Christian Schuldt
Systemtheorie
eva wissen 2006


SchuldtSystemtheorie9

7 Luhmann ging es nicht um eine Auseinandersetzung mit der soziologischen Tradition, sondern um die Konstruktion eines eigenen Begriffssystems. Mit seiner Systemtheorie hat Luhmann eine universale Theorie geschaffen, einen Beobachtungsapparat, mit dem alles Soziale erfasst werden kann. Mit einem solchen Allround-Ansatz verbindet sich aber kein imperialistischer Anspruch auf Absolutheit. Die Systemtheorie behauptet also nicht, die "einzig wahre" Theorie zu sein.

Aber das Abzielen auf eine umfassende Weltbeschreibung schafft eine Autonomie, die der Theorie eine hohe Flexibilität und große Originalitätsgewinne garantiert. Aus diesem Universalitätsanspruch folgt auch, dass die Theorie selbst als ihr eigener Gegenstand vorkommen muss: Wenn sie alles beschreibt, beschreibt sie auch sich selbst. Die Paradoxien dieses selbstreferenziellen Theoriedesigns spiegelt der tautologisch anmutende Titel von Luhmanns Hauptwerk "Die Gesellschaft der Gesellschaft". Mit diesem 1.200-seitigen Mammutwerk stellte Luhmann das Grundgerüst des wohl imposantesten Theoriegebäudes auf soziologischem Terrain fertig.

9 Der
Begriff System: Diese Vokabel assoziierte unschöne Dinge wie Kälte, Totalitarismus oder Funktionalismus. Luhmanns Systembegriff impliziert jedoch keineswegs eine Ordnung, die es herzustellen oder aufrecht zu erhalten gilt. Im Gegenteil: selbstreferentiellen Systeme sind zwar geschlossene Systeme, doch diese Geschlossenheit ist zugleich Voraussetzung für die Offenheit gegenüber ihrer jeweiligen Umwelt. Systeme sind immer nur Systeme in Differenz zu einer Umwelt: ohne Umwelt kein System. Wo also der Systembegriff Einheitlichkeit suggeriert, operiert Luhmann grundsätzlich mit Differenzen. Insofern wäre die Systemtheorie auch zutreffender als „System-Umwelt-Differenz-Theorie“ zu bezeichnen.

Boe: Differenz – Grenze – Barre – der Schied

11 Systemtheorie als Passion
Die Grundfrage, die Luhmann stellt, lautet: Wie ist soziale Ordnung möglich? Wie kann so etwas Unwahrscheinliches wie die Gesellschaft entstehen? Die Antwort, die die Systemtheorie findet, ist ebenso unwahrscheinlich: durch verschiedene Formen von Kommunikation, die sich voneinander abgrenzen, eigene Hoheitsgebiete erobern - und genau damit die Einheit der Gesellschaft bilden.

Das vorliegende Buch will eine ebenso lustvolle wie lehrreiche Lektüre bieten, ohne lediglich eine Trivialversion der Systemtheorie zu liefern. Es soll einen Zugang zum Luhmannschen Theoriepalast eröffnen, der erfolgreiche Anschlusskommunikationen wahrscheinlicher macht - idealerweise natürlich die Lektüre von Luhmann-Texten. Das Setzen eines Anfangs ist dabei ebenso schwierig wie potenziell beliebig, schließlich gleicht das Theoriedesign selbst einem komplexen Netzwerk. Die Systemtheorie baut zwar auf zentraleren und weniger zentralen Unterscheidungen auf, doch letztlich hängt alles mit allem zusammen und verweist ständig aufeinander.

Der hier gewählte Aufbau kann daher nur ein Kompromiss sein, aber immerhin einer mit "System". Zunächst geht es um die Zentralfigur systemtheoretischen Denkens: Selbstreferenz. Ein kurzer Besuch im "Wunderland der Selbstreferenz" soll den Weg ebnen für den folgenden Eintritt ins Labyrinth der Systemtheorie. In diesem Hauptteil wird der "Grundriss des Labyrinths" anhand der zentralen systemtheoretischen Begriffe und Grundannahmen vorgestellt. Zweien davon, Kommunikation und Beobachtung, ist im Anschluss daran jeweils ein Sonderkapitel gewidmet.

Der darauf folgende Vergleich der Systemtheorie mit ihren "Kontrahenten und Verbündeten" soll das Verständnis der Theorie und ihres wissenschaftlichen Kontextes weiter schärfen. Danach geht es um die Person hinter der Theorie: die Biografie und das Wirken von Niklas Luhmann, dem "Herrn der Systeme" und Zettelkastenmeister. Am Schluss steht der Praxistest: Wie lässt sich Luhmanns Theorie alltagstauglich als "Theorie für alle Fälle" einsetzen? Hier soll die Beobachtung von Liebe, Kunst und Massenmedien einige Anhaltspunkte liefern.

Luhmann lesen ist nicht leicht - aber lohnt sich immer. Dieses Buch versucht die Komplexität der Systemtheorie so zu reduzieren, dass sie zugänglicher wird, ohne zur "Systemtheorie light" zu werden. Neuankömmlinge sollen zur Luhmann-Lektüre motiviert werden, erprobte Systemtheorie-Sympathisanten erwartet eine Frischzellenkur in Sachen Basiswissen.

14
Das Wunderland der Selbstreferenz
Der Eintritt ins Reich der Systemtheorie gleicht einem
Eintritt in eine andere Dimension: Man betritt eine Art spiegelverkehrte Welt, ein Universum voller Paradoxien und Widersprüche. Das erfordert - und erzeugt - eine neue, andersartige Sicht der Dinge.

Explosivstoff Selbstreferenz
Um sich im Labyrinth der Systemtheorie zurechtfinden zu können, muss man zunächst einmal alles hinter sich lassen, was einem der Alltagsverstand antrainiert hat. Ein bisschen ist es so wie am Eingang zum Magischen Theater in Hesses "Steppenwolf", an dessen Pforte der verheißungsvolle Hinweis prangt: "Eintritt kostet den Verstand."

Zum Glück kostet das Kennenlernen der Systemtheorie lediglich Konventionen - und schickt damit zugleich den Verstand auf ungeahnte Höhenflüge. Wer Angst hat vor intellektueller Überforderung und einem hochkomplexen Begriffssystem, der muss leider draußen bleiben. Wem es aber gelingt, den alltäglichen Beobachtungsballast über Bord zu werfen und sich den Kopf frei zu machen für eine anfangs wenig Vertrauen erweckende Sichtweise, der kann sich faszinieren lassen von einer multifunktionalen Begriffskombinatorik und überraschenden, gestochen scharfen Beobachtungsmöglichkeiten. Es heißt also Abschied nehmen von allem, was bislang im Bereich soziologischer Theorie stattfand und sich einlassen auf einen neuartigen Zugang zu sozialen Phänomenen.

Das Zauberwort, das dieser systemtheoretischen Verbindung aus Fremdartigkeit und Faszination zu Grunde liegt, lautet "Selbstreferenz". Das heißt zunächst nichts weiter, als dass es in Luhmanns Theorie um Systeme geht, die sich in all ihren Aktionen und Reaktionen selbst beschreiben. Das selbstbezügliche Grundmuster systemtheoretischen Denkens folgt aus dem allumfassenden Anspruch der Theorie: Will sie alles Soziale in den Blick bekommen, muss sie zwangsläufig selbst Bestandteil der von ihr beobachteten Gesellschaft sein. Deshalb legt sie, anders als die meisten anderen Theorien, ihre eigenen Grundlagen, ihre eigene Perspektive offen.

Dieser offene Verweis auf das Sich-selbst-miteinbeziehen führt schnell in zirkuläre Abgründe. Das veranschaulichen schon selbstreferenzielle Sätze wie "Dieser Satz ist nicht. Vollständig." oder: ".nesel os nhi nam erdüw ,hcsiärbeH fua ztaS reseid eräW" - Aussage und Form spiegeln sich wechselseitig, sodass ein geschlossener Verweisungszirkel entsteht.

Noch deutlicher wird die Vertracktheit solcher Selbstinklusionen im Falle von Paradoxien. Paradoxe Aussagen wie "Dieser Satz ist nicht selbstreferenziell" führen in die Unentscheidbarkeit: Sie enthalten zwei Werte, von denen jeder auf den anderen zurückverweist. Das Resultat ist ein unendliches Oszillieren zwischen den beiden Werten.

Dementsprechend eröffnet auch ein selbstreferenzielles Theoriedesign paradoxale Teufelskreise: Die Systemtheorie liefert eine Beschreibung des Systems im System, eine sich selbst mitbeschreibende Beschreibung - anders kann sich eine universalistische Perspektive heute nicht mehr legitimieren. Daher kann die Luhmann-Lektüre mitunter einen ähnlichen Effekt auslösen wie das Betrachten eines Vexierbildes: Die Beobachtung flimmert hin und her, pendelt zwischen den Unterscheidungen.

Boe: vgl. Fuchs "oszillieren"

Man kann dieses selbstreferenzielle Flimmern zelebrieren, indem man es immer weiter und weiter verfolgt. Das ist die Methode der Dekonstruktion (mehr zum Vergleich von Systemtheorie und Dekonstruktion im Kapitel "Kontrahenten und Verbündete" S.53).

Luhmann dagegen sucht zwar die Paradoxien - löst sie aber wieder auf: Er entfaltet sie, um Selbstblockaden zu vermeiden und seine Theorie ins Rollen zu bringen.
Denn um selbstreferenzielle Situationen und paradoxe Positionen produktiv nutzen zu können, außer sie bloß wahrzunehmen und als unendlichen Teufelskreis durchzuexerzieren, muss man sie „handhabbar“ machen. Man muss sie entparadoxieren.

Wie funktioniert das? Die Systemtheorie wagt den entscheidenden Schritt nach vorn: Sie macht die grundlegende Paradoxie „unsichtbar“, indem sie sie in ihren Operationen entfaltet. Statt die Selbstreferenz ins Unendliche zu verfolgen, legt Luhmann los. Er zeigt, dass es keine Beobachtung ohne blinde Flecke geben kann. Mehr noch: Er zeigt, dass erst eine gewisse "Blindheit" Einsichten ermöglicht. Deshalb blendet Luhmann die Grundparadoxie aus und konzentriert sich auf die Operationen seiner Theorie. Die Frage lautet dann nicht mehr: Wie kann eine selbstreferenziell gebaute Theorie Universalität beanspruchen? Sondern: Welcher Mehrwert ergibt sich, wenn man diese Frage ausklammert und beobachtet, welche Resultate die Theorie hervorbringt?

Betrachtet man also ein Liebespaar unter systemtheoretischer Lupe, geht es nicht darum, das „Wesen“ der Liebe zu ergründen, sondern um die vielfältigen Erkenntnisse, die sich ergeben, wenn man das soziale System der Intimität mit Luhmanns Handwerkszeug erkundet. Der große Vorteil dabei ist: Die Einsichten, die dann über das „symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium“ der Liebe oder über den „symbiotischen Mechanismus“ der Sexualität ans Tageslicht kommen, sind so fundiert, dass sie allgemeingültig sind - obwohl sie ihre eigene Relativität ständig miteinbeziehen.

Mit dieser bewussten "Funktionalisierung" des Paradoxieproblems macht die Systemtheorie sich selbst anschlussfähig. Zwar trägt sie sich münchhausenmäßig am Schopfe ihrer eigenen Terminologie, aber sie ist sich dieser Paradoxie durchaus bewusst - und sie stützt sich auf zahlreiche Erkenntnisse wissenschaftlicher Nachbardisziplinen. Dieses Verständnis von Paradoxierung und Entparadoxierung liefert den eigentlichen Schlüssel zum Luhmannschen Theoriepalast.

Eine solche „Letztfundierung“ in einer Paradoxie, der selbstreferenzielle Ausgangspunkt, ist ein generelles Merkmal postmodernen Denkens. So lassen sich zahlreiche Paradoxie-Parallelen zu anderen selbstreferenziell strukturierten Wissenschaftstrends aufzeigen - von Chaostheorie über fraktale Geometrie bis hin zu „virtual realities“. Stets handelt es sich um Beschreibungen, die in Bereichen selbsterzeugter Unbestimmtheiten stattfinden. Weniger widersprüchlich scheint Erkenntnis heute nicht möglich zu sein.

Boe: vgl. Fuchs Erkenntnistheorie

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Aller Anfang ist Differenz
Der doppelte Theorieboden der Systemtheorie, das gleichzeitige Offenlegen und Entfalten der Grundparadoxie, ermöglicht Beobachtungen, die weder in selbstreferenziellen Zirkeln noch in ontologischen Weltbildern hängen bleiben - die aber Resultate hervorbringen, die zugleich konstruktiv und realistisch sind. Wenn Luhmann also von selbstreferenziellen Systemen spricht, ist das zwar eine Aussage über die "Realität" von Systemen, aber es ist zugleich eine Aussage eines beobachtenden Systems - eine Aussage, mit der sich die Theorie sozialer Systeme selbst ins Rollen bringt.

Dass die Systemtheorie mit der erkenntnistheoretischen Tradition der Philosophie wenig am Hut hat, dürfte mittlerweile klar geworden sein. Im Gegenteil verlagert Luhmann den Erkenntnisstandpunkt vom Subjekt zurück in die beobachtete Realität und macht so die Theorie zum Bestandteil ihrer eigenen Gegenstände. Erst so kann die systemtheoretische "Flughöhe" der Abstraktion, ihr Auflösevermögen und ihr Differenzierungspotenzial erreicht werden.

Deshalb kristallisiert sich Luhmanns Denken auch um die Konstruktion eines eigenen Begriffssystems, und nicht etwa die Auseinandersetzung mit Fachtraditionen. Vom "Wiederaufwärmen und Immer-wieder-Abnagen der Knochen der Klassiker" (Auw, 28) hielt Luhmann wenig.

Eine Art geistige Verwandtschaft besteht dagegen, wie bereits erwähnt, mit dem spielerisch-anarchischen Denken Nietzsches und dem dialektischen Duktus Hegels. Mit Letzterem verbindet Luhmann auch in Sachen Theorie-Dimensionen einiges, und nicht umsonst hieß der Hegel-Preisträger 1988 Niklas Luhmann.

Anders als Hegel aber zielt Luhmann, trotz der gemeinsamen Affinität zum Widersprüchlichen und trotz einer ähnlich selbstreferenziellen Theorieanlage, nicht auf Einheit, sondern auf Differenz ab. Wo Hegel in Subjekt und Weltgeist die Einheit von Identität und Differenz sieht, setzt Luhmann auf die selbstreferenzielle Differenz zwischen Identität und Differenz: "Am Anfang steht also nicht Identität, sondern Differenz." (SoSy, 112)

Dennoch finden sich auch in der Soziologie historische Vorläufer Luhmanns. Emile Durkheim (1858-1917) etwa, der, im Gegensatz zur klassischen verstehenden Soziologie Max Webers, nicht nach den individuellen Erscheinungen fragte, sondern nach den sozialen Wechselbeziehungen, die ihnen zu Grunde liegen. Dieser aufs Ganze zielende Ansatz entspricht der Systemtheorie, die ebenfalls das Verhalten des Einzelnen aus dem Zusammenhang sozialer Systeme schließt.

Eine wesentlich direktere Verwandtschaft besteht zur Systemtheorie von Talcott Parsons (1902-1979). Parsons setzte voll und ganz auf die Strukturen sozialer Systeme. Seine "strukturell-funktionalistische" Systemtheorie untersucht zunächst die Struktur eines Systems, um dann die Funktionen zu bestimmen, mit denen sie erhalten werden soll. Die Funktion steht hier ganz im Dienste der Bestandssicherung des Systems.

Im Rahmen einer Fortbildung lernte Niklas Luhmann 1960/61, damals noch Verwaltungsbeamter, Talcott Parsons und dessen Theorie kennen - und entdeckte gravierende Defizite: "Ich hatte die Vorstellung, dass Funktion nicht von Strukturen abhängig, sondern ein auswechselbarer Gesichtspunkt ist." (Auw, 133) Diese "funktionale Äquivalenz" spielt in Luhmanns Theorie eine wichtige Rolle und begünstigte sicherlich auch die Aufnahme interdisziplinärer Anregungen.

Ausgehend von der Differenz zu Parsons' Systemtheorie vollzog Luhmann seit den siebziger Jahren einen grundlegenden Wandel in der Systemtheorie: die Umstellung auf das neue Paradigma der selbstreferenziell-geschlossenen, umweltoffenen Systeme. Mit Luhmanns Theorie ist die vorerst letzte Stufe in der Evolution der Allgemeinen Systemtheorie erreicht.

Begonnen hatte sie mit der Unterscheidung Ganzes/Teil, auf die sich noch Emile Durkheim berief: Ein System wurde als geschlossene Ganzheit betrachtet, die aus mehreren Teilen zusammengesetzt war. Es folgte die Unterscheidung System/Umwelt, maßgeblich ins Leben gerufen von dem Wiener Zoologen Ludwig von Bertalanffy (1901-1972), die Talcott Parsons dann strukturfunktionalistisch auslegte.

Luhmann schließlich setzt auf das Primat von Funktion und Selbstreferenz, mit dem hehren Ziel einer fachuniversalen Theorie, die den gesamten Gegenstandsbereich der Soziologie systemtheoretisch beschreibt - und doch hochgradig selbstreferenziell strukturiert ist.

Luhmann deckt die Fallstricke selbstreferenzieller Paradoxien auf, ohne sich in ihnen zu verstricken. Im Dienste der produktiven Erkenntnisproduktion setzt die Systemtheorie auf Entparadoxierung durch Differenz. Nur so ist die systemtheoretische Grundfrage zu klären: Wie ist soziale Ordnung möglich?

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