Christoph Zollinger
Epochaler Neubeginn

Update nach 2500 Jahren
EHV 2011


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Das Neue entsteht vor unseren Augen
Auf der Suche nach den Erfindungen, die unser Verstehen zukünftig vertiefen helfen sollen, kommen aus der Neurowissenschaft unüberhörbar neue Töne. Je tiefer der Mensch Einblicke in die neuronalen Vorgänge erhält, desto näher rückt die nächste Aufklärung. Jetzt erneuern sich frühere Erkenntnisse, sie entpuppen sich als erklärungsbedürftig, ergänzungswürdig oder schlicht überholt.

Das beginnt mit der bekannten, dennoch für viele etwas desillusionierenden Feststellung, dass unser Denken hauptsächlich unbewusst abläuft und wir in unserem Körper laufend Informationen verarbeiten, von denen unser subjektives Bewusstsein gar nichts erfährt.
Es ist eine schlichte Täuschung, wenn das Bewusstsein meint, das Handeln des Menschen zu überblicken, gar zu kontrollieren, es im Griff zu haben…Es ist von der Wissensexplosion der Menschen im antiken Griechenland die Rede. Damals entstand das bewusste Ich und damit das Phänomen Bewusstsein, wie wir es heute kennen. Dieser Epoche geht ihrem Ende entgegen und damit auch die Tendenz eine gelegentlich etwas überheblichen Gesellschaft, die der Meinung ist, alles ließe sich geradlinig planen und rational begründen. Die neuerliche Mutation der Menschheit könnte mit der Datenexplosion zusammenhängen.

Boe: vgl. Damasio

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Die Gleichzeitigkeit der Welt ist Tatsache. Wenn wir also in diesem Buch die Wissensexplosion als Auslöser der zu Ende gehenden mentalen Zeitstruktur bezeichnet haben, so scheint es folgerichtig, zu Beginn des 21. Jahrhunderts von der Datenexplosion als treibende Kraft in die integrale Zukunft zu sprechen.
Wir wollen also versuchen, aus der unendlichen Fülle von neueren Entdeckungen im Gefolge dieses epochalen Umbruchs einige Wegweiser herauszusuchen, die unsere These des modernen Verstehenskönnens dokumentieren.
Beginnen wir schon einmal bei der
Neudefinition der Komplexität.
Physiker berichteten schon am Ende des letzten Jahrhunderts über die Ergänzung der Begriffe Ordnung und Unordnung.
Es muss etwas Drittes geben, meinten sie, etwas dass weder totale Unordnung noch vollkommene Ordnung ist, etwas, das nicht trivial, sondern kompliziert ist, ohne untergeordnet zu sein - Komplexität.

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Würden wir die Welt nur in der dualistischen Sichtweise von Ordnung oder Unordnung sehen, hätten wir nur sehr wenig Spielraum...Der Bereich zwischen Ordnung und Chaos umfasst jedoch alles in allem das, worüber zu reden sich lohnt, lebendge Wesen, veränderliches Wetter, freundschaftliche Gespräche. Genau das hätte im alten naturwissenschaftlichen Weltbild eines Newton keinen Platz, es beschrieb eine einfache und überschaubare Welt.

Unser Bewusstsein ist etwas sehr Seltsames.

„Der Trick des Bewusstseins besteht darin, dass es zwei sehr verschiedene Arten des Zugangs zur Welt kombiniert, nämlich einerseits die Sinnesempfindung von Einwirkungen aus der Außenwelt und andererseits das Bild, mit dem wir diese Wahrnehmungen erklären.
Die Simulation unserer Wahrnehmungserlebnisse ist eine Hypothese über die Wirklichkeit. Die Simulation ist das, was wir erleben, die Dinge selbst erleben wir nicht. Wir erleben nicht einfach das, was wir wahrnehmen, weil wir viel zu viel wahrnehmen.
Wir erleben nur einen Teil dessen, was unsere Sinne erfassen, den Teil nämlich, der im gegebenen Zusammenhang sinnvoll ist.“ (Tor Norretranders)

Boe: vgl. Fuchs - das Sinnsystem

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Die Welt, die wir sehen, spüren, fühlen und erleben ist eine Benutzerillusion. Jetzt sind wir um eine Illusion ärmer. Trotzdem können wir natürlich auch von kollektiven gesellschaftlichen Bewusstwerdungsprozess entsprechen, die - vergleichbar mit jenen vor 2500 Jahren - die Menschen ihre Welt neu sehen lassen.

Boe: Bewusstsein – Unbewusstes – Kollektives Bewusstsein

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Zum neuen Weltbild gehören zweifellos auch die Entdeckungen des Mathematikers Bemoît Mandelbrot, Mitbegründer der Chaostheorie und fraktaler Geometrie. Die fraktale Dimension, ein neuer Begriff für eine neue Zeit, will aufzeigen, wie viel Platz zwischen unseren Alltagsvorstellungen liegt.

… dass wir mit geradlinigen Begriffen zu operieren gewohnt sind, wenn wir uns die Welt simulieren, wenn wir unser Weltverständnis in Form technischer Systeme vergegenständlichen (etwas, was es in der Natur gar nicht gibt).

Die Ballance zwischen dem Geradlinigen und dem Ungeradlinigen ist eine der großen Herausforderungen der Zivilisation. Sie ist letztlich eng verwandt mit der Aufgabe, die Balance zwischen dem Bewusstsein und dem Nichtbewussten zu finden… In der Tendenz der Zivilisation zur Geradlinigkeit drückt sich deshalb die Macht des Bewusstseins über das Nichtbewusste, die Macht der Planung über die Spontanität und schließlich in reinster Ausprägung dort, wo viel Macht konzentriert ist, aus.“ (Tor Norretranders)

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dass je mehr Informationen und zugänglich werden, wir desto empfänglicher werden für Unvorhersagbarkeit, Verblüffung, Überraschungen, Chaos, eben für das Andere, Neue neben der bestehenden Ordnung.

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Kooperation statt Konkurrenz oder Konfrontation.

George Lakoff: Lakoffs Domäne ist der Zusammenhang zwischen unserem Denken und Handeln einerseits und der Wirkungskraft der daraus geformten politischen Sprache andererseits. Er versucht also nachzuweisen, dass sich in der Sprache und den darin verpackten Metaphern nicht nur eine (un-)heimliche Macht manifestiert, sondern das eben mit seiner Theorie auch die dahinter steckenden Mechanismen aufgedeckt werden können.
Warum herrscht in der Rhetorik vieler politischer Führer die die alte, dualistische Unterteilung in Gut und Böse vor? Mit einem „Blick ins politische Gehirn“ zeigt sich, dass das politische Handeln in hohem Maße durch die Begriffe entschieden wird, in denen dieser Mensch über Politik denkt und spricht.

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Unsere gedankliche Realität - das, was für uns die Wahrheit ist - ist demzufolge zu einem erheblichen Teil persönlich metaphorisch. Doch längst wissen wir auch um die falsche Annahme, dass es objektive Wahrheiten in der Welt gebe. Richtig hieße es: für mich subjektiv wahr.

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Wer kommuniziert, verwendet Metaphern, meistens ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Wer denkt, strukturiert den Kosmos seines persönlichen Bedeutungs-Universums durch solche Sprachbilder.

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Bis heute unterscheidet die Wissenschaft im alten Denkgebäude des Dualismus zwischen Objektivismus und Subjektivismus. Entweder wir erfahren und beschreiben die Welt anhand von Objekten und über diese objektive Realität können wir Aussagen machen, die objektiv absolut und unabdingbar wahr oder falsch sind. Absolute Wahrheit wird hier als Faktum nicht in Frage gestellt. Objektiv zu sein, ist zudem etwas Gutes. Nur objektives Wissen ist richtiges Wissen und zudem vom Verstand geleitet. Oder wir begeben uns auf die Schattenseite: wir verlassen uns eher auf unsere Sinne und Gefühle oder Intuitionen. Dabei betrachten wir unsere persönliche Geisteshaltung als Wegweiser oder Richtschnur.

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…der jahrtausendealte Widerspruch zwischen „Wahrheit ist absolut“ des Platon und „ Wahrheit ist subjektiv“ des Aristoteles.
Noch ist unsere Zeit geprägt vom Wahrheitsmodell der empirischen Wissenschaft…Doch was wird passieren, wenn es sich in der nahen Zukunft erweisen würde, dass dieser Gegensatz, das konstruierte Wahr/Nichtwahr, Richtig/Falsch, Rational/Irrational, keineswegs die einzigen erkenntnistheoretischen Wahlmöglichkeiten sind?
Was, wenn Vernunft und Imagination, Rationalität oder Emotionalität neue Bilder, neue Felder, neue Metaphern ohne Krieg, sondern als Kooperation definiert würden?

Boe: a-rational (Gebser)

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Wie die Hirnforschung täglich zeigt, ist das Gehirn der Menschen zu unendlich viel mehr fähig als dem denkenden Abwägen zwischen nur zwei Möglichkeiten. Diese stimmige Weltsicht ist tröstlich. Das Sichtbare und das Unsichtbare in unserer Welt können allein schon durch einen Perspektivenwechsel verschmolzen werden.
Während die Menschen in Zürich um Mitternacht den Sternenhimmel betrachten und, nicht zu Unrecht behaupten, es sei Nacht, schauen ihre Mitmenschen im Global Village in Neuseeland zur selben Zeit in dem gleichen Himmel und stellen zweifelsfrei fest: es ist Mittag. Somit sagt die ganzheitliche Sicht der Dinge: es ist nicht entweder dunkel oder hell auf der Erde, es ist gleichzeitig beides.

Die Zeit ist überfällig, in der wir verstehen können warum der dualistische Verengung der Röhrenblick, in dem die jeweils leitenden persönlichen Interessen die anderen Denkrichtungen ausblenden, unzeitgemäß geworden ist. Verstehen ist möglich, gerade weil wir beginnen zu realisieren, warum der andere so und nicht anders denken kann. Und wer das nicht versteht, versteht er überhaupt sich selbst?

Boe: Beobachtung 1. 2. 3. Ordnung - Tertium semper datur


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