Peter Fuchs
Die Metapher des Systems
Studien zu der allgemein leitenden Frage, wie sich der Tänzer vom Tanz unterscheiden lasse
Velbrück Wissenschaft 2001


FuchsMetapherdesSystems16
15 Klar ist jedenfalls, dass die Systemtheorie, die wir hier bewegen, mit einer Differenz startet, mit der von System und Umwelt, und: dass der Einheitsbegriff des Systems der Begriff dieser Differenz ist. Einfacher gesagt: das System lässt sich nicht aus seiner Umwelt herausheben, es ist nicht isolierbar. Es ist jenes Co, jenes Zugleich, jene Zweiheit, die sich nicht in zwei Einsen zerlegen lässt. Und im Augenblick, indem man dieser Komplikation gewahr wird, zerfällt die cartesische Sprache. Mit ihr fallen auch die zweiwertigen logischen Mittel aus, und konsolidierte andere Instrumente sind noch nicht in Sicht.

16
Die Möglichkeit, die bleibt, ist das Nacheinander, die Bildung von oszillierenden Sequenzen: Man achtet auf die eine Seite der Unterscheidung (System), dann auf die andere (Umwelt) und wiederholt diesen Vorgang. Dabei entsteht das System als Objekt und die Umwelt als sein Korrelat. Wir haben es dann mit einer zeitgedehnten (oder Zeit zerhackenden) Beobachtung zu tun, die Informationen über hüben und drüben, über innen und außen anhäuft, aber genau dabei in Kauf nimmt, dass das Zugleich außer Sicht gerät. Das Hüben und Drüben, das Innen und Außen: die ganze Metaphorik des Räumlichen entsteht in dieser Oszillation.(Siehe dazu: D.Baecker, „Die Dekonstruktion der Schachtel. Innen und außen in der Architektur“, in N.Luhmann, F.D.Bunsen und D.Baecker, Unbeobachtbare Welt. Über Kunst und Architektur, Bielefeld 1990, S.67-104)

Das alles geschieht mit hoher Evidenz, weil diese Beobachtungstechnik auch die alltägliche, die ein geschliffene, die lebensweltliche Beobachtung der Welt kennzeichnet. Das Bewusstsein erfährt sich auf seiner Seite innen und nicht außen, das Sozialsystem zirkuliert in sich und zirkuliert nicht jenseits seiner Grenzen. Beide Systeme sind Insider-Systeme. Es ist dann nichts, was in Frage stehen könnte.

Das System des Bewusstseins gibt sich nicht als Differenz, es führt sich als Einheit, als Geschlossenheit vor. Aber auch eine Organisation sieht sich selbst nicht als etwas außerhalb ihrer selbst an, so wenig wie die Funktionssysteme oder die Gesellschaft es täten, wenn sie denn eine Operation des Sich-selbst-Ansehens durchführen könnten. (Ebendiese Systeme haben keine soziale Adresse. Sie können sich auch nicht selbst adressieren. Sie sind schlichtweg handlungsunfähig. Dass wir sie mit einem Personalpronomen bezeichnen müssen, ist fatal.)

Es ist sonderbar, aber die Prozesse der Kognition, von denen wir annehmen, dass sie auf Differenzen fussen (so sehr, dass wir uns nicht- differenzielle Kognition nicht vorstellen können), erzeugen Dinge, Objekte, Einheiten. Irgendwo auf dem Weg zwischen dem Einsatz der Differenz und der Entstehung des Erlebens geht die Differenz verloren und verzeihtlicht,verräumlicht sich; irgendwo auf diesem Weg wird die Kompaktheit des Welterlebens eingerichtet, die Frauen, die Männer, die Hunde, die Äpfel, die Sterne, der Kosmos.

Damit kann man sich abfinden. Dies ist die Welt, in der so etwas vorkommt. Und es scheint müßig, zu fragen, ob man mit einem radikalen Denken der Differenz (in unserem Fall immer: der Differenz des Systems) weiterkommt, noch dahinter, noch darunter, noch darüber hinaus. Und wenn es ginge: cui bono? Wem würde es denn nutzen? - Die Metapher des Systems reicht weit, wie man heute wissen kann. Das metaphorische an der Metapher aufzulösen, das kann wahrscheinlich nur heißen, andere Metaphern zu erzeugen, Steigerung von Ungewissheit statt deren Verminderung. Am Ende bliebe einem nur die Religion.

Das Problem ist, dass ich ein wissenschaftlicher Beamter bin. Für mich muss es nichts Sakrosanktes geben. Ich habe die große und allgemeine Bastelerlaubnis. Die Physiker etwa wollen immer noch wissen, was die Welt im innersten zusammenhält. Dafür gibt es keinen vernünftigen Grund, und vielleicht herrscht gerade deshalb in den einschlägigen Forschungszirkeln eine muntere (geradezu lebenserfreuliche) und beneidenswerte Leidenschaft. Man arbeitet an den Grenzen. Und wenn man sagt, dass dies wichtig und nützlich sei, geht es um die Ressourcen, die benötigt werden, um sich an den Grenzen halten zu können; aber die Wahrheit ist das, glaube ich, nicht. Sie liegt eher in einem ungezügelten, nicht zu beseitigenden Interesse und in der Lust der äußersten kognitiven Anspannung, was an Bizarrem auch immer dabei herauskommen kann; es ist eben dieses Interesse und diese Lust, die mich in die Frage treiben, was das heißen kann: Systeme als Differenz.

Was ist das: konditionierte Koproduktion? Wie hat man dieses Phänomen beobachtet, bevor ein Begriff dafür zur Verfügung stand, der im übrigen noch gar kein Begriff, sondern nur ein Name für Unaufgeklärtes ist? Und wären die immer vorläufigen Antworten darauf nicht zusammengeschlossen mit dem, was in einem eigentlichen Sinne Methexis, Partizipation, Teilnahme heißen könnte? unio mystica gar, wenn man auf heißere Anschlussmöglichkeiten aus wäre?

Alle folgenden Studien widmen sich dieser Frage, und es sind vorbereitende - oder sagen wir lieber: experimenteller Detailstudien. Was ist gedacht und sozial konstruiert worden im Blick auf das Problem, dass das Innen/Aussen, das System als Objekt, eine nachträgliche Beschreibung, die Vereinfachung einer kuriosen Zweiheit ist, jener aoristos dyas, der unbestimmten Zweiheit Platons?

Es versteht sich von selbst, dass dieses Buch nicht einfach sein kann, aber im Umgang mit Un-jekten wird man Einfachheit nicht erwarten dürfen. Zweifachheit mindestens, also das, was im Ursprung jeder Komplikation steht. Ich für meinen Teil liebe Komplikationen, und das, glaube ich, ist wieder ganz einfach zu begreifen. Auch der Alltag weiß, dass ein Leben ohne Verwicklungen extrem langweilig und vielleicht gar keines ist. Verwicklung, Entwicklung, Faltung, Einfaltung, Ausfaltung, complicatio, explicatio - das sind dann auch die Worte, die das Kompositionsprinzip dieses Buches umschreiben. Das Leitmotiv ist das Problem der Metapher des Systems, und alles andere ist die tastende Circumambulation einer Unbenennbarkeit. Es wird sich zeigen müssen, ob man in dieser Kreisbewegung etwas mitnehmen kann, und wäre es nur: weiteres (und komplikationsreicheres) Material für die Fortschreibung der Umschrift, die ja auch immer eine Um-Schreibung, ein Um-weg ist.

Warum? Nun - vielleicht bleibt uns nur die „Marge (…)als unvertextete Welt“ (C.Améry) aber auch das ist paradox. Denn es gibt nichts - außerhalb des Textes, sagt Derrida. Warum dann also? – Na ja und Gliederung und wie immer: wegen der wunderbaren Unausstaunbarkeit der Welt.

(
Die Unauslotbarkeit des Nicht-Wissens lässt sich anhand einer Metapher, die wohl auf Pascal zurückgeht, denken: das Wissen ist eine im Meer des Nicht-Wissens wachsende Kugel, woraus folgt, dass sich mit der Oberflächenvergrößerung die Menge des Nicht-Wissens in der Ausdehnung des Wissens vergrößert. Vgl. dazu: J.Mittelstrass, Das Undenkbare denken. Über den Umgang mit dem Undenkbaren und Unvorstellbaren in der Wissenschaft, Konstanz 1998, S.8)

Peter Fuchs

HOME