Gedanke ein Zeichen ist, folgt, daß jeder Gedanke sich an einen anderen wenden muß. Und: Daß das Denken nicht in einem Zeitpunkt zustande kommen kann, sondern eine Zeit verlangt, heißt daher nur, daß jeder Gedanke durch einen anderen interpretiert werden muß oder daß alles Denken in Zeichen geschieht.“ So schon Peirce, Ch.S., Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus, Frankfurt a.M. 1991, S.31.

Wenn man in eingeführter Diktion sagt, daß das
Zeichen die Einheit von signifiant und signifié darstellt, so könnte man denselben Sachverhalt als das Prozessieren von Einheiten beschreiben, die als Zweiheit (eben als Einheit von Bezeichnendem und Bezeichnetem) nicht in Erscheinung treten müssen. Die Zeichen funktionieren in der Katenation auch ohne Referenz auf ihre fundamentale Unterscheidung. In Wittgensteinscher Manier: Die Zeichen sind ihr Gebrauch. Die Bedeutung käme ins Spiel, wenn die Erklärung des Zeichens notwendig wird. Die Bedeutung wäre erst das erklärte Zeichen. Die Erklärung benötigt weitere Zeichen, die gegebenenfalls erklärt werden müssen durch wieder weitere Zeichen, unter anderem mit dem Zeichen für „Zeichen“.

...
Kommunikation und Bewußtsein als die Ränder einer Spur aufzufassen, die durch ein Rad (konditionierte Koproduktion) gezogen wird – in einer Welt, die durch die Spur gleichsam ausgelegt wird.

...
So oder so, man kann, diese Überlegungen vorausgesetzt, das Seins-Schema nicht anwenden, wenn man von Kommunikation und Bewußtsein spricht. Weder die eine Seite der Unterscheidung noch die andere läßt sich in terms des Wesens, der Essenz, des Eigenstandes beschreiben.51
51 Daß dies nicht absurd gedacht ist, belegt unter anderem die buddhistische Tradition. Ebenso klar ist, daß eine konsequente Anwendung dieses Gedankens auf eine Ethik führt, die die Welt (wegen der Koproduktion) schont.

Es gibt, das ist die zutiefst skandalöse Konsequenz, nicht das Bewußtsein, nicht die Kommunikation – außer für Beobachtungen, die auf die ZWEI der EINS von Koproduktion achten oder schon den Folgen der Verzweiung eingerichtet sind.

...
Skandalös ist diese Einschätzung, weil wir uns mit jeder nur erdenklichen Evidenz im Laufe der Evolution daran gewöhnt haben, zumindest Bewußtseine als in sich zirkulierende Einheiten aufzufassen, als mein oder dein Bewußtsein, jedenfalls als Etwasse, die an ihrer Stelle sie selbst sind und denen deswegen alles andere gegenüber liegt.52
52 Aber schon der Umstand, daß das Bewußtsein sich selbst gegenüberliegt, müßte bedenklich stimmen, insbesondere, weil eine lange Tradition es so gefaßt hat. Im platonischer Sophistes (237a-e) findet sich: légein = légein tí — Sagen ist Etwas Sagen.
Parmenides weist als erster auf die
Intentionalität des Denkens hin (dóxai — dokoûnta — Annehmen/Angenommenes). Vgl. dazu Thanassas, P., Die erste „zweite Fahrt“, Sein des Seienden und Erscheinen der Welt bei Parmenides, München 1997, S.45f. Vor Brentano und Husserl findet sich der Topos komplex ausgearbeitet bei Hegel. Siehe dazu Kreß, A., Reflexion als Erfahrung, Hegels Phänomenologie der Subjektivität, Würzburg 1996, S.33ff. et passim.

...
Mit dem Konzept der konditionierten Koproduktion ist das Seins-Schema als Fundierung von Analysemöglichkeiten abgewiesen. Es geht dann nicht einmal mehr um die Frage, ob etwas nicht ist, wovon man glaubte, daß es sei. Das Schema selbst wird verworfen. The very choice is rejected.57
57 Günther, G., Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik Bd.1, Hamburg 1976, S.287.

Ob Bewußtsein die Wahrnehmung dessen ist, was im Geist des Menschen ‚passiert‘ (Locke), ob zwischen perception (Externalisierungsfunktion der Monade) oder apperception (Wissen, Reflektion dessen, was in der Perzeption appräsentiert ist) unterschieden wird (Leibniz), ob Descartes herangezogen wird oder Kant, Brentano, Husserl, Sartre, ob es um Zombies geht oder um die Qualia-Frage – im Moment, in dem konsequent von betriebener Differenz, von Koproduktion die Rede ist, fallen Objekte aus und fallen Unjekte an. Ebendies drückt Niklas Luhmann aus, wenn er darauf insistiert, daß die WAS-Frage durch die WIE-Frage ersetzt werden müsse.

Das dabei auftretende Problem haben wir schon benannt. Es gibt keine Möglichkeit der Simultanbeobachtung der Seiten einer Form. Masche und Nicht-Masche, Figur und Grund, Kommunikation und Bewußtsein lassen nicht die Bezeichnung der Innenseite und der Außenseite der Unterscheidung zugleich zu.

VII:
Koproduktion wirft mithin als EINS zweierlei aus, in diesem Fall: Bewußtsein und Kommunikation, die – im Zuge der Zeit – beginnen können, sich als Beobachter zu registrieren. Im Zuge der Zeit, das soll heißen, daß sie eine Geschichte (eine endlose Serie von Konditionierungen) hinter sich gebracht haben, in deren Verlauf diese Registratur ausgearbeitet wird.65

Diese Ausarbeitung setzt gemäß dem Theorem der Koproduktion doppelt an, innen und außen.
Die folgende Skizze mag das verdeutlichen: Da es uns im Augenblick auf die Schemaseite Bewußtsein ankommt, liegt es nahe, den Mechanismus dieser Ausarbeitung zunächst in der Kommunikation zu suchen, die wir begreifen als zeitbasierte (différance-basierte) Zerlegung von Umweltlärm in die Selektionen Information, Mitteilung und Verstehen. Die Komponente der Mitteilung ist diejenige Selektion, die in diesem Zerlegungs- und Syntheseprozeß als Wiedereintrittsstelle der Unterscheidung von Kommunikation und Bewußtsein in der Kommunikation begriffen wird.
63 Hier könnte eine mystikfreie Beobachtung der Konstruktion von Alterität ansetzen.
64 Auch das berücksichtigt Spencer-Brown, a.a.O., S.X., wenn er festhält, daß die Unterscheidung des Anfangs im Durchspiel des Kalküls sich ändern wird. Der Beobachter wird zum unwritten cross der ersten Unterscheidung. Er ist schon in ihrem Zuvor.
65 Diese Geschichte ist kein Kalkül, aber sie kann mit diesem Kalkül interpretiert werden. Sonst würde in der Soziologie kaum Interesse für Spencer-Brown aquiriert werden können
.

...daß in der Mitteilung Fremd- und Selbstreferenz kombiniert werden – in einem Zug, durch den das relevant Andere der Kommunikation (Bewußtsein) im Kommunikationsprozeß operativ erscheint: als Unterstellung einer handelnden Instanz, als deren Imagination. Aber genau dadurch wird das Bewußtsein darüber in-formiert, in welcher Form es anschlußfähig ist. Wie die Kommunikation kombiniert es Selbst- und Fremdreferenz, Bewußtsein und Kommunikation – in einem Zug und in sich selbst. Was es nicht ist, ergibt sich aus der internen Imagination von Kommunikation, und was es jeweils ist, welche Selbstbeschreibungen auf der Basis sozialer Zuschreibungsstrategien intern als Realität überzeugen, resultiert aus den Operationen, die im Blick auf diese Strategien nicht anschlußfähig sind.68 Sie werden, wenn man so will, gelöscht oder ausgewaschen, so daß das Bewußtsein gleichsam als das Stehengebliebene in einem Auswaschungsprozeß imponiert, den man sich historisch und damit unentwegt variierend und prinzipiell kontingent vorstellen muß.

Das ist die eigentlich soziologische Zugriffschance. Es ist nicht nötig, zu wissen, was das Bewußtsein an und für sich ist. Stattdessen kann gefragt werden, welche
Beschreibungen des Bewußtseins unter je sozialhistorischen und sozialstrukturellen Bedingungen anschlußfähig sind und welche sich wie von selbst und scharf als idiosynkratisch verbieten, so sehr, daß Exklusionsprozesse der beispielsweise von Michel Foucault analysierten Weise greifen. Wenn man will, kann man hier einen eigentümlichen Terror wittern, der nicht verhindert, daß das Bewußtsein arbiträre oder gar idiosynkratische Selbstbeschreibungen entwickelt 69, aber mit äußerster Rigidität Anschlußmöglichkeiten kappt, die nicht allgemein, sondern im eigentlichen Sinne privat wären. Dies ließe sich wahrscheinlich mit Gewinn studieren, wenn man sich auf die wissenschaftliche Konstruktion von Psychopathologien konzentriert, die die ausgeschlossene Privatheit, sie entprivatisierend, einschließt in die Moderne.

67 Vgl. dazu Fuchs, P., Adressabilität als Grundbegriff der soziologischen Systemtheorie, in: Soziale Systeme, Jg.3, H1., 1997, S.57-79.
68 Dieser Theorie zufolge wird der Realitätseindruck durch die Widerständigkeit von Operationen gegen Operationen erzeugt. Dazu kommt, daß das Bewußtsein sich immer schon in einer Form vorfindet, also seinen Anfang nicht kennen kann, der dann, wie wir seit Freud wissen, Anlaß zu ungetrübter Spekulationsfreude gibt. Mit Heidegger läßt sich sagen, das Bewußtsein ist in die Welt geworfen, die es (wie ein konstruktivistisches Addendum lauten müßte) im Geworfen-sein entwirft.
69 Daß es dies könnte, liegt daran, daß es zwar schwer ist, zu sagen, daß das Bewußtsein lebt, aber leicht, es an einen lebenden Unterbau zu binden, der eine Selbstversorgung mit Reizen garantiert auch dann, wenn gerade keine Kommunikation im Spiel ist. Im Unterschied zur Kommunikation, die ohne Bewußtsein sofort zusammenbricht, wird das Bewußtsein eine Weile aufrechterhalten, sehr befristet, wie man weiß, aber immerhin so, daß man sich einen letzten Menschen vorstellen kann, der noch denkt – bis in den Wahnsinn.

Peter Fuchs
Buddhism: Conditioned Coproduction



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