Peter Fuchs
Die Erreichbarkeit der Gesellschaft
Suhrkamp 1992

Fuchs-Erreichbarkeit244

Referenzprobleme

Polykontexturale Gesellschaftsverhältnisse schließen die Richtigkeit einer Weltdefinition aus. Sie bedeutenden Ausfall fassbar sicheren Wissens in einem Rationalitätskontinuum. Aus den für sie typischen pluralen Beobachtungsbeobachtungsverhältnissen bildet sich eine gleichsam bodenlose, fluktuierende Hypothetik, die sich negativ als Referenzverlust kennzeichnen lässt. Dieser Kompaktterm kann vor allem im Blick auf die Frage, welcher Weltzustand dem Verlust positiv (faktisch) gegenübersteht, Differenz theoretisch aufgelöst werden, wenn man den Begriff der Beobachtung mit dem der Referenz verbindet.

Beobachtung wurde vorgestellt als das Anlegen einer Unterscheidung plus instantaner Bezeichnung dieser oder jener Seite dieser Unterscheidung. Der Begriff der Referenz bezeichnet (!) das, was durch die Beobachtung bezeichnet wird (das Bezeichnete): den Filter, wie Nasentropfen, die Golfkrise, die Äußerung, das psychische System, das soziale System.

Die Operation des Referierens (unterscheiden+ bezeichnen) ist Operation des Beobachtens dann, wenn das, was in dem Bezeichneten (Referenz) referiert wird, zum Ausgangspunkt weiterer Informationsgewinnung über das Bezeichnete gemacht wird. Das setzt nicht weiter als eine Anschlussoperation voraus, die das, was eben gelaufen ist, so festhält, dass der Unterschied, der gemacht wurde, Unterschiede macht für das, was jetzt läuft.

In einer zweiwertige thematisierten Welt, die als Bedingung der Möglichkeit jeder Referenz die primordiale Referenz Sein im Rahmen der für sie „primordialen“ Unterscheidung Sein/Nichts designiert, gilt, dass für jeden möglichen Referenten Bestimmtheit (Wahrheit) oder Irrtümlichkeit der Referenz (Täuschung, Unwahrheit) unterschieden werden kann. In einer seienden Welt lässt sich nur Seiendes bezeichnen und folglich bereitet Nichtseiendes oder unklar Seiendes (wie Möglichkeiten) Probleme.

Unter diesen Voraussetzungen bedeutet Referenzverlust so etwas wie Weltverlust.
Zweifellos kann auch nach dem Sündenfall der Deontologisiereung referiert werden, nach wie vor gibt es Referenzen, kann (muss) im Rahmen von Unterscheidungen bezeichnet werden. Das ist so selbstverständlich wie der Umstand, dass die Operationsbeobachtung nicht vom Erdball verschwindet (solange psychische und soziale Systeme Unterscheidungspotenziale aktivieren).

Aber dasjenige, was referiert wird (und mit ihm
die beobachtungsexterne Solidität des Referenten, schließlich gar des Referierenden), verschwimmt, verliert sich in die Weiten seiner Situierbarkeit (Beobachtbarkeit) im Rahmen anderer Unterscheidungs- und Bezeichnungsleistungen, in denen es ebenfalls als Bezeichnetes (oder gerade Nichtbezeichnetes) erscheinen kann.

Nichts lässt sich (und das ist das Pfund, mit dem die Postmoderne wuchert) dingfest machen,
aber nichts anderes lässt sich auf dem Hintergrund der Konfrontation monokontexturaler mit polykontextualen Bezeichnungsmöglichkeiten erwarten.

Verzichtet man darauf, Referenz und Wahrheit/Unwahrheit (um nur diese zwei Codes zu nennen) auf der Basis ontologischer Einwertigkeit ( = logischer Zweiwertigkeit) zusammenschließen, hat man es nicht mehr mit (negativ zu verstehenden) Referenzverlust zu tun.

Zu sehen ist, dass dieses Wort Sinn macht auf der Folie alteuropäischer Annahmen über die Weltbeschaffenheit, etwa der Annahme, dass dem referieren und beobachten eine korrekt/inkorrekt, bezeichenbare/unbezeichenbare Welt gegenübersteht (korrespondiert), die sich nicht deswegen verändert, weil jemand eine andere Unterscheidung einer Beobachtung zu Grunde liegt, die eine Beobachtung beobachtet.

Verloren ist gewiss die prinzipielle Möglichkeit (und Notwendigkeit) richtiger Artikulation von Referenz, jedenfalls bei der höhergetriebenen (unwahrscheinlicheren) Ansprüchen an das, was Referieren leisten soll.

Man gibt jedoch wichtige Sichtmöglichkeiten auf, wenn man den Fehler wiederholt und die Leistung der Referenz ontosemantisch zu bestimmen sucht, also sich darauf konzentriert, was Referenz ist, wenn sie nicht ist, was Alteuropa glaubte, was Sie sei. Stattdessen liegt nahe (und ist es im Rahmen differenztheoretischer Analysen selbstverständlich), dass ein Begriff wie Referenz differenziell gebaut ist, seine Schärfe (deswegen Begriff!) gewinnt daran, dass er eine Unterscheidung aktualisiert, deren beide Seiten bestimmt (also Begriffe) sind. Der Begriff Referenz bezeichnet die Einheit der Unterscheidung von Fremdreferenz und Selbstreferenz.

Wo immer referiert wird, sind Unterscheidungen impliziert mithin Innen- und Außenseiten, mithin Formen, mithin die Möglichkeit, das Innen oder das Aussen der Unterscheidung zu referieren.


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Dies vorausgesetzt, lässt sich das Referenzproblem auf folgende Weise dekomponieren: Referenz ( = das Bezeichnete) ist das, was jede Beobachtung leistet. Sie ist, was fixiert wird (wie immer schnell und vorläufig), das Fixativ, das auf der Basis einer Unterscheidung konstruierte Objekt.

Die Operation dagegen fixiert nichts (ist objektloser Vollzug). Diese müsste an zwei Zeitstellen zur gleichen Zeit auftreten können, um sich selbst als Objekt nehmen, um sich selbst bezeichnen zu können, aber eben dann fiele sie auseinander in das, was sie ist (Original), und das, was sie nicht ist (Beobachtung).

Der Unterschied von Operation und Beobachtung erscheint dann, wenn beobachtet wird, als Ansatzpunkt für die Unterscheidung von Fremdreferenz und Selbstreferenz.

Selbstreferentiell wird agiert (von was oder wem auch immer), wenn bezeichnet wird, was die Operationsbeobachtung vollzieht. Selbstreferenz ist die Bezeichnung für diese spezielle Bezeichnungsleistung.

Fremdreferenz referiert das, was dadurch ausgegrenzt wird. Sie referiert die Außenseite der Innenseite (auf der Innenseite).

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Von diesen Überlegungen her kann das, was die Bezeichnung bezeichnet, nicht mehr den Realitätsindex allein tragen. Realität ist nicht schon involviert dadurch, dass etwas als etwas bezeichnet wird und niemand dieser Bezeichnung widerspricht (etwa im Sinne: das ist kein Apfel, sondern eine Birne).
Sie wird vielmehr begreifbar als Effekt der mit der Bezeichnung aktualisierten Unterscheidung, als virtuelle Sichtrealität, als gemalte Fensterscheibe, die durch einen Beobachter einer Beobachtung erst in ihrer Artifizialität erfasst werden kann, auf der Seite des Beobachters erster Ordnung aber wie natural (als Durchsicht auf etwas) gegeben erscheint.

Boe: Beobachtung 1. Ordnung - Beobachtung 2. Ordnung

Der (im Blick auf Systeme universalen) Unterscheidung von Fremdreferenz und Selbstreferenz (bezogen auf die Unterscheidung von Operation und Beobachtung) steht in der modernen Gesellschaft ein anderer Totalunterscheidungstyp gegenüber: die binären Codes, mit deren Hilfe sich die Funktionssysteme formieren.

Wenn man davon ausgeht, dass die Gesellschaft sich als Netzwerk von Kommunikationen reproduziert, ist klar, dass jede Beobachtung der Operation Kommunikation ist, dass jede Kommunikation qua Form Selbstreferenz und Fremdreferenz kombiniert, oder genauer: eben diese Unterscheidungs-möglichkeit aktualisiert. Jede dieser Operationen - das heißt auch: jeder wirtschaftlich, rechtlich, religiös, politisch, wissenschaftlich codierte Kommunikation.

Dabei können sowohl Fremdreferentiell wie selbstreferentiell bestimmte Operationen codiert werden.

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Diese Trennung von Referenzproblem und Codierungsproblem markiert den Unterschied von moderner und alter Gesellschaft.

Diese schraubt (auf dem Hintergrund zweiwertigen Logik und ganz besonders im Hinblick auf das Erkenntnisproblem) Referenz und Kodierung zusammen;

jene löst die Verschraubung und handelt sich damit zwar das Referenzproblem in verschärfter Weise ein (Explosion der Ontologien), schafft aber damit zugleich die Form polykontexturaler Gesellschaft, jenes hoch differenzierte, hyperkomplexe Arrangement, jene laterale Allgemeinheit, die sich in monomundalen Terms weder beobachtend noch beschreibend erreichen lässt, wiewohl laufend in ihr beobachtet und beschrieben wird.

Es kann nun nicht (und hier setzt die darauf bezogene Spekulation an) darum gehen, die Büchse der Pandora zu schließen und einfachere Weltverhältnisse zu imaginieren. Die Imaginate wären (im Duktus unserer Argumentation) Mehrerleierreignisse, plural konstituiert, Beobachtungen ausgesetzt, die nicht mit ihren Unterscheidungen arbeiten, Vexierbilder in einem genauen Sinne.

Stattdessen kann man die Unterscheidungen, die befähigen, eben dies zu sehen, ins Zentrum
semantischer (und gleichsam nachgeführter institutioneller wie technischer) Entwicklungen stellen, deren Leitunterscheidungen Referenzverfestigungen (Inkrustationen von Realität) unterlaufen.

Daran und damit könnte das, was wir oben
Beobachtungsbeobachtungskultur genannt haben, elaboriert werden als systematisches Sich-beobachtenlassen auf das, was durch die Operationsbeobachtung sich der Sicht entzieht, dritte Werte und die dritten Werte der Dritten Werte etc.

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Freilich kostet diese Pluralisierung der Hinsichtsmöglichkeiten Zeit, sie reduziert nicht Komplexität, sie steigert sie durch Vermehrung von Optionsmöglichkeiten und - wenn man so sagen darf - durch das Aufsaugen naiver Handlungsmöglichkeiten im Rahmen einer beschränkten Anzahl von Alternativen. Sie scheint nicht den augenblicklich verfügbaren kognitiven und kommunikativen Potenzialen zu entsprechen und ist eher eine Überforderung der auf einfache Referenzen angewiesenen Orientierung.

Es ist womöglich dieser Überforderung, die einen klar geschnittenen Sachverhalt wie Hyperkomplexität auf der Ebene psychischer Systeme bedrohlich erscheinen lässt und auf der Ebene sozialer Systeme bewirkt, dass zwar operativ Hyperkomplexität realisiert, aber nicht (oder nur lokal wie eben jetzt) beobachtet, das heißt: nicht zu weiterer Informationsverarbeitung benutzt wird.

Das bedeutet auch, dass die in der Gesellschaft zirkulierenden Selbstbeschreibungen/Selbstbeobachtungen ein der funktionalen Differenzierungen typisch nicht angemessenes Niveau haben: sie unterspringen die Messlatte, die durch diesen Differenzierungstyp aufgelegt wird.

Andererseits evoluiert im Rahmen eben dieser Gesellschaft (die sich selbst nicht erreicht und bei Versuchen dazu unterkomplex operiert) und eben durch deren Struktur konditioniert ein mächtiges „Nervennetz“ in Gestalt der modernen Informationstechnologie, deren Überschusskapazitäten (vor allem, wo schon umgestellt wird von harten Hierarchien auf heterarche Datenverarbeitungsprozeduren) irritativ genutzt werden könnten: als Beobachtungsbeobachtungsexperten, die das, was läuft, laufen soll, gelaufen ist, konfrontiert mit dem, was durch das, was geschieht, ausgeschlossen wird, und den gleichen Prozess auf die Ergebnisse der Beobachtung rekursiv anwendet.

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Zusätzlich wären die dies bewerkstelligenden Prozessoren vernetztbar, also direkt verschaltbar im Blick auf interne Prozeduren (und darin unterschieden sie sich hart von psychischen Systemen). Das würde bedeuten, dass die Gesellschaft (und mit ihr die Funktionssysteme) nicht mehr nur Polykontexturalität, Hyperkomplexität, Heterarchie realisiert, sondern beobachtet, also im System als Form bestimmter Operationen einsetzt zum Zweck der multiplizieren von Hinsicht- bzw. Rücksichtnahmen.

Darauf bezogene Forschungen sind kaum angelaufen, geschweige denn (auf der technischen Seite) soziologisch inspiriert. Das liegt nicht nur daran, dass die nichtsoziologische Welt soziologische Einsichten oft nur skeptisch (oder in moralisierenden Kontexten) zur Kenntnis nimmt, und nicht nur daran, dass - wie man beklagt hat - die Soziologie ihren Realitätskontakte auf der Basis von Exegese (der Klassiker wie kleinräumiger sozialer Phänomene) pflegt. Das sind sehr diffuse, Kognitions- und Kommunikationsstile diffamierende Einschätzungen.

Vielmehr fehlt es (und auch dies ist nur eine Beschreibung) an Routine im Umgang mit einer einheitlichen Theorie des sozialen, deren Kopf- und Hauptstück Gesellschaftstheorie, flankiert von Kommunikations- und Evolutionstheorie, ist und die jetzt (wie umstritten auch immer) in Konturen sichtbar wird. Routinen im Umgang mit einer Theorie erwerben, das heißt: mit ihren Unterscheidungen arbeiten und sehen lernen, was man mit diesen Unterscheidungen sehen (und nichtsehen) kann.

Nichts für bietet dabei, sich die Möglichkeiten auf Maschinen zu verlagern. Viele Mittel könnten recht sein, eine Revision psychischer und sozialer Beobachtungstechniken im Umgang mit äußerst komplexen Systemen zu versuchen.


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