Peter Fuchs
Die Erreichbarkeit der Gesellschaft
Suhrkamp 1992

Fuchs-Erreichbarkeit238

VIII. Spekulation
1. Die Inszenierung der Einheit

Die Einheit einer System/Umwelt-Differenz, auf die zu reflektieren wäre, die als Moment des Anschlusses weiterer systeminterner Operationen zu fungieren hätte, wenn es um es Selbstdistanzierung des Systems (Rationalität) geht, ist immer: die Welt.

Systeme sind gerade nicht Ganzheiten, um die herum irgendetwas vorkommt und in denen sich Teile als Momente eines Integrals beschreiben lassen, das den Titel Einheit trägt.

Sie sind, weil sie differenziell konstituiert sind, Zwei-Seiten-Formen, mithin Realisat einer Unterscheidung, die - weil unterschieden worden ist - Realität aus sich heraus treibt: die Aktualisierung der Unterscheidung produziert die Möglichkeit zu beobachten, zu beschreiben, zu sehen, und das gilt auch für die Unterscheidung von System und Umwelt, von der her sich die Szene aufbaut, die erblickt werden kann, und sich ebenfalls aufbaut, was im Moment (und auf der Basis dieser Unterscheidung) nicht erblickt werden kann.

Vor allem lässt sich die Einheit der Zwei-Seiten-Form in dem durch sie aufgespannten (jetzt: mono-kontexturalen) Raum nicht beobachten.

Auch die Gesellschaft ist Realisat (Aktualität) einer Unterscheidung (System/Umwelt), in der sie sich selbst vorfindet als nur das eine, als Kommunikation.

Die Bedingung der Möglichkeit dieses Sich-Vorfindens und Nur-so-Vorfindens ist die Unterscheidung, deren andere Seite (in diesem Fall: Nicht-Kommunikation, der Rest der Welt) auf der ihr anderen Seite nur als das vorkommt, was sie nicht ist: als Kommunikation.

Die Einheit der Unterscheidung, die diese Realität herstellt, kann im System, als das Realisat nur die eine Seite der Unterscheidung inszeniert, nicht beobachtet und beschrieben werden.

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Die Gesellschaft kommt nicht an sich heran, jedenfalls nicht: ohne zu unterscheiden mit einer Systeminternenoperationen, die die Unterscheidung, die sie als Einheit fassen will, voraussetzt: mit Kommunikation.

Infolgedessen muss, wenn auf die Einheit der Differenz systemintern reflektiert werden soll, eine logisch verbotene, aber deswegen gebotene Operation gestartet werden.

„Die Beobachtung des Einen im Einen müsste…das, was sie ausschließt (das wovon sie das Bezeichnete unterscheidet) einschließen. Sie müsste im System (in der Welt) vollzogen werden…Das ist möglich und gibt dem Paradox die Form des „re-entry“; aber die Auflösung erfordert einen imaginären Raum (so wie man vom imaginären Zahlen spricht), und dieser imaginäre Raum tritt an die Stelle des klassischen Apriori der Transzendentalphilosophie“ (Luhmann-Wissenschaft716)

Diese Auflösung bedient sich der Unterscheidung von Operation und Beobachtung. Die Einheit des Systems entsteht operativ, sie ist die operative Einkerbung, die die Zwei-Seiten-Form erzeugt (die Welt), ohne sich als deren Einheit (als Welt) beobachten zu können.

Das Sich-selbst-Bemerken der Operation (die Selbstbeobachtung, die an der Differenz System/Umwelt ansetzt und die Momente der Welt sich oder anderen zugerechnet) ist konstitutiv, aber ebenso konstitutiv ist, dass diese Selbstbeobachtung (die natürlich ebenfalls eine Operation ist) die Form, die in ihrem Vollzug zu Stande kommt, nicht mit ihren operativen Mitteln beobachten kann, sie müsste denn statt Selbstbeobachtung Weltbeobachtung treiben können, also sein, was sie nicht ist, sich selbst extern, im Falle der Gesellschaft nicht Kommunikation und Kommunikation, im Falle des Bewusstseins Nichtbewusstsein und Bewusstsein.

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Es gibt aber dennoch Beobachtungen im System (einige von vielen Operationen), die sich auf die Einheit der Differenz von System und Umwelt richten, die - diese Unterscheidung nutzend - die Welt (also das Nichtbezeichenbare) bezeichnen, Namen dafür verteilend wie zum Beispiel Gott oder All-Eines oder Totalität und damit Anschlüsse organisieren und limitieren, die ein Beobachter dieser besonderen Beobachtung wiederum unterscheiden und beobachten kann: als Kondensat der einer Operation, deren „Imaginarität“ (nicht: deren Folgenlosigkeit oder Unbedeutsamkeit) sich daran ab greifen lässt, dass sie operativ die Einheit realisiert, die sie weder als System noch als Umwelt bezeichnen kann.

Auf die Einheit der Differenz von System und Umwelt gerichtete Beobachtungen springen (aber das tun sie nicht an sich, sondern sozusagen nur für sich) aus ihrer Paradoxie durch Designieren weder der einen noch der anderen Seite, sondern durch die Setzung einer „Leerstelle“, durch Erfindung von Wörter, Axiomen, Unbezweifelbarkeitssemantiken.

Bezeichnet wird gleichsam neben die Unterscheidungsseiten und nicht: deren Einheit, insofern ist die „Danebenbezeichnung“ Bezeichnung einer imaginären Einheit.

Gleichwohl geschieht sie, gleichwohl funktioniert sie (wie eben auch imaginäre Zahlen funktionieren). Die Operationen „Bezeichnung“ des Einen im Einen inszeniert eine Einheit, ermöglicht eine Dramaturgie, staffiert ein Bühnenbild aus, produziert einen Kosmos.

Die Illusion sieht der Beobachter, der diesen (ersten) Beobachter bei seinem Beobachten beobachtet, mit Unterscheidungen, die nicht die des beobachteten Beobachters sind und deshalb gestatten, zu sehen, wie und nicht nur was der beobachtete Beobachter beobachtet.

Die Beobachtung erster Ordnung kollabiert jedoch dabei nicht. Sie wird allenfalls (in einem folgenden Geschehnis) mit ihrer Selektivität, das heißt mit ihrer Kontingenz konfrontiert, wenn und insoweit die Beobachtung zweiter Ordnung als kommunikative Operation (und nicht im schweigenden Bewusstsein allein) durchgeführt wird.

Die moderne Gesellschaft, das haben wir eingehend diskutiert, hat ihre Modernität eben darin, dass in ihr nicht mehr die Operation der Beobachtung des Einen im Einen (und die anschließende Gleichschaltung aller Beobachtungsmöglichkeiten ) konkurrenzfrei (ihrerseits unbeobachtet ) geschieht, sondern sich vielmehr eine Art von Stabilisierung durch Komplexifikation auf der Ebene von Beobachtungsbeobachtungen, Beschreibungseschreibungen vorfindet, man sollte besser sagen: eine Art Multistabilität bei rekursiver Vernetzung und darauf fussender Produktion von „Eigenwerten“ (zum Beispiel Dingen oder Sprache), die den Anschlussoperationen als stabile zu Grunde gelegt werden, wiewohl sie doch (legt man auf der "weichen" Operation der Beobachtung ab) in the long run ehervon Bénard‘scher Instabilität sind wie Wolkenbilder oder Wabenmuster im Milchkaffee.

Wenn (wie in dieser Arbeit) die Tendenz vertreten wird, diesen Sachstand zu akzeptieren (und darüber nicht in postmodernes Lamentieren auszubrechen, sondern sich von seinen Möglichkeiten faszinieren zu lassen) so bedeutet das:

die Entwicklung einer Beobachtungsbeobachtung- bzw. Beschreibungsbeschreibungskultur, die beim Beobachten von Beobachtern ihr Augenmerk darauf legt, „ welche Unterscheidungen der beobachtete Beobachter benutzt“ (Luhmannn-Wissenschaft718).

Es geht dann darum, was der beobachtete Beobachter sehen kann und was er nicht sehen kann, also auch um einen blinden Fleck, und natürlich gilt dies auch für den dies wiederum beobachtenden Beobachter, der seinerseits beobachtet wird. Und natürlich ist wichtig, was geschieht, wenn der Beobachter erster Ordnung mit Beobachtungsergebnissen zweiter Ordnung konfrontiert wird, wenn gleichsam zurück beobachtet wird auf verbreiteter (Latenzen miteinbeziehender) Informationsbasis.

Fuchs Erreichbarkeit der Gesellschaft 244




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